Sterne am Himmel

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Tokio Hotel
Emma ist Tokio Hotel-Fan und kann es kaum glauben, als sie die Chance dazu bekommt, Bill, Tom, Georg und Gustav persönlich zu treffen. Während sich die schüchterne 17-Jährige jedoch mit dem Gedanken abfindet, dass dieses traumhafte Erlebnis etwas Einmaliges bleiben wird, ahnt sie nicht, dass einige unerwartete wie unglaubliche Zufälle zu etwas führen, das sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können …
Dieser Text ist der 1. Teil der Reihe "Sterne am Himmel || Himmel auf Erden".

Inhaltsverzeichnis Einklappen

  1. Kapitel 1: Nur Tokio Hotel
  2. Kapitel 2: Kreislaufkollaps
  3. Kapitel 3: Cometeneinschlag
  4. Kapitel 4: Ernüchterung
  5. Kapitel 5: Alltag
  6. Kapitel 6: Hamburg
  7. Kapitel 7: In Fashion
  8. Kapitel 8: Zufall
  9. Kapitel 9: Schicksal
  10. Kapitel 10: Echt abgedreht
  11. Kapitel 11: Wie ausgewechselt
  12. Kapitel 12: Viel beschäftigt
  13. Kapitel 13: Undurchdacht
  14. Kapitel 14: Enttäuschung
  15. Kapitel 15: Zurück
  16. Kapitel 16: Überfüllt
  17. Kapitel 17: Ablenkung
  18. Kapitel 18: Zu spät
  19. Kapitel 19: Zweifel
  20. Kapitel 20: Rebellin
  21. Kapitel 21: Andere Welt
  22. Kapitel 22: Schweren Herzens
  23. Kapitel 23: Hausarrest
  24. Kapitel 24: Unpassend
  25. Kapitel 25: Erleichterung
  26. Kapitel 26: Sicher
  27. Kapitel 27: Alptraum
  28. Kapitel 28: Kleine Peinlichkeiten
  29. Kapitel 29: Mias Hilfe
  30. Kapitel 30: Ein Stück Normalität
  31. Kapitel 31: Mias Hilfe 2.0
  32. Kapitel 32: Back To Business
  33. Kapitel 33: Geständnis
  34. Kapitel 34: Los Angeles
  35. Kapitel 35: Mitten ins Herz
  36. Kapitel 36: Hollywoodreif
  37. Kapitel 37: Deplatziert
  38. Kapitel 38: Geschmacksverirrung
  39. Kapitel 39: Nur ihn
  40. Kapitel 40: Nora
  41. Kapitel 41: Sternenhimmel
  42. Kapitel 42: Erwischt
  43. Kapitel 43: Hilflos
  44. Kapitel 44: Anfang vom Ende
  45. Kapitel 45: Schlechte Freundin
  46. Kapitel 46: Leben verändern
  47. Kapitel 47: Masochistin
  48. Kapitel 48: In einem anderen Leben
  49. Kapitel 49: Nächtlicher Besuch
  50. Kapitel 50: Ohnmacht
  51. Kapitel 51: Zerrissen
  52. Kapitel 52: Altes neues Leben
  53. Kapitel 53: Sein Brief
  54. Kapitel 54: Entschluss
  55. Kapitel 55: Horizont
  56. Kapitel 56: Vertrauen
  57. Kapitel 57: Ein letztes Mal
  58. Kapitel 58: Ende
  59. Kapitel 59: Anfang

Kapitel 58: Ende

Gedämpftes Hundegebell riss Bill viel zu unsanft aus dem Schlaf. Leise stöhnend zog er die Arme unter der Bettdecke hervor, fuhr sich mit den Handflächen ein paar Mal über das Gesicht und erschrak fast, als er schließlich langsam die Augen öffnete und ihm wieder einfiel, dass er diese Nacht nicht allein in seinem Bett verbracht hatte.
Sofort nahm er die Hände herunter, hob den Kopf und schaute neben sich. Doch dort war niemand. Der einzige Hinweis darauf, dass er nicht etwa doch nur geträumt hatte, waren das Kopfkissen und die Decke, in der sie geschlafen hatte und die noch immer leicht zerwühlt dalagen, als wäre sie erst vor wenigen Sekunden aufgestanden.
Sich auf den Ellenbogen stützend richtete er sich noch ein bisschen weiter auf und blickte sich, noch immer ziemlich verschlafen, im leeren Zimmer um.
Draußen war es längst hell – genauer gesagt bereits halb eins am Nachmittag, wie ihm ein Blick auf die Uhr verriet.
Aus irgendeinem Grund, den er nicht ganz nachvollziehen konnte, musste er plötzlich daran denken, wie einsam ihm dieser große Raum gerade in der letzten Zeit so oft vorgekommen war.
Wie oft er sich, wenn er abends im Bett gelegen hatte, gewünscht hatte, dass sie hier bei ihm sein, es vielleicht sogar öfter mit ihm teilen könnte.
Und wie oft er anschließend versucht hatte, diesen Gedanken daran schnellstmöglich wieder zu verwerfen, um die Sehnsucht nach ihr nicht zu groß werden zu lassen.
Immerhin hatte er wirklich nicht mehr ernsthaft daran geglaubt, dass sie dieses Haus jemals wieder betreten würde. Nach allem, was passiert war.
Auch, wenn sie es ihm vielleicht nicht mehr angemerkt hatte – der Schock darüber, dass sie gestern einfach so dort am Tor gestanden hatte, saß noch immer tief. Er hatte einfach nicht mehr damit gerechnet und war vielmehr schon dabei gewesen, sich damit abzufinden, dass … dass er sie vielleicht nie wieder sehen würde.
Abfinden wollen hatte er sich damit sicherlich nie. Und ob es ihm tatsächlich irgendwann gelungen wäre, blieb fraglich.
Schließlich liebte er sie. Er tat es wirklich. Und trotz allem, was geschehen war und all den Schwierigkeiten, die sie noch immer nicht bewältigt hatten und die zukünftig noch auf sie warteten: Er würde alles tun, damit sie es schaffen konnten.
Es war nicht unmöglich, das war einfach nicht wahr. Irgendwie würde es schon gehen. Wozu hatte er denn all diese Privilegien eines Star-Lebens? Und überhaupt – das hier, das Haus in L.A., das war doch alles ohnehin nicht für die Ewigkeit.
Er vermisste seine Heimat und Tom tat das auch. Vielleicht würden sie einfach noch eine Weile brauchen, um sich einzugewöhnen, aber im Grunde wusste er, dass er irgendwann wieder zurückwollte. Zurück nach Deutschland. Zurück zu seiner Familie und den paar wahren Freunden, die ihm und seinem Bruder noch geblieben und deshalb umso wichtiger waren. Und zurück zu Emma.
Und bis dahin – was waren schon elf Stunden Flug, wenn man … wenn man sich wirklich liebte?
Er musste es ihr sagen.
Die ganzen letzten Monate vor der Zeit, in der der Kontakt abgebrochen gewesen war, hatte sie all dies von ihm hören wollen, das wusste er. Hatte die Gewissheit haben wollen, dass er an das mit ihnen wirklich glaubte.
Aber diesen Wunsch hatte er ihr nicht erfüllen können. Eben weil er nicht wirklich und wahrhaftig daran geglaubt hatte. Genau wie sie.
Wenn er sich jetzt die Frage nach dem Warum stellte, wollte er partout keine Antwort darauf finden und das verwunderte ihn eigentlich auch nicht. Sie hatten es einfach nicht gekonnt. Daran gab es nichts zu Drehen oder zu Wenden.
Aber womöglich hatten die Tatsache, dass sie nun hier hergekommen war, und der gestrige Tag daran etwas geändert. Irgendwie war er sich da sogar ziemlich sicher.
Fast euphorisch schlug Bill die Bettdecke zurück, stand auf, und verließ, nachdem er sich eine Jogginghose und ein T-Shirt übergezogen hatte, das Zimmer.
Auf dem Flur kam ihm Scotty entgegen, der ihm freudig erregt um die Beine wuselte.
»Na du?«, begrüßte Bill seinen Hund und klopfte ihn sanft am Hals. »Ist Emma schon wach, hm? Hast du deswegen gebellt?«
Dicht gefolgt von seinem geliebten Haustier betrat Bill das Wohnzimmer.
Zu seiner Überraschung war es genauso verlassen wie sein eigenes es gewesen war. Auch in der Küchenecke war niemand, wie er feststellte, als er langsam weiter in den Raum hineinging und sich aufmerksam umschaute, als könnte sie sich womöglich hinter einem der großen Möbelstücke versteckt haben.
Vielleicht ist sie im Bad, dachte er, beschloss jedoch vorsichtshalber, noch auf der Terrasse nachzusehen.
Um zu der großen Glastür zu gelangen musste er an der Essecke und dem Konzertflügel entlang. Fast hätte er es gar nicht bemerkt, doch zufällig streifte sein Blick im Vorbeigehen das große Instrument – an dem etwas nicht so war wie sonst.
Auf dem geschlossenen Deckel der Tastatur lag ein weißer Briefumschlag, den man bei dem hellen Untergrund des Flügels wirklich leicht hätte übersehen können.
Stirnrunzelnd ging Bill auf das Instrument zu, nahm den Umschlag an sich und wendete ihn in seinen Händen.
Es stand nichts darauf, was ihm hätte verraten können, für wen dieser Brief bestimmt war. Doch im Grunde stellte sich ihm diese Frage auch gar nicht wirklich.
Wie sollte ein Brief an Tom ohne Absender hier hergelangen sein? Sehr unwahrscheinlich, dass er für ihn sein sollte. Und wenn er tatsächlich für ihn selbst war, war auch nicht schwer zu erraten, von wem er geschrieben und hier hingelegt worden sein konnte.
Bedeutete das dann aber, dass sie …?
Vollkommen unvermittelt strich ein leichter Gänsehautschauer seine Arme.
Wieso sollte sie ihm einen Brief schreiben, wenn sie doch …? Und wenn sie …? War sie etwa …?
Er wagte es nicht, die ganzen aufkommenden Gedanken zu Ende zu führen, sich diesen Fragen tatsächlich zu stellen. Die Vorstellung war zu absurd. Zu sinnlos. Zu … schrecklich.
Ohne es bewusst wahrgenommen zu haben, registrierte Bill plötzlich, dass er sich inzwischen wie in eine plötzliche Trance verfallen auf dem Klavierhocker niedergelassen hatte und bereits dabei war, wie in Zeitlupe den Umschlag zu öffnen.
Als er vorsichtig das Blatt Papier herauszog, das sich darin befand, sah er, dass seine Hand zitterte, doch er ignorierte es. Viel zu sehr war seine Aufmerksamkeit von dem Anblick der Schrift gefangen genommen, die ihm zu seinem Entsetzen tatsächlich nur zu bekannt vorkam.
Es war dieselbe Schrift, in der auch die Worte an Tom geschrieben worden waren. Damals, in Hamburg, in ihrem alten Zuhause, als Emma … als sie einfach verschwunden war.

Lieber Bill.

Wenn du das hier liest, bin ich vermutlich schon eine Weile nicht mehr hier. Wahrscheinlich sitze ich sogar schon im Flugzeug. Wohin es mich bringen wird, denke ich, weißt du sicher schon längst.

Ich möchte ehrlich zu dir sein: Bevor ich hergekommen bin, hatte ich zu Hause schon einen Brief geschrieben, den ich für dich hier lassen wollte, weil ich überzeugt war, dass ich nicht in der Lage sein würde, ihn zu schreiben, wenn ich erstmal bei dir bin. Ich dachte, ich hätte mir über alles mittlerweile wirklich genügend Gedanken gemacht und wäre mir über alles im Klaren, was ich wissen muss, um das hier zu tun. Aber der gestrige Tag hat vieles davon zugegeben ganz schön durcheinander gebracht und deshalb gibt es viele Dinge, die nun einfach nicht mehr mit dem übereinstimmen, was ich vorher gedacht habe. Manche allerdings sind auch unverändert geblieben. Eigentlich die meisten. Was nicht heißen soll, dass ich diesen Tag in irgendeiner Weise bereue. Ganz im Gegenteil. Und ich hoffe, es geht dir genauso.
Wie du dir wahrscheinlich denken kannst, wusste ich also demnach schon, als ich vorgestern in Berlin abgeflogen bin, dass ich schon sehr bald wieder zurückkommen würde. Ich hatte mir zwar die Möglichkeit offen gehalten, den für heute Morgen gebuchten Rückflug nicht zu nehmen, aber letztendlich hatte ich diese Entscheidung bereits gemeinsam mit der getroffen, überhaupt erst hier herzukommen.
Dass ich das getan habe, darüber bin ich wirklich unglaublich froh. Denn hätte ich es nicht getan, hätte ich etwas ganz Wichtiges vielleicht niemals erfahren: Dass euer Umzug in die USA wahrscheinlich die beste Entscheidung war, die ihr hättet treffen können. Ich wusste es in dem Moment, in dem ich dich gestern zum ersten Mal richtig angesehen habe.
Du sahst so verändert aus. So, wie ich dich noch nie vorher gesehen habe. Aber vor allem zum allerersten Mal nicht besorgt, traurig oder verschlossen, sondern einfach nur … ja, vertraut.
Wir beide wissen, dass wir diese Sache mit dem Vertrauen nie ganz hinbekommen haben. Und vielleicht konnten wir uns gestern zum ersten Mal wahres Vertrauen entgegenbringen, weil wir ein Stück weit losgelassen haben. Losgelassen von dem Druck, den wir uns die ganze Zeit über selbst gemacht haben. Von dem Kampf, den wir geführt haben.
Ich könnte jetzt natürlich so etwas schreiben, wie: Wir sind das alles von Anfang an falsch angegangen oder hätten alles anders machen sollen. Aber was würde das bringen? Und entspricht das überhaupt der Wahrheit?
Ich denke nicht, dass wir uns irgendwelche Vorwürfe machen müssen. Das Einzige, was wir uns eingestehen sollten, ist, dass wir es einfach nicht anders und nicht besser konnten. Und zwar wir beide gleichermaßen, womit ich sagen will, dass es nicht stimmt, dass mich keine und dich alle Schuld trifft, wovon du mich in deinem Brief so unbedingt überzeugen wolltest.
Vielleicht hat mich das Leben, das du führst und das so fernab von dem ist, was man sich als Normalsterblicher, wie ich es nun mal bin, vorstellen kann, überfordert, ja. Aber war es nicht umgekehrt genauso? Wie kann man da dem einem die alleinige Schuld geben?
Woran wir letztendlich gescheitert sind, war doch viel mehr, dass wir es einfach nicht geschafft haben, unsere beiden so grundverschiedenen Welten miteinander zu vereinbaren. Und das hat nichts damit zu tun, dass wir versagt haben. Denn es war einfach gar nicht möglich.
Was mir gerade einfällt: Tatsächlich habe ich mir besonders zu Beginn sehr häufig diese Frage gestellt. Die Frage danach, warum gerade ich diejenige war. Und wenn ich mich selbst nicht belügen soll, würde ich sogar sagen, dass ich wohl nie aufhören werde, mir sie zu stellen.
Ich konnte es einfach nicht begreifen, das mit uns, von Anfang an. Es war nicht greifbar für mich. Nicht real. So sehr ich es auch wollte.
Ich weiß nicht einmal – und ich hoffe wirklich, dass ich dich damit jetzt nicht zu sehr verletzen werde – ob es wirklich Liebe war, was ich empfunden habe. Was ich empfinden konnte für jemanden, der mir die ganze Zeit so nah und gleichzeitig so unerreichbar vorkam.
Ich nehme an, dass du vielleicht nicht wirklich verstehen wirst, was ich damit meine. Aber vielleicht verstehst du, wenn ich dazu sage, dass ich in der Vergangenheit noch nie irgendetwas in dieser Art für einen Jungen empfunden habe und ich deswegen vielleicht einfach gar nicht weiß, wie sich so etwas anfühlt. So eine Art von Liebe.
Das klingt jetzt wahrscheinlich ziemlich naiv. Ich versuche nur, ehrlich zu sein.
Aber weißt du, was das Wichtigste ist, wenn man etwas in seinem Leben hinter sich lässt? Dass man sich auch an die guten Zeiten erinnert. Und die hatten wir, egal, ob du dich in diesem Augenblick an sie erinnern kannst, oder nicht.
Und trotzdem – und ich muss es jetzt leider so ausdrücken – kann ich nicht mehr so weitermachen.
Ich muss zurück in das Leben, mit dem ich eben noch mein ganzes Leben irgendwie werde zurechtkommen müssen. Es hat mir einfach Angst gemacht, mit anzusehen, wie es mir in den letzten Monaten einfach entglitten ist und nichts dagegen tun zu können. Und das Schlimmste ist, dass ich mich dabei auch ein bisschen selbst verloren habe.
Vielleicht bin ich noch zu jung und zu unerfahren und wäre unter anderen Umständen besser mit all dem fertig geworden, aber es ist so, wie es eben ist und ich muss mich da jetzt einfach selbst herausziehen, bevor es zu spät ist.
Und deshalb gehe ich jetzt, Bill. Ein zweites Mal. Aber diesmal werde ich nicht zurückkommen.

Ich kann dir nicht vorschreiben, es wie ich für das einzig Richtige zu halten, sondern dich im Grunde nur bitten, meine Entscheidung zu akzeptieren. Genauso wenig kann ich etwas dagegen tun, wenn du versuchen solltest, an dem, was wir hatten, festzuhalten. Ich kann dich nur wissen lassen, dass ich es nicht tun werde.
Ich werde loslassen. Weil ich sonst daran zerbreche.

Dass ich einfach so gegangen bin – schon wieder – tut mir unendlich leid und ich hoffe, dass du mir glaubst, wenn ich sage, dass es mir alles andere als leicht fällt und ich mir gerade nichts sehnlicher wünsche, als dass ich es nicht tun müsste.
Aber ich denke, es ist der einzige Weg. Denn anders kann und wird es einfach nicht funktionieren.

»Bill?«
Erschrocken hob er den Kopf.
Tom stand, wie er selbst mit T-Shirt und Jogginghose bekleidet, am anderen Ende des Zimmers und starrte ihn an. Scheinbar war auch er gerade erst aufgestanden.
Bill konnte nichts anderes tun, als lediglich wie hypnotisiert zurückzustarren. Seine Hände, in denen er das beschriebene Blatt Papier hielt, bebten. Sein Herz schlug wie verrückt. Und sein Kopf war leer gefegt und wie betäubt.
»Wo ist denn Emma?«, wollte sein Bruder, wahrscheinlich reichlich irritiert über den Anblick, der sich ihm bot, wissen, als Bill nicht reagierte.
Als hätte der Klang ihres Namens irgendetwas in ihm ausgelöst, fuhr er plötzlich in die Höhe, wobei ihm der Brief aus den Fingern glitt und langsam zu Boden schwebte.
Er hatte es ohnehin kaum noch ausgehalten, weiter zu lesen. Jedes einzelne Wort hatte sich angefühlt, wie ein messerscharfer Stich direkt in seine Brust.
Fast schon rennend durchquerte Bill den Raum, stürmte an seinem ratlos dastehenden Zwillingsbruder vorbei, zurück in sein Zimmer, wo er jedoch bereits im Türrahmen zum Stehen kam.
Wie hatte er es nicht bemerken können? Wie hatte er so blind sein können?
Ihr Koffer. Er war verschwunden. War es bereits gewesen, als er aufgewacht war.
Wie? Wie, um alles in der Welt, hatte es ihm nicht auffallen können?
Das Zimmer war leer. Genauso leer wie eh und je. Nichts erinnerte mehr daran, dass sie da gewesen war. Bis auf das Bett. Und …
»Bill?«
Wieder war es Tom, der seinem Namen aussprach, jetzt jedoch hinter ihm im Flur auftauchte, Emmas Brief in der Hand.
Einige Sekunden fixierte er den Rücken seines Bruders und die bebenden Schultern, die sich von dessen schwerem Atem beängstigend stark auf und ab bewegten.
Wie angewurzelt stand er da, sein gesamter Körper war fast krampfhaft angespannt. Er drehte sich weder um, noch erwiderte er etwas.
Mit zwei Schritten trat Tom halb in sein Blickfeld und fragte mit einem Ausdruck im Gesicht, für den das Wort Besorgnis nicht einmal annähernd ausreichte: »Ist der von ihr?«
Bill nickte. Zu mehr war er dann aber wirklich nicht imstande.
»Ist sie –?«, setzte Tom nahezu ängstlich an, schien dann jedoch zu dem Schluss zu kommen, dass diese Frage mehr als überflüssig war.
Überraschend setzte Bill sich plötzlich in Bewegung, ging auf sein Bett zu und ließ sich dort nieder, jedoch ohne, dass sich der starre, leere Blick aus seinen Augen verflüchtigte.
Sofort folgte Tom ihm, setzte sich ebenfalls und legte eine Hand mit festem Griff auf der Schulter seines Bruders ab.
Er war sich sicher, nicht ansatzweise dazu in der Lage zu sein, sich vorstellen zu können, was Bill in diesem Augenblick durchmachen musste. Doch allein die leise Ahnung davon reichte schon aus, dass ihm sein verstörender Anblick fast selbst seelische Schmerzen bereitete.
Es war Tom fast unangenehm, so stillschweigend dazusitzen und keine tröstenden Worte für seinen Zwilling zu finden, aber es wollte ihm einfach nichts über die Lippen kommen.
Dass er nach all dem, was zwischen den beiden gewesen war und nachdem, was Emma nun getan hatte, nicht mehr sonderlich viel Nettes für sie übrig hatte, würde Bill jetzt mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auch nicht weiterhelfen.
Erstaunt sah er seinen Bruder an, als dieser auf einmal vollkommen unerwartet nach dem Brief griff, den Tom noch immer in den Händen hielt.
Einen Augenblick lang betrachtete Bill das einzelne Blatt nur, ohne wirklich etwas zu lesen. Bis auf die allerletzten Zeilen ganz unten auf der Seite kannte er schließlich auch schon alles.
Dadurch, dass Emma ihm all das nicht persönlich gesagt, sondern es mit einem Stift auf Papier gebannt hatte, bekamen ihre Worte etwas so Unwiderrufliches, dass es fast den Anschein machte, als wäre genau das auch ihre Absicht gewesen.
Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Er würde es wahrscheinlich nie erfahren.

Ich danke auch dir für alles, Bill. Und genau so wenig, wie du für mich sein konntest, was ich brauchte, konnte ich es auch nicht für dich sein. Bitte vergiss das niemals.

Ich wünsche dir alles Glück dieser Welt. Du bist ein ganz wunderbarer, einzigartiger Mensch.

Verzeih mir eines Tages, okay? Ich weiß, irgendwann wirst du es können.

In Liebe, Emma