Kapitel 54: Entschluss
Ich wusste nicht, wie lange Mia und ich dicht nebeneinander auf dem Stuhl an unserem Esstisch saßen, sie mich schweigend im Arm hielt und ich meinen Blick unaufhörlich über die Zeilen von Bills Brief wandern ließ.
Ich war betäubt, zweifellos. Etwas anderes war auch kaum zu erwarten gewesen. Zu vertraut war mir diese Taubheit mittlerweile, sodass ich sie in gewissen Situationen schon fast als etwas Selbstverständliches hinnahm.
Es musste da eine Art Schutzmechanismus in meinem Gehirn geben, der meinen Kopf mit dieser Betäubung vor einem folgenschweren Kurzschluss oder etwas ähnlich Fatalem bewahrte. Die Emotionen, die mich maßlos überfordern würden, wurden einfach gefiltert und zumindest vorübergehend durch etwas ersetzt, was sich anfühlte wie … nichts. Leere. Betäubende Leere.
Nicht, dass mir nicht klar wäre, dass dies jedoch nur eine Übergangslösung war und die nicht vorhandenen Gefühle schon noch früh genug über mich hereinbrechen würden und das höchstwahrscheinlich noch viel stärker und vernichtender, als ich imstande war, ihnen standzuhalten.
Und vielleicht würde ich nicht mit ihnen fertig werden. Vielleicht würde ich mich nicht ein weiteres Mal selbst auffangen können, auch nicht mit Hilfe der Personen, denen ich es zu verdanken hatte, dass ich überhaupt dazu imstande war, hier zu sitzen und Bills Zeilen auf mich wirken zu lassen.
Doch vielleicht stand ich bereits gar nicht mehr am Abgrund. Vielleicht war ich längst gefallen.
»Wolltest du dich nicht mit Steve treffen?«, erkundigte ich mich mit mehr als brüchiger Stimme, klang dabei jedoch erstaunlich beiläufig.
Ohne sie ansehen zu müssen, hatte ich Mias halb irritierten, halb empörten Gesichtsausdruck vor Augen.
»Spinnst du? Willst du mir erzählen, du hast gerade nichts anderes im Kopf als mein Date mit Steve? Ist das dein Ernst?«
Nach einem kurzen Moment der Stille, fügte sie bedeutend sanfter hinzu: »Wenn meine beste Freundin mich braucht, ist alles andere unwichtig, hörst du?«
Ich nickte, hob dann jedoch zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit den Blick von den Hand beschriebenen Seiten in meinen Händen, legte sie auf die Tischplatte und wandte mich meiner Freundin zu, deren Gesicht unmittelbar vor meinem eigenen auftauchte. Langsam nahm sie ihre Arme von meiner Taille und schaute mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.
»Geh ruhig und triff dich mit ihm.«
»Hallo?!«
Mit gerunzelter Stirn hob Mia eine Hand und wedelte damit vor meinem Gesicht herum, als wäre ich irgendwie nicht mehr ganz bei Verstand.
»Du hast schon gehört, was ich gerade gesagt habe, oder?«
»Ja doch«, erwiderte ich gereizt, hielt ihre Hand in der Luft fest und zog nun meinerseits die Stirn kraus.
Wahrscheinlich war Mia ernsthaft der Ansicht, dass ich momentan nicht ganz zurechnungsfähig war. Doch das war ich – mehr, als ich es mir in diesem Augenblick selbst eingestehen wollte.
»Ich hab dich schon verstanden. Aber ich möchte trotzdem, dass du gehst. Du sollst ihn wegen mir nicht versetzen. Ich … komme schon irgendwie klar.«
»Na sicher«, entgegnete Mia sarkastisch. »Hab ich gesehen in den letzten Wochen, wie gut du klargekommen bist.«
Ich musste schlucken und obwohl ich wusste, dass sie recht hatte und ich ihr ihre Worte natürlich nicht übel nahm, trafen sie mich dennoch überraschend heftig. Eine von Mias Händen fand ihren Weg auf mein linkes Schulterblatt.
»Hey. Sei nicht sauer. Ich mache mir doch nur Sorgen.«
»Ich weiß.«
»Mit eigenen Augen habe ich mit angesehen, wie sehr dich das alles fertiggemacht hat. Ich lasse nicht zu, dass das noch mal passiert, verstehst du? Es darf einfach nicht noch mal passieren. Anscheinend hat dieser Vollidiot sich nicht besonders viele Gedanken darüber gemacht, was er mit diesem Brief anrichtet.«
Ich wusste, dass das nicht stimmte, doch ich sagte es nicht laut.
Ja, Bill mochte in mancher Hinsicht einen gesunden Egoismus an den Tag legen und manchmal vergessen, wie man sich in die Gefühlswelt anderer hineinversetzt, doch tief in ihm war er zweifellos ein sehr sensibler Mensch.
Und wer, wenn nicht er, wusste denn, wie es sich anfühlte, wenn die eigene, vertraute Welt vollkommen aus den Fugen geriet?
»Wenn ich dir jetzt hoch und heilig verspreche, nicht in Selbstmitleid zu versinken, vertraust du mir dann?«
Meine Freundin musterte mich skeptisch.
»Kommt drauf an, was du gedenkst, stattdessen zu tun.«
»Ich …«
Ich zögerte, obwohl ich bereits sehr genau wusste, was ich stattdessen tun wollte. Doch irgendetwas in mir hielt es aus einem unerfindlichen Grund für besser, dieses Vorhaben vorerst lieber für mich zu behalten.
»Ich will jemanden anrufen.«
»Bill?«
»Nein!« Heftig schüttelte ich den Kopf. »Natürlich nicht.«
»Wen dann?«
»Mia …«
Schuldbewusst betrachtete ich meine Hände. Nein, ich wollte es ihr auf gar keinen Fall sagen. Niemand sollte es wissen. Warum auch immer.
»Schon gut!«, lenkte meine Freundin ein wenig zu trotzig ein und obwohl das schlechte Gewissen spürbar an mir nagte, war ich erleichtert, dass sie sich scheinbar geschlagen gab.
»Kenne ich ihn oder sie?«
»Nein.«
»Na gut.«
Mit einem leisen Seufzer erhob Mia sich und baute sich dann, die Hände in die Hüften gestemmt, noch einmal vor mir auf.
»Versprich mir aber, dass du mich sofort anrufst, wenn irgendwas ist, okay? Egal was. Heulen, schreien, was auch immer, ich bin für dich da, ja? Aber bleib damit nicht alleine, das ist nicht gut.«
»Versprochen.«
»Du kannst mich wirklich jederzeit anrufen. Auch nachts um halb vier.«
»Ja, jederzeit.«
»Wirklich.«
»Ja!«
Ich grinste spöttisch und dann entrang sich meiner trockenen Kehle doch tatsächlich ein hohles, erschöpftes Lachen, in welches Mia hörbar erleichtert mit einstimmte.
»Danke«, sagte ich anschließend und sah meiner Freundin so durchdringend in die Augen, wie ich konnte.
»Danke für’s Dasein. Ohne dich hätte ich das hier gerade nicht geschafft. Und auch alles andere nicht.«
Mia lächelte breit.
»Wie gesagt: jederzeit.«
Ihr Lächeln erwidernd stand ich auf und ehe ich mich versah lagen wir uns auch schon in den Armen. Ich war überzeugt, dass es die längste, intensivste Umarmung war, die wir jemals gehabt hatten.
Gute zehn Minuten später schloss ich die Wohnungstür hinter meiner Freundin, ging zurück ins Wohnzimmer, schnappte mir den Brief und das Festnetztelefon und verschwand in meinem Zimmer.
»Hallo?!«
»Nora?«, fragte ich mit so piepsiger Stimme in den Hörer, dass es mir vor Scham über meine vollkommen überflüssige Verlegenheit sogleich die Hitze in die Wangen trieb.
»Ja?«
»Hi, hier … hier ist Emma.«
»Emma! Hey!«
»Hey.«
Erleichtert atmete ich aus, da ich mit Sicherheit gerade länger die Luft angehalten hatte, als es in Anbetracht meines körperlich wie geistig eher instabilen Zustandes gesund war.
Wunderte ich mich etwa darüber, dass sie erstaunt war, mich am Telefon zu haben? Hatte ich ernsthaft etwas anderes erwartet?
Nicht wirklich, denn immerhin hatten wir uns seit dem verhängnisvollen Wochenende im Ritz weder noch einmal gesehen, noch waren wir in irgendeiner anderen Art und Weise miteinander in Verbindung getreten.
Zwar hatten wir gleich an dem Abend des Meetings mit der Plattenfirma unsere Nummern ausgetauscht, doch ich musste zugeben, dass ich nicht wirklich damit gerechnet hatte, dass wir tatsächlich miteinander in Kontakt bleiben würden.
»Das ist ja eine Überraschung! Wie geht’s dir? Bist du gut ins neue Jahr gerutscht? Man, ist ja echt schon wieder ewig her, seit wir uns gesehen haben! Die Zeit rennt aber auch manchmal.«
Obwohl es mir mehr als unangenehm war, schwieg ich einen Moment, um mich wieder halbwegs sammeln zu können.
Innerlich hatte ich bereits im Vorfeld versucht, mich gegen diese Flut aus Begrüßungsfloskeln zu wappnen, doch wie ich es von mir gewöhnt war, war mir dies scheinbar nicht besonders erfolgreich gelungen.
Eingehen wollte und konnte ich auf ihren Versuch, ein ungezwungenes Gespräch zu beginnen, jetzt nämlich nicht, doch ich musste versuchen, ihr mein Anliegen möglichst schonend beizubringen – auch, wenn das eigentlich so gut wie unmöglich war.
»Wenn ich ehrlich sein soll, geht’s mir nicht besonders gut, nein. Und deswegen rufe ich eigentlich auch an.«
Stille. Ich hatte es gewusst. Es war nie gut, jemanden am Telefon zu überrumpeln, damit hatte ich schon des Öfteren meine Erfahrungen gemacht.
Aber manchmal ließ es sich eben einfach nicht vermeiden.
»Tut mir leid, dass ich gleich so mit der Tür ins Haus falle. Aber ich dachte, wenn es jemanden gibt, der das einigermaßen gut wegsteckt, dann bist du das.«
Ich lächelte unsicher in den Hörer hinein, lauschte jedoch aufmerksam, ob sich am anderen Ende der Leitung etwas tat.
»Worum geht es denn?«, fragte Nora irgendwann endlich, wobei ihre Stimme jedoch merkwürdig hohl und irgendwie dumpf klang und mir plötzlich mit Entsetzen einfiel, dass ich gar nicht darüber nachgedacht hatte, ob und wie viel sie von alledem vielleicht bereits wusste. Augenblicklich begann ich auch schon, den Anruf zu bereuen.
»Ähm, also … Weißt du das, das mit … Bill und mir?«
Verdammt, wo war nur diese innere Sicherheit hin, die ich noch vor ein paar Minuten so deutlich gespürt hatte? Wo, zur Hölle?
Nora räusperte sich. Irgendein Gegenstand verursachte im Hintergrund ein kurzes, klapperndes Geräusch.
»Meinst du, ob ich weiß, dass ihr nicht mehr zusammen seid?«
Ich wurde rot.
»Na ja. Ja.«
»Ja, das weiß ich.«
Natürlich wusste sie es. Herrgott, was hatte ich schon erwartet?
Ruhig, Emma, ganz ruhig, redete ich mir innerlich selbst zu. Für einen Moment schloss ich die Augen und versuchte, mich zu konzentrieren.
Nein, ich würde mich nicht von meinem Entschluss abbringen und durch Noras merkwürdig gleichgültige Art verunsichern zu lassen. Ich würde das jetzt durchziehen. Ich hatte ohnehin keine Wahl.
»Okay«, begann ich, nachdem ich noch ein letztes Mal tief Luft geholt und mit aller Macht meine wirren Gedanken wieder halbwegs beisammen bekommen hatte.
»Weißt du, es ist so, dass Bill und ich eigentlich seit mehreren Monaten keinen Kontakt mehr miteinander hatten und er und Tom ja mittlerweile nach L.A. gezogen sind und … Na ja, er hat mir einen Brief geschrieben.«
»Echt?«
Nora klang ehrlich überrascht, was mich zu dem Schluss kommen ließ, dass sie zumindest davon nichts gewusst hatte.
Zugegeben hätte ich das auch ziemlich merkwürdig gefunden, andererseits redeten sie und Georg sicherlich darüber und wer wusste schon, über wie viel Georg im Bilde war, was Bills Gemütszustand und seine damit verbundenen Handlungen anging?
Allerdings war mir neben der unüberhörbaren Überraschung der unterschwellig mitschwingende, fast entsetzte Tonfall in ihrer Stimme keinesfalls entgangen.
Was sie wohl zu dieser Empörung kommen ließ? Passte diese Neuigkeit vielleicht nicht zu dem, was sie über Bills Verfassung wusste?
Gott, konnte mir nicht eigentlich völlig egal sein, was sie dachte oder meinte, in irgendeiner Weise bewerten zu müssen? Darum ging es doch jetzt überhaupt nicht.
»Ja, ich war auch ziemlich überrascht«, versuchte ich, das Gespräch wieder dorthin zu lenken, wo ich es haben wollte.
»Jedenfalls …«
Vollkommen unerwartet bildete sich plötzlich ein dicker Kloß in meinem Hals, als ich an die Zeilen des Briefes dachte, die mich besonders berührt hatten – was im Grunde bei so gut wie jedem Satz der Fall gewesen war.
Allein der Anblick seiner Schrift hatte schon ausgereicht, um meine Gefühlswelt vollständig auf den Kopf zu stellen. Obwohl meine Stimme hörbar bebte, sprach ich weiter.
»Jedenfalls hat er mit diesem Brief nicht nur sich, sondern auch mir einiges klargemacht und ich weiß jetzt, dass ich das mit uns nicht einfach so enden lassen kann.«
Leicht verzweifelt schloss ich die Augen und hoffte inständig, dass Nora noch eine Sekunde schweigen würde, bis ich bereit war, weiter zu sprechen.
Ich wollte wirklich nicht, dass sie dazu irgendetwas sagte, denn aufgrund ihrer scheinbar tatsächlich leicht unterkühlten Haltung mir gegenüber fürchtete ich mich vor ihrer Reaktion beinah schon ein wenig. Denn ich wusste, egal, was sie dazu zu sagen hätte – ich würde es in meinem Zustand höchstwahrscheinlich nicht besonders gut verkraften.
Wenn es nicht zwingend von Nöten gewesen wäre, ihr zumindest ansatzweise zu erzählen, wie es mir ging, hätte ich meine augenblicklichen Gefühle und Gedanken auch völlig außen vor gelassen, doch leider war das kaum möglich, wenn ich nicht wollte, dass sie von selbst auf die Idee kam, irgendwelche unangenehmen Fragen zu stellen.
»Deshalb habe ich mir überlegt … Ich wäre damit ja auch wirklich nicht zu dir gekommen, wenn ich gewusst hätte, dass es noch jemand anderen gibt, der mir weiterhelfen kann, aber ich habe Davids Nummer nicht mehr und damit bist du die einzige, die ich fragen kann, deswegen …«
»Was denn fragen, Emma?«, unterbrach Nora mich zwar spürbar ungeduldig, jedoch mit bedeutend mehr Wärme in der Stimme, als noch vor einigen Minuten, was mir ein klein wenig meines zunehmenden schlimmer werdenden Zustandes der an Panik grenzenden Aufregung nahm.
Wenn auch nicht genug, als dass ich in der Lage gewesen wäre, endlich mit diesem elenden Gestotter und dem Nichtbeenden meiner Sätze aufzuhören.
»Ich bin mir ja auch gar nicht sicher, ob du mir überhaupt weiterhelfen kannst, aber … Ähm … Weißt du zufällig, wo Bill und Tom wohnen? Also, ich meine, hast du vielleicht ihre Adresse, oder könntest du eventuell irgendwen fragen, der …?«
Am anderen Ende der Leitung ertönte ein leises, sanftes Lachen und ich bemerkte, dass meine Wangen bereits wieder rot und meine Hand, die das Telefon hielt, mittlerweile schweißnass geworden waren.
Erschöpft gab ich auf. Nora hatte sicher längst verstanden, worauf ich hinauswollte. Es war geschafft. Jetzt musste ich nur noch ihre Antwort überstehen.
»Deswegen rufst du an?«, fragte sie ein wenig ungläubig.
»Ja, ich … ich möchte hinfliegen. So bald wie möglich. Ich war zwar damals dabei, als sie sich diese eine Villa angesehen haben, aber ich hab mir die Adresse nicht gemerkt und ich weiß ja auch gar nicht, ob sie das Haus letztendlich auch wirklich genommen haben, deshalb … ja.«
»Okay …«, erwiderte Nora gedehnt – was immer sie mir mit dieser ausgesprochen informativen Aussage auch zu Verstehen geben wollte.
Als ich eisern schwieg, ließ sie sich nach ein paar Augenblicken schließlich dazu herab, endlich auf meine eigentliche Frage einzugehen.
»Also, ich selbst hab die Adresse jetzt nicht im Kopf. Aber ich kann Georg natürlich fragen.«
»Danke.«
Meine Stimme war nur noch ein Flüstern und ich selbst längst ein nervliches Wrack.
»Keine Ursache. Ich werde Georg gleich anrufen und dann schick ich sie dir per SMS, aber …«
Sie zögerte kurz, wahrscheinlich, um zu überlegen, ob es eine gute Idee war, weiter nachzuhaken, doch schließlich konnte sie es sich scheinbar doch nicht verkneifen.
»Denkst du nicht, du solltest Bill vorher lieber anrufen? Ich meine, nicht, dass du den weiten Weg nach drüben fliegst und ein teures Ticket kaufst und dann ist er gar nicht da.«
Du machst dir ja richtig Gedanken, dachte ich und erschrak ein wenig über den verächtlichen, nahezu verbitterten Unterton meiner Gedanken.
Ich hatte keine Schimmer, weshalb, doch irgendwie hielt sich meine Sympathie gegenüber Georgs Freundin momentan deutlich in Grenzen.
Vielleicht ließ sich dieses Gefühl jedoch mit dem augenblicklichen Durcheinander in meinem Kopf entschuldigen. Und überhaupt gab es gerade wirklich wichtigere Dinge, über die ich mir den Kopf zerbrechen musste, als darüber, wie ich zu einer jungen Frau stand, mit der ich nicht einmal richtig befreundet war.
Dafür, dass sie mir half, war ich ihr unendlich dankbar, so viel stand fest. Um alles andere konnte und musste ich mich im Moment nun wirklich nicht kümmern.
»Lass das mal meine Sorge sein«, sagte ich und spürte, wie meine Augen sich unwillkürlich weiteten, als der feste Klang meiner Stimme in meinem Ohren widerhallte, der schon fast so etwas wie … ja, Selbstvertrauen ausstrahlte.
»Wenn ich ihn vorher anrufe, wird er darauf bestehen, dass er herkommt und das will ich nicht. Ich denke, jetzt bin ich diejenige, die den nächsten Schritt machen muss. Danke für deine Hilfe, Nora. Sag Georg schöne Grüße von mir, ja?«
»Äh, ja, klar, mache ich«, stammelte Nora mehr als verwirrt und obwohl ich momentan nicht imstande war, so etwas wie wahrhaftige Freude zu empfinden, machte sich irgendwo in meiner Magengegend aber doch ein verstohlenes Gefühl der Erleichterung breit.
»Gut. Danke noch mal. Machs gut.«
»Ja, du auch, Emma. Und, äh, ja … Viel Glück!«
»Danke. Ciao.«
»Tschüss!«
Schnell nahm ich das Telefon vom Ohr und betätigte die rote Taste.
Kraftlos fiel mein Arm in meinem Schoß und mit geschlossenen Augen neigte ich meinen Kopf ein wenig nach hinten, um anschließend lautstark ein- und wieder auszuatmen.
Ich hatte es tatsächlich geschafft und dabei sogar das unfassbare Glück gehabt, dass die ganze Mühe nicht vollkommen umsonst gewesen war.
Etwas Entscheidendes musste jedoch noch dringend getan werden. Und es würde am besten sein, wenn ich nicht länger damit wartete.
Tatsächlich hatte ich nämlich noch erhebliche Zweifel an meiner Entschlusskraft, immerhin lag der Augenblick, an dem ich meine Entscheidung getroffen hatte, noch nicht einmal eine Stunde zurück. Dass ich jetzt das Gefühl hatte, ich würde es mir nicht noch einmal anders überlegen, musste demnach nichts heißen und ob ich mir immer noch so sicher war, wenn ich erst einmal mit meiner Mutter gesprochen und ein oder zwei Nächte darüber geschlafen hatte, konnte ich nicht Bestimmtheit sagen.
Entschlossen erhob ich mich und holte meinen Laptop zu mir aufs Bett, klappte ihn auf und starrte gebannt auf den Bildschirm, während das Gerät hochfuhr.
Als nach einer gefühlten Ewigkeit endlich mein Desktophintergrund – eine nächtliche, bergige Winterlandschaft unter einem tiefblauen Sternenhimmel, auf dem Streifen von türkisfarbenem Polarlicht ihre Bahnen zogen – aufflackerte, startete ich den Internetbrowser und machte mich an die Arbeit.
Etwa eine halbe Stunde später stellte ich den Computer wieder aus, brachte ihn zurück zu meinem Schreibtisch, sammelte das Telefon und Bills Brief von meinem Bett auf und ging, beides fest an die Brust gepresst, auf den Flur hinaus. Im Wohnzimmer angekommen setzte ich mich auf die Couch, schaltete den Fernseher ein und wartete, bis meine Mutter nach Hause kam.