Kapitel 45: Schlechte Freundin
Am Montagmorgen fühlte ich mich, als würde ich aus einer Totenstarre erwachen.
Allerdings erwachte ich nicht von allein, da ich den Wecker gar nicht erst hörte und meine Mutter mich schließlich zwanzig Minuten, bevor mein Bus zwei Straßen von unserem Haus entfernt abfahren würde, unsanft aus dem Schlaf reißen musste.
»Emma, du hast verschlafen! Steh auf!«
Obwohl mich ihre laute, aufgebrachte Stimme eigentlich um einiges wacher hätte machen müssen, war ich kaum dazu imstande, die Augen zu öffnen. Eigentlich war es absurd, dass ich überhaupt verschlafen hatte, immerhin hatte ich den gesamten gestrigen Tag dösend in meinem Bett verbracht, weil ich nicht gewusst hatte, was ich sonst mit mir hätte anfangen sollen.
Im Grunde war Schlafen das einzige, was man tun konnte, wenn es einem so schlecht ging, dass einen selbst das Dasitzen-und-die-Wand-anstarren schon überforderte. Zwar arbeitete das Gehirn im Schlaf bekanntlich weiter, doch immerhin bekam man davon, wenn man Glück hatte, relativ wenig mit.
Hätte ich auch nur im Entferntesten geahnt, was mich an diesem grauen, verregneten Tag Anfang November erwarten würde – ich wäre mit hundertprozentiger Sicherheit nicht aufgestanden und hätte mich stattdessen wahrscheinlich bis an mein Lebensende unter meiner Bettdecke verkrochen.
Irgendwie schaffte ich es nach weiteren zwei Weckversuchen meiner Mutter inklusive Deckewegziehen dann aber doch, aus meinem warmen, schützenden Bett zu kriechen und den Weg ins Badezimmer zu finden. Doch schon kurz nachdem ich endlich in der Küche erschien, war abzusehen, dass ich den Bus verpassen würde und nach einer kurzen Diskussion darüber, was ich denn erst machen wolle, wenn ich später mal allein wohnte und jeden Morgen selbstständig aufstehen und zur Arbeit kommen müsse, erklärte sich meine Mutter schließlich bereit, mich mit dem Auto zur Schule zu fahren – wofür ich ihr wirklich unendlich dankbar war, denn wenn ich eines nicht ausstehen konnte, dann war es, zu spät zum Unterricht zu erscheinen, vom Lehrer mit einem mahnenden Blick bestraft und obendrein von allen angestarrt zu werden.
Als ich etwas abgehetzt und zeitgleich mit dem Vorklingeln das Innere des Schulgebäudes betrat, fiel mir dann plötzlich alles wieder ein, was ich seit meinem kleinen Zusammenbruch am Samstagabend zum wiederholten Male überraschend erfolgreich aus meinem Gehirn verdrängt hatte.
Die Fotos. Der Zeitungsartikel. Der Fernsehbericht.
Und wie ich so durch die mit Schülern verstopften Gänge des Gebäudes hastete (so schnell es eben ging), wurde ich das Gefühl nicht los, von allen Seiten angeschaut zu werden.
Natürlich entsprach dies nicht annähernd der Realität und ich wusste selbst, dass mir meine endlose Paranoia viel mehr mal wieder einen nervenaufreibenden Streich spielte.
Immerhin hatte sich an der Tatsache, dass man mein Gesicht auf den Bildern, die wahrscheinlich mittlerweile um die ganze Welt gingen, nicht erkennen konnte, nichts geändert und es konnten in der Zwischenzeit wohl schlecht neue Fotos von Bill und der blonden Unbekannten entstanden sein, ohne, dass ich etwas davon wusste.
Da der Tag mit diesem stressigen Beginn schon allein deshalb nicht unbedingt auf Besserung hoffen ließ, wunderte es mich kaum, dass Mia, als ich kurz vor dem Stundengong den Raum betrat, nicht einmal eine Begrüßung über die Lippen brachte, mich lediglich eines kurzen, abschätzigen Blickes würdigte und zu allem Überfluss die gesamten ersten beiden Unterrichtsstunden, in denen wir nebeneinander saßen, kein Wort mit mir wechselte.
Im ersten Moment war ich natürlich mehr als irritiert über ihr Verhalten, doch nachdem ich sie ein paar Mal etwas hilflos von der Seite angeschaut hatte, dämmerte es mir langsam.
Sie war wütend auf mich. Und das zu Recht. Immerhin hatte wir uns seit … Wann hatten wir uns eigentlich das letzte Mal außerhalb der Schulzeit getroffen? Wann das letzte Mal miteinander telefoniert?
Ich wusste es nicht und mir wurde ein bisschen schlecht, als mir klar wurde, was für eine schlechte Freundin ich war. Wie oft hatte ich es ihr schließlich übel genommen, wenn sie mich wegen eines Jungen versetzt, links liegen gelassen oder schlicht und ergreifend völlig vernachlässigt hatte?
Ich erinnerte mich, dass wir sogar einmal ein sehr ernstes und ausführliches Gespräch darüber geführt hatten, als ihre Männergeschichten solch eine vorrangige Stellung in ihrem Leben eingenommen hatten, dass ihr alles andere vollkommen unwichtig geworden war. Damals hatte sie sich dies selbst eingestanden, mir versprochen, in Zukunft Rücksicht zu nehmen und mir versichert, dass sie ja wüsste, dass eine beste Freundin tausendmal mehr wert wäre als irgendein Typ. Inzwischen war es in Sachen Männern bei ihr ohnehin ruhiger geworden, wobei … ich es eigentlich gar nicht so genau wusste.
Gott, wieso war mir denn überhaupt nicht aufgefallen, wie wenig Kontakt wir in letzter Zeit gehabt hatten? Das war doch gar nicht meine Art. Wie lange ich mich ihr gegenüber wohl schon so verhielt?
Ich war erleichtert, als es endlich zur Pause klingelte und ich Mias gekränkten Blicken wenigstens für ein paar Minuten entfliehen konnte. Vorsichtshalber verbrachte ich die gesamte freie Viertelstunde auf der Mädchentoilette, da ich nicht davon ausging, dass meine Freundin vorhatte, ihr eisernes Schweigen zu brechen und ich gerade wirklich nicht in der Verfassung war, mir vor allen anderen die Blöße zu geben und allein herumzustehen.
Ich kam mir ziemlich armselig vor, wie ich dort so verstohlen auf dem Klodeckel hockte und wartete, dass die Minuten verstrichen, doch immerhin hatte ich genügend Stoff zum Nachdenken, um mir die Zeit zu vertreiben.
Als es zur nächsten Stunde klingelte, musste ich all meine Überwindung aufbringen, um nicht allzu geknickt zu wirken, während ich zu unserem Tisch im Biologieraum hinüberging und mich neben einer demonstrativ in eine andere Richtung schauenden Mia niederließ. Wie erwartet sprach sie auch in dieser Stunde kein Sterbenswörtchen mit mir.
Gerade beobachtete ich gebannt die kleine Uhr über der Tafel, deren Minutenzeiger glücklicherweise nicht mehr weit vom Ende der Unterrichtsstunde entfernt war, als es leise an der Tür klopfte.
Mit einem irritierten Blick hielt Frau Klein inne und rief dann offensichtlich gereizt: »Ja bitte?«
Die Tür wurde einen Spalt weit geöffnet und zum Erstaunen aller (und zum Entsetzen unserer Lehrerin) steckte unser Direktor höchstpersönlich den Kopf ins Zimmer.
»Oh, Herr Tinge, bitte entschuldigen sie, ich – «, jappste Frau Klein mit hochrotem Kopf, doch der Direktor unterbrach sie.
»Schon gut, Frau Klein, ich wollte sie nicht stören, aber ich müsste bitte kurz mit einer ihrer Schülerinnen sprechen«, erklärte er freundlich.
Allerdings schwand sein unbekümmertes Lächeln zusehends, als er seinen Blick durch den Kurs wandern ließ. Auf einmal sah er irgendwie besorgt aus.
»Emma Kleeberg?«
Ich konnte regelrecht spüren, wie sich alle Augen auf mich richteten, auch, wenn ich selbst meinen Blick starr geradeaus gerichtet hatte. Schließlich riss ich mich zusammen, schaute ängstlich zur Tür und brachte unter großer Anstrengung ein gekrächztes »Ja?« heraus.
»Kommst du bitte kurz raus?«, fragte Herr Tinge und fügte mit einem Blick zur Uhr hinzu: »Ich denke, du kannst deine Sachen gleich mitnehmen.«
Mechanisch nickte ich, verstaute die Schulsachen ungeschickt in meiner Tasche, stand auf und verließ mit steifen Schritten und sechsundzwanzig Augenpaaren im Rücken den Raum.
»Was ist denn?«, erkundigte ich mich mit trockener Kehle, als Herr Tinge die Tür geschlossen hatte. Draußen im Flur wartete zu meiner Verwunderung seine Sekretärin auf uns.
Vollkommen verunsichert schaute ich zwischen den beiden hin und her, als ich auch nach einigen Sekunden keine Antwort bekam. Bildete ich mir das nur ein oder sahen sie mich für einen Moment tatsächlich so an, als wäre mein Anblick irgendwie etwas … Unnormales?
»Ähm …« Herr Tinge räusperte sich kurz und wechselte einen flüchtigen Blick mit der nicht weniger besorgniserregend dreinblickenden Sekretärin.
Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich vermutet, dass mir ein Schulverweis oder ähnlich Dramatisches drohte. Doch das konnte nicht sein. Ich hatte schließlich nichts angestellt oder mir irgendetwas zu Schulden kommen lassen. Aber was, um Himmels willen, war dann los? Konnte mich vielleicht endlich mal jemand aufklären?
»Emma, ich weiß nicht recht, wie ich es sagen soll, aber … vielleicht schaust du es dir einfach selber an.«
Fast verlegen kratzte der Schulleiter sich an seinem von lichtem Haar bedeckten Kopf und ließ die andere Hand in der Tasche seiner braunen Kortanzughose verschwinden.
»Eventuell kannst du uns das erklären.«
Ich folgte den beiden den Flur und zwei Treppen hinunter bis zu der großen, gläsernen Eingangstür des Gebäudes. Was ich anschließend sah, ließ mir buchstäblich das Blut in den Adern gefrieren.
Der gesamte vordere Teil des Schulhofes – der Länge nach vom Eingangstor bis nach vorn zu besagter Tür, hinter der wir standen – war voll von Menschen. Und zwar nicht von irgendwelchen Menschen. Denn sie alle hielten entweder eine Kamera oder ein Mikrofon in den Händen, reckten mit großen Augen die Hälse und redeten aufgeregt durcheinander.
Der Geräuschpegel der vielen gedämpften Stimmen schwoll um einiges an, als einer der Journalisten, der in unmittelbarer Nähe der Tür stand, plötzlich mit dem Finger in meine Richtung deutete und auf einmal sah es aus, würden die Augen aller dort draußen Stehenden nur einen einzigen Punkt fixieren, und das, obwohl diejenigen, die weiter hinten standen, wahrscheinlich gar nicht richtig erkennen konnten, wen der Reporter dort erblickt hatte.
Mich.
In meinem Kopf kreiste nur ein Wort, eine Frage, auf die ich einfach partout keine Antwort finden konnte.
Wie?
Wie hatten sie es herausfinden können?
Reflexartig drehte ich mich zu Herrn Tinge und seiner Sekretärin um. Ratlos blickten sie zurück. Natürlich, was hatte ich auch erwartet? Sie hatten schließlich keine Ahnung, was los war.
Aber wie konnten sie dann wissen, dass ich etwas damit zu tun hatte?
»Vor etwa einer halben Stunde, als nur ein paar von ihnen da gewesen waren, bin ich rausgegangen, um sie zu fragen, was sie hier wollen«, begann die Sekretärin zu erklären, als hätte sie meine Gedanken gelesen.
»Einer der Männer wollte wissen, ob eine gewisse Emma hier zur Schule ginge.« Sie hob hilflos die Hände. »Ich konnte ja nicht ahnen, dass gleich hundert von ihnen hier auftauchen!«
Ich war nicht dazu fähig, etwas zu antworten, war wie erstarrt.
»Emma!«
Mit klopfendem Herzen wandte ich mich wieder um und schaute durch das Glas der Eingangstür. Der Reporter, der mich vor wenigen Sekunden entdeckt hatte, starrte zurück und fuchtelte dann mit dem kleinen Mikrofon in seiner Hand vor der Scheibe herum.
Hatte er gerade tatsächlich meinen Namen gerufen?
»Emma!«, kam es erneut gedämpft durch die gläserne Tür und der Mund des Reporters hatte sich unverkennbar bewegt.
»Stimmt es, dass sie mit Bill Kaulitz zusammen sind?«
Im selben Augenblick ertönte die Schulklingel. Sofort war die Eingangshalle erfüllt von den Stimmen der Schüler, die aus ihren Klassenräumen strömten.
»Emma?« Ich zuckte zusammen, als die tiefe Stimme des Direktors an mein Ohr drang und er mir anschließend von hinten eine Hand auf die Schulter legte. »Was ist hier los?«
»Ich weiß es nicht«, flüsterte ich, doch mir war bewusst, dass er mich nicht gehört haben konnte, da ich es nicht einmal fertig gebracht hatte, den Kopf in seine Richtung zu drehen.
Ich konnte den Blick einfach nicht von der Eingangstür und dem, was sich dahinter abspielte, abwenden.
Im nächsten Moment waren wir umgeben von Schülern. Ihnen schien nicht entgangen zu sein, was sich hier gerade ereignete. Wahrscheinlich hatten die meisten die Masse an Journalisten auf dem Schulhof bereits längst aus den Fenstern der Unterrichtsräume gesehen.
Nicht nur um mich herum wurde es zusehends lauter. Auch draußen auf dem Hof hob sich das Stimmengewirr der Presseleute, die plötzlich auch noch anfingen, nach vorn zu drängen, sodass die, die in der ersten Reihe standen, mittlerweile schon gefährlich nah vor der Eingangstür standen.
»Emma! Was sagen sie zu den Bildern? Kennen sie Bill Kaulitz gut? Sind sie und er wirklich ein Paar?«
Möglich, dass ich es mir einbildete, doch es schien, als würden die Stimmen der Schüler um mich herum mit einem Mal bedeutend leiser werden und während mein Herz drohte, jeden Augenblick aus meiner Brust zu springen und meine Beine begannen, gefährlich zu zittern, sah ich mich um. Und diesmal war es keine Einbildung.
Sie alle starrten mich an.
Die meisten von ihnen schienen die Reporter, die inzwischen am laufenden Band irgendwelche Fragen durch die Glasscheibe brüllten, tatsächlich verstanden, oder zumindest meinen Namen herausgehört zu haben. Und so, wie ich dort inmitten der Eingangshalle stand, die Hand des Schulleiters auf meiner Schulter, die Schüler uns mittlerweile in sicherem Abstand umkreist hatten und abwechselnd uns und die Journalisten draußen anstarrten, gab es wohl auch keinen Zweifel: Es war passiert.
Es war raus. Alle wussten Bescheid. Auch, wenn viele sicherlich noch nicht sagen konnten, über was genau.
Doch sie würden es schon noch erfahren, soviel stand fest. Denn die Presse wusste es. Sie kannten meinen Namen. Mein Gesicht. Und das reichte schließlich bei weitem aus.
Plötzlich sah ich Mias Kopf inmitten der Schülermenge. Sie stand nicht weit entfernt und neben ihr hatte sich der gesamte Biologiekurs mitsamt unserer Lehrerin versammelt.
In dem Blick, den meine Freundin mir zuwarf, lagen viele unausgesprochene Sätze und eben so viele Fragen, das konnte ich selbst in dem kurzen Moment sehen, in dem wir uns anschauten. Doch sie blieb einfach regungslos stehen.
Ich wusste nicht, wieso, aber aus irgendeinem Grund hätte ich das nicht von ihr erwartet. Viel mehr hätte ich gedacht, dass sie als allererste auf mich zugerannt und mir irgendwie zu Hilfe gekommen wäre, oder mich wenigstens mit schriller Stimme mit irgendwelchen wirren Fragen überhäuft hätte.
Aber sie tat nichts von alledem. Sie stand einfach nur da und starrte mich an. Wie alle anderen.
Aber ich brauchte Hilfe. Dringend. Sie konnten doch nicht einfach alle nur wie angewurzelt dastehen und mich anstarren! Jemand musste doch etwas tun!
Oder sollte ich jetzt etwa da raus? Erwarteten sie das? Sollte ich jetzt tatsächlich durch diese Tür gehen und mich von diesen Aasgeiern auseinander nehmen und anschließend vielleicht noch tot trampeln lassen?
Mit weit aufgerissenen Augen drehte ich mich abermals zu Herrn Tinge um. Neben ihm hatte sich nun auch ein Großteil der restlichen Lehrerschaft eingefunden. Ein paar von ihnen sagten irgendetwas (vielleicht sprachen sie auch mit mir, aber ich nahm es gar nicht wahr), die meisten jedoch starrten einfach nur zurück. Und auch der Schulleiter schien mit der Situation mehr als überfordert zu sein. Ich konnte die Schweißperlen auf seiner Stirn sehen.
Plötzlich ertönte ein lautes, quietschendes Geräusch und alle Blicke lösten sich von mir und richteten sich stattdessen auf die Eingangstür, die sich von außen geöffnet hatte.
Oh nein.
Wenn ich nicht zu ihnen hinauskam … kamen sie dann etwa zu mir herein?
Zumindest schien diese Entwicklung der Ereignisse dafür zu sorgen, dass sich Herr Tinge und einige der männlichen Lehrer endlich dazu berufen fühlten, etwas zu unternehmen.
Lautstark brüllend stürzten sie nach vorn und die Schüler drängten beiseite, um sie durchzulassen, während sich bereits die ersten Journalisten durch die offene Eingangstür Zutritt zum Foyer verschafften.
Doch dies war ein Verstoß gegen die Schulregeln, schließlich waren schulfremde Personen bekanntlich nicht dazu befugt, das Gebäude zu betreten. Eigentlich dürften sie nicht einmal auf dem Gelände sein.
»Sind sie und Bill Kaulitz ein Paar? Nur ein Wort, bitte, Emma!«
Schockiert blickte ich in Richtung Eingang. Eines der Fernsehteams hatte sich tatsächlich schon beachtlich weit vorgekämpft und bahnte sich gerade den Weg durch die verwirrt starrenden Schüler – geradewegs auf mich zu.
»Emma!«
Sofort wirbelte ich herum und blickte suchend in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war.
Und dann sah ich Paul, der die Hand gehoben hatte und mir aufgeregt zuwinkte.
Als ich verständlicherweise keine Anstalten machte, zu reagieren (immerhin war ich natürlich vollkommen starr vor Schreck), zwängte er sich aus der Masse der Schüler hervor, kam auf mich zu gelaufen und packte mich am Arm.
»Komm mit«, zischte er und ich ließ mich einfach mitziehen, nur froh darüber, dieser abscheulichen Szenerie, und vor allem den Reportern, endlich entfliehen zu können.
Sie wirkten unglaublich bedrohlich. Ich hatte ernsthaft Angst vor ihnen. Sie waren so schrecklich laut, sogar fast aggressiv und sahen wahrhaftig aus, als würden sie für eine Story, ein Foto oder eine kurze Antwort auf ihre schamlosen Fragen so ziemlich alles tun.
Obwohl die Journalisten sicher nicht dazu kommen würden, uns durch das gesamte Schulgebäude zu verfolgen, begann Paul irgendwann, zu rennen und ich tat es ihm zwangsläufig nach. Hand in Hand liefen wir durch die wie leer gefegten Gänge.
Nur zu gern hätte ich ihn gefragt, was, um Gottes willen, er bitte vorhatte, doch meine Kehle war schon seit einer gefühlten Ewigkeit viel zu ausgetrocknet zum Sprechen und außerdem fehlte mir bei der Geschwindigkeit, die Paul bei unserer kleinen Fluchtaktion vorlegte, ohnehin der Atem. Ich war sowieso erstaunt, wie ich bei meiner Unsportlichkeit überhaupt mit ihm mithalten konnte.
Irgendwann stoppten wir schließlich vor der Tür, die in die an das Haupthaus angrenzende Sporthalle führte.
»Wohin willst du?«, keuchte ich, ließ seine Hand los und stemmte schwer atmend meine beiden eigenen in die Hüften.
»Nach draußen«, war seine schlichte Antwort. »Aber der Hauptausgang ist ja versperrt.« Er grinste. »Da müssen wir wohl improvisieren.«
Mit diesen Worten nahm er erneut meinen Arm und stemmte mit der freien Hand die wuchtige Holztür vor uns auf. Wir durchquerten die Halle und nach einer weiteren schweren Tür am anderen Ende traten wir endlich ins Freie.
Ich sah mich um. Wir waren genau auf der anderen Seite des Schulgeländes. Und praktischerweise genau dort, wo sich der Stellplatz für die Fahr- und Motorräder befand.
Zielstrebig schleifte Paul mich am Arm auf eines der motorbetriebenen Gefährte zu, ließ dann von mir ab und machte sich an dem großen, schwarzen Teil zu schaffen, während ich wie angewachsen dastand und ihm zusah, als hätte ich nicht den leisesten Schimmer, was er da vorhatte.
»Hier.«
Paul drehte sich zu mir um und hielt mir einen Motorradhelm entgegen.
»Und wo ist dein Helm?«, wollte ich verwirrt wissen, nahm ihn jedoch mit einer mechanischen Bewegung entgegen.
»Scheiß auf den Helm, Emma!«, rief er lachend, zog den Reißverschluss seiner schwarzen Lederjacke zu und schwang sich auf das Fahrzeug. »Komm lieber her, damit ich dich endlich hier wegbringen kann.«
Unnötigerweise blieb ich noch einen kurzen Moment unbewegt stehen, jedoch nur für wenige Sekunden.
Dann hörte ich plötzlich von ganz weit entfernt aufgeregte Stimmen und im nächsten Augenblick hatte ich mir auch schon den Helm über den Kopf gezogen und mich erstaunlich elegant hinter Paul auf den Sitz geschwungen. Sofort ließ dieser den Motor aufheulen und kurz darauf rasten wir in einem beeindruckenden Tempo vom Schulhof herunter und durch das kleine Tor auf die Straße.
Als wir am Haupteingang des Geländes vorbeifuhren, sah ich über die Schulter noch einmal zu der Menschenmenge vor der Eingangstür des Gebäudes hinüber. Sogar vor dem Schultor und auf dem Gehweg hatte sich bereits eine beachtliche Anzahl an Schaulustigen versammelt.
Dann bog das Motorrad in eine Seitenstraße ein und ich musste zwangsläufig den Kopf abwenden, um nach vorn zu sehen und mich bei der nächsten Kurve an Pauls Oberkörper festzuklammern.
Mit quietschenden Reifen kam das Motorrad am Gehweg vor der Eingangstür meines Zuhauses zum Stehen. Sofort kletterte ich – diesmal peinlicherweise um einiges ungelenkiger – herunter und klappte das Visier des Helms nach oben, um wieder ein wenig frische Luft einatmen zu können.
Ich war immer noch völlig aus der Puste, ob von dem Langstreckensprint durchs Schulhaus oder der allgemeinen Aufregung, ließ sich nur schwer sagen. Zu meinem Entsetzen fühlten sich meine Knie obendrein wie Wackelpudding an und ich hatte das ungute Gefühl, dass meine von der Fahrt noch ganz verkrampften Beine mich möglicherweise nicht mehr allzu lange tragen würden.
Als Paul ebenfalls von dem wuchtigen Fahrzeug abgestiegen war und sich zu mir umdrehte, nahm ich schnell den Helm vom Kopf, drückte ihn ihm in die Hände und löste den Gummi aus meinen, wie ich annahm, wirr vom Kopf abstehenden Haaren.
»Alles okay?«, erkundigte Paul sich sofort. »Du siehst ganz schön blass aus.«
»Ich bin immer so blass«, kam es mir völlig unvermittelt über die Lippen, bevor ich überhaupt richtig nachgedacht hatte.
Nervös fuhr ich mir mit beiden Händen abwechselnd durch die Haare, um sie irgendwie wieder halbwegs zu bändigen.
»Aha«, antwortete Paul und grinste. »Wirst du auch immer von einer Horde Fotografen verfolgt?«
»Nein.«
Bedrückt schaute ich zu Boden und wusste, was nun kommen würde: Er würde eine Erklärung dafür verlangen, warum einhundert Paparazzi wegen mir unsere Schule eingerannt hatten und er mich so heldenhaft vor ihnen hatte retten müssen.
Aber wie sollte ich ihm das bitte erklären?
»Diese ganzen Leute …«, setzte Paul da auch schon ganz von selbst an, »… waren die wegen diesen Bildern da? Die von diesem Bill und …«
Er ließ den Satz unbeendet und blickte mich halb unsicher, halb erwartungsvoll an.
»Woher weißt du das?«, fragte ich fast flüsternd.
Hatten sich David und die anderen geirrt? Konnte man mich etwa doch so deutlich erkennen? Oder hatten wir die Menschen einfach für viel zu begriffsstutzig gehalten?
Aber Paul … Er wusste doch nichts. Er konnte nichts geahnt und eins und eins zusammengezählt haben. Ausgeschlossen.
»Ich hab diese Fotos gestern im Fernsehen gesehen«, erklärte er nach kurzem Schweigen. Dann runzelte er die Stirn.
»Sorry, dass ich jetzt so blöd frage, aber … bist du das wirklich?«
»Hast du mich erkannt?«, überging ich seine Frage, weil ich es einfach wissen musste, und zwar sofort.
Aber Paul schüttelte den Kopf.
»Nein, nicht direkt.«
»Sondern?«
»Na ja. Kurz hab ich gedacht, dass dieses Mädchen aussieht wie du. Ich glaub, mir kam das nur als erstes in den Kopf, weil wir letztens über die Band gesprochen haben. Aber ich hab’s nicht ernsthaft geglaubt, ich meine …«
Sein Gesichtsausdruck veränderte sich auf eine sehr seltsame Weise. Genauer gesagt schaute er mich mit fast demselben Blick an, mit dem auch Herr Tinge und seine Sekretärin mich vorhin angesehen hatten. Als wäre mein Anblick … irgendwie nicht ganz von dieser Welt.
Mein Kopf schnellte nach rechts, als das Geräusch der sich öffnenden Haustür an meine Ohren drang. Zu meiner Überraschung war es niemand geringeres als meine Mutter, die vollkommen aufgelöst aus dem Eingang auf uns zugestolpert kam. Sie trug keine Schuhe und hielt in einer Hand unser Festnetztelefon.
»Emma, was ist passiert?«, keuchte sie und kam vor uns zum Stehen.
Kurz schnellten ihre Augen zu Paul hinüber, richteten sich dann mit besorgtem und zugleich völlig fassungslosem Blick jedoch wieder auf mich.
»Ich hab gerade einen Anruf von der Schule bekommen«, redete sie, noch immer etwas außer Atem, auf mich ein.
»Habe ich das richtig verstanden? Da waren Reporter auf dem Schulhof, die mit dir sprechen wollten? Wie haben sie denn rausbekommen, auf welche Schule du gehst? Und wie du heißt? Auf den Fotos kann man dein Gesicht doch gar nicht – «
»Ja Mama, ich weiß«, schnitt ich ihr mit erstaunlich fester Stimme das Wort ab. »Ich meine, ich weiß es auch nicht. Keine Ahnung, wie sie das rausfinden konnten.«
»Ist ja auch egal«, winkte meine Mutter hastig ab. »Wir müssen sofort den Manager, diesen … diesen David anrufen! Komm.«
Zum zweiten Mal an diesem Tag wurde ich wie ein ungehorsames Kind am Arm gepackt und von ihr in Richtung Haustür geschleift.
»Tschüss!«, rief ich Paul noch über die Schulter zu, der etwas verloren neben seinem Motorrad stand und uns mit großen Augen hinterher blickte. »Und danke!«
Dann fiel die Tür unseres Wohnhauses auch schon hinter mir ins Schloss und ich machte mich von meiner Mutter los, um neben ihr die Treppen zu unserer Wohnung hinaufzugehen.
Auf halbem Wege hallte plötzlich der Klingelton meines Handys durch das Treppenhaus. Hastig griff ich im Gehen in meine Tasche und holte das kleine Telefon zwischen zwei Schulbüchern hervor.
»Ja?«, meldete ich mich abgehetzt.
»Emma? Hi. Hier ist Mia.«
Oh.
Aus irgendeinem Grund hätte ich in diesem Augenblick mit so ziemlich jedem gerechnet – nur nicht mit ihr. Schweigend lauschte ich in den Hörer, während ich weiter schwer atmend die Stufen hinaufstieg.
»Ich wollte nur …«, begann sie zögernd. »I-Ich wollte wissen, ob alles okay ist bei dir, weil, also … wegen …«
Obwohl Mia offensichtlich hoffte, dass ich ihrem unbeholfenen Gestotter ein Ende bereiten würde, indem ich selbst etwas sagte, blieb ich weiterhin stumm.
Ich konnte gar nicht anders. Viel zu erstaunt war ich darüber, dass ich meine beste Freundin doch tatsächlich noch einmal sprachlos erlebte.
Als wir an unserer offen stehenden Haustür ankamen und meine Mutter mir beim Eintreten einen drängenden Blick zuwarf, riss ich mich schließlich zusammen.
»Ähm, ja, klar, alles okay«, sagte ich schnell. »Paul hat mich ge- … Also, er hat mich nach Hause gebracht.«
»Ja, ich hab gesehen, wie er dich …« Nach kurzem Zögern ließ sie den Satz unbeendet. »Na ja. Hier ist das totale Chaos ausgebrochen. Wir haben für den Rest des Tages frei bekommen, weil die Schulleitung damit beschäftigt ist, die Reporter wieder vom Schulgelände zu jagen.«
Mia ließ ein unsicheres, leises Lachen verlauten.
»Oh«, war alles, was ich, wahrscheinlich eine ganze Spur zu teilnahmslos, von mir gab, doch ich war zu keiner vernünftigen Antwort fähig.
Ihre extreme Verlegenheit brachte mich einfach völlig aus dem Konzept. Im Nachhinein hätte ich schwören können, dass meine Freundin noch etwas hatte sagen wollen, doch ich kam ihr zuvor.
»Mia, sorry, aber ich hab jetzt echt keine Zeit. Bis … dann.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, legte ich auf. Noch vollkommen paralysiert von diesem mehr als merkwürdigen Gespräch hob ich den Kopf und schaute in das vor Aufregung ganz errötete Gesicht meiner Mutter.
»Wir sollten David anrufen«, half sie mir nach ein paar Sekunden drängend und äußerst gereizt auf die Sprünge.
Entschuldigend – als könnte ich auch nur im Entfernteste irgendetwas für diesen großen, schrecklichen Schlamassel – hob ich die Schultern.
»Ich hab seine Nummer aber nicht.«
Meine Mutter stöhnte entnervt auf und ich schloss für einen Moment die Augen, wahrscheinlich, um wieder einen halbwegs klaren Kopf zu bekommen.
»Ich rufe lieber zuerst Bill an«, sagte ich dann entschieden und suchte im Kontaktspeicher nach seinem Namen.
Mein Herz pochte wie wild, während ich dem nervtötenden Tuten lauschte, denn immerhin hatte er sicherlich genau so wenig vergessen wie ich, wie wir bei unserer letzten Begegnung auseinander gegangen waren.
Sicher war er wütend auf mich. Und ich eigentlich auch auf ihn. In Anbetracht der neuesten Ereignisse konnte ich jetzt jedoch weder auf das eine, noch auf das andere Rücksicht nehmen.
»Hallo?«, ließ ich ihn gar nicht erst zu Wort kommen, nachdem ich ein Knacken in der Leitung vernommen hatte.
»Ja?«, fragte er mit belegter Stimme zurück und ich holte tief Luft.
»Bill, ich glaube, es ist was Schlimmes passiert.«