Kapitel 52: Altes neues Leben
»Ey Emma, jetzt warte doch mal!«
Ich fuhr herum und sah meine Freundin Mia, die hinter mir mit einem riesenhaften Stapel Schulbücher unter dem einen und ihrer noch unverschlossenen Umhängetasche über dem anderen Arm aus dem Klassenzimmer gestolpert und ein wenig außer Atem vor mir zum Stehen kam.
»Was rennst du denn so?«
»Hallo? Unser Bus fährt gleich!«, half ich ihr leicht ungehalten auf die Sprünge und war schon im Begriff, mich wieder umzuwenden.
»Aber ich muss meine Bücher noch ins Schließfach bringen«, widersprach meine Freundin fast ängstlich und schielte bemitleidenswert auf die dicken Bücher, die so schwer zu sein schienen, dass sie Mühe hatte, sie alle sicher unter ihrem Arm festgeklemmt zu halten.
»Na los«, stöhnte ich auf. »Aber beeil dich. Ich hab keine Lust, wegen dir ’ne Stunde auf den nächsten zu warten!«
Den letzten Satz musste ich Mia regelrecht hinterher rufen, denn sie war bereits dabei, im Eiltempo den Gang hinunter zu spurten.
»Na?«, drang plötzlich eine nur zu vertraute Stimme an mein Ohr.
Mit einem breiten Grinsen auf den Lippen kam Paul aus dem Klassenzimmer geschlendert, seinen Rucksack lässig über die rechte Schulter gehängt, und erst blieb weniger als einen Meter vor mir stehen.
»Na? Auch Schluss?«, erkundigte ich mich, bevor ich überlegen konnte, ob ich überhaupt Lust darauf hatte, einen oberflächlichen Smalltalk mit ihm zu beginnen.
»Ja, aber Flo, Patrick und ich bleiben noch hier – Bandprobe. Frau Reinhardt hat sich jetzt doch dazu überreden lassen, uns freitags für ein, zwei Stunden den Musikraum zu überlassen. Flos Vater kommt freitags nämlich immer schon früh von der Arbeit und bastelt dann den Rest des Tages an seinem Oldtimer rum, deswegen können wir da dann nicht üben.«
»Verstehe«, antwortete ich und rang mir ein Lächeln ab. »Dann viel Spaß dabei.«
»Und was machst du heute noch?«, wollte Paul wissen und schien gar nicht bemerkt zu haben, dass ich soeben eigentlich den Versuch unternommen hatte, das Gespräch zu beenden.
Oder aber, er hatte es zwar bemerkt, dachte aber gar nicht daran, sich einfach so abwimmeln zu lassen.
»Mia kommt heute mit zu mir.«
Wie aufs Stichwort kam Mia in diesem Augenblick schwer atmend wieder den Gang hinaufgeeilt und steuerte geradewegs auf uns zu.
»Sag mal Emma, geht deine Uhr falsch, oder was?«, rief sie mir schon von weitem entgegen. »Wir haben noch über zehn Minuten Zeit! Was machst du denn für eine Hektik?«
»Ich will den Bus halt nicht verpassen«, murmelte ich kaum hörbar, als meine Freundin bei uns angekommen war.
Als ihr Blick auf Paul fiel, verwandelte sich ihre spöttische Miene augenblicklich in ein zuckersüßes Lächeln. Zu allem Überfluss warf sie mir anschließend einen kurzen, bedeutungsvollen Blick zu, der wahrscheinlich unauffällig hatte sein sollen, von dem ich mir allerdings peinlicherweise ziemlich sicher war, dass er Paul keineswegs entgangen war.
»Na, alles klar?«, klinkte sich meine Freundin auch gleich in unser unterbrochenes Gespräch ein.
»Immer«, gab Paul mit einem so selbstgefälligen Gesichtsausdruck zurück, dass es mir für einen Augenblick fast den Atem raubte.
Mit einem Seitenblick zu mir fügte er grinsend hinzu: »Emma wollte mir gerade erzählen, was ihr zwei heute noch so Schönes macht.«
»Ach, nichts besonderes«, winkte Mia gedehnt ab, konnte es sich aber nicht verkneifen, dabei viel sagend zu mir herüberzuschauen. »Jedenfalls nichts, was für die Ohren kleiner Jungs bestimmt wäre.«
Sie zwinkerte mir verschwörerisch zu und ich konnte Paul ansehen, dass sie damit irgendeine Art von wundem Punkt getroffen haben musste.
Fast ein wenig beleidigt wanderte sein Blick zwischen Mia und mir hin und her.
»Wir müssen jetzt auch wirklich los«, verkündete meine Freundin plötzlich hastig und packte mich am Arm. »Schönes Wochenende, wir sehen uns!«
»Tschüss!«, rief ich dem etwas perplex dreinblickenden Paul noch zu, doch bevor er etwas hätte erwidern können, hatte Mia mich auch schon aus dem Gebäude geschleift und ließ erst kurz vor dem Schultor wieder von mir ab.
»Danke«, flüsterte ich unnötigerweise, da die Massen von Schülern um uns herum ohnehin so laut waren, dass uns nicht einmal jemand hätte verstehen können, wenn er direkt neben uns gestanden hätte. Trotzdem blickte ich mich vorsichtshalber noch einmal unauffällig um.
Mia kicherte.
»Glaubst du, er hatte irgendwas vor?«
»Wie?«, fragte ich ahnungslos zurück, obwohl ich natürlich längst wusste, worauf sie hinauswollte.
»Na, denkst du nicht, als nächstes hätte er ungefähr sowas wie ›Hey, na, wenn ihr noch nichts vorhabt, könnt ihr ja auch noch mit zu unserer Bandprobe kommen‹ vom Stapel gelassen? Um wie viel wollen wir wetten, dass er genau das vorhatte?«
»Wenn das mal alles gewesen wäre.«
Nun musste ich ebenfalls kichern.
»Ich glaube, er macht sich echt Hoffnungen«, sagte Mia plötzlich und klang dabei fast ein wenig nachdenklich.
»Ach Quatsch.«
Heftig schüttelte ich den Kopf, wusste aber, dass ich mir selbst etwas vormachte.
Denn es stimmte. Spätestens seit seiner heldenhaften Rettungsaktion (wofür ich ihm natürlich nach wie vor und unabhängig von allem, was zwischen uns vorgefallen war, unendlich dankbar war) verhielt er sich mir gegenüber wirklich auffällig … interessiert. Im Grunde genommen benahm er sich genauso, wie ich es mir damals immer erträumt hatte.
Damals, als alles noch so vollkommen anders gewesen war. Doch dieses Damals lag schon lange hinter mir. Da war er nun eindeutig ein wenig zu spät dran.
Was für mich allerdings nicht annährend Sinn ergab, war, dass ihn die ganze Sache mit Bill (von der er ja mittlerweile als einer der wenigen nur zu gut Bescheid wusste) nicht im Geringsten davon abzuhalten schien, immer wieder irgendwelche Annäherungsversuche zu starten. Und auch die Tatsache, dass ich auf diese Annäherungsversuche konsequent nicht einging, schien ihn nicht sonderlich zu beeindrucken.
Im Gegenteil. Manchmal hatte ich regelrecht den Eindruck, dass genau das ihn nur noch mehr anzuspornen schien.
Himmel, wie konnte man nur so unglaublich begriffsstutzig sein?
»Emma, jetzt tu nicht so! Du weißt ganz genau, dass ich recht habe.«
Eisern schwieg ich und starrte zu Boden, während wir versuchten, uns in Richtung Bushaltestelle durchzukämpfen.
»Er lässt sich aber auch nicht entmutigen, oder?«, hakte Mia nach ein paar Sekunden mit einem belustigten Unterton in der Stimme nach.
»Nicht so laut«, murmelte ich, allerdings nur, um meine neugierige Freundin nicht wieder mit Schweigen strafen zu müssen.
Das war nämlich etwas, was sie eigentlich (bei mir machte sie da zu meinem Glück ab und an eine Ausnahme) auf den Tod nicht ausstehen konnte, weshalb ich es mir nach ein paar Sekunden schließlich doch anders überlegte.
»Ja, kann ja sein, dass es in letzter Zeit ganz schön auffällig geworden ist«, lenkte ich gerade so laut ein, dass Mia mich durch das ohrenbetäubende Stimmengewirr hindurch verstehen konnte. »Aber was soll ich denn machen?«
Unsicher schaute ich meine Freundin von der Seite an.
»Na, nichts natürlich, wenn du es nicht willst. Und im Nichts-machen, darin bis du ja Profi, was Jungs betrifft, hab ich recht?«
Freundschaftlich stupste sie mir gegen die Schulter, woraufhin ich nur müde lächelte, um dann hinter ihr in den bereits vollkommen überfüllten Bus einzusteigen.
Eine gute Viertelstunde später bremste das große Fahrzeug scharf ab. Mühevoll quetschten Mia und ich uns zwischen den Schülern zur Tür hindurch und traten auf den Gehweg, um nebeneinander die Straße zu meinem Haus hinunter zu laufen.
Zwar konnte man schon deutlich spüren, dass sich der Winter in großen Schritten dem Ende neigte, doch kalt war es immer noch, weshalb ich mir mit hochgezogenen Schultern meinen Schal ein wenig fester um den Hals schlang und bibbernd meinen weißen Atem in die Luft blies.
Seit auf der Krankenhausstation, auf der meine Mutter arbeitete, akuter Personalmangel herrschte, musste sie freitags nun immer länger arbeiten und so war es seit einigen Wochen schon fast zur Gewohnheit geworden, dass ich Mia am letzten Tag der Woche nachmittags mit zu mir nahm.
Meiner Meinung nach war es nicht zu übersehen, dass diese regelmäßigen Treffen unserer Freundschaft mehr als gut taten.
Zwar hatte sich zwischen uns schon seit einer ganzen Weile wieder das alte Gefühl der Vertrautheit und Selbstverständlichkeit eingestellt, doch ich war mir sicher, dass es noch lange dauern würde, bis ich würde vergessen können, dass unsere Freundschaft den ganzen dramatischen Verlauf der Dinge fast nicht überlebt hätte.
Und ja, es hatte uns beiden sehr viel Geduld und Verständnis abverlangt, bis wir wieder zueinander gefunden hatten, nachdem ich mit meinem von bestimmten Umständen verursachten Egotrip für absolute Funkstille zwischen uns gesorgt hatte.
Doch wir hatten uns ausgesprochen, hatten uns mehrer Male zusammengesetzt, stundenlang geredet und uns schließlich tatsächlich versöhnt.
Keine Frage, ich allein trug die Schuld daran, dass ich meine beste und einzige Freundin um ein Haar verloren hatte. Ich und mein Leben, das vor noch gar nicht allzu langer Zeit so extrem und vollkommen aus den Fugen geraten war.
Nur zu gut erinnerte ich mich noch daran, wie ich auch nach unserem ersten Gespräch, einige Tage nach meiner überstürzten Flucht aus Bill und Toms Haus, noch überzeugt gewesen war, dass es mir nicht gelingen würde, diesen ganzen Schlamassel irgendwie wieder gerade zu biegen.
Doch es war mir gelungen. Mia hatte mir verziehen und einhundert Mal mehr Verständnis aufgebracht, als ich es mir jemals erhofft hatte.
Immerhin wusste ich, dass kein Mensch auf dieser Welt jemals dazu imstande sein würde, auch nur im Geringsten nachzuvollziehen, was ich in den letzten Monaten durchgemacht hatte. Nicht Mia, nicht meine Mutter, niemand. Und aus diesem Grund wagte ich es nicht einmal, zu hoffen, dass mich je irgendjemand würde wahrhaftig verstehen können.
Aber Mia hatte sich alle Mühe gegeben, das wusste ich. Und dafür würde ich ihr immer unendlich dankbar sein.
Nachdem meine Mutter mich an besagtem Mittwoch vor fast genau vier Monaten nach meiner Flucht vom Berliner Hauptbahnhof abgeholt und – im wahrsten Sinne des Wortes – mit offenen Armen und einer so großen Portion an Erleichterung und Barmherzigkeit empfangen hatte, wie ich es wohl kaum verdient hatte, hatte sie mich für den Rest der Woche in der Schule krankgemeldet und mich so lange umsorgt und einfühlsam auf mich eingeredet, bis ich am folgenden Wochenende endlich dazu imstande gewesen war, Mia anzurufen. Und nachdem ich ihr in einem halbstündigen Monolog mein Herz ausgeschüttet und alles gesagt hatte, was ich sie schon so viel früher hätte wissen lassen müssen, hatte sie sich wider meines Erwartens sofort dazu bereit erklärt, ein klärendes Gespräch zu führen.
Zwar lag diese wirklich anstrengende Phase der Annäherung und Versöhnung nun schon eine ganze Weile hinter uns, doch Dinge wie eine angeknackste Freundschaft brauchten eben seine Zeit.
Doch die hatten wir ja. Zum Glück.
Wofür ich Mia allerdings neben ihrer Vergebung mindestens genauso zu Dank verpflichtet war, war, dass sie mir durch die folgenden Wochen nach Toms nächtlichem Besuch und Bills Zusammenbruch geholfen hatte, denn ich war mir ziemlich sicher: Ohne den Beistand von ihr und meiner Mutter hätte ich es niemals geschafft.
Im Grunde war sie kaum von meiner Seite gewichen, hatte sich in der Schule um mich gekümmert, als wäre ich nicht dazu fähig, mich allein in der Welt zurechtzufinden und hatte mich so oft zu Hause besucht oder mich zu irgendwelchen Unternehmungen gezwungen, bis ich schließlich das Schlimmste überstanden hatte.
Denn das, was ich in dieser Zeit durchgemacht hatte, war definitiv das Grauenvollste, was ich in meinen jungen Jahren bisher erlebt hatte.
Mit dem Abstand, den ich mittlerweile zu den Dingen hatte, schien es jedoch nicht einmal mein gebrochenes Herz und mein angeknackstes Seelenleben gewesen zu sein, was mich in die dunkelsten Tage meines Lebens gestürzt hatte.
Vielmehr hatte ich damit zu kämpfen gehabt, in mein altes Leben zurückzufinden. Denn das war mir innerhalb der vergangenen Monate in jeder Hinsicht vollständig abhanden gekommen.
Wie bereits erwähnt: Ich wusste, dass niemand verstehen konnte, was das bedeutete, wenn er es nicht am eigenen Leib erfahren hatte. Was es bedeutete, nicht mehr in seinem eigenen Alltag zurückzufinden, den Kontakt zu Freunden und den Bezug zur Schule oder anderen Verpflichtungen, ja regelrecht den Bezug zur Realität zu verlieren. Oder zumindest zu dem, was man bis dahin für die Realität, für das wahre Leben gehalten hatte.
Ich hatte diese Erfahrung machen müssen, hatte mich – ohne es tatsächlich zu begreifen – fast vollkommen von meinem alten Leben isoliert und war in eine Welt eingetaucht, von der es mir bis zum Schluss nicht gelungen war, mich auch nur ansatzweise in ihr zurecht zu finden.
Es hatte mich viel Kraft gekostet, diese Erkenntnis zu gewinnen, konnte mir nun jedoch sicher sein, dass meine überstürzte Flucht damals die einzige Möglichkeit gewesen war, irgendwie aus dieser Sache herauszukommen. Ich wollte mir nicht ausmalen, was andernfalls womöglich noch alles geschehen wäre.
Aber was war mit Bill?
Natürlich hatte ich ihn vermisst und tat es noch immer, jeden einzelnen Tag.
Mein Herz war gebrochen, keine Frage, doch es schien fast, als wäre es mir gelungen, den entstandenen Schaden damit, dass ich selbst die Entscheidung getroffen hatte, zu gehen, verhältnismäßig gering zu halten. Jedenfalls so gering, dass ich Hoffnung hatte schöpfen können, ihn irgendwann wieder einigermaßen reparieren zu können.
Ob ich es nun tatsächlich konnte oder es mir vielleicht sogar bereits zum Teil gelungen war, wusste ich nicht.
Manchmal hatte ich das seltsame Gefühl, mich in einer Art Schwebezustand zu befinden. Irgendwo zwischen Richtig und Falsch, Ja und Nein und ganz oder gar nicht in der Luft zu hängen, in vielerlei Hinsicht. Doch was genau das letztendlich bedeutete, konnte ich nicht mit Bestimmtheit sagen.
Mias Meinung dazu hatte sich schon zur Genüge in mein Gehirn gebrannt und ich konnte nicht abstreiten, dass sie mich bei meinen Grübeleien zwangsläufig beeinflusste. Denn wenn es nach ihr ginge, sollte ich ihn vergessen. Mit dem Thema abschließen. Und dieser Welt, die mich um ein Haar um mein eigenes Ich gebracht hätte, ein für alle Mal den Rücken kehren.
Dass das um einiges leichter gesagt als getan war, lag wohl auf der Hand. Und da ich noch nie sonderlich gut darin gewesen war, mir selbst etwas vorzumachen, wusste ich im Grunde längst, dass mir das nicht gelingen würde. Und wenn ich ganz ehrlich mit mir war – wollte ich es denn überhaupt?
Solange ich diese Frage nicht eindeutig verneinen konnte, waren alle Bemühungen ohnehin umsonst.
Um dafür jedoch etwas Anderes umso klarer zu stellen: Seit ich meinen Kopf aus der Schlinge gezogen und vor dem großen Dilemma einfach davongerannt war, hatte Bill nicht ein einziges Mal den Versuch unternommen, Kontakt zu mir aufzunehmen. Ganz so, wie ich es in meiner Bitte an seinen Bruder gewollt hatte.
Natürlich kam ich nicht umhin, mich immer wieder zu fragen, ob ich es nun einzig und allein Tom zu verdanken hatte, dass Bill sich an das hielt, was ich für die einzig richtige Lösung gehalten hatte, oder ob er vielleicht doch von ganz allein zu der Einsicht gelangt war, dass alles andere einfach keinen Sinn mehr machte.
Wie auch immer es sich letztendlich zugetragen hatte – wenn ich es mir eingestand, hätte ich niemals gedacht, dass es uns gelingen würde, es einfach so enden zu lassen.
Sicherlich konnte ich nicht wissen, wie leicht oder schwer es Bill gefallen war, mich im übertragenen Sinne tatsächlich „gehen“ zu lassen, doch offensichtlich war: Er hatte es getan.
Seit wir uns das letzte Mal gesehen hatten, war inzwischen über ein Vierteljahr vergangen. Und in dieser Zeit war so einiges passiert.
Ich hatte das unbesinnlichste Weihnachtsfest und das betrübteste Silvester aller Zeiten hinter mich gebracht und darüber hinaus den wohl schlimmsten und unspektakulärsten 18. Geburtstag erlebt, den ein junger Erwachsener nur erleben kann. Doch irgendwie war das alles auf gewisse Art und Weise relativ bedeutungslos an mir vorübergezogen und mittlerweile hatte ich diese kleinen und großen Tiefschläge immerhin so gut verkraftet, dass ich gelernt hatte, sie zu akzeptieren und daran zu denken, dass solche Dinge noch lange nicht das Ende der Welt bedeuteten.
Ja, seit mein Leben langsam wieder in geregelten Bahnen verlief, hatte sich so einiges verändert. Denn die Welt drehte sich nun einmal weiter, ganz egal, was auch geschehen mochte.
Man musste weitermachen. Irgendwie. Das war das wichtigste.
»Bist du mir böse, wenn ich nachher schon ein bisschen früher verschwinde?«, fragte Mia vorsichtig, als wir uns im Wohnungsflur angekommen aus unseren dicken Jacken schälten.
Ich schüttelte den Kopf.
»Nein, natürlich nicht. Hast du noch was vor?«
Mias Lippen verformten sich zu einem verlegenen Lächeln und auf ihre Augen legte sich ein leicht schimmernder Glanz.
»Oh, okay, alles klar, ich verstehe schon«, lachte ich und nahm meiner Freundin ihre Jacke aus der Hand, um sie zusammen mit meiner eigenen an der Garderobe aufzuhängen.
»Brauchst gar nicht weiterzureden. Ich hab schon kapiert.«
Ich wusste sofort, was, oder besser gesagt, wer dafür verantwortlich war, dass die Gedanken an ihn der sonst so taffen Mia doch tatsächlich eine leichte Schamesröte ins Gesicht trieben.
Sein Name war Steve, er war zweiundzwanzig und arbeitete in der Videothek, in der meine Freundin sich in den vergangenen Sommerferien ihr Taschengeld ein wenig aufgebessert hatte.
Wie ich nun wusste, hatte ich ihn bereits damals bei der kleinen Feier im Park als Mias männliche Begleitung kennen gelernt. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich längst etwas zwischen den beiden entwickelt, allerdings war Steve damals in einer festen Beziehung gewesen, weshalb es noch einige Zeit gedauert hatte, bis er sich endgültig für Mia hatte entscheiden können.
Seit eineinhalb Monaten waren die beiden nun fest zusammen und ich war überzeugt, meine Freundin noch nie so wahrhaftig verliebt gesehen zu haben, wie sie es in diesen fast fünf Jahre älteren Mann zu sein schien.
Doch ich dachte gar nicht daran, ihr da in irgendeiner Weise ins Gewissen zu reden. Seit ich sie kannte, hatte sie noch nie etwas mit gleichaltrigen Jungs anfangen können und solange ich sie so glücklich erlebte, wie es momentan unübersehbar der Fall war, konnte an der ganzen Sache ja wohl kaum etwas verkehrt sein.
»Nur, wenn es dir echt nichts ausmacht«, beteuerte Mia, während sie mir ins Wohnzimmer folgte.
Ich war bereits im Begriff, ihr zu versichern, dass es mir selbstverständlich nichts ausmachte, als mein Blick auf den Esstisch fiel, auf dessen dunkler Holzplatte ein einsamer, schneeweißer Briefumschlag lag und blieb so ruckartig stehen, dass Mia mich fast über den Haufen rannte.
»Ey!«, beschwerte sie sich und trat dann an meine Seite.
Deutlich spürte ich ihren irritierten Blick auf meinem Gesicht, nur, um eine Sekunde später aus dem Augenwinkel zu sehen, wie sie mit dem Kopf der Richtung folgte, in die ich vollkommen starr und gebannt blickte.
Auf der Rückseite des Umschlags stand kein Absender. Neben der kleinen Briefmarke in der rechten oberen Ecke waren lediglich mein Name und meine Adresse auf dem weißen Papier vermerkt worden. Bereits der erste, flüchtige Blick hatte ausgereicht, um die schräg stehende, schwungvolle und unverwechselbare Mischung aus Druck- und Schreibschrift zu erkennen.
»Ein Brief für dich?«, erkundigte Mia sich so beiläufig, als wäre es das Alltäglichste von der Welt.
Wortlos machte ich einen Schritt auf den Esstisch zu und nahm dabei nur zu deutlich war, wie die äußeren Konturen meines Blickfeldes verschwammen und der Boden unter meinen Füßen sich plötzlich merkwürdig nachgiebig anfühlte.
Als meine Fingerspitzen den Umschlag berührten, zog sich etwas tief in meiner Magengegend unangenehm zusammen, doch ich schluckte die aufschäumenden Gefühle so gut es ging herunter und überwand mich, den Brief in meine bebenden Hände zu nehmen.
»Hey, von wem –?«
Mitten in ihrer Frage hielt Mia inne und ich bildete mir ein, förmlich hören zu können, wie sich die Zahnräder in ihrem Kopf ineinander schlossen.
»Heilige Scheiße. Ist der von Bill?!«
Ich brachte es nicht fertig, ihr zu antworten, so sehr ich es auch gewollt hätte.
Nein, ich wollte nicht, dass es mir die Sprache verschlug, meinen Hals austrocknete und mir den Boden unter den Füßen wegriss. Doch genau das geschah gerade mit mir. Und ich hatte nicht die geringste Chance, etwas dagegen zu tun.
Mit starrer Miene zog ich einen der Stühle zurück und setzte mich, jedoch ohne den Blick auch nur für eine Sekunde von dem Briefumschlag in meiner Hand abzuwenden.
Wie mit Watte auf den Ohren hörte ich, dass Mia ebenfalls einen Stuhl zurückschob und sich mir schräg gegenüber niederließ.
Eine Weile saßen wir schweigend da, in der ich nach wie vor stumm den Brief betrachtete und versuchte, meine Gefühle in irgendeiner Weise unter Kontrolle zu bekommen. Ohne Erfolg.
»Willst du ihn nicht aufmachen?«, flüsterte meine Freundin irgendwann so zaghaft und verschüchtert, wie ich es überhaupt nicht von ihr kannte.
»Oder … möchtest du dabei lieber alleine sein? Ich kann auch gehen, ist gar kein – «
»Nein«, schnitt ich ihr mit heiserer Stimme das Wort ab und griff hastig nach ihrer Hand.
Dann gelang es mir endlich, den Blick zu heben und sie anzusehen. Ihr betroffenes Gesicht schnürte mir fast die Luft ab.
»Nein, bitte bleib.«
»Okay, ist gut«, flüsterte sie, nickte heftig und drückte wie zur Bekräftigung meine eiskalten Finger.
»I-Ich kann ihn nicht aufmachen«, presste ich daraufhin unter größter Anstrengung hervor.
Meine Augen hatten sich längst wieder an den weißen Umschlag geheftet.
»Doch, tust du«, widersprach Mia entschieden. »Ich bin bei dir, okay? Es kann gar nichts passieren.«
Wenn du wüsstest, dachte ich verzweifelt. Es konnte sogar eine ganze Menge passieren. Zum Beispiel, dass meine mühevoll wieder zusammengeflickte Welt mit einem Schlag erneut in tausend Scherben zerspringen würde.
»Ich hab Angst«, flüsterte ich fast lautlos. »Was, wenn er …? Oh Gott.«
»Hey«, hauchte meine Freundin und strich mir mit ihrer freien Hand nachdrücklich über den Arm. »Es ist nur ein Brief. Er lässt dir die Wahl. Du musst ihn nicht lesen, hörst du?«
War das eine Option? Ich kannte die Antwort längst: Nein.
»Würdest … würdest du ihn aufmachen?«, fragte ich wimmernd und senkte die Lider, während ich den Brief auf den Tisch legte und dann die Hand wegzog, als wäre er verseucht mit einer tödlichen Krankheit. »Ich glaub, ich kann’s wirklich nicht.«
Einen Augenblick musterte Mia mich prüfend, als rechnete sie damit, dass ich es mir jeden Moment wieder anders überlegen könnte. Dann griff sie zögernd nach dem Brief und öffnete ihn vorsichtig.
Das Geräusch, welches das zusammengefaltete Papier verursachte, als meine Freundin es behutsam aus dem Umschlag zog, ließ mein Herz für den Bruchteil einer Sekunde aussetzen.
Verzweifelt wendete ich den Blick ab. Ich konnte nicht hinsehen.
»Soll ich … ihn vorlesen?«, fragte Mia, nachdem sie den Brief einige Sekunden in den Händen gehalten hatte.
Darüber dachte ich einen Augenblick nach. Dann nickte ich und brachte unter größter Anstrengung ein fast lautloses »Ja« hervor.
»Okay.«
Für einen kurzen Moment schien mich die Stille im Zimmer fast zu erdrücken. Dann endlich räusperte Mia sich leise und begann zu lesen.