Kapitel 51: Zerrissen
Wie versteinert saß ich im Schneidersitz auf Bills Bett, den Rücken an das massive Kopfteil aus dunklem Mahagoniholz gelehnt, und starrte die Zimmerwand an.
Der Raum war unglaublich schön und stilvoll eingerichtet und es war schon seltsam, denn auch von Bills Zimmer glaubte ich, es mir in meiner Fantasie immer vollkommen anders ausgemalt zu haben, konnte mich jedoch jetzt, wo ich es sah, beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, wie.
Das einzige, was ich wusste, war, dass es zu ihm passte. Es war bei weitem kein klischeehaftes Männerzimmer, dennoch hatte es ebenso wenig etwas sonderlich Frauentypisches an sich. Abgesehen von dem riesigen Kleiderschrank natürlich, von dem ich mir trotz seiner unfassbaren Größe dennoch ziemlich sicher war, dass Bill dort unmöglich seine gesamte Kleidung aufbewahren konnte. Viel mehr vermutete ich stark, dass sich hinter einer der beiden Türen, die nicht ins Badezimmer führte, noch ein Ankleideraum oder so etwas in der Art befinden musste.
Ansonsten wirkte das Zimmer trotz seiner Behaglichkeit nicht sonderlich bewohnt. Alles war aufgeräumt, nichts lag oder stand herum. Nicht, dass Ordnung zwangsläufig etwas mit Leblosigkeit zu tun haben musste, doch das Chaos, das für gewöhnlich in Bills Hotelzimmern herrschte, wenn er von einem Termin zum nächsten hetzte, hatte ich oft genug gesehen, als das ich glauben könnte, dass es in seinen eigenen vier Wänden anders sein würde. Wenn er denn oft genug hier wäre.
Ich wollte gar nicht wissen, wie wenig Zeit die vier Jungs in den letzten Jahren tatsächlich am Stück zu Hause gewesen waren. Darüber durfte man als Normalsterblicher auch überhaupt nicht nachdenken, weil man sich sowieso nicht vorstellen konnte, wie wenig es sein musste.
Andererseits hatte Tom mir vorhin doch erzählt, dass die Band seit dem verhängnisvollen Zeitungsbericht so gut wie keinen Termin mehr wahrgenommen hatte, was bedeutete, dass Bill und Tom ihre „freie“ Zeit folglich hier in Hamburg in ihrem Haus verbracht haben mussten.
Es konnte natürlich auch sein, dass Bill in seinen eignen vier Wänden doch so etwas wie einen geheimen Drang nach akribischer Sauberkeit und Ordnung hegte. Oder aber … Ob die beiden Hausangestellte hatten? Das würde dann natürlich so einiges erklären.
Ich schreckte aus meinen Gedanken auf, als Bill neben mir ein leises Keuchen von sich gab. Unter seinen Lidern bewegten sich seine Augen unruhig hin und her, doch er schlief tief und fest, das konnte ich an seinen schweren Atemzügen hören.
Eine Weile betrachtete ich sein Gesicht.
Tom hatte nicht übertrieben: Bill sah unglaublich mitgenommen aus. Unter seinen Augen zeichneten sich tiefdunkle Schatten ab, die Wangenknochen traten deutlich stärker hervor als sonst, seine Gesichtshaut wirkte blass und unrein und seine verstrubbelten Haare machten unverkennbar den Eindruck, als wären sie seit einigen Tagen weder mit Wasser, noch mit Shampoo in Berührung gekommen.
Gut, hinzu kam natürlich, dass sein Körper sich soeben eigenständig von einer mittelschweren Alkoholvergiftung geheilt hatte, doch ich wagte zu bezweifeln, dass ihm die Idee, allein zweieinhalb Weinflaschen in sich hineinzuschütten, gekommen war, weil es ihm so gut ging.
Nein, es ging ihm ganz und gar nicht gut und egal, was Tom und mein Verstand mir mit aller Macht einzureden versuchten: Ich fühlte mich so schuldig, dass ich es kaum aushielt.
Unwillkürlich verzog ich das Gesicht und schluckte angestrengt, da der dicke Kloß in meinem Hals einfach nicht verschwinden wollte – und das, obwohl seit meinem Zusammenbruch an der Badezimmertür keine einzige Träne mehr meine Augen verlassen hatte.
Nie, und erst recht nicht nach den letzten, mehr als tränenreichen Tagen, die hinter mir lagen, hätte ich es für möglich gehalten, doch nun hatte ich den leibhaftigen Beweis, dass es wahr war: Ich hatte keine Tränen mehr.
Stattdessen fühlte ich mich ausgetrocknet und leer und dazu noch beängstigend gefühllos, seit ich hier neben dem schlafenden Bill saß und wie betäubt auf irgendeine Art von Erlösung wartete.
Sicherlich saß ich auch hier, um an seiner Seite und für ihn da zu sein, falls es ihm wieder schlechter gehen sollte. Allerdings hatte er sich vorhin im Bad noch zwei weitere Male übergeben, bevor ich mich halbwegs beruhigt hatte und wieder zu ihm gegangen war, um ihm bei dem Weg in sein Bett behilflich zu sein, doch eigentlich quälte mich seine Nähe im Augenblick so sehr, dass ich längst das Weite gesucht oder immerhin dieses Zimmer verlassen hätte – wenn mich nicht etwas Entscheidendes daran gehindert hätte: meine entsetzlichen Schuldgefühle.
Einen Moment vertrieb ich mir die Zeit damit, nervös meine Hände zu kneten, bevor ich fast fluchtartig aufstand und ins Badezimmer hinüberging.
Vor dem Waschbecken stehend wanderte mein Blick wie automatisiert kurz zu dem großen, ovalen Spiegel, nur, damit ich mit Schrecken feststellen konnte, dass ich nicht viel besser aussah, als Bill – wenn das nicht sogar noch untertrieben war.
Auch ich hatte tiefe, dunkle Ringe unter den Augen. Das Bisschen Mascara, das ich trug, war verwischt und zerlaufen und meine Lippen waren spröde und hatten fast denselben Farbton wie mein Gesicht, welches bis auf ein paar rote Flecken auf Wangen und Stirn so blass war, wie ich es schon lange nicht mehr gesehen hatte.
Gott, was hatten wir getan? Was hatten wir uns angetan? Es hätte doch wirklich niemals soweit kommen müssen.
Nachdem ich die Make-up-Reste von meinen Augen entfernt und mir mit den Händen ein wenig kaltes Wasser ins Gesicht gespritzt hatte, kehrte ich fast widerwillig zu Bills Bett zurück.
Vorsichtig legte ich mich komplett bekleidet auf die Bettwäsche, schaute eine Weile unbewegt an die Zimmerdecke, rückte ein Stück näher an Bill heran, rutschte wieder weg, bis an den äußersten Rand der Matratze, drehte mich nach rechts und dann wieder nach links und gab schließlich mit einem tiefen Seufzer auf.
Es brachte nichts. An Schlafen war nicht zu denken. Und im Grunde war es dafür auch schon längst zu spät, immerhin schien bereits seit gut einer halben Stunde die aufgehende, rot-goldene Herbstsonne durch das Fenster zu uns herein.
Ja, es sah ganz so aus, als würde es ein schöner Tag werden. Zumindest für die vielen anderen Menschen auf dieser Welt. Aber nicht für uns.
Wie sollten wir nur weitermachen?
Immerhin konnte ich mir nun so gut wie sicher sein, dass Bill spätestens in ein paar Stunden – wenn er wieder einigermaßen zurechnungsfähig war – wohl auch endlich einsehen würde, dass es so jedenfalls nicht weitergehen konnte.
Doch würde ich es so lange aushalten können? Ich wusste es nicht. Ich wusste eigentlich überhaupt nichts mehr.
Würden wir einen Weg finden? Oder war die Situation dafür schon längst viel zu verfahren? Würden wir es überhaupt schaffen, vernünftig darüber zu sprechen? Oder waren unsere Gedanken und Gefühle im Bezug auf den riesigen Scherbenhaufen, vor dem wir standen, mittlerweile vielleicht schon längst so weit auseinandergedriftet, dass wir nicht mehr imstande sein würden, in irgendeiner Art und Weise aufeinander zuzugehen?
War das das Ende?
Ich wagte es nicht, mir diese Frage wahrhaftig zu stellen und doch huschte sie immer und immer wieder wie ein dunkler, unheilvoller Schatten an meinem inneren Auge vorbei.
Ja, ich hatte eintausend Fragen und ja, mir war durchaus bewusst, dass ich sie Bill nicht würde stellen können. Nicht jetzt, aber auch nicht in ein paar Stunden oder Tagen.
Ich würde sie nicht über die Lippen bringen. Viel zu groß war die Angst davor, dass er mir wieder keine Antworten geben oder mich gar anlügen würde. Ja, auch damit rechnete ich mittlerweile, auch, wenn er es bisher meist vorgezogen hatte, über die Dinge zu schweigen, als mir tatsächlich irgendwelche Lügen aufzutischen.
Doch wo lag eigentlich der Unterschied?
Egal, wie man es drehte und wendete – am Ende hatte er es nicht fertig gebracht, ehrlich zu mir zu sein. Mir zu vertrauen. Nein, das hatte er bis heute nicht geschafft. Jedenfalls nicht so, wie ich es brauchte.
Im Grunde hätte ich es wissen müssen. Er hatte es mir gesagt. Immer und immer wieder. Hatte mir seine Befürchtungen so oft vor Augen geführt, dass ich sie schon fast nicht mehr hatte hören können. Wenigstens in diesem Punkt war er imstande gewesen, mit mir über seine Gefühle zu sprechen.
Auch, wenn es augenblicklich vielleicht den Anschein machte – natürlich gab ich Bill ganz bestimmt nicht die alleinige Schuld an allem. Womöglich war mein Anteil sogar noch größer, als es momentan den Anschein machte. Womöglich … hatte ich genauso viele Fehler gemacht.
Mittlerweile hatte ich mich wieder aufgesetzt und bemerkte plötzlich, dass mein Blick erneut zu Bills Kopf hinuntergewandert war.
Er lag auf der Seite, das blasse Gesicht in meine Richtung gewandt. Natürlich.
Konnte es sein, dass man sich zu jemandem so unfassbar stark hingezogen fühlen konnte und es zugleich kaum aushielt, in seiner Nähe zu sein? Falls ja, dann war dieses Gefühl genau das, was mich in diesem Augenblick förmlich zu zerreißen schien. Denn welche Seele war schon in der Lage, solch einem emotionalen Widerspruch auf Dauer standzuhalten?
Auf einmal begann mein Herz, wieder einmal laut gegen meine Brust zu hämmern.
Ja, es zerriss mich. Jetzt gerade. Genau in diesem Augenblick.
Ich wusste, es würde nicht weitergehen. Auf unserem mehr als steinigen Weg waren wir nun an der höchsten Mauer von allen angekommen. Und diese Mauer würden wir weder überwinden, noch zum Einsturz bringen können, egal, wie sehr wir uns auch anstrengen würden.
Ob nun tatsächlich allein der Umzug diese unüberwindbare Mauer darstellte, oder sie sich noch aus tausend anderen kleinen Hindernissen zusammensetzte, denen wir auf Dauer nicht gewachsen waren, das konnte ich momentan nicht mit Bestimmtheit sagen. Doch am Ende spielte es auch keine Rolle, denn am Ende konnte ich gar nicht anders, als auf mein Gefühl, mein Herz zu hören. Und mein schmerzendes, geschundenes Herz sagte mir mehr als deutlich, dass der Weg hier nicht weiterführte.
Da konnte ich allerdings nur für mich sprechen. Schließlich wusste ich nicht, wie Bill mittlerweile über all das dachte – obwohl ich die Hoffnung im Grunde längst aufgegeben hatte, es jemals zu erfahren. Ich hatte einfach keine Kraft mehr, daran zu glauben.
Und dann erwachte ich aus meiner lähmenden Ohnmacht, aus meiner tauben Gefühllosigkeit, in der ich glaubte, mir absurderweise doch über so einiges klar geworden zu sein.
Noch während ich aufstand, den Raum verließ, die Tür hinter mir schloss, so lautlos wie möglich die Treppe hinunter stieg und auf Zehenspitzen in den Flur zu meiner Tasche schlich, wusste ich bereits, was mich erwarten würde.
Dennoch unternahm ich den Versuch, mein Handy einzuschalten, nur um gleich darauf feststellen zu müssen, dass ich bei der nächtlichen Abreise vor ein paar Stunden nicht daran gedacht hatte, wenigstens noch einmal den Akku aufzuladen, wenn ich schon kein Guthaben mehr zur Verfügung hatte.
Weil ich aber ohnehin damit gerechnet hatte, dass man es mir auch in dieser Situation wieder einmal alles andere als leicht machen würde, hatte ich bereits einen Plan B und so hängte ich mir meine Tasche über die Schulter und machte mich auf die Suche nach Bills Handy.
Im Wohnzimmer wurde ich fündig, ließ mich im Licht der morgendlichen Dämmerung auf dem Sofa nieder und konnte nicht anders, als das Telefon für einen Moment fast andächtig in den Händen zu halten.
Selbstredend fühlte ich mich alles andere als gut bei dem, was ich gerade im Begriff war zu tun, doch ich hatte einfach keine Wahl.
Der Touchscreen des iPhones bereitete mir zuerst ein wenig Schwierigkeiten (ja, mein Handy besaß im Gegensatz zu den ganzen neumodischen Dingern tatsächlich noch so etwas wie eine richtige Tastatur), doch schließlich fand in den Untiefen der ganzen Menüs und Funktionen, wonach ich suchte.
Unpraktischerweise konnte ich die Nummer meiner Mutter nicht auswendig, weshalb ich bei uns zu Hause anrief und stumm ein Stoßgebet nach dem anderen gen Zimmerdecke schickte, dass sie dort war.
Ich spürte, dass ich am ganzen Körper bebte, als ich das Handy an mein Ohr hielt und mit angehaltenem Atem wartete, dass der nervtötende Piepton endlich verstummte.
»Hallo?«, meldete sich meine Mutter, unverkennbar mit einem leisen Hoffnungsschimmer in der Stimme.
So sehr ich mich ihre ständige Angst und Besorgnis für gewöhnlich auch zur Weißglut brachte – in diesem Augenblick hätte es nichts auf der Welt geben können, was mich mehr erleichtert hätte.
»Mama?«
»Emma! Um Himmels willen, wo –?«
»Psst, Mama, nein, bitte, du musst mir zuhören, okay?«, flehte ich sie flüsternd an.
Ich wusste, dass ich ihre Sorgen mit meiner Wortwahl wahrscheinlich nur noch größer machen würde, doch darauf konnte ich jetzt wirklich keine Rücksicht nehmen.
Kurz lauschte ich, ob sie meiner Bitte tatsächlich nachging. Alles, was ich am anderen Ende der Leitung hören konnte, war ihr lauter, aufgeregter Atem. Scheinbar das Zeichen dafür, dass sie tatsächlich bereit war, mir zuzuhören.
»Es tut mir so leid, Mama. Ich weiß, ich hab dir versprochen, dass ich heute wieder in die Schule gehe aber ich … ich bin in Hamburg, bei Bill und Tom. Es geht mir gut, es ist alles okay, ehrlich, aber ich habe kein Geld mehr auf meinem Handy und der Akku ist auch leer, deswegen rufe ich von Bills Telefon an. Kannst du mir bitte einen Gefallen tun?«
Ich interpretierte das Schweigen, das ich als Antwort erhielt, als Zustimmung.
»Könntest du dich bitte an den Computer setzen und im Internet die Nummer von einem Hamburger Taxiunternehmen und danach die Abfahrtszeit von dem nächsten Zug nach Berlin raussuchen?
»Aber ich …«, begann meine Mutter kleinlaut und fast so, als wäre sie vor lauter Hilflosigkeit den Tränen nah. »Ich kenne mich doch damit gar nicht aus! Ich weiß gar nicht, wie man – «
»Ich bleibe dran und sage dir, was du machen musst, okay? Bitte Mama, versuch es. Du musst dir wirklich keine Sorgen machen, aber ich … ich kann nicht länger hier bleiben.«
»Also geht es dir doch nicht gut«, schlussfolgerte meine Mutter vorwurfsvoll. »Himmel, Kind, jetzt sag mir doch endlich, was passiert ist!«
Mit zugeschnürter Kehle schüttelte ich den Kopf.
»Das geht jetzt nicht. Ich erklär dir alles später, versprochen. Aber ich will erstmal nur nach Hause, ja?«
»Ich kann dich doch auch abholen kommen!«, rief sie plötzlich so laut, dass ich schon im Begriff war, das Handy ein Stück von meinem Ohr weg zu halten.
»Mama«, widersprach ich und schloss verzweifelt die Augen. »Du kannst jetzt nicht hierher kommen. Erstens dauert das viel zu lange und zweites hast du nicht mal ein Navi. Wie willst du da jemals die Adresse finden? Bitte, mach einfach, was ich gesagt habe, in Ordnung?«
»Ich … Na gut«, lenkte meine Mutter völlig aufgelöst und überfordert ein und ich konnte hören, wie sie sich durch unsere Wohnung bewegte und sich dann auf den leise quietschenden Polsterstuhl vor ihrem Schreibtisch niederließ.
»Okay. Was muss ich machen?«
Irgendwie gelang es mir tatsächlich, meine Mutter per Telefon mehr recht als schlecht durch die unendlichen Weiten des Internets zu lotsen und beendete das Gespräch dann anschließend, indem ich sie kaum noch einmal zu Wort kommen ließ, ihr eindringlich zuredete, dass sie sich keine Sorgen machen sollte und mich in spätestens drei Stunden am Hauptbahnhof abholen konnte.
Bevor ich Bills Handy sorgfältig wieder auf den Couchtisch zurücklegte, rief ich noch bei dem Taxiunternehmen an, dessen Nummer meine Mutter ausfindig gemacht hatte und bestellte einen Wagen in die Straße, aus der Tom und ich – wie ich mich glücklicherweise noch erinnerte – vorhin in die eingebogen waren, in welcher sich das Haus der beiden in Wahrheit befand.
Nur eine Vorsichtsmaßnahme. Den Weg bis dorthin würde ich wohl gerade noch zu Fuß zurück finden.
Zurück in der oberen Etage des Hauses ging ich nach einem kurzen Blick auf die drei weiteren Zimmertüren auf die zu, welche am anderen Ende des Flures lag und einen Spalt weit offen stand.
Wie ich vermutet hatte, handelte es sich bei dem dahinter liegenden Raum um Toms Zimmer und obwohl mir mein Verstand sagte, dass ich nun doch langsam eindeutig etwas zu leichtsinnig wurde, schob ich die Tür vorsichtig zur Seite und riskierte einen Blick.
Tom lag in seinem Bett und schlief, die Lampe auf seinem Nachtisch brannte. Er trug noch immer dieselben Klamotten, mit denen er vor einigen Stunden vor meiner Wohnungstür gestanden hatte.
Nachdem er sich vorhin – leicht unter Schock stehend, wie ich vermutet hatte – einfach verdrückt hatte, während ich Bill dabei geholfen hatte, dass sein Körper die Unmengen an Alkohol wieder loswerden konnte, war er noch einmal kurz wiedergekommen. Allerdings hatte Bill zu diesem Zeitpunkt schon geschlafen und so hatten wir nur einen kurzen, stummen Blick getauscht, bevor er wieder verschwunden war.
Erleichterung machte sich in mir breit, als mir klar wurde, dass er zumindest so tief schlief, dass er mir bei meinem Vorhaben keinen Strich durch die Rechung machen würde, denn wenn er mich bis jetzt nicht gehört hatte, standen die Chancen gut, dass ich das Haus tatsächlich unbemerkt würde verlassen können.
Trotzdem ließ mein Gewissen nicht zu, dass ich einfach so ging, ohne nicht wenigstens Tom noch eine kurze Nachricht zu hinterlassen, wenn ich es schon vor lauter Zerrissenheit nicht fertig brachte, dies bei Bill zu tun.
Ich wusste, es war nicht fair, ihn so im Ungewissen zu lassen und einfach zu verschwinden, aber … Ja, ich brauchte es wohl kaum noch einmal zu sagen: Ich konnte einfach nicht anders.
Mit dem Kugelschreiber in der Hand, den ich immer in meiner Tasche bei mir trug, hockte ich mich im Türspalt auf den Boden und kritzelte in meiner kleinsten Schrift und so knapp wie möglich das auf das halb zerknüllte Stück Papier, auf dessen Rückseite ich mir die Nummer des Taxis notiert hatte, was ich glaubte, Tom noch wissen lassen zu müssen.
[i]Tom,
es tut mir leid, aber ich halte es hier nicht mehr länger aus.[/i] Ich weiß, du hast es nur gut gemeint, mich hier er zu bringen, und dafür will ich mich bei dir bedanken. Aber ich kann nicht mehr länger darauf warten, dass Bill mir endlich die Antworten gibt, die ich schon so lange brauche, und außerdem glaube ich einfach, dass es dafür sowieso schon seit einiger Zeit zu spät ist.
Falls er nicht nach mir fragen sollte, weil ich nämlich glaube, dass er gar nicht wahrgenommen hat, dass ich da war, dann sag ihm bitte auch nichts davon. Und wenn er sich doch erinnern sollte, dann zeig ihm bitte nicht diesen Zettel und sag ihm nur, dass er nicht versuchen soll, mit mir Kontakt aufzunehmen. Ich glaube, ich muss mir dringend über ein paar Dinge klar werden, und dafür brauche ich einfach Zeit und Abstand.
Ich weiß, ich verlange viel von dir und wahrscheinlich kann ich kaum darauf hoffen, dass du dich daran hältst, um was ich dich bitte. Aber etwas anderes fällt mir gerade auch nicht ein. Ich weiß im Moment einfach nicht mehr weiter und deshalb ist das hier gerade mein einziger Ausweg.
Vielleicht ergibt das ja alles irgendwie irgendwann einen Sinn.
Danke für alles.
Emma
Mit einem wachsamen Blick Richtung Bett schob ich den Zettel auf dem Boden so weit wie möglich ins Zimmer hinein. Das musste reichen, damit Tom ihn finden würde, wenn er aufwachte. Mehr konnte ich beim besten Willen nicht riskieren.
Der Rückweg zur Treppe und hinunter in den Flur fiel mir dann doch um einiges schwerer, als ich erwartet hatte.
Zwar war es mir gelungen, an Bills Tür vorbeizugehen, ohne sie eines Blickes zu würdigen oder gar noch einmal in Versuchung zu geraten, das Zimmer zu betreten, doch die Tatsache, dass ich aufgrund der ungünstigen Kombination aus Schlafmangel und absolut überstrapazierten Nerven mehr als wackelig auf den Beinen war, machte es mir nicht gerade leicht, so leise wie nur irgend möglich Stufe für Stufe hinter mir zu lassen.
Obwohl ich sicher war, bei meinem unsicheren Abstieg lange nicht laut genug gewesen zu sein, um einen der Zwillinge geweckt zu haben, beeilte ich mich unten angekommen, mir Schuhe und Jacke anzuziehen und schließlich durch die Haustür nach draußen zu treten.
Als ich wenige Sekunden später das Grundstück verließ und die von Büschen und Bäumen verborgene Auffahrt hinunterlief, spürte ich eine Leere, wie ich sie in meinem ganzen bisherigen Leben noch nicht empfunden hatte.
Ich wusste nicht, ob sie mich erleichterte, oder mir doch so starke Schmerzen bereitete, dass ich sie schon gar nicht mehr als solche wahrnahm. Allerdings war mir dafür sehr wohl bewusst, wo diese undefinierbare Leere herrührte: Etwas in mir war tatsächlich zerrissen, als ich die Villa verlassen hatte und fast fühlte es sich so an, als hätte ich ein Stück von mir dort zurückgelassen.
Bedeutete das womöglich, dass ich mich irrte? Dass das hier doch nicht das Ende war?
Vielleicht. Mit dieser Antwort musste ich mich wohl vorerst zufrieden geben.
Das trübe Morgenlicht der Novembersonne legte sich auf mein Gesicht, während mich meine Beine wie von allein die asphaltierte, menschenleere Straße hinunter trugen. Und als an ihrem Ende neben dem Straßenschild ein blassgelbes Auto in Sicht kam, wollte ich nur noch eins: endlich nach Hause.