Sterne am Himmel

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Tokio Hotel
Emma ist Tokio Hotel-Fan und kann es kaum glauben, als sie die Chance dazu bekommt, Bill, Tom, Georg und Gustav persönlich zu treffen. Während sich die schüchterne 17-Jährige jedoch mit dem Gedanken abfindet, dass dieses traumhafte Erlebnis etwas Einmaliges bleiben wird, ahnt sie nicht, dass einige unerwartete wie unglaubliche Zufälle zu etwas führen, das sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können …
Dieser Text ist der 1. Teil der Reihe "Sterne am Himmel || Himmel auf Erden".

Inhaltsverzeichnis Einklappen

  1. Kapitel 1: Nur Tokio Hotel
  2. Kapitel 2: Kreislaufkollaps
  3. Kapitel 3: Cometeneinschlag
  4. Kapitel 4: Ernüchterung
  5. Kapitel 5: Alltag
  6. Kapitel 6: Hamburg
  7. Kapitel 7: In Fashion
  8. Kapitel 8: Zufall
  9. Kapitel 9: Schicksal
  10. Kapitel 10: Echt abgedreht
  11. Kapitel 11: Wie ausgewechselt
  12. Kapitel 12: Viel beschäftigt
  13. Kapitel 13: Undurchdacht
  14. Kapitel 14: Enttäuschung
  15. Kapitel 15: Zurück
  16. Kapitel 16: Überfüllt
  17. Kapitel 17: Ablenkung
  18. Kapitel 18: Zu spät
  19. Kapitel 19: Zweifel
  20. Kapitel 20: Rebellin
  21. Kapitel 21: Andere Welt
  22. Kapitel 22: Schweren Herzens
  23. Kapitel 23: Hausarrest
  24. Kapitel 24: Unpassend
  25. Kapitel 25: Erleichterung
  26. Kapitel 26: Sicher
  27. Kapitel 27: Alptraum
  28. Kapitel 28: Kleine Peinlichkeiten
  29. Kapitel 29: Mias Hilfe
  30. Kapitel 30: Ein Stück Normalität
  31. Kapitel 31: Mias Hilfe 2.0
  32. Kapitel 32: Back To Business
  33. Kapitel 33: Geständnis
  34. Kapitel 34: Los Angeles
  35. Kapitel 35: Mitten ins Herz
  36. Kapitel 36: Hollywoodreif
  37. Kapitel 37: Deplatziert
  38. Kapitel 38: Geschmacksverirrung
  39. Kapitel 39: Nur ihn
  40. Kapitel 40: Nora
  41. Kapitel 41: Sternenhimmel
  42. Kapitel 42: Erwischt
  43. Kapitel 43: Hilflos
  44. Kapitel 44: Anfang vom Ende
  45. Kapitel 45: Schlechte Freundin
  46. Kapitel 46: Leben verändern
  47. Kapitel 47: Masochistin
  48. Kapitel 48: In einem anderen Leben
  49. Kapitel 49: Nächtlicher Besuch
  50. Kapitel 50: Ohnmacht
  51. Kapitel 51: Zerrissen
  52. Kapitel 52: Altes neues Leben
  53. Kapitel 53: Sein Brief
  54. Kapitel 54: Entschluss
  55. Kapitel 55: Horizont
  56. Kapitel 56: Vertrauen
  57. Kapitel 57: Ein letztes Mal
  58. Kapitel 58: Ende
  59. Kapitel 59: Anfang

Kapitel 20: Rebellin

Wahrscheinlich hatte meine Wut im Gegensatz zu der Verzweiflung, die mich üblicherweise umgehend ergriff, wenn ich mich mit meiner Mutter stritt, heute einmal schlicht und einfach überwogen.
Sicher war ich mir allerdings nicht, ob ich wirklich stolz darauf sein konnte, ausnahmsweise einmal nicht sofort in Tränen ausgebrochen zu sein, denn schließlich hatte ich meiner Mutter dafür ziemlich viele Dinge an den Kopf geworfen, die ich nicht hätte aussprechen müssen. Immerhin wusste sie all das selbst gut genug, da war ich mir sicher.
Schluchzend sank ich auf meine Bettkante und obwohl ich dadurch äußerlich sicher den Eindruck machte, als könnte ich momentan keinen klaren Gedanken fassen – mein Gehirn funktionierte verhältnismäßig gut, dafür, dass ich mich gerade wirklich ein wenig in die Heulerei hineinsteigerte. Doch meine mentale Erschöpfung, die mich in diesem Augenblick fast zu erdrücken schien, ließ nicht einfach zu, dass ich mich beruhigen konnte.
Während ich also damit beschäftigt war, ausgiebig in meinem Selbstmitleid zu baden, hörte ich zuerst nicht, dass aus meiner Tasche nach einer Weile ein leises Klingeln ertönte.
Erst nach ein paar Sekunden drang es plötzlich an mein Ohr. Erschrocken verstummte ich, ließ meinen Kopf in die Richtung schnellen, aus der das Geräusch kam und war schon im nächsten Moment bei meiner Tasche.
Ich nahm mir nicht einmal die Zeit, auf das Display zu schauen, sondern betätigte hastig die grüne Taste, als ich es endlich in meiner Hand hielt.
»Hallo?!«
»Hi.«
Oh.
Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet, obwohl mich das im Nachhinein wirklich überraschte, denn eigentlich war es nahe liegend gewesen. Er hatte es schließlich versprochen.
Dennoch hatte ich mich aus irgendeinem Grund schon darauf eingestellt, Mia lang und breit erklären zu müssen, warum ich mich anhörte, als wäre ich gerade dabei, eine akute Erkältung auszukurieren.
»Äh … hi.«
Hastig begann ich, mir die Tränen von den Wangen zu wischen, obwohl er mich doch ohnehin nicht sehen konnte und das auch nichts daran ändern würde, dass man meiner Stimme eindeutig anhörte, womit ich die letzten Minuten verbracht hatte.
»Soll ich … soll ich später noch mal anrufen?«
»Nein, oh Gott, nein, schon in Ordnung!«, rief ich fast ein wenig panisch.
»Ich … ich hatte nur Streit mit meiner Mutter, deshalb …«
»So schlimm?«, fragte Bill, augenblicklich überaus besorgt.
»Ja. Irgendwie schon.«
Am anderen Ende herrschte Stille.
»Tut mir leid, ich bin nur ein bisschen durcheinander im Moment, das wird schon wieder«, fügte ich möglichst überzeugend hinzu. »Bist … bist du noch unterwegs?«
Ich war mir sicher, soeben das entfernte Brummen eines Motors vernommen zu haben.
»Ja, aber wir sind bald da. Emma?«
»Hm?«
»Es gibt was, worüber ich mit dir reden muss. Aber ich will dich jetzt nicht noch mehr beunruhigen oder so, deswegen können wir auch später noch mal telefonieren, wenn du willst.«
»Nein, wirklich, e-es geht schon«, stieß ich hervor, bemüht, das Zittern in meiner Stimme zu unterdrücken, wischte mir noch einmal mit der Handfläche über das Gesicht, stand dann aus meiner vor der Tür knienden Position auf, ging hinüber zu meinem Schreibtisch, setzte mich bewusst aufrecht davor und atmete einmal gut hörbar durch.
»Los. Sag, worüber willst du reden?«
Bill zögerte, doch dann begann er schließlich doch.
»Okay, also … Ich weiß nicht, ob du es schon irgendwie gelesen hast oder so, aber …«
Er holte tief Luft, was mich irgendwie mehr als nervös werden ließ. Was konnte es so Schlimmes geben, dass es ihn solch eine Überwindung kostete, es mir zu sagen?
»Am nächsten Mittwoch, also in gut einer Woche, fliegen wir nach Malaysia, zu dieser Show, von der ich dir erzählt habe, und werden für mehr als eine Woche in Asien bleiben, haben am Dienstag drauf noch einen weiteren größeren Auftritt in Singapur und total viele Interviewtermine. Und … ich denke nicht, dass ich vorher noch mal nach Berlin kommen kann, wir haben immerhin noch Proben und … deswegen werden wir uns wohl erstmal ziemlich lange nicht sehen können.«
Ich hörte, wie viel Nervosität und Unbehagen in seiner Stimme lag. Es schien ihn tatsächlich sehr zu belasten, mir diese Nachricht überbringen zu müssen.
»Bill, das … das macht nichts. Ehrlich.«
Lüge. Natürlich machte es etwas, immerhin waren wir uns gerade erst nahe gekommen und da ich aber noch nicht so genau wusste, was das nun eigentlich zu bedeuten hatte, war eine lange räumliche Trennung in diesem Fall alles andere als hilfreich. Soviel war selbst mir, die in diesem Bereich wohl mehr als unerfahren war, klar.
Dass wir uns erst in fast einem Monat wieder sehen würden, war demnach wirklich denkbar ungünstig.
Bill schnaubte leise, als hätte er meine Gedanken gehört.
»Soll ich dir das jetzt wirklich abnehmen?« Plötzlich klang er fast ein wenig gereizt.
Ich schüttelte heftig den Kopf.
»Hey, hör zu. Sicher fände ich es besser, wir würden uns sobald wie möglich wieder treffen können, aber … du kannst mir ruhig glauben, dass ich mir darüber Gedanken gemacht habe und weiß, was ich erwarten kann und was nicht. Es war doch klar, dass es nicht so einfach werden würde.«
»Nicht so einfach«, wiederholte er abschätzig, seufzte dann aber. »Sorry, ich wollte nicht unfreundlich sein. Ich sollte mich lieber froh sein, dass du so gefasst reagierst, ich meine, damit hätte ich jetzt echt nicht gerechnet. Ist ja wirklich bewundernswert, dass du scheinbar damit klarkommst, aber ich ... ich will das nicht. Glaub mir, wenn ich könnte, würde ich alles daran setzen, vorher noch einmal rüberzukommen, aber … das wird kaum funktionieren.«
Unwillkürlich zog ich die Schultern hoch, denn es versetzte mir einen kleinen, aber dennoch sehr schmerzhaften Stich, Bill so ehrlich verzweifelt zu hören. Er klang wirklich, als würde es ihm in diesem Moment das Herz brechen.
»Emma, es tut mir so leid.«
Gott, wenn er nicht augenblicklich damit aufhörte, würde ich wieder anfangen zu weinen.
»Und was wäre, wenn ich nach Hamburg komme?«
Der Moment, in dem am anderen Ende der Leitung überraschte Stille herrschte, schien ewig anzudauern. Und auch ich wusste dem nichts mehr hinzuzufügen.
War das gerade tatsächlich meine Stimme gewesen? Wenn ja, dann war ich überzeugt, soeben zum ersten Mal in meinem Leben einen vollkommen undurchdachten Satz ausgesprochen zu haben.
»Was?«
Scheinbar hatte Bill endlich seine Stimme wieder gefunden.
»Ähm, ich meine …«, begann ich stotternd, nicht weniger perplex von meinen eigenen Worten.
»Aber deine Mutter!«, unterbrach er mich aufgeregt. »Das … das wird sie dir doch niemals erlauben.«
»Muss sie ja auch nicht«, gab ich trocken zurück und riss sogleich vollkommen irritiert die Augen auf.
Zu welchem Zeitpunkt hatte mein Sprechorgan eigentlich beschlossen, sich selbstständig zu machen?
Bill lachte auf.
»Bitte was?«
»Mach dich nicht lustig«, schnappte ich gekränkt. Traute er mir das etwa nicht zu?
»Entschuldige.« Augenblicklich wurde er wieder ernst. »Würdest du das wirklich machen?«
»Ich weiß nicht«, gab ich ehrlich zu. »Aber ich denke, mir bleibt eigentlich gar keine Wahl, oder?«
»Emma«, hauchte Bill und ich hätte schwören können, er klang fast ein wenig überwältigt, »du bist …«
»Ja?«, hakte ich auffordernd nach und biss mir grinsend auf die Unterlippe.
Er lachte wieder. »Total wahnsinnig.«
»Gleichfalls«, entgegnete ich lächelnd. »Ruf mich morgen gegen Mittag an. Dann sage ich dir, ob ich im Zug sitze oder nicht. Könnte nämlich sein, dass meine Mutter mich vorher daran hindert, indem sie mich bei lebendigem Leibe begräbt.«
»Okay«, erwiderte Bill, noch immer mit einem Lachen in der Stimme. »Bis morgen.«
»Bis morgen«, antwortete ich, zwar etwas überrascht von der plötzlichen Beendigung des Gespräches, aber dennoch mindestens genauso bedeutungsvoll, wie er diese beiden Worte ausgesprochen hatte.
Vielleicht war es auch besser so. Das, was da gerade passiert war, musste ich erst einmal verdauen.
Mit klopfendem Herzen wartete ich, bis Bill aufgelegt hatte und ließ langsam die Hand sinken, in der ich das Handy hielt.
Ich würde fahren. Ganz egal, was meine Mutter sagen oder tun würde. Soviel stand fest.


Schließlich entschied ich mich dafür, meiner Mutter einen Brief zu schreiben. Ganz ohne irgendeine Nachricht zu hinterlassen, konnte ich dann doch nicht gehen.
Zwar plagte mich bereits das schlechte Gewissen, als wir uns am nächsten Morgen nach dem Frühstück so knapp wie nur möglich voneinander verabschiedeten, aber ich sah einfach keinen anderen Weg.
Sie würde mich nicht gehen lassen, wenn sie von meinem Vorhaben erfuhr. Und deshalb musste ich es eben ohne ihr Einverständnis tun. Auch, wenn ich damit riskierte, dass sie mir das nie verzeihen würde.

Mama.
Bestimmt wird dein erster Gedanke sein, dass ich nichts aus unseren Auseinandersetzungen der letzten Tage gelernt habe. Aber so ist es nicht.
Wüsste ich nicht, dass ich nicht mit deiner Erlaubnis rechnen kann, hätte ich es dir erzählt – so, wie ich dir immer alles erzählt habe. Aber diesmal konnte ich es nicht, weil ich weiß, dass du mich nicht hättest gehen lassen. Und ich muss einfach.
Wenn du das hier liest, bin ich wahrscheinlich schon in Hamburg. Bill wird mit seiner Band in wenigen Tagen für fast zwei Wochen unterwegs sein und ich muss ihn vorher einfach noch einmal sehen.
Es tut mir leid, dass es wegen dieser Sache momentan nicht so gut zwischen uns läuft. Aber es geht nicht anders. Ich verlange ja gar nicht, dass du mich verstehst, hoffe aber sehr, du kannst mir das irgendwann verzeihen.
Und auch, wenn es wahrscheinlich nichts nützt, das zu schreiben: Versuch bitte, dir nicht allzu viele Sorgen um mich zu machen. Ich komme schon zurecht. Ich kenne mich mittlerweile gut aus in der Stadt und wenn etwas ist, ist Caro ja auch noch da. Ich werde ihr Bescheid geben, wo ich bin.
Es tut mir wirklich leid. Ich hab dich lieb.
Emma

Ungefähr eineinhalb Stunden, nachdem meine Mutter zur Arbeit aufgebrochen war, legte ich das sorgfältig gefaltete Blatt Papier auf die Fußmatte im Flur, verließ dann mit Koffer und Tasche im Schlepptau unsere Wohnung und trat erneut mit der U-Bahn den Weg zum Hauptbahnhof an.
Ich tat das zum ersten Mal. Einfach von zu Hause abzuhauen.
Vor allem zu der Zeit vor ein paar Jahren, in der es zwischen mir und meiner Mutter fast nur noch Streit gegeben hatte, hatte ich schon des Öfteren den Entschluss gefasst, mich einfach aus dem Staub zu machen, war letztendlich aber doch nie dazu imstande gewesen, es tatsächlich zu tun.
Ich hatte immer geglaubt, es würde sich gut anfühlen, mich irgendwie befreien oder erleichtern. Doch das genaue Gegenteil war der Fall, wie ich nun feststellen musste: es fühlte sich schlicht und ergreifend absolut grauenvoll an.
Als ich das riesige Bahnhofsgebäude betrat, war ich überzeugt, mein schlechtes Gewissen würde mir augenblicklich die Luft abschnüren.
Mit klopfendem Herzen, schwitzigen Händen und gesenktem Kopf bahnte ich mir einen Weg durch das geschäftige Treiben, das in der Eingangshalle herrschte. Erst, als ich schließlich auf meinem Platz im Zug saß, gelang es mir, mich ein klein wenig zu entspannen.
Irgendwann setzte sich der ICE dann auch endlich in Bewegung und schon nach ein paar Minuten hatte ich Berlin wortwörtlich den Rücken gekehrt.
Als die hohen Gebäude endgültig aus meinem Blickfeld verschwunden waren, war ich auch wieder dazu imstande, einigermaßen klare Gedanken zu fassen. Und während ich mein Handy aus der Tasche holte, beschloss ich, dass sich diese Gedanken ab sofort um nichts anderes mehr drehen sollten, als um das, weshalb ich gerade höchstwahrscheinlich den größten Fehler meines Lebens beging – zumindest was die Tatsache anbelangte, dass ich die gute und enge Beziehung zu meiner Mutter damit womöglich mehr aufs Spiel setzte, als mir lieb war.
Doch genau darüber wollte ich mir nun einfach nicht länger den Kopf zerbrechen. Jedenfalls solange, wie irgend möglich.
Viel wichtiger war es, dass ich zum Beispiel darüber nachdachte, wo ich die bevorstehenden Nächte verbringen würde.
Zu meiner Tante konnte ich nicht. Sie hatte durch mich schon genug Stress gehabt, weshalb ich sie dieses Mal wirklich heraushalten sollte, denn sonst würde ich am Ende die alleinige Schuld daran tragen, dass sie und meine Mutter sich auch noch zerstritten, weil Caro mich ein zweites Mal bei meinen rebellischen Aktionen unterstützte.
Nein, das war ausgeschlossen.
Und da ich es nicht wagte, auch nur in Erwägung zu ziehen, ob Bill mich womöglich bei sich aufnehmen würde (wo auch immer das sein mochte, schließlich war ich selbstverständlich kein Fan von der Sorte, die ihnen bis in ihr Privatleben hinterher spionierte und hatte deshalb auch keinen Schimmer, wo genau er und sein Zwillingsbruder wohnten), blieb mir nur noch die Möglichkeit, mich auf die Suche nach einer günstigen Unterkunft in einem Hostel zu begeben.
Durchgeplant wie ich war, hatte ich mir aus dem Internet bereits gestern Abend eine Liste mit einigen preiswerten Objekten beschafft, die ich nach meiner Ankunft wohl oder übel würde der Reihe nach abklappern müssen.
Ich konnte nur hoffen, dass die Hamburger Hostels zu dieser Zeit nicht vollkommen überlastest waren, schließlich waren nach wie vor Sommerferien.
Gerade wollte ich besagte Liste hervorholen, da vibrierte das kleine Telefon in meinem Schoß und ich ließ augenblicklich von meiner Tasche ab, um den Anruf anzunehmen, von dem ich inständig betete, dass es der war, den ich so sehr herbeisehnte.
Dieses Mal schaute ich bewusst nicht auf das Display, sondern drückte ohne zu zögern die grüne Taste und presste das Handy erwartungsvoll an mein Ohr.
»Ja?«
»Na?«
Ein riesiger Stein, nein, ein ganzer Felsbrocken fiel mir vom Herzen, als ich Bills warme, freundliche Stimme hörte.
»Hi«, hauchte ich, während sich längst ein glückseliges Lächeln auf meinem Gesicht ausgebreitet hatte.
»Und? Wo bist du?«, kam er umgehend auf das Wesentliche zu sprechen. Sein gespannter, neugieriger Tonfall entlockte mir ein Kichern, bevor ich es unterdrücken konnte.
Augenblicklich waren alle Gewissensbisse, alle Sorgen verschwunden und an ihre Stelle trat Freude, gepaart mit ein wenig Stolz, der sich unverkennbar in meiner Stimme widerspiegelte, als ich nach wenigen Sekunden bedeutungsvollen Schweigens mit der Antwort herausrückte.
»Ich bin auf dem Weg.«
»Wirklich?«, fragte Bill, mehr überwältigt, als wahrhaftig erstaunt.
»Ja. Zwar bedeutet das jetzt wohl, dass ich mich zu Hause vorerst nicht mehr blicken lassen kann, aber wenn ich sowieso schon mal unterwegs bin, sollte ich vielleicht einfach gleich für eine Weile wegbleiben.«
Ich kicherte erneut, doch am anderen Ende der Leitung blieb es still.
»Das war ein Scherz«, fügte ich seufzend hinzu und lauschte dann angestrengt, ob Bill irgendeinen Laut von sich gab.
»Warum hat deine Mutter so ein Problem mit dieser ganzen Sache?«, wollte er schließlich wissen.
Ich zuckte mit den Schultern.
»Ich würde sagen, sie merkt, dass ihre kleine Tochter langsam erwachsen wird.«
Ja, damit hatte ich es wohl auf den Punkt gebracht, denn natürlich hatte sie nichts gegen die Tatsache, dass ich einen Jungen kennen gelernt hatte. Selbst darüber, dass er so viel älter war, würde sie früher oder später hinwegsehen können, da war ich mir inzwischen sicher.
Es fiel ihr einfach nur schwer, mit den neuen Umständen umzugehen, da sie spürte, dass es etwas mit mir machte, mich veränderte, wenn auch keineswegs zwangsweise zum Negativen.
Das, was ich mir in der vergangenen Woche geleistet hatte, verstärkte diesen Eindruck jedoch dummerweise.
Dennoch war es schlicht und einfach die Gesamtsituation, die ihr in Wahrheit so zusetzte. Und meine Mutter war nicht gerade eine Person, die schnell mit neuen Situationen zurechtkam.
»Klingt schon irgendwie verständlich.«
»Klar tut es das«, stimmte ich mit einer mir unbegreiflichen Abgeklärtheit zu. »Aber ich denke, da muss sie jetzt einfach durch.«
Ich wollte nicht weiter darüber reden, schließlich hatte ich mir vorgenommen, die Sache vorerst ruhen zu lassen. Momentan schien es ja fast so, als machte Bill sich mehr Sorgen um meine Mutter als ich selbst.
»Wie lange bist du denn noch unterwegs?«, lenkte er zu meiner Erleichterung ein.
»Eine Stunde ungefähr.«
»Okay. Und … ziehst du jetzt wieder bei deiner Tante ein?«
Ich stieß ein kurzes Lachen hervor.
»Nein, das ist, glaube ich, keine so gute Idee. Ich hab ihr schon genug Schwierigkeiten gemacht.«
»Und wo willst du dann übernachten?« In Bills Stimme schwang deutlich ein wenig Fassungslosigkeit mit.
Na ja. Die Vorstellung, dass nicht bereits ein Zimmerschlüssel an der Rezeption irgendeines Fünf-Sterne-Hotels bereitlag, war für ihn an meiner Stelle natürlich nahezu undenkbar.
»Ich dachte, ich suche mir vor Ort ein günstiges Hostel. Ich hab mir schon einige Adressen besorgt. Irgendwo wird schon noch ein Bett für mich frei sein.«
»Da wäre ich mir nicht so sicher. Es sind Sommerferien, da sind die billigen Unterkünfte im Stadtzentrum doch bestimmt komplett ausgebucht«, argumentierte er sofort und zögerte dann einen Augenblick, bevor er weiter sprach.
»Soll ich … nicht ein Hotelzimmer für dich buchen?«
Genau dieser Frage wäre ich nur zu gerne entgangen.
Ich war mir ziemlich sicher, dass ich es keine fünf Minuten in einer weiteren, großen, unpersönlichen Luxussuite aushalten würde, und schon gar nicht allein. Irgendwie verband ich damit trotz der vorletzten Nacht momentan keine besonders positiven Empfindungen.
»Bill, du meinst es gut, ich weiß, aber ich … ich fühle mich irgendwie gerade nicht besonders wohl damit. Schon wieder in so einem riesigen Hotelzimmer, das ist gerade, glaube ich, nicht so das Richtige für mich», brachte ich vorsichtig heraus und betete inständig, dass er meine Äußerung nicht falsch auffasste.
Einen Moment lang sagte er nichts.
»Dann lass mich dir wenigstens ein Zimmer in einem der Hostels reservieren. Ich will nicht, dass du den restlichen Tag durch die Stadt irrst und dann am Abend auf der Straße sitzt, weil nichts mehr frei ist.«
Wie niedlich es klang, wenn er so besorgt war. Ich war wirklich froh, dass er mein höchstwahrscheinlich ziemlich dämlich aussehendes Grinsen nicht sehen konnte.
»Na gut«, gab ich schließlich klein bei. »Tu, was du nicht lassen kannst.«
Ich zog den Zettel mit den Hostel-Adressen aus meiner Tasche und nannte ihm die drei, die an erster Stelle standen.
»Aber wehe, das Zimmer kostet mehr als 20 Euro pro Nacht! Ich kriege das raus, verlass dich drauf", fügte ich so respekteinflößend wie möglich hinzu, schaffte es aber nicht wirklich, ernst zu bleiben.
Bill lachte leise. »Versprochen. Ich melde mich wieder.«
»Okay. Bis dann.«
»Bis dann.«
Damit legte er auf.


Der Rückruf ließ eine ganze Weile auf sich warten.
Seit meiner Ankunft in Hamburg hatte ich nun mittlerweile bereits eine geschlagene Stunde erst auf dem zugigen Bahnsteig und dann im Innern des Gebäudekomplexes zwischen Cafés und Zeitschriftenläden verbracht.
Gerade überlegte ich, ob ich mich doch auf eigene Faust auf die Suche nach einer Unterkunft machen sollte, bevor wirklich alle Zimmer in dieser Stadt belegt sein würden, da drang endlich das lang ersehnte Klingeln an mein Ohr.
Nachdem er sich mindestens einhundert Mal dafür entschuldigt hatte, mich so lange hatte warten zu lassen, erklärte er mir, dass er nach stundenlangem Herumtelefonieren und unter dem Einsatz seines ganzen Einflusses ein Zimmer in einem Hostel für mich hatte ergattern können. Ein „normaler“ Reisender wie ich hätte scheinbar keine Chance mehr gehabt. Im Stadtzentrum war einfach alles bis auf das letzte Bett ausgebucht.
Unbeholfen notierte mir die Adresse mit einem Kugelschreiber auf meine Handfläche. Bill versprach, sich wieder zu melden und wir beendeten das Gespräch, woraufhin ich mich geradewegs zum Bahnhofsausgang begab, um mir ein Taxi zu suchen.
Die Fahrt bis zum Hostel dauerte gerade einmal zehn Minuten, weshalb sich der Preis für das Taxi glücklicherweise in Grenzen hielt. Immerhin hatte ich nicht unendlich viel Geld zur Verfügung und da ich keine Ahnung hatte, wie lange ich hier bleiben würde, musste ich sparen, wo es nur ging.
Was das Hostel betraf, hatte ich mich auf das Schlimmste gefasst gemacht, schließlich musste es ja etwas zu bedeuten haben, dass jenes, welches ich nun betrat, als letztes noch freie Zimmer hatte. Das hatte ich zumindest gedacht.
Als ich meinen Blick durch den Empfangsraum schweifen ließ, wurde mir allerdings klar, dass Bill es sicherlich nicht zugelassen hätte, mich in einer der heruntergekommensten Unterkünfte von ganz Hamburg unterzubringen.
Wahrscheinlich hatte es ihn schon die größte Überwindung gekostet, mich hierher zu schicken. Wobei das hier tausendmal mehr war, als ich zu erwarten gewagt hätte.
Das Gebäude – ein weißer, flacher Kasten, eingezwängt zwischen zwei riesigen Altbauten in einer schmalen Nebenstraße – machte von außen zwar einen eher unscheinbaren Eindruck, welcher jedoch rein gar nichts mit seinem inneren Erscheinungsbild gemein hatte.
Der Eingangsbereich war nicht groß, aber überaus stilsicher eingerichtet und keinesfalls heruntergekommen oder gar unhygienisch.
Liebevolle Details wie Blumen und eine aufwändige Wandbemalung ließen mich augenblicklich erleichtert lächeln. Das hier war genau das, was ich brauchte, um in den nächsten Tagen (wie viele das auch immer sein mochten) wenigstens eine klitzekleinen Rest Bodenhaftung bewahren zu können.
Zögerlich trat ich an den Rezeptionstresen, hinter dem eine jungen Frau mit Nasenpiercing, violett gefärbten, zu einer kurzen Stachelfrisur geschnittenen Haaren und vermutlich nicht viel älter als ich stand und mir – nicht sonderlich unfreundlich, eher ein wenig abwesend – entgegenblickte.
»Hallo«, begann ich und lächelte schüchtern. »Ich, ähm … für mich wurde ein Zimmer reserviert.«
»Aha. Und auf welchen Namen, wenn ich fragen darf?«
Die Frau kaute geräuschvoll auf ihrem Kaugummi herum und mir stieg augenblicklich das Blut in die Wangen.
»Kaulitz«, brachte ich schließlich hervor, spürte, wie ich aus lauter Verlegenheit unwillkürlich das Gesicht verzog und starrte mein Gegenüber gebannt an.
Himmel, war mir das unangenehm. Hätte ich das überhaupt einfach so sagen dürfen?
Die junge Frau schaute mich noch einen Augenblick ziemlich gleichgültig an, dann wanderte ihr Blick hinüber zu dem Computermonitor, der direkt neben ihr stand.
»Ach, du bist das«, murmelte sie und blickte dann mit leicht angehobenen Brauen wieder auf.
Obwohl sie sich scheinbar Mühe gab, es zu verstecken, konnte ich das belustigte Grinsen, welches ihre Lippen umspielte, genau erkennen.
Großartig. Musste das denn unbedingt sein?
»Und wie ist dein Name?«
»Emma Kleeberg.«
»Kann ich mal deinen Ausweis sehen?«
Hastig löste ich die Hand von dem Griff meines Koffers, den ich vor Aufregung noch immer fest umklammert hatte, und kramte in meiner Tasche.
Schließlich überreichte ich der Frau meinen Personalausweis. Sie begutachtete ihn sorgfältig, musterte mich noch einmal eingehend und gab ihn mir zurück.
Nachdem sie wieder eine gefühlte Ewigkeit den Computerbildschirm hypnotisiert hatte, verschwand sie plötzlich hinter dem Tresen, tauchte nach ein paar Sekunden wieder auf und legte einen Schlüssel vor mir auf die Theke. Dann richtete sie endlich wieder das Wort an mich.
»Dein Zimmer ist im zweiten Stock. Komm mit, ich bringe dich hoch.«