Sterne am Himmel

Fortschritt: 100%
Tokio Hotel
Emma ist Tokio Hotel-Fan und kann es kaum glauben, als sie die Chance dazu bekommt, Bill, Tom, Georg und Gustav persönlich zu treffen. Während sich die schüchterne 17-Jährige jedoch mit dem Gedanken abfindet, dass dieses traumhafte Erlebnis etwas Einmaliges bleiben wird, ahnt sie nicht, dass einige unerwartete wie unglaubliche Zufälle zu etwas führen, das sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können …
Dieser Text ist der 1. Teil der Reihe "Sterne am Himmel || Himmel auf Erden".

Inhaltsverzeichnis Einklappen

  1. Kapitel 1: Nur Tokio Hotel
  2. Kapitel 2: Kreislaufkollaps
  3. Kapitel 3: Cometeneinschlag
  4. Kapitel 4: Ernüchterung
  5. Kapitel 5: Alltag
  6. Kapitel 6: Hamburg
  7. Kapitel 7: In Fashion
  8. Kapitel 8: Zufall
  9. Kapitel 9: Schicksal
  10. Kapitel 10: Echt abgedreht
  11. Kapitel 11: Wie ausgewechselt
  12. Kapitel 12: Viel beschäftigt
  13. Kapitel 13: Undurchdacht
  14. Kapitel 14: Enttäuschung
  15. Kapitel 15: Zurück
  16. Kapitel 16: Überfüllt
  17. Kapitel 17: Ablenkung
  18. Kapitel 18: Zu spät
  19. Kapitel 19: Zweifel
  20. Kapitel 20: Rebellin
  21. Kapitel 21: Andere Welt
  22. Kapitel 22: Schweren Herzens
  23. Kapitel 23: Hausarrest
  24. Kapitel 24: Unpassend
  25. Kapitel 25: Erleichterung
  26. Kapitel 26: Sicher
  27. Kapitel 27: Alptraum
  28. Kapitel 28: Kleine Peinlichkeiten
  29. Kapitel 29: Mias Hilfe
  30. Kapitel 30: Ein Stück Normalität
  31. Kapitel 31: Mias Hilfe 2.0
  32. Kapitel 32: Back To Business
  33. Kapitel 33: Geständnis
  34. Kapitel 34: Los Angeles
  35. Kapitel 35: Mitten ins Herz
  36. Kapitel 36: Hollywoodreif
  37. Kapitel 37: Deplatziert
  38. Kapitel 38: Geschmacksverirrung
  39. Kapitel 39: Nur ihn
  40. Kapitel 40: Nora
  41. Kapitel 41: Sternenhimmel
  42. Kapitel 42: Erwischt
  43. Kapitel 43: Hilflos
  44. Kapitel 44: Anfang vom Ende
  45. Kapitel 45: Schlechte Freundin
  46. Kapitel 46: Leben verändern
  47. Kapitel 47: Masochistin
  48. Kapitel 48: In einem anderen Leben
  49. Kapitel 49: Nächtlicher Besuch
  50. Kapitel 50: Ohnmacht
  51. Kapitel 51: Zerrissen
  52. Kapitel 52: Altes neues Leben
  53. Kapitel 53: Sein Brief
  54. Kapitel 54: Entschluss
  55. Kapitel 55: Horizont
  56. Kapitel 56: Vertrauen
  57. Kapitel 57: Ein letztes Mal
  58. Kapitel 58: Ende
  59. Kapitel 59: Anfang

Kapitel 53: Sein Brief

Hallo Emma.

Bescheuerter Anfang, oder? Ich weiß. Tut mir echt leid. Aber ich hab einfach keine Ahnung, wie, und vor allem wo ich beginnen soll.
Wenn es auch nur die geringste Chance gäbe, dir irgendwie klar zu machen, wie unendlich leid mir das alles tut, glaub mir, ich würde sie sofort ergreifen. Aber ich weiß, es gibt sie nicht. Und wahrscheinlich nervt dich meine Reumütigkeitsnummer hier, nachdem, was ich dir alles angetan habe, jetzt schon, deswegen werde ich versuchen, mich zusammenzureißen. Auch, wenn es mir wirklich schwer fällt.
Ich fühle mich beschissen, und das ist schon die Untertreibung des Jahrhunderts, aber … wahrscheinlich interessiert dich das reichlich wenig. Bitte verzeih mir, aber ich muss hier einfach irgendwie einen Anfang zustande kriegen, obwohl in meinem Kopf das absolute Chaos herrscht. Wahrscheinlich wär’s besser, wenn du das erste Viertel des Briefes einfach überlesen würdest, aber ich nehme mal an, dass es dafür mittlerweile zu spät ist, von daher kann ich nur hoffen, dass du überhaupt noch liest und mein hirnloses Gestammel hier nicht schon längst zerrissen im Papierkorb gelandet ist. Es ist nur so, dass ich sowas noch nie gemacht mir sowas wohl immer irgendwie um einiges leichter vorgestellt habe. Ich weiß einfach nicht … Ach scheiße, das interessiert dich doch alles gar nicht, hab ich recht? Vielleicht versuche ich zur Abwechslung jetzt einfach mal, mit dem anzufangen, weshalb ich das hier eigentlich mache.

»Alles okay?«, erkundigte Mia sich besorgt und ich schloss die Augen.
Nein, rein gar nichts war okay, war das so unoffensichtlich?
Himmel, nein, was dachte ich da nur schon wieder? Sie wusste doch auch nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollte. Vielleicht sogar noch viel weniger als ich.
Immerhin spürte ich noch keine aufkommenden Tränen und das war eigentlich ein Zeichen dafür, dass ich noch mit beiden Füßen relativ fest auf dem Boden stand und diesen nicht schon längst unter mir verloren hatte. Dieses Gefühl kannte ich mittlerweile nun wirklich zur Genüge.
Allerdings war ich dafür augenblicklich felsenfest davon überzeugt, nicht atmen zu können. Was mir diese Reaktion meines Körpers sagen sollte, wusste ich irgendwie nicht so recht.
»Lies weiter bitte«, flüsterte ich mit brüchiger Stimme, ohne meine Freundin anzusehen. Ich wusste ihr Mitgefühl, welches ich ihrer für sie so untypischen Unsicherheit entnahm, zwar zu schätzen, glaubte jedoch gleichzeitig, es nur schwer ertragen zu können, wenn ich es in ihrem Gesicht sehen würde.
»Bist du sicher?«, hakte Mia vorsichtig nach.
»Ja doch«, erwiderte ich genervter, als ich hatte klingen wollen und schüttelte verzweifelt meinen gesenkten Kopf.
»Gut … «, sagte Mia gedehnt, als legte sie es regelrecht darauf an, dass die Skepsis in ihrer Stimme mir auch ja nicht entging, doch nach einem kurzen Moment der Stille raschelte sie schließlich mit dem Papier in ihren Händen und fuhr dann fort.

Wie gesagt, es fällt mir unheimlich schwer, rauszufinden, mit was ich anfangen soll. Es gibt so unendlich viel, was du unbedingt wissen musst, gleichzeitig habe ich aber das Gefühl, es nicht einmal in einem hundertseitigen Brief unterbringen zu können und dass meine wirren Sätze jemals das auszudrücken werden, was ich eigentlich sagen will. Aber ich muss es trotzdem versuchen, weil ich nämlich möchte, dass du endlich Antworten bekommst. Und ich weiß, dass ich es niemals schaffen werde, sie dir zu geben, wenn du vor mir stehst. Denn immer, wenn du in der Vergangenheit vor mir gestanden hast, wollte ich all diese Probleme und offenen Fragen einfach vergessen, und das, obwohl ich wusste, dass ich dich damit im Endeffekt nur noch mehr verletze, als wenn ich einfach ehrlich zu dir bin. Womit wir auch schon bei etwas wären, von dem es mir anscheinend gelungen ist, es irgendwo in meinen wirren Gedanken festzuhalten. Vielleicht hätte ich mir erst ein paar Notizen machen sollen, bevor ich einfach so mit diesem so wichtigen Brief anfange. Na ja, zu spät, würde ich sagen.
Jedenfalls will ich jetzt ehrlich zu dir sein, Emma. Ich will es wirklich und hoffe, dass es mir nun zum ersten Mal auch tatsächlich gelingen wird. Denn in der Vergangenheit war ich es nicht oft, das weiß ich. Und wenn ich es war, musstest du meistens erst stundenlang auf mich einreden, bis mir wirklich bewusst geworden ist, dass ich uns beiden mal wieder etwas vorgemacht habe.
Darin war ich echt gut, oder? Was für eine verdammte Scheiße. Du musst mich für das unsensibelste, verkommenste und abgestumpfteste Arschloch der Welt halten. Mittlerweile ist mir bewusst, wie oft ich mich tatsächlich wie so eines verhalten habe und mir wird immer noch schlecht bei den Gedanken daran, obwohl ich mir schon seit Wochen den Kopf darüber zerbreche. Ja, seit ich den Mist mit den drei Flaschen Wein verzapft habe, sind jetzt … fast drei Wochen vergangen. Drei Wochen, in denen ich sehr viel nachgedacht habe und nun eine ganze Menge Dinge endlich mit anderen Augen sehe. Ich hoffe inständig, dass du tief in dir weißt, dass ich kein Mensch bin, der sich über gewissen Sachen einfach keinen Kopf macht. Zwar bist du so ziemlich der nachdenklichste und kopflastigste Mensch, den ich jemals kennen gelernt habe, aber auch ich könnte mir über so viele Dinge manchmal am liebsten so lange den Schädel zerbrechen, bis er kurz davor ist, zu platzen. Und das ist er auch jetzt gerade definitiv. Wenn ich so darüber nachdenke, eigentlich mit ein Grund, warum ich mich dazu entschieden habe, das hier zu tun.
Natürlich ist mir klar, dass es mir nicht gelingen wird, alle deine Fragen zu beantworten und dir all deine Bedenken und Zweifel zu nehmen, auch, wenn ich alles dafür geben würde, um es zu können. Letztendlich werde ich wie immer meinem elenden Perfektionismus unterliegen und das Gefühl haben, nicht annähernd das geschafft zu haben, was ich mir vorgenommen habe. Aber damit muss ich dann wohl irgendwie klarkommen.
Ich denke, die wichtigste Frage, die du mir direkt oder indirekt immer wieder gestellt hast, war die, ob ich daran glaube, dass wir es hinbekommen, stimmt’s? Ob ich es wirklich will. Ob es mir so viel wert ist, dass sich dadurch viele Dinge stark verkomplizieren werden. Ob ich denke, dass das alles irgendwie unter einen Hut gebracht werden kann. Ob ich es überhaupt kann.
Und meine Antwort lautet: Ja. Ja, ja und noch mal ja, verdammt.
Tief in mir drin wusste ich es die ganze Zeit, aber irgendwie … kam es mir leider einfach nie über die Lippen. Und genau damit habe ich letztendlich alles kaputt gemacht. Denn du hättest diese Antwort viel früher gebraucht und ich weiß jetzt auch, warum: Du brauchtest die Sicherheit, brauchtest irgendeinen Halt, weil ich dich aus einem geregelten, normalen Leben herausgerissen habe, das ich selber schon lange nicht mehr kenne. Es war mehr als rücksichtslos von mir, zu selten daran gedacht zu haben, aber da muss ich einfach den völlig verkorksten Teil von mir vorschieben, der eigentlich für nichts anderes mehr zu gebrauchen ist, als für das öffentliche, vor Kameras stattfindende und oft ziemlich künstliche und surreale Leben als Mitglied von Tokio Hotel. Für mich ist das mein normales Leben, ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, ein anderes zu führen. Aber dir muss meine Welt so abgedreht vorkommen, dass es schon an ein Wunder grenzt, dass du es überhaupt bis hier her mit mir ausgehalten hast.
Ich denke, ich muss dir nicht sagen, dass ich nicht bereue, welchen Verlauf mein Leben in den letzten Jahren genommen hat. Kurz bevor wir uns kennen gelernt haben, war ich allerdings an einem Punkt angekommen, an dem es irgendwie nicht mehr so richtig weiterging. Bis heute kann ich nicht genau sagen, ob es dafür einen richtigen Auslöser gab, aber Tatsache war, dass es mir wirklich verdammt schlecht ging, sogar noch um einiges schlechter als damals vor fast drei Jahren, als ich diese Zyste an den Stimmbändern hatte und davon überzeugt war: Das war’s jetzt mit der Karriere. Der Unterschied zu damals war aber genau der: Zu diesem Zeitpunkt ging es mir nur um die Karriere. Um Tokio Hotel. Um meinen Traum. Ich dachte, ich würde es nicht überstehen, wenn dieses damals noch neue und – so kam es mir vor – absolut erfüllende Leben mit einem Schlag enden würde und ich womöglich wieder in das alte würde zurück müssen, an dem ich dann mit ziemlicher Sicherheit zerbrochen wäre, weil ich es schon immer gehasst habe.
Ja, genau so habe ich damals darüber gedacht. Mittlerweile hat sich daran einiges geändert, denn mittlerweile weiß ich, dass dieses Leben, das mein Bruder, die beiden anderen und ich jetzt seit mehr als fünf Jahren führen, uns auf Dauer genauso kaputt machen wird, wie der Alltag eines normalen Lebens. Klingt ziemlich widersprüchlich, ich weiß. Aber so ist es. Zumindest bei Tom und mir. Nirgendwo fühlen wir uns sicher, nicht mal in unseren eigenen vier Wänden oder im Haus unserer Eltern. Wir kommen nicht zur Ruhe. Und damit meine ich diese innere Ruhe, die man ab und zu einfach braucht, um nicht völlig abzudrehen.
Weißt du, was passiert ist, in den letzten Monaten? Ich habe das alles irgendwie völlig vergessen können. Dass ich eigentlich zusammen mit Tom dafür sorgen wollte, dass sich an diesem Zustand etwas ändert, indem wir uns zum Beispiel ernsthaft um unsere Idee kümmern, Deutschland den Rücken zu kehren und irgendwo hinzugehen, wo wir für unser Privatleben den Reset-Knopf drücken können. Das alles ist plötzlich total unwichtig geworden und vollkommen in den Hintergrund gerückt.
Du wirst jetzt ungefähr sowas denken wie: Aber es war doch alles von Anfang an so kompliziert und schwierig. Und da hast du recht, das war es ja auch. Irgendwie ist es aber eben trotzdem passiert. Weil etwas geschehen ist, von dem ich ernsthaft nicht mehr geglaubt hatte, dass es jemals geschehen wird: Ich habe mich verliebt. In dich, Emma. Und ich hoffe wirklich, dass ich dir wenigstens zeigen konnte, wie glücklich mich das gemacht hat, wenn ich mich dir gegenüber bei so vielen Dingen bis zum Schluss schon nicht öffnen konnte.
Vor ein paar Tagen kam mir so ein Gedanke, als ich an die Aftershowparty gedacht habe, auf der wir uns das erste Mal getroffen haben und seitdem überlege ich immer wieder, ob du dir diese Frage irgendwann gestellt haben könntest, weil ich mir vorstellen könnte, dass sie dir vielleicht mal in den Sinn gekommen ist. Okay, ich muss wohl zugeben, dass ich sicherlich nicht besonders gut darin bin, mich in andere hineinzuversetzen und schon gar nicht in dich. Aber ich frage mich wirklich, ob … du dich manchmal gefragt hast, warum du es damals warst – und nicht irgendjemand anderes.
Das klingt total eingebildet, kann das sein? Soll es nicht, wirklich, ich hoffe, das weißt du. Ich schreibe das hier nur auf, weil ich, falls du dir diese, nebenbei gesagt, ziemlich unbegründete Frage tatsächlich gestellt haben solltest oder es vielleicht sogar immer noch tust, gerne versuchen würde, sie zu beantworten.
Zugegeben musste ich ziemlich lange darüber nachdenken. Ich meine, wie kann man schon begründen, dass jemand einem einfach gefällt, er einen irgendwie fasziniert oder man sich zu ihm hingezogen fühlt? Meistens ist es doch so, dass man das überhaupt nicht so genau weiß, es eben einfach nur spürt. Und das reicht ja eigentlich auch. Ich glaube aber, es war vor allem die Art, wie du mich angesehen hast. Du warst zwar unglaublich zurückhaltend, aber du hast mich einfach nicht so angesehen, wie es so viele andere Menschen getan haben, denen ich bisher begegnet bin. Ich habe schon gemerkt, dass du aufgeregt warst, aber irgendwie habe ich mich in deiner Gegenwart nicht annähernd so unwohl gefühlt wie ich es bei fremden Leuten meistens tue und hatte das Gefühl, dass es dir gar nicht so schwer gefallen ist, mich mehr wie einen normalen Menschen anzusehen, und weniger wie ein exotisches Zootier oder sowas in der Art. Glaub mir, an diese Blicke gewöhnt man sich zwar irgendwann, aber unwohl fühlt man sich immer wieder.
Und willst du wissen, was ich damals gedacht habe, als du da in unserem Tonstudio standest? Ich dachte nur: Das MUSS einfach Schicksal sein. Das muss doch was zu bedeuten haben. Und daran glaube ich bis heute. Und zwar, weil ich überzeugt bin, dass du der einzige Mensch bist, der zumindest annähernd dazu in der Lage wäre, es mit mir auszuhalten und mit diesem Leben fertig zu werden, das ich nun mal für immer führen werde.
Denkst du nicht? Weil es ja nicht funktioniert hat? Nein, hat es nicht, das stimmt. Die Sache ist nur, dass das nicht deine Schuld ist, denn du bist der ehrlichste, gerechteste und verständnisvollste Mensch, dem ich je begegnet bin und das will schon was heißen, denn ich bin schon viel mehr Menschen begegnet, als du dir vorstellen kannst. Und du weißt gar nicht, wie stark du wirklich bist.
Es KANN also gar nicht an dir liegen, verstehst du? Ich bin mir sicher, dass du dir bestimmt irgendwelche Vorwürfe machst, aber du hast keinen einzigen Fehler gemacht. Bitte, tu mir den Gefallen, glaub mir einfach und denk nie wieder etwas anderes darüber.
Okay. Damit wäre hoffentlich immerhin eine zweite Frage relativ eindeutig aus dem Weg geräumt – vorausgesetzt, ich schaffe es überhaupt, dich mit meinen Worten irgendwie zu erreichen. Allerdings wird mir gerade, glaube ich, etwas sehr eindeutig klar: Egal, wie viele Antworten ich dir geben werde – sie werden wohl alle zu spät kommen. Ich nehme mal an, so etwas in der Art denkst du auch gerade. Falls ich überhaupt das Glück habe und du das hier tatsächlich immer noch liest.

Ein trockenes, ersticktes Schluchzen brachte Mias ruhig und gleichmäßig gewordene Lesestimme, in die ich so vollkommen versunken gewesen war, dass ich alles um mich herum ausgeblendet hatte, abrupt zum Schweigen.
Ich brauchte einige Sekunden, um zu registrieren, dass sich dieses Schluchzen tatsächlich meiner zugeschnürten und staubtrockenen Kehle entrungen hatte. Wer hätte es auch sonst sein können?
Die einzige weitere anwesende Person in diesem Raum war schließlich meine Freundin und dieser war momentan offensichtlich nach so ziemlich allem zumute, jedoch ganz bestimmt nicht nach weinen, wie ich im nächsten Augenblick feststellen musste, als sie die Zettel in ihrer Hand (zum ersten Mal bemerkte ich, dass es nicht etwa eine, sondern mehrere beschriebene Seiten waren, die sich da in dem Briefumschlag befunden haben mussten) überraschend lautstark auf den Tisch knallte und so heftig von ihrem Stuhl in die Höhe fuhr, dass dieser nach hinten umkippte und krachend auf dem hölzernen Fußboden landete.
»Vergiss es, kein einziges, beschissenes Wort lese ich weiter! Ich fasse das nicht! Was denkt sich dieser feige Idiot eigentlich dabei? Sich einfach hinzusetzen und so einen scheiß Brief – Ist ihm denn nicht klar, was er damit –? Man, so ein verdammter – «
»Mia«, wimmerte ich und blickte aus tränenerfüllten Augen in ihr wütendes Gesicht.
Als sie mich nach ein paar schier endlosen Sekunden endlich anschaute, schien sich ihre heftige Aufregung jedoch mit einem Schlag in Luft aufzulösen und ehe ich mich versah, war sie bei mir, schloss mich so, wie ich wie weniger als ein Häufchen Elend auf meinem Stuhl hockte, in ihre Arme und presste ihr Gesicht von hinten in mein Haar.
»Tut mir leid, tut mir leid, tut mir leid«, piepste sie reumütig und drückte mich noch fester an sich. »Ich weiß auch nicht, es ist nur …«
Ich spürte, wie sie heftig den Kopf schüttelte.
»Es regt mir so auf, dass er …«
»Dass er was?«, flüsterte ich kraftlos und brachte meine Freundin dazu, ein wenig von mir abzulassen, indem ich mich langsam im Sitzen zu ihr umdrehte.
»Vergiss es«, verwarf sie ihren Gedanken plötzlich, nachdem der Anblick meines inzwischen wohl ziemlich tränenüberströmten Gesichts irgendeine Art von Entschluss bei ihr ausgelöst zu haben schien.
Hastig beugte sie sich über mich, packte die losen Blätter und hielt sie mir, bereits leicht zerknittert, vor die Nase. Wie ferngesteuert und ohne weiter darüber nachzudenken, nahm ich sie entgegen und hielt sie soweit in die Höhe, dass Mia weiterhin mitlesen konnte, als sie sich neben mich auf den Stuhl quetschte, ihre Arme um meine Taille schlang und ihren Kopf auf meiner Schulter ablegte.
Selbst, wenn ich gewollt hätte – mir blieb keine Gelegenheit, auch nur einen Augenblick über Mias kleinen, überraschenden und für mich völlig unbegreiflichen Wutanfall nachzudenken, denn Bills Schrift, die das weiße Papier in meinen Händen in eng stehenden Zeilen füllte, nahm mich augenblicklich gefangen.

Emma, ich glaube wirklich … nein, ich WEIß, dass ich dich liebe. Du bist eine wundervolle Person, weil du so bist wie du bist, und ich weiß, das denkst du von dir selbst nicht. Aber du bist wundervoll, sehr sogar, und ich hätte mich niemals so auf dich einlassen können, wenn ich nicht gewusst hätte, dass du ein herzensguter Mensch bist. Zu gut für mich, wie es aussieht.
Okay, ich hab mich bis jetzt echt zurückgehalten, aber jetzt muss ich es einfach noch mal schreiben: Es tut mir leid. Es tut mir leid, dass ich nicht das für dich sein kann, was du verdienst. Nämlich einen Menschen, der nicht so verkorkst und kaputt ist wie ich und dir wenigstens annähernd das zurückgeben kann, was du zu geben hast. Und es tut mir leid, dass dich diese Worte wahrscheinlich genauso verletzen, wie all die anderen Dinge, mit denen ich dir schon so weh getan habe. Ich hätte alles anders machen sollen, aber … nachher ist man bekanntlich immer schlauer.
Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist, als ich beschlossen habe, dir nichts von der Planung unseres Umzugs zu erzählen und ich weiß auch nicht, warum ich mich so hirnverbrannt aufgeführt habe, als die Bilder von uns in der Presse aufgetaucht sind und abgeblockt habe, als könntest du auch nur das Geringste dafür. Ich kann einfach nicht mehr tun, als mich dafür zu entschuldigen und dir damit zeigen, dass ich mir mittlerweile über meine Fehler im Klaren bin und trotzdem steht eins fest: Sie lassen sich einfach nicht mehr rückgängig machen. Aber auch mit dieser Erkenntnis bin ich wohl eindeutig zu spät dran und aus diesem Grund weiß ich gerade wirklich nicht mehr, ob es so eine gute Idee ist, diesen Brief hier tatsächlich abzuschicken. Ehrlich gesagt denke ich im Moment sogar, dass es eine ziemliche Scheißidee war und deswegen kann es gut sein, dass du das hier vielleicht niemals zu Gesicht bekommen wirst. Falls aber doch, bin ich wohl doch nicht ganz so feige, wie ich mir gerade vorkomme. Denn ich will ja, dass du das alles hier erfährst. Und auch, wenn das jetzt fast schon wieder egoistisch klingt: Ich kann gar nicht anders. Ich glaube, mit der Gewissheit, dich im Ungewissen gelassen zu haben … damit werde ich einfach nicht leben können.
Irgendwie wird mir gerade noch etwas bewusst, und zwar, dass ich gehofft hatte, mir beim Schreiben darüber klar zu werden, was das hier eigentlich sein soll. Welchen Sinn es eigentlich hat, dass ich gerade wirklich am Abgrund stehe, weil ich einfach nicht weiß, wie es weitergehen soll und wie ich akzeptieren soll, dass das das Ende ist. Wie du siehst, kann ich es nicht, sonst würdest du diesen Brief jetzt nicht in den Händen halten. Aber um eins klarzustellen: Wenn es für dich das Ende ist und wenn du es für das Richtige hältst, an dieser Stelle einen Schlussstrich zu ziehen, dann werde ich es früher oder später akzeptieren müssen. Denn dann bleibt mir gar keine andere Wahl.
Aber ich hatte mir ja vorhin etwas vorgenommen, oder? Ich wollte ehrlich zu dir sein. Und wenn ich WIRKLICH ehrlich bin, dann muss ich dir sagen: Abgesehen davon, dass das total naiv ist und ich keine Ahnung hab, wie das eigentlich gehen soll – ich hoffe, dass es nicht so ist. Ich hoffe so sehr, dass das hier nicht das Ende ist.
Ich kann nicht wirklich einschätzen, was dieser Brief bei dir auslösen wird, gesetzt den Fall, ich bringe es tatsächlich zustande, ihn abzuschicken, natürlich. Und ich glaube, wenn ich jetzt noch weiter darüber nachdenke, mache ich es wahrscheinlich wirklich nicht.
Noch ein letztes Mal: Es tut mir alles wirklich unendlich leid. Und eigentlich ist es mir am wichtigsten – ganz egal, wie du dich letztendlich entscheidest – dass du diese Entschuldigung irgendwann annehmen und mir vielleicht sogar eines Tages verzeihen kannst. Allein diese Gewissheit zu haben würde mir schon völlig reichen, weil ich dann wüsste, dass du nicht mehr wegen mir leiden musst.
Wie am Anfang dieses Briefes weiß ich auch nicht, wie ich das hier jetzt am besten zu Ende bringe. Ich weiß eigentlich nur eins: Ich liebe dich, Emma. Ich liebe dich und du fehlst mir und es geht mir echt nicht gut ohne dich. Ich vermisse unsere Telefonate bis spät in die Nacht, ich vermisse deine Nähe, ich vermisse es, morgens neben dir aufzuwachen und ich vermisse dein Lächeln. Und ich wünsche mir, dass du es dir anders überlegst.
Aber ich kann dich weder dazu zwingen, noch es von dir verlangen, auch darüber bin ich mir im Klaren. Ich kann dich nur bitten deine Entscheidung vielleicht noch einmal zu überdenken.
Deshalb werde ich mich auch weiterhin daran halten, keinen Kontakt zu dir aufzunehmen. Ich hoffe, dass du es Tom nicht übel nehmen wirst, dass er mir deinen Brief an ihn gezeigt hat. Aber du sollst wissen: Obwohl es mir sehr leid tut, dass du mich so sehen musstest, wusste ich natürlich, dass du an dem Abend bei mir warst, mein Engel.

Danke. Für alles. Du hast keine Ahnung, wie viel du für mich getan hast, weil du das Beste bist, was mir je passieren konnte. Bitte, vergiss das nicht. Niemals.

Bill