Kapitel 1
Geschrei. Lärm. Hysterische Fans, die meinen Namen riefen. Die Sonne schien mir warm auf meinen mit einer Lederjacke bekleideten Rücken. Es war ein wunderschönes Gefühl – so nah bei den Fans zu sein, die fast ausflippten, nur weil man in ihrer Nähe war. Ich lächelte in die Kamera und schreib noch schnell ein Autogramm, dann lies ich meinen Blick kurz schweifen. Wenige Meter hinter mir stand mein Bruder, der gerade ebenfalls in eine Kamera lächelte. Ja, die Kinotour war doch etwas Schönes. Kurz nickte ich meinem Bruder zu, der mich aber nicht weiter beachtete, schließlich musste er ja eine Autogrammkarte unterschreiben. Ich ging weiter. Das Leben war in Ordnung. Kein Vampir-Leon, keine Sorgen darüber, wie man es verheimlichte, keine Vergangenheitsprobleme. Kurz: keine Sorgen, ich war der glücklichste Mensch – beliebt, bekannt, gutaussehend und im besten Alter. Besser konnte es nicht gehen… oder? Als ich am Ende des Teppichs ankam, ging ich in die dunklere Kinohalle. Da ich die ganze Zeit in der Sonne gestanden war, mussten sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnen. Ich drehte mich um, und sah eine Gestalt im Schatten stehen. Sie hatte schwarze Klamotten an, zudem noch einen schwarzen Umhang. Es sah so aus, als ob es ein Mädchen wäre und trat vorsichtig einen Schritt nach hinten. Blonde, lange Haare, blasse Haut – das kannte ich doch. Ich schluckte. Das durfte nicht war sein – sie war doch… „Marlon…“, sagte das Mädchen, streckte die Hand aus und trat aus dem Schatten. „Warum?“, fragte sie mich, dann zerfiel sie zu Staub.
Ich öffnete meine Augen ruckartig und sah gegen meine Wand, die noch gelber durch das Sonnenlicht schien. Mit einer Hand fuhr ich mir über die Augen. Es war nur ein Traum gewesen. Noch atmete ich hart, während ich versuchte, meine Gedanken ordnen zu können. Es war nur ein simpler Traum gewesen, nichts weiter. Es war nicht real. Aber ich wünschte, Teile darauf wären real. Kurz schloss ich die Augen und schluckte, dann öffnete ich sie wieder.
Was wäre, wenn der Traum – bis zu den letzten Augenblicken – doch real wäre? Wie würde dann mein Leben aussehen? Wahrscheinlich wäre Leon auch Jungschauspieler, erfolgreich und beliebt wie ich, vielleicht ein wenig mehr, wer wusste das schon. Überall würde man uns nur noch die „Wessel-Brüder“ nennen, wir würden den Namen zwar hassen, weil das hieße, wir wären keine 2 Individuen, aber es wäre schon okay. Die Beziehung zwischen uns wäre zwar nicht gerade die Harmonievollste, aber auf brüderliche Ebene ziemlich gut. Was wäre wohl mit unseren Eltern? Würden sie zusammenleben, oder wären sie geschieden?
Ich drehte mich auf den Rücken. Es wäre alles so einfach. Langsam drehte ich meinen Kopf zu meinem Fernseher und lies von dort meinen Blick schweifen – bis zu meinem Regal, in dem ich ein paar Modelflugzeuge untergebracht hatte, zusammen mit ein paar Bilderrahmen. Ich sah sie mir eingiebig an. Das erste zeigte mich mit meiner ersten Freundin Jana. Damals konnte ich immer meine häuslichen Probleme und Sorgen vergessen. Immer, wenn ich bei ihr gewesen war, fühlte ich mich geborgen, in Sicherheit, schwebte fast schon auf Wolke sieben. Wir erlebten viel, sehr viel doch dann kam leider der Tag, der unsere Wege trennte. Ich spürte einen feinen Schmerz in meiner Brust. Bis heute hatte ich es nicht ganz verarbeitet, allerdings war die Wunde lange nicht mehr so tief, wie sie einmal war. Was diese tiefe Wunde heilte, wusste ich nicht.
Mein Blick fiel auf den nächsten Bilderrahmen. Mein Vater und ich mit den 3 Hunden im Garten und direkt daneben noch einmal wir beide mit den Hunden und Leon – natürlich bei Nacht. Er hatte ein freches Grinsen aufgesetzt und er schien förmlich mit der Kamera zu spielen.
Das nächste Bild zeigte ein Bild von meiner Mutter und mir, beim Zeitpunkt der Aufnahme war ich 4 gewesen. Es war die einzige greifbare Erinnerung an sie, die ich noch hatte. Ihren Tod konnte ich noch immer nicht verkraften, und wahrscheinlich würde ich es auch nie. Kurz senkte ich meinen Blick und sah meine Decke an, dann warf ich meinen Blick auf den nächsten Bildrahmen. Miriam und ich im Freizeitpark. Ich musste schmunzeln bei der Erinnerung daran, wie ich sie in die „Killerbahn“ geschleift hatte, und natürlich auch, wie sie es mir heimgezahlt hatte. Selbst die Erinnerung daran lies meine Hand etwas zusammenzucken. Die war nämlich nach der Aktion für einen halben Tag gefühllos geworden. Ich lies meine Augenlieder nach unten sinken. Jetzt konnte ich eine solche Aktion leider nicht mehr mit ihr tätigen. Sie hatte sich für diesen einen Weg entschieden, und konnte es leider nicht mehr rückgängig machen.
Mein Blick wanderte zum letzten Bilderrahmen. Leon und Miriam – bei Nacht am Brunnen im Park. Sie stand vor ihm und er hatte seine Arme schützend um ihre Taille gelegt. Bei dem Anblick dieses Bildes konnte man einfach nur sagen: So sah wahres Glück und wahre Liebe aus. Glück und Liebe, das ich auch fühlen wollte.
Ein seltsames Gefühl durchfuhr mich, als ich das Bild länger betrachtete. Es war weder warm noch kalt, es war… nichts. Aber dennoch war es ein Gefühl.
Wieder kam mir ein Gedanke: Wieso musste sie für ihn diesen Weg einschlagen, wieso? Klar, sie liebte ihn, doch der Weg war in meinen Augen… nicht fair den anderen gegenüber… Mir gegenüber.
Ich drehte meinen Kopf und sah gegen die Decke: Wenn ich es nicht unbedingt musste, wollte ich nicht darüber nachdenken… Es einfach eine Tatsache bleiben lassen. Es war nun mal so – sie hatte den Weg für sich eingeschlagen, und fertig. Mich ging das nichts an. Nicht mehr. Anderer Gedanke: Was hatte ich heute vor? Es waren immerhin Herbstferien, und ich hatte keine konkreten Pläne. Mein Vater wollte nicht in Urlaub fahren, da er zu Hause bleiben, und weiterschreiben wollte. An mich dachte er nicht. Und mit Freunden – die waren alle noch vom Sommer pleite. Mit meinen Bruder etwas unternehmen? Nein danke, da konnte ich mich gleich in die Psychiatrie einweisen lassen. Wirklich tolle Aussichten.
Hätte ich eine Freundin, würde ich zu der gehen, allerdings war da eine kleine Sache, die nicht aufging: Ich hatte momentan keine. Besser; ich hatte seit fast 2 Jahren keine mehr. Gelegenheiten gab es genug, und es gab auch genug Mädels, die mir gefielen, aber die waren alle nur hinter dem Namen „Marlon Wessel – Jungschauspier“ her. Nicht hinter mir als Mensch.
Mein Vater pflegte immer zu sagen: Mach per Internet ein Blind-Date, falscher Name und schon war die Sache geritzt. Klar, auf vielen Plattformen lief das auch so, allerdings wollte ich meine – vielleicht – spätere Freundin nicht übers Internet finden. Ich seufzte. Bei solchen Sachen war mein Vater wirklich ein gnadenloser… Nichtschecker. Mit ihm konnte man über solche Dinge immer nur ansatzweise reden, denn spätestens nach 2 Minuten würde der Ratschlag mit dem Internet kommen. Und wenn ich ihn jetzt fragen würde, was ich denn jetzt machen sollte, hieße es bestimmt wieder: Sein ein Mann und entscheide das selbst. Sei ein Mann – das war er ja selbst nicht. In ihm steckte ein Junge im Manneskörper, denn autoritär war er nicht wirklich.
Blieb also nur noch mein Bruder. Na wie schön. Seufzend erhob ich mich, sah mich noch einmal in meinem Zimmer um, machte die Tür auf und ging den Gang vor, bis zu Leons Treppe.
Psychiatrie, ich komme!
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Ich sagte ja, neues, erstes Kapitel stelle ich heute noch on. Viele haben es zwar womöglich schon gelesen, aber vergesst die Reviews nicht. ^_^
SwordMistress7