Sterne am Himmel

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Tokio Hotel
Emma ist Tokio Hotel-Fan und kann es kaum glauben, als sie die Chance dazu bekommt, Bill, Tom, Georg und Gustav persönlich zu treffen. Während sich die schüchterne 17-Jährige jedoch mit dem Gedanken abfindet, dass dieses traumhafte Erlebnis etwas Einmaliges bleiben wird, ahnt sie nicht, dass einige unerwartete wie unglaubliche Zufälle zu etwas führen, das sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können …
Dieser Text ist der 1. Teil der Reihe "Sterne am Himmel || Himmel auf Erden".

Inhaltsverzeichnis Einklappen

  1. Kapitel 1: Nur Tokio Hotel
  2. Kapitel 2: Kreislaufkollaps
  3. Kapitel 3: Cometeneinschlag
  4. Kapitel 4: Ernüchterung
  5. Kapitel 5: Alltag
  6. Kapitel 6: Hamburg
  7. Kapitel 7: In Fashion
  8. Kapitel 8: Zufall
  9. Kapitel 9: Schicksal
  10. Kapitel 10: Echt abgedreht
  11. Kapitel 11: Wie ausgewechselt
  12. Kapitel 12: Viel beschäftigt
  13. Kapitel 13: Undurchdacht
  14. Kapitel 14: Enttäuschung
  15. Kapitel 15: Zurück
  16. Kapitel 16: Überfüllt
  17. Kapitel 17: Ablenkung
  18. Kapitel 18: Zu spät
  19. Kapitel 19: Zweifel
  20. Kapitel 20: Rebellin
  21. Kapitel 21: Andere Welt
  22. Kapitel 22: Schweren Herzens
  23. Kapitel 23: Hausarrest
  24. Kapitel 24: Unpassend
  25. Kapitel 25: Erleichterung
  26. Kapitel 26: Sicher
  27. Kapitel 27: Alptraum
  28. Kapitel 28: Kleine Peinlichkeiten
  29. Kapitel 29: Mias Hilfe
  30. Kapitel 30: Ein Stück Normalität
  31. Kapitel 31: Mias Hilfe 2.0
  32. Kapitel 32: Back To Business
  33. Kapitel 33: Geständnis
  34. Kapitel 34: Los Angeles
  35. Kapitel 35: Mitten ins Herz
  36. Kapitel 36: Hollywoodreif
  37. Kapitel 37: Deplatziert
  38. Kapitel 38: Geschmacksverirrung
  39. Kapitel 39: Nur ihn
  40. Kapitel 40: Nora
  41. Kapitel 41: Sternenhimmel
  42. Kapitel 42: Erwischt
  43. Kapitel 43: Hilflos
  44. Kapitel 44: Anfang vom Ende
  45. Kapitel 45: Schlechte Freundin
  46. Kapitel 46: Leben verändern
  47. Kapitel 47: Masochistin
  48. Kapitel 48: In einem anderen Leben
  49. Kapitel 49: Nächtlicher Besuch
  50. Kapitel 50: Ohnmacht
  51. Kapitel 51: Zerrissen
  52. Kapitel 52: Altes neues Leben
  53. Kapitel 53: Sein Brief
  54. Kapitel 54: Entschluss
  55. Kapitel 55: Horizont
  56. Kapitel 56: Vertrauen
  57. Kapitel 57: Ein letztes Mal
  58. Kapitel 58: Ende
  59. Kapitel 59: Anfang

Kapitel 56: Vertrauen

»Geht’s wieder?«, drang seine raue, ein wenig brüchige Stimme irgendwann gedämpft zu mir hindurch.
Noch immer ziemlich paralysiert öffnete ich langsam die Augen und schaute durch einen dichten Tränenschleier hindurch direkt in das wunderschönste Gesicht, das ich jemals gesehen hatte.
Vorsichtig legte Bill einen Finger unter mein Kinn und hob es leicht an, während er mir mit der anderen Hand die vielen zerzausten Haarsträhnen aus dem Gesicht strich, die sich aus meinem locker geflochtenen Zopf gelöst hatten und nun an meinen tränennassen Wangen hafteten.
Ich musste ein furchtbares Bild abgeben, mit meiner verstrubbelten Frisur, die ich seit dem Start des Fluges nicht mehr erneuert hatte, und meinem vermutlich stark verschmiertem Make-up, doch ich war überzeugt, dass Bill und ich uns da nicht sonderlich viel nahmen.
Auch er war nach wie vor ausgesprochen blass im Gesicht und wenn mich meine möglicherweise durchaus etwas angeschlagene Wahrnehmung nicht völlig täuschte, standen auch ihm die Tränen in den leicht geröteten Augen.
Mein Gott. Ich wusste überhaupt nicht, wie mir geschah. Was geschah. Einen Augenblick lang gab es nur sein perfektes, makelloses, warmes und unfassbar schönes Gesicht.
Und als sich seine Lippen nach ein paar Sekunden, in denen wir uns einfach nur angesehen hatten, zu einem leichten Lächeln formten, war ich verloren. Verloren in seinen tiefen, braunen, leicht glänzenden Augen, deren Ausdruck mich sicher sein ließ, dass es die einzig richtige Entscheidung gewesen war, herzukommen.
Auch, wenn ich nicht wusste, was damit nun eigentlich auf uns zukam.
Oder doch – natürlich wusste ich es. Was ich nicht wusste, war, wie es sich anfühlen würde, wenn es soweit war. Und das machte mir Angst.
»Du zitterst ja«, flüsterte Bill erschrocken und machte einen kaum merklichen Schritt zurück, um mich mit besorgtem Blick von oben bis unten mustern zu können, ohne jedoch die Hände von meinem Gesicht zu nehmen.
»Und du siehst aus, als müsstest du jeden Moment kotzen«, entgegnete ich schwach und musste unwillkürlich lächeln, als Bill mich für den Bruchteil einer Sekunde ob meiner untypisch schlagfertigen Antwort ziemlich verdutzt anschaute, obwohl ich eigentlich glaubte, selbst dafür kaum Kraft aufbringen zu können.
Jedoch nur kurz – nicht einmal einen Wimpernschlag später widmete er sich auch schon wieder meinem schwächelnden, bebenden Körper.
Dass ich wie Espenlaub zitterte, obwohl die kalifornische Sonne trotz der winterlichen Jahreszeit warm vom Himmel auf uns herabschien, hatte ich überhaupt nicht bemerkt.
»Komm … komm erstmal rein, und dann …«
Bereits viel zu sehr damit beschäftigt, mir irgendwie mein Gepäck abzunehmen, mich dabei jedoch ja nicht los- und aus den Augen zu lassen, war er nicht in der Lage, seinen Satz zu beenden, da sich sein Vorhaben natürlich als ausgesprochen schwierig gestaltete.
Bill war zwar Bill Kaulitz von Tokio Hotel, doch auch er besaß nun einmal nur zwei Hände.
Ein wenig skeptisch beobachtete ich ihn, doch auf einmal wurde meine Aufmerksamkeit überraschend auf seinen Zwillingsbruder gelenkt, der fast träge und mit einem unveränderten, absolut undefinierbaren Gesichtsausdruck die Stufen herunterkam.
»Ich mach das schon«, murmelte er nur, hob meinen Koffer von Boden auf, nahm Bill meinen Rucksack aus den Händen, drehte sich ohne ein weiteres Wort, geschweige denn, uns eines Blickes zu würdigen um und verschwand mit meinem Gepäck in der offenen Eingangstür.
Ich hatte in den letzten Minuten völlig ausgeblendet, dass er auch noch da war. Kurz starrte Bill seinem Bruder irritiert hinterher, dann fing er sich und wandte sich wieder mir zu.
»Du siehst aus, als könntest du ein Bett gebrauchen«, stellte er fest, erneut vollkommen damit beschäftigt, mich besorgt zu begutachten.
»Seit wie vielen Stunden genau hast du denn bloß nicht geschlafen?«
»So schlimm?«, ignorierte ich seine Frage fast belustigt.
»Nein, quatsch, aber du zitterst so und …«
»Mir geht’s gut«, versicherte ich ihm nachdrücklich. »Ich hab nur einen elfstündigen Flug hinter mir und war gerade ziemlich aufgeregt da vorne vor eurem Tor. Aber ansonsten ist alles okay.«
Auch, wenn es den Anschein hätte haben können, meinte ich das keinesfalls ironisch, schließlich schilderte ich nur die Tatsachen. Und Bill schien das glücklicherweise auch nicht so aufzufassen.
»Nur«, wiederholte er spöttisch, lächelte aber dann. »Bist du sicher, dass sonst wirklich alles in Ordnung ist?«
»Ja. Das Einzige, was ich eventuell gebrauchen könnte, wenn du schon so fragst, wäre vielleicht … eine Dusche?«
Sofort und ohne ein weiteres Wort nahm Bill meine Hand und machte sich mit mir auf den Weg ins Hausinnere.


Ungefähr eine halbe Stunde später saß ich, ein wenig in mich zusammengefallen, mit nassen Haaren und in einen großen, weichen Bademantel gehüllt auf Bills Bett.
Die Dusche hatte unheimlich gut getan – dennoch fühlte ich mich nach wie vor ziemlich aus der Bahn geworfen und konnte im Grunde noch gar nicht richtig glauben, was ich getan hatte und dass ich nun tatsächlich hier war.
Ich schien es partout nicht begreifen zu können und langsam machte ich mir doch ein wenig Sorgen, dass ich mir mit dieser ganzen Aktion womöglich doch viel mehr zugemutet hatte, als ich verkraften konnte.
»Na?«
Ich blickte auf. Bill stand im Türrahmen seines Zimmers und lächelte mir zärtlich entgegen, woraus ich schloss, dass er sich im Gegensatz zu mir inzwischen wohl nahezu vollständig von seinem Schock erholt hatte.
»Geht’s dir jetzt ein bisschen besser?«
»Viel besser«, antwortete ich und lächelte angestrengt und zugleich verschüchtert zurück.
Meine plötzliche Verlegenheit war mir unangenehm, doch mal wieder war es mir unmöglich, sie zu verstecken. Aber das musste ich eigentlich auch nicht. Bill kannte mich mittlerweile wohl gut genug und würde es nicht falsch verstehen.
Während ich ihn ansah, wie er dort ohne jegliche Art von Make-up im Gesicht, in einem schwarz-grau gestreiften Sweatshirt in Destroyed-Optik und ebenso löchrigen, ausgewaschenen und hellblauen Jeans erstaunlich gelassen und mit entspanntem Gesichtsausdruck im Türrahmen lehnte, nahm ich mir zum ersten Mal seit ich hier war Zeit, ihn mir genauer anzuschauen.
Er sah wirklich unheimlich gut aus. Nicht, dass mir das in irgendeiner Art und Weise neu gewesen wäre, doch seitdem wir uns vor einigen Monaten zum letzten Mal gesehen hatten, hatte er sich doch sichtlich verändert.
Auch, wenn es mir äußerst schwer viel, es mir einzugestehen: Das Leben hier in L.A. schien ihm ausgesprochen gut zu tun.
Er wirkte so ausgeglichen, wie ich ihn noch nie zuvor erlebt hatte. Und es war nicht zu übersehen, dass er an Gewicht zugelegt hatte, wenn auch nicht übermäßig viel natürlich, aber … Bildete ich mir das nur ein, oder konnte es sein, dass gerade seine Oberarme deutlich muskulöser geworden waren?
Und noch etwas an ihm zog meine Aufmerksamkeit auf sich, auch, wenn ich es schon vorhin bemerkt hatte: Den unteren Teil seines Gesichts zierte doch tatsächlich ein leichter Bartschatten. Zudem trug er keinerlei Schmuck, und – was noch viel ungewohnter war – keinen Nagellack.
»Was ist?«, erkundigte Bill sich, noch immer lächelnd, und ich wurde rot, als mir klar wurde, wie unverwandt ich ihn die letzten Minuten lang angestarrt haben musste.
»Du siehst gut aus«, antwortete ich dann gerade heraus, obwohl dies sicherlich nicht unbedingt dazu beitrug, dass sich die Hitze in meinen Wangen bald verflüchtigen würde.
Bill runzelte belustigt die Stirn.
»Ähm, tja, dann … sage ich mal danke.«
Lächelnd wandte ich den Blick ab und ließ ihn stattdessen durch den Raum wandern.
Bill hatte es aus irgendeinem Grund schon immer merkwürdig gefunden, wenn ich ihm Komplimente über sein Äußeres gemacht hatte, weshalb ich stets darauf geachtet hatte, dass dies nicht zu häufig vorkam.
Ich wusste, dass er genügend Selbstbewusstsein besaß, um sich über sein Erscheinungsbild durchaus im Klaren zu sein, weshalb wohl ich allein der Grund für seine völlig unbegründete Verlegenheit zu sein schien.
Mein Blick glitt wieder zu ihm hinüber, als Bill sich in Bewegung setzte, um auf mich zuzukommen und sich anschließend neben mir niederzulassen. Sofort umfing mich sein intensiver Duft und ich stellte fest, dass es zum Glück immer noch derselbe vertraute Geruch war, den ich nur zu gut kannte.
Für einen Augenblick keimten einige Erinnerungen und damit verbundene Gefühle in mir auf und ich musste mich sehr konzentrieren, um mich nicht von ihnen überwältigen zu lassen.
Oft, im Grunde die ganzen Monate über, in denen er und ich zusammen gewesen waren, hatte ich mich gefragt, welche Spuren diese ganze Sache bei mir wohl hinterlassen würde. Und genauso oft war ich zu dem Schluss gekommen, dass sie, dass er, Bill, schlicht und ergreifend mein komplettes Leben auf den Kopf gestellt hatten und nichts mehr so sein würde, wie vorher.
Doch erst jetzt, mit der Zeit, die inzwischen vergangen war und die ich gehabt hatte, um über all das noch eintausend Mal öfter nachzudenken, als es nötig war, wurde mir klar, wie unverwischbar diese Spuren sein würden und wie sehr mein Herz an der ganzen Geschichte beteiligt war, um das ich mir tatsächlich immer mehr ernsthafte Sorgen machte.
»Deine Haare sind lang geworden«, stellte Bill völlig unvermittelt fest und nahm eine meiner nassen Haarsträhnen zwischen seine Finger.
»Ja«, war alles, was ich fast hauchend von mir gab, weil ich viel zu beschäftigt mit meinen Gedanken war, als dass ich in der Lage gewesen wäre, womöglich so etwas wie ein unverfängliches Gespräch zu beginnen – falls es das war, worauf er hinaus wollte. Allerdings fiel mir nach ein paar Sekunden dann doch etwas ein, womit ich das doch ein wenig unangenehme Schweigen durchbrechen konnte.
»Bill?«
»Ja?«
»Ist Tom …? Ist er irgendwie sauer auf mich? Er sah vorhin auf jeden Fall nicht besonders erfreut aus, mich zu sehen. Um es mal nett auszudrücken.«
Seufzend ließ Bill von meinen Haaren ab und strich mit seinen Handflächen langsam über den Jeansstoff, der seine Oberschenkel bedeckte.
»Mach dir keine Gedanken. Er war eben nicht weniger überrascht als ich und wusste vielleicht nicht so richtig, wie … er mit der Situation umgehen sollte.«
Nachdenklich nickte ich, obwohl ich nicht so richtig verstand, weshalb ausgerechnet Tom weniger mit der Situation zurechtkommen sollte, als Bill es offensichtlich tat. Das ergab in meinen Augen reichlich wenig Sinn.
»Ich hab euch ganz schön überrumpelt, oder?«, wollte ich unsicher wissen.
»Kann man so sagen. Willst du mir vielleicht mal verraten, wie du das alles angestellt hast? Ich meine, hattest du die Adresse denn noch?«
Wieder spürte ich die Röte in meinem Gesicht aufsteigen und brachte die Antwort nur sehr zögerlich heraus.
»Nein, ich … Ich hab Nora angerufen, gleich nachdem ich … deinen Brief bekommen hatte. Dann hab ich einen Flug gebucht und … Tja, jetzt bin ich hier.«
Bill lachte leise auf und schaute mir dann direkt in die Augen und plötzlich spürte ich deutlicher als in all der Zeit zuvor, wie sehr ich es vermisst hatte, in seiner Nähe zu sein. Ihn anzusehen. Seine Stimme zu hören.
Irgendwie kam es mir auf einmal so vor, als wenn ich all die Sehnsucht bisher völlig unbewusst tief in mir vergraben hatte und sie nun mit einem Mal in geballter Ladung aus mir herausbrach. Und wenn ich mir das Flackern in seinen Augen nicht einbildete, schien es Bill gerade nicht anders zu gehen.
Impulsartig griff ich nach seiner Hand, die auf seinem Oberschenkel geruht hatte, und drückte sie, während unsere Gesichter sich einander langsam näherten.
Als sich unsere Lippen berührten, war es, als würde zwischen ihnen ein kleines, prickelndes Feuerwerk explodieren. Gleichzeitig wurde mir vor lauter Aufregung flau im Magen und mein Herz pochte heftig gegen meine Brust.
Irgendwann lächelte Bill in unseren Kuss hinein, woraufhin ich meinen Kopf ein wenig zurückzog, um ihn ansehen zu können.
Kurz versanken wir in den Augen des jeweils anderen, bevor wir uns innig umarmten und ich konnte mich nicht erinnern, dass Bill mich jemals, so bestimmt, so fest an sich gedrückt hatte.
Ein bisschen war es, als würde er mir aus irgendeinem Grund Halt geben wollen. Ich dagegen klammerte mich so fest an ihn, weil ich ihn am liebsten einfach nie wieder losgelassen hätte und gleichzeitig mit aller Kraft gegen diesen Wunsch anzukämpfen versuchte, da ich wusste, dass er sich niemals erfüllen würde.
»Ich würde dir gerne was zeigen«, sagte Bill, als wir uns schließlich widerstrebend voneinander gelöst hatten.
Noch immer hielt ich seine Hand.
»Was denn?«
»Einen Platz. Ich habe ihn vor einer Weile entdeckt. Da sind wir ungestört. Ich glaube, es könnte dir da gefallen.«
»Du meinst draußen?«
Ich konnte es nicht verhindern, dass ich leicht schockiert klang.
»Wo denn sonst?«
Darauf schwieg ich betreten.
»Ist das so unvorstellbar?«
Bill lächelte amüsiert und ich war erleichtert, dass er mir meine Bemerkung scheinbar nicht übel nahm.
Ja, ich wusste, dass die Zwillinge sich hier freier bewegten, als sie es in Deutschland jemals gekonnt hatten, aber hatte er wirklich vor, mit mir ganz allein an einen öffentlichen Ort zu gehen? Einfach so?
»Tut mir leid«, entschuldigte ich mich kopfschüttelnd.
»Schon okay. Und, was ist? Hast du Lust?«
Was war das für eine Frage?


»Nicht so schnell! Ich hab nicht so lange Beine wie du!«
Ich lachte laut auf, während ich vergebens versuchte, auf dem weichen Sand des kleinen Hügels, den wir hinaufstiegen, mit Bill Schritt zu halten.
Obwohl ich meine Schuhe bereits in den Händen hielt, fand ich mit meinen nackten Füßen kaum Halt. Irgendwie schien er da eindeutig mehr Übung zu haben als ich. Wann, um Gottes Willen, hatte ich auch zum letzten Mal eine Düne bestiegen?
Sich zu mir umdrehend machte er unter seiner großen, schwarzen Sonnenbrille ein verständnisloses Gesicht.
»Und ich dachte immer, ich wäre unsportlich.«
Daraufhin musste ich erneut lachen.
»Und ich hab nie behauptet, dass ich es wäre.«
Lächelnd streckte Bill mir seine Hand entgegen. Ich ergriff sie und stolperte hinter ihm die letzten Schritte hinauf und was sich vor meinen Augen erstreckte, als wir endlich am höchsten Punkt des Hügels angekommen waren, raubte mir für einen kurzen Moment tatsächlich den Atem.
Nicht, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben einen verlassenen Strand sah.
Dieser jedoch … war wirklich verlassen. Und darüber hinaus einfach wunderschön.
Das tief orangefarbene Licht der Sonne, in das das fast unwirkliche Bild vor mir – lediglich bestehend aus fast weißem, feinen Sand und der blau-weißen Meeresoberfläche des Pazifiks – getaucht war, tat sein Übriges.
»Wow«, entwich es mir, immer noch ziemlich außer Atem. »Gehst du hier wirklich öfter hin?«
Bill nickte.
»Klar. Ein ziemlich guter Ausgleich zu der lauten, überfüllten Stadt. Wie du siehst, ist die Gefahr hier sehr gering, Fans oder Paparazzi zu begegnen. Natürlich sind tagsüber manchmal ein paar Leute hier, aber … na ja, die erkennen mich nicht.«
Den letzten Satz betonte er unverkennbar, als könnte er es selbst kaum glauben. Was ich dagegen kaum glauben konnte, war, dass solch ein Platz an einem der berühmtesten und damit überlaufensten Orte der Welt tatsächlich existierte.
Gut, natürlich waren wir mit dem Auto ein Stück aus der Stadt herausgefahren, aber trotzdem. Es fiel mir gerade wirklich schwer, meinen Augen zu trauen.
»Tom wollte es mir zuerst auch nicht glauben.«
»Hast du das hier wirklich ganz alleine gefunden?«
Noch während ich meinen Mund wieder schloss, stellte ich fest, wie albern sich das angehört hatte.
Als wäre er nicht in der Lage, völlig normale Dinge zu tun. Als käme das gar nicht in Frage für ihn.
Andererseits war das doch aber genau das, was er mir selbst in der Vergangenheit immer wieder vermittelt und ich verhältnismäßig schnell verinnerlicht und für selbstverständlich hingenommen hatte. Oder?
»Ja doch!« Er lachte. »Du kannst es auch nicht fassen, dass tief in mir doch noch irgendwo ein Normalsterblicher steckt, der sich darüber freut, einen schönen, einsamen Strand zu entdecken, oder?«
»Tut mir leid.«
Wie vorhin in seinem Zimmer schüttelte ich auch jetzt wieder den Kopf über mich selbst.
»Muss es nicht.«
Kurz drückte ich seine Hand, die meine nach wie vor festhielt und betrachtete sein Gesicht von der Seite, bis er es mir zuwandte. Ich wollte etwas sagen, doch er kam mir zuvor.
»Komm, lass uns ein Stück runter gehen.«
Auch, während wir den Hügel langsam und vorsichtig an der anderen Seite wieder hinabstiegen, konnte ich meinen Blick nicht von ihm abwenden.
Noch nie war er mir so wenig wie Bill Kaulitz von Tokio Hotel vorgekommen wie in diesem Augenblick, mit seinen teuren Sneakern in der Hand und der hochgekrempelten Designerjeans – aus irgendeinem Grund, den ich mir momentan noch nicht erklären konnte, sogar noch weniger, als damals in seiner Verkleidung, als wir zum ersten und einzigen Mal zusammen ins Kino gegangen waren.
Hand in Hand liefen wir ein Stück den feinen, weichen Sandstrand hinunter, bis ich irgendwann einfach anhielt und fast sehnsüchtig geradeaus auf das rauschende Meerwasser blickte.
Kurz standen wir so nebeneinander, dann ließ Bill plötzlich meine Hand los und als ich mich ihm zuwandte, sah ich ihn neben mir auf dem Boden sitzen und mit zusammengekniffenen Augen zu mir aufschauen. Seine Sonnenbrille hatte er abgenommen.
»Du guckst, als würdest du dir ernsthaftere Sorgen über meine wertvollen Klamotten machen als ich«, stellte er belustigt fest, woraufhin ich ihn ertappt anlächelte.
Tatsächlich war das nämlich merkwürdigerweise genau das, woran ich gerade gedacht hatte. Weshalb auch immer.
»Ist immerhin von Dior, die Jeans«, entgegnete ich und runzelte gleich darauf irritiert die Stirn, da mir wirklich unbegreiflich war, warum ich das gesagt hatte und warum mir überhaupt gerade jetzt eingefallen war, von welcher millionenschweren Marke ausgerechnet diese Hose stammte.
Nun war es Bill, der laut auflachte. Sagen tat er darauf jedoch nichts mehr.
Nachdenklich blickte ich noch einige Sekunden aufs Meer hinaus, dann beschloss ich schließlich, es Bill gleich zu tun und ließ mich dicht neben ihm im Schneidersitz in den Sand sinken.
Sofort griff er nach meiner Hand und verschränkte seine Finger mit meinen und wieder überkam mich eine Gänsehaut, als wir nach einigen Minuten gleichzeitig auf- und uns anschauten.
Es lag nicht an seinem Äußeren, oder diesem unwirklichen und zugleich so realen Ort, an dem wir uns befanden.
Der Grund, weshalb ich mich ihm so nah fühlte wie nie zuvor, lag in seinen Augen. Zum allerersten Mal schienen sie nicht ganz so verschlossen und undurchschaubar für mich, wie ich es gewöhnt war. Zum allerersten Mal hatte ich nicht das Gefühl, er würde mit ihrem Ausdruck irgendetwas vor mir verbergen wollen.
»Es war die richtige Entscheidung«, sprach ich fast flüsternd das aus, was ich Bill vorhin bereits hatte sagen wollen.
»Was?«
»Das hier. L.A.. Dass ihr aus Deutschland weggegangen seid.«
Bedeutsam ruhten seine leicht funkelnden Augen auf meinen.
»Es ist bestimmt nicht für die Ewigkeit. Wir vermissen unsere Familie und unsere Freunde. Allerdings sind wir ja auch hergekommen, um hier an unserem neuen Album zu arbeiten und im Moment geht es damit nicht wirklich voran. Wir dachten, wir könnten es vielleicht sogar noch Ende 2011 veröffentlichen, aber daraus wird wohl eher nichts. Erst, seit wir hier sind, merken Tom und ich, wie gut es uns tut, einfach mal … zu leben.«
Ich schluckte, da die Stimmung auf einmal war unglaublich gekippt. Doch das machte nichts. Ich war froh, dass Bill von selbst darüber sprach und ich ihn nicht erst wieder regelrecht dazu zwingen musste, mir ein wenig seiner Gefühlswelt zu offenbaren. Gerade bei diesem, so wichtigen Thema, welches er früher in meiner Gegenwart immer nur allzu gerne verdrängt hatte.
»Das freut mich für euch. Ehrlich.«
Ich lächelte und Bill tat es mir nach, während ich deutlich den Kloß in meinem Hals spürte, als mir bewusst wurde, was das, was er da gerade gesagt hatte, für ihn und seinen Bruder bedeuten musste.
»War auch mal höchste Zeit, oder?«
Er nickte.
»Ja, war es.«
Eine Weile hielten wir uns noch an der Hand, dann legte er stattdessen seinen Arm um meine Schulter und ich rückte noch näher zu ihm heran, bis ich schließlich eng an seiner Schulter lehnte und wir schweigend den Beginn des Sonnenuntergangs beobachteten.