Kapitel 38: Geschmacksverirrung
»Stehst du auf Tokio Hotel?«
Leicht ungläubig und, wenn mich nicht alles täuschte, sogar ein klein wenig angeekelt starrte Paul auf einen flachen Stapel Bilder, der neben meinem Laptop auf dem Schreibtisch lag und ich konnte mich gerade noch davon abhalten, mir mit der flachen Hand gegen die Stirn zu schlagen.
Gott, wie peinlich. Wie hatte ich das bloß übersehen können?
»Ähm …«
Ich trat einen Schritt nach vorn, direkt hinter Paul, und betrachtete das Bild, welches ganz oben auf dem Stapel lag, so, als sähe ich es heute wie er zum ersten Mal.
Die Fotos, die mein Gast dort entdeckt hatte, stammten von einem beeindruckend extravaganten Shooting für die Oktoberausgabe der italienischen Vogue, welches die Zwillinge einige Wochen zuvor gemacht hatten.
Bill hatte sie mir vor ein paar Tagen per Post geschickt. Es waren DIN A4-große, hochwertig glänzende Ausdrucke.
Das Bild ganz oben auf dem Stapel war schwarzweiß und zeigte nur ihn in einem dunklen, tief ausgeschnittenen Jumpsuit und einem Jackett über den Schultern.
Ich fand es unglaublich toll. Irgendwie schien ich bei Bill eine Schwäche für ausdrucksstarke Schwarzweiß-Fotos zu haben.
»Sieht wohl so aus, oder?«, kam es schließlich überraschend gleichgültig aus meinem Mund und als Paul sich daraufhin mit hochgezogenen Augenbrauen zu mir umwandte, schaffte ich es obendrein sogar noch, ihn freundlich und geradezu entspannt anzulächeln.
»Echt jetzt? Okay. Hätte ich nicht gedacht.«
»Und warum nicht?«, fragte ich und konnte nicht verhindern, dass meine Stimme herausfordernd klang.
Nicht nur, dass ich völlig perplex war, nicht längst vor Scham im Boden versunken zu sein – ich war ebenso erstaunt, wie ruhig und gelassen ich blieb, obwohl ich deutlich ein ziemlich aufwühlendes Kribbeln in meinem Bauch spüren konnte.
»Na ja, ich meine … Ist ja irgendwie schon voll die Kinderband, oder?"
Ich konzentrierte mich auf meinen Atem. Ein. Aus. Ein. Aus.
Eigentlich konnte ich nicht einmal genau sagen, was mich so aufbrachte, dass ich plötzlich kurz davor war, innerlich emotional in die Luft zu gehen.
Wie er sprach, als wäre Tokio Hotel irgendeine eklige Krankheit, als wäre allein der Name ansteckend! Vollkommen lächerlich. Wer sich hier wohl kindisch benahm …
»Sie sind mittlerweile erwachsen«, stellte ich trocken fest und meine Stimme zitterte wider Erwarten kein bisschen.
»Ja, schon, aber …«
Ich sah ihm an, dass er eigentlich selbst nicht so genau wusste, was er da redete. Und dass er gerade dabei war, zu merken, eindeutig ein hochempfindliches Thema angesprochen zu haben.
Vielleicht konnte ich nur deshalb so ruhig bleiben, weil mein Fan-Dasein in Wahrheit längst vorbei war.
Natürlich wäre ich unter anderen Umständen auch nicht jedem sofort an die Gurgel gesprungen, der in meiner Gegenwart ein schlechtes Wort über meine Lieblingsband verloren hätte, doch so gelassen, wie ich in diesem Augenblick reagierte, wäre ich sicherlich nicht gewesen. Eher hätte ich vor lauter Verlegenheit und Ärger darüber, dass er mein „großes Geheimnis“ (ich hatte früher – aus reinem Selbstschutz vor genau solchen vorurteilsgeprägten Menschen wie ihm – nie einen besonders großen Hehl daraus gemacht, Tokio Hotel-Fan zu sein) gelüftet hatte, wahrscheinlich keinen vernünftigen Satz zustande gebracht. Nun schien es eher umgekehrt zu sein.
»Was ist so schlimm daran?«, fragte ich.
»Woran?« Scheinbar hatte ich mein Gegenüber völlig aus dem Konzept gebracht.
»Daran, dass ich Musik von Tokio Hotel höre.«
»Nichts!« Paul hob abwehrend die Hände und sah irgendwie so aus, als fühlte er sich bedrängt. »Es ist nichts schlimm daran. Ich persönlich mag sie nicht, aber – «
»Hast du jemals ein anderes Lied von ihnen gehört, abgesehen von Durch den Monsun?«
»Ähm. Nee, nicht wirklich.«
Nun war ich diejenige, die bedeutungsvoll die Augenbrauen hochzog. Sagen tat ich jedoch nichts mehr, denn irgendwie hatte ich das Gefühl, ich sollte ihn nicht noch weiter in die Enge treiben. Er schien schon so genügend Schwierigkeiten zu haben, mit der Situation zurechtzukommen.
Ich wusste, was ihn am meisten irritierte: Dass ich nicht wie sonst in seiner Gegenwart nur herumstotterte, rot wurde und mich nicht traute, ihn anzusehen.
Und in diesem Punkt war ich selbst nicht weniger überrascht. Mehr als das. Es war, als würde ich einer anderen Person gegenüberstehen. Und das war in jedem Fall nicht der coole, wunderbare, ach so perfekte Paul, an den ich sowieso niemals herankommen würde.
Nein, ich fühlte mich ihm nicht überlegen oder so etwas in der Art. Im Grunde gelang es mir schlicht und ergreifend nur gerade, ihn zum ersten Mal als einen normalen Menschen anzusehen.
Während mein Blick wieder zu dem Bilderstapel wanderte, schlenderte Paul hinüber zu dem kleinen CD-Regal, das neben meiner Kommode stand, und ging davor in die Hocke.
Im Zeitalter von iTunes und MP3-Dateien hätte man meinen können, dass meine Sammlung an Tonträgern nicht unbedingt meinen aktuellen Musikgeschmack widerspiegeln würde, doch ich war eine Verfechterin der guten alten Plastikhüllen und wahrscheinlich eine der wenigen in meinem Alter, die sich nahezu regelmäßig zwischen den Regalreihen der Musikabteilung der Elektrofachmärkte herumtrieb.
»Du hast echt viele CD’s«, stellte er bewundernd fest.
»Ich lade nur selten was im Internet runter. Ich mag es, die gekaufte CD in den Händen zu halten.«
Darauf nickte Paul nur, betrachtete weiter meine Sammlung und zog gelegentlich eine Hülle heraus, um sie sich genauer anzusehen.
Ich ging zu meiner Tasche, holte die Bio-Sachen heraus und räumte meinen Laptop vom Schreibtisch, damit wir genügend Platz zum Arbeiten hatten. Als Paul aber keine Anstalten machte, mir Aufmerksamkeit zu schenken und sich stattdessen weiterhin in aller Ruhe meine Musiksammlung anschaute, ging ich wieder zu ihm.
»Und? Wie lautet das Urteil?«
Zuerst blickte er irritiert drein, als er sich zu mir umwandte, doch dann begriff er und grinste schief.
»Na ja, bis auf die kleine Geschmacksverirrung hier …«, er deutete auf die kurze Reihe CD-Rücken, auf denen der Tokio Hotel-Schriftzug prangte, »… hast du echt ’nen guten Geschmack. Muss ich schon sagen. Vieles davon finde ich auch ganz gut. Ich bin beeindruckt.«
Ich grinste. »Da hab ich ja noch mal Glück gehabt.«
Paul stellte die CD, die er eben noch in den Händen gehalten hatte, zurück zu den anderen und richtete sich auf. Gerade machte er Anstalten, zu seiner Tasche hinüber zu gehen, da fiel sein Blick auf mein altes E-Piano, das unscheinbar und mit einer dünnen Staubschicht überzogen in der Zimmerecke neben der Tür stand.
»Du kannst Klavier spielen?«
Ich warf dem etwas in die Jahre gekommenen Tasteninstrument einen wehmutvollen Blick zu.
»Ja, schon, aber ich hab ewig nicht mehr richtig geübt und hatte vor zwei Jahren das letzte Mal Unterricht.«
Paul betrachtete noch eine Sekunde nachdenklich das schwarze Mini-Klavier, dann schaute er mich direkt an.
»Du solltest weiterüben. Später ärgerst du dich garantiert darüber, dass du aufgehört hast.«
Ich musste unwillkürlich schmunzeln, da mir der Tag in den Sinn kam, den Bill und ich zum ersten Mal allein in dem Hamburger Tonstudio verbracht hatten und er damals genau dasselbe gesagt hatte.
Verlegen umfasste ich vor der Brust mit der rechten Hand meinen linken Arm und lächelte unsicher.
»Ja, ich weiß. Ich komme momentan einfach nicht dazu, mich mal ranzusetzen. Ich wette, ich hab’s sowieso schon längst verlernt. Aber hey, sind wir hier um über Musik zu reden oder wollen wir vielleicht mal mit Bio anfangen?«
Paul nickte und der ernste, nachdenkliche Ausdruck verschwand augenblicklich aus seinem Gesicht.
An seine Stelle trat das mir nur zu bekannte, schiefe Grinsen, doch ich hätte schwören können, dass aus irgendeinem unerfindlichen Grund Verlegenheit darin lag.
»Du hast recht. Lass uns anfangen.«
Wir kamen überraschend gut voran. Im Bezug auf die Chancen einer guten Note hatte ich – beziehungsweise meine Bio-Lehrerin – zugegeben sogar einen richtigen Glücksgriff gemacht.
Ich war nicht gerade eine Leuchte in Naturwissenschaften, doch Paul schien sich ohne Probleme mit dem Stoff zurechtzufinden und davon profitierte auch ich. Innerhalb von zwei Stunden hatten wir fast alle Themenbereiche durchgearbeitet. Draußen war es mittlerweile längst dunkel.
»Warst du schon mal auf einem Konzert von ihnen?«, fragte Paul irgendwann völlig unvermittelt.
Erstaunt schaute ich von meinem Bio-Buch auf.
»Von Tokio Hotel?«
Er nickte.
»Ja, bei ihrer allerersten Tour.« Ich überlegte einen Moment. »Das war … 2006, hier in Berlin.«
Während ich sprach, musste ich unwillkürlich lächeln, was mir ein bisschen peinlich war, doch ich konnte nichts dagegen tun.
Obwohl dieses Erlebnis nun schon beachtliche vier Jahre zurücklag, erinnerte ich mich noch sehr genau daran, wie wundervoll es gewesen war. I
ch hatte es mit meiner damaligen besten Freundin besucht, die auch Fan gewesen war. Da wir nach der sechsten Klasse auf verschiedene weiterführende Schulen gegangen waren und sie kurz darauf ans andere Ende der Stadt gezogen war, hatten wir uns noch im selben Jahr aus den Augen verloren.
Als Tokio Hotel 2007 mit ihrer zweiten Tour nach Berlin kamen, hatte ich folglich niemanden gehabt, mit dem ich zum Konzert hätte gehen können und auch bei ihrer letzten Tour Anfang des Jahres hatte es sich für mich einfach nicht ergeben, eines der zwei Konzerte, die sie in Deutschland gegeben hatten, zu besuchen.
Allein nach Hamburg oder Oberhausen zu fahren, dazu hatte ich mich beim besten Willen nicht durchringen können. Und selbst, wenn ich gewollt hätte – meine Mutter hätte sich in jedem Fall quer gestellt, wenn ich von ihr verlangt hätte, mich allein durch das Land reisen zu lassen.
»Warum interessiert dich das?«, wollte ich wissen, als mich Paul belustigt angrinste.
»Ich frag mich nur gerade, ob du auch eins von diesen durchgeknallten Kreisch-Mädels bist, die dann bei Konzerten schon vor dem ersten Song wegkippen.«
Kopfschüttelnd rollte ich mit den Augen, musste aber aus irgendeinem Grund lächeln.
Ihm diese Bemerkung übel zu nehmen wäre schließlich auch albern gewesen. Und wenn ich mich in seine Lage hineinversetzte, war es ja auch irgendwie nahe liegend, dass er sich diese Frage stellte.
»Und wenn es so wäre?«
Mittlerweile grinste ich bis über beide Ohren, da ich in seinen Augen sehen konnte, wie er sich gerade allen Ernstes vorzustellen versuchte, wie ich mir zwischen hunderten zwölfjähriger Mädchen die Seele aus dem Leib schrie. Das war einfach zu köstlich.
»Keine Angst«, beruhigte ich ihn, als mir bewusst wurde, dass er nicht merkte, dass ich ihn auf den Arm nahm. »Ich hatte schön meinen Sitzplatz auf dem ersten Rang und hab höchstens ein bisschen laut und schief mitgesungen. Mehr nicht.«
Ich musste kichern und als ich Pauls Blick bemerkte, der nach wie vor auf mir ruhte, wurde ich ein bisschen rot und wandte mich schnell wieder den aufgeschlagenen Seiten meines Bio-Buchs zu.
Na bitte, da hatten wir es. Ich hatte schon gedacht, mit mir würde etwas nicht stimmen.
»Weißt du was? Ich dachte früher immer, du nimmst mich gar nicht wahr.«
Ich bekam große Augen und konnte nicht anders, als Paul ungläubig anzustarren, obwohl ich spürte, dass die Röte in meinem Gesicht deutlich an Intensität zunahm.
»Du hast mich nie angeguckt und nie mit mir gesprochen. Als ich dann erfahren hab, dass du … na ja, mich magst, da war ich ganz schön erstaunt.«
Aha. Großartig. Erwartete er jetzt etwa, dass ich darauf etwas erwiderte?
Er hatte mich auch nie angesehen, nie mit mir gesprochen und mir überhaupt nie jegliche Form von Aufmerksamkeit geschenkt. Was sollte das denn jetzt?
»Wer hat dir das eigentlich erzählt?«, fragte ich mit piepsiger Stimme, weil mir nichts Besseres einfiel. Aber Paul zuckte mit den Schultern.
»Weiß ich gar nicht mehr so genau. Ist auch schon echt ’ne Weile her.«
Ich konnte mir nicht erklären, wie es jemand hatte erfahren können. Abgesehen von meiner Mutter war Mia die einzige, der ich jemals davon erzählt hatte.
Konnte es sein, dass sie es tatsächlich nicht für sich behalten hatte? Es war ja immerhin nun schon wirklich eine Ewigkeit her, seit wir das letzte Mal ernsthaft über das Thema gesprochen hatten. Vielleicht hatte sie gedacht, es wäre nicht mehr nötig, es geheim zu halten. Andererseits … Wen konnte es schon groß interessiert haben? Paul hatte es ja auch nicht interessiert, selbst, als er davon gewusst hatte. Und so gleichgültig, wie seine Stimme klang, tat es das nach wie vor nicht. Aber warum, um Himmels willen, sprach er das Thema dann überhaupt noch einmal an?
»Tut mir übrigens leid, dass ich letztens so blöd reagiert hab. Ich war einfach überrascht, dass du dich getraut hast, es mir so direkt zu sagen. Das war … irgendwie echt mutig von dir.«
Am liebsten hätte ich ihm gesagt, dass er aufhören sollte, aber natürlich tat ich das nicht.
Was sollte das nur? Wieso redete er mit mir darüber und warum sagte er mir das alles? Wollte er sich nur entschuldigen, sich vielleicht für irgendetwas rechtfertigen? Aber wieso auf einmal?
Sicher hätte ich mir an besagtem Abend vor ein paar Monaten eine etwas feinfühligere Reaktion seinerseits vorstellen können, doch ich hatte mich längst damit abgefunden, dass er nun mal nicht weniger unsensibel und kindisch war als all die anderen Jungs in meinem Alter auch und dass er abgesehen davon einfach nichts von mir wissen wollte.
Außerdem … Wieso kam er gerade jetzt damit? Ich verstand es einfach nicht.
Als Paul merkte, dass er mich eindeutig überrumpelt hatte und ich einfach keine Worte fand, schüttelte er leicht den Kopf und machte eine wegwerfende Handbewegung.
»Hey, vergiss es. Ich wollte das nur noch mal sagen.«
Ich nickte langsam und war erleichtert, als Paul sich wieder unserem Referat widmete.
Wir wurden tatsächlich fertig. Zumindest mit dem theoretischen Teil. Sogar das Experiment schafften wir noch. Als ich Paul zur Tür brachte, war es bereits halb zehn.
»Super, dass wir alles geschafft haben«, sagte ich, legte eine Hand an die Klinke und zog die Tür auf.
»Ja, wir waren ein richtig gutes Team«, stimmte er zu, während er sich Schuhe und Jacke anzog.
»Hätte nicht gedacht, dass es so schnell geht. Dann müssen wir uns ja gar nicht noch mal treffen, oder?«
»Nee, wohl eher nicht«, antwortete ich und klang dabei vielleicht ein klein wenig zu erleichtert.
Upps. Peinlich berührt suchte ich in seinem Gesicht nach einer Reaktion, doch falls er den Unterton in meiner Stimme bemerkt haben sollte, ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken und sagte stattdessen nur: »Also dann. Wir sehen uns morgen in der Schule.«
»Ja, bis morgen«, erwiderte ich und lächelte leicht.
Als ich keine Anstalten zu einer Geste des Abschieds machte, trat er einen Schritt näher und zog mich zu sich heran.
Zögernd legte ich meine Hände auf seinen Rücken und wartete. Die Umarmung dauerte deutlich länger an, als die von vor einigen Stunden. Als wir uns wieder gegenüberstanden, lächelte er.
»Ciao. Schlaf gut.«
»Tschüss«, sagte ich und rang mich zu einem letzten Lächeln durch, das augenblicklich schwand, als Paul sich umdrehte und auf den Flur hinaustrat.
Gerade wollte ich die Wohnungstür hinter ihm schließen, da drehte er sich noch einmal um. Kurz runzelte er die Stirn, so, als würde er sich über seine eigenen Gedanken wundern.
»Hey, morgen ist doch Freitag, oder? Ein paar Leute aus unserem Jahrgang treffen sich abends am Alex, vielleicht gehen wir auch noch irgendwo hin. Hast du Lust zu kommen?«
Ich hatte wirklich keine Ahnung, wie ich es schaffte, aber irgendwie gelang es mir, mein maßloses Erstaunen vor ihm zu verbergen, zuerst einen vollkommen neutralen Gesichtsausdruck aufzusetzen, so zu tun, als würde ich kurz darüber nachdenken und schließlich entschuldigend den Mund zu verziehen.
»Nein, sorry, keine Zeit.«
Das überraschte ihn.
»Oh. Okay. Na, dann nicht, kein Problem.«
Er denkt, dass ich lüge, schoss es mir durch den Kopf. Ich sah es ihm an.
Dabei war es nicht gelogen. Ich hatte wirklich keine Zeit, immerhin würde ich mich morgen Abend wie gewohnt in den ICE nach Hamburg setzten.
Gerade jetzt, wo es bis zum Umzug der Zwillinge nur noch ein paar Wochen waren, mussten Bill und ich jede Minute nutzen, die wir miteinander verbringen konnten.
Wie es danach weitergehen sollte? Tja, momentan halfen wir uns gegenseitig dabei, den Gedanken daran weitestgehend zu verdrängen, um wenigstens die Zeit, die uns noch blieb, möglichst unbeschwert und sorglos erleben zu können. Falls man das überhaupt so bezeichnen konnte.
All das konnte ich Paul aber natürlich nicht erzählen und deshalb musste ich ihn wohl oder übel in dem Glauben lassen, dass ich mich aufgrund meiner Schüchternheit mit einer billigen Notlüge herausredete.
»Okay, mach’s gut.« Paul hob die Hand.
»Mach’s gut.«
Zaghaft winkte ich zurück, er verschwand endgültig im Treppenhaus und ich ließ die Tür ins Schloss fallen.
Dann lehnte ich mich seufzend von innen dagegen, schloss die Augen und ließ mich schließlich mit dem Rücken an dem massiven Holz heruntergleiten, bis ich mit dem Hintern auf dem Parkettboden landete.
Gott. Ich war wirklich froh, dass es kein zweites Treffen geben würde. Und zwar aus dem simplen Grund, dass ich einfach nicht wusste, was ich von den vergangenen Stunden halten sollte.
Jahrelang hatte ich mir nichts sehnlicher gewünscht, als dass Paul mir endlich ein wenig seiner Aufmerksamkeit schenkte und nun tat er es und … ich wollte es nicht.
Natürlich wollte ich es nicht, darüber musste ich überhaupt nicht nachdenken. Es fühlte sich nur so seltsam an, dass mein ehemals größter Wunsch ausgerechnet jetzt in Erfüllung ging, wo es mir nur noch so wenig bedeutete.
Nein, ich hatte definitiv kein Interesse mehr an Paul, das konnte ich mit absoluter Sicherheit sagen. Es war zwar nicht so, dass er mir plötzlich vollkommen egal war, ich ihn nicht nach wie vor ausgesprochen gut aussehend und charismatisch fand und ich konnte mir noch erschreckend gut vorstellen, wie glücklich mich die vergangenen Stunden noch vor einiger Zeit und unter anderem Umständen gemacht hätte, doch … ich war in Bill verliebt. Es gab keinen anderen Jungen mehr für mich.
Niemand konnte Bill das Wasser reichen, in dem, was er für mich ausstrahlte, was er mir bedeute. Auch Paul nicht. Nicht annähernd.
Bill war sensibel, einfühlsam und manchmal so reif und erwachsen, dass ich mir neben ihm wie ein unwissendes, kleines Kind vorkam, dass keinem Schimmer davon hatte, wie es in der Welt da draußen eigentlich ablief.
Denn Bill war erwachsen, seit ein paar Wochen 21 Jahre alt. Paul war 17, genau wie ich, und es war kein Geheimnis, dass es durchaus vorkam, dass Jungs und Mädchen in diesem Alter im Bezug auf den geistigen Entwicklungsstand oft weit voneinander entfernt waren.
Ich wollte nicht gemein sein, aber Paul war da keine Ausnahme, auch, wenn ich bis vor Kurzem noch felsenfest vom Gegenteil überzeugt gewesen war. Er war genauso unreif wie seine Freunde und alle meine anderen männlichen Altersgenossen. Das musste ich mir schlicht und ergreifend eingestehen.
Mit einem weiteren Seufzer zog ich die Beine an meinen Körper, umschlang sie mit den Armen und legte meinen Kopf auf die Knie.
Himmel, ich machte mir schon wieder viel zu viele Gedanken. Ich würde mich nicht noch einmal mit Paul treffen und nachdem wir das Referat hinter uns gebracht hatten, würde der ganze Spuk sowieso ein Ende haben.
Alles würde gut werden.