Kapitel - Falsch-Machen
Danis Sicht:
Eine Stunde, nachdem er verschwunden war, kam Sibbi auch schon wieder zurück. Ein riesiges Grinsen zierte sein Gesicht und er sah aus, als hätte er ein Medikament gegen alle Krankheiten der Erde erfunden. „Ich hab jemanden!“, verkündete er, woraufhin alle erleichtert zurück in den Kreis kamen, ihre verzweifelten Telefonate beendeten und sich wieder beruhigten. Ich für meinen Teil hatte überhaupt kein Verständnis für die ganze Aufregung. Okay, der Merch war nicht unwichtig, aber irgendwen hätte man doch sowieso gefunden, der das übernommen hätte. War ja nicht so, als ginge jetzt die Welt unter.
„Wen denn?“, fragte jemand. „Eine Freundin von Caro, Dani und mir.“ Wäre ich nicht viel zu verwirrt gewesen, um das wirklich zu realisieren, dann wäre mir vermutlich das Kinn runtergeklappt. „Ihr seht sie ja dann nachher“, sagte er und widmete sich wieder der Setlist.
„Eine Freundin von dir? Warum hast du mir nichts davon erzählt?“; wollte Katha wissen und sah mich misstrauisch an. „Weil ich sie schon ewig nicht mehr gesehen hab“, erwiderte ich und erwiderte ihren Blick entschuldigend. „Dann ist ja gut.“ Es war mir ein Rätsel, was sie jetzt schon wieder daran auszusetzen hatte. Eine Freundin, das sagte doch schon alles, oder? Doch genug dazu. Eigentlich hatte ich ja was zu tun. Also gesellte ich mich zu Sibbi, Max und Achim, die alle drei schon sehr darin vertieft waren, die Songs für den Abend zu sortieren.
„Und dann spielen wir danach Lyrically Happy, und dann…“ Ach, was gab ich mir überhaupt Mühe? Das einzige, was mich in diesem Moment interessierte war, dass Ellie mit kommen würde. Aber nicht so sehr, dass sie das tat, sondern viel mehr warum und vor allem, was mich daran störte. Ich wusste nicht, was es war, aber irgendwas gefiel mir daran ganz und gar nicht.
„Schatz, ich geh mal eben hoch. Kommst du gleich?“; fragte mich die Blondine und gab mir einen Kuss auf die Wange. Ohne ihr wirklich zuzuhören nickte ich. „Bis gleich dann.“ Mit den Worten verabschiedete sie sich und verschwand, und ließ mich allein und ein bisschen verloren im Raum stehen.
Da sowieso keiner auf mich achtete, ging ich einfach raus. Ein bisschen frische Luft konnte mir eventuell helfen, einen klaren Kopf zu bekommen und raus zu finden, was genau mich so fertig machte, wenn es um Ellie ging. Gestern noch hatte ich neben ihr im Auto gesessen und überhaupt kein Problem damit, sie um mich herum zu haben. Und jetzt auf einmal fand ich das so furchtbar? Da stimmte was nicht, und es hatte gefälligst zu verschwinden.
Ich seufzte, trat aus dem Hotel heraus und atmete tief ein und aus. Gelangweilt ging ich die Straße entlang, meine Hände hatte ich in den Hosentaschen vergraben und mein Blick war recht starr auf den Boden vor mir gerichtet. Zurück zum Thema, Bestandsaufnahme: Ich hatte seit beinahe zehn Jahren kein Wort mit ihr gewechselt, dann auf einmal reden wir miteinander, weil Sibbis Tochter darauf bestand, dass ich mich zu ihnen setzte und das gipfelte darin, dass sie mit uns drei Wochen auf Tour ging? Was hatte ich verpasst?
Meine Gedanken fesselten mich so sehr, dass ich nicht auf die Leute um mich herum achtete, und zielsicher gegen eine kleine Frau lief, wodurch ihre Tasche auf dem Boden landete. „Alter, geht’s noch? Pass doch mal auf wo du hinläufst, du Spast!“, meckerte sie und bückte sich, gleichzeitig mit mir. Ein paar Sekunden später machten unsere Köpfe miteinander Bekanntschaft. Noch während ich „Oh, sorry“ sagte, traf meine Stirn ihre. Dadurch fielen wir beiden nach hinten um. Erst da fiel mir auf, wen ich da eigentlich umgelaufen hatte.
„Ellie?“, fragte ich. Sie sah mich überrascht an, lachte dann allerdings. „Meine Güte, Dani! Guck das nächste Mal, bevor du gegen irgendwelche Menschen auf der Straße läufst“, antwortete sie und grinste. „Tut mir übrigens leid.“ Sie winkte ab. „Passt schon… Also, wo sind die anderen?“ Ich verdrehte die Augen und versuchte aufzustehen. „Die sind alle in Strobels Zimmer und bequatschen Zeugs wegen heute Abend.“
„Sollte ich da nicht dabei sein?“, wollte sie wissen, machte allerdings keine Anstalten sich wieder auf ihre Füße zu stellen. „Na ja, eigentlich reden die nur über Sachen, die nicht relevant sind für das, was du machst. Ich meine, das einzige, was du wirklich wissen musst, ist wie viel die Shirts und Poster kosten, und das steht daneben. Du kannst also theoretisch nichts falsch machen.“ Sie schob die Augenbrauen zusammen. „Bist du dir da sicher? Im Falsch-Machen bin ich doch ziemlich gut.“
Einen kurzen Moment sah ich sie unentschlossen an, dann reichte ich ihr eine Hand. „Komm, wir gehen rein. Ich bin mir sicher, dass Max dich vermisst hat.“ Die kleine Rothaarige ließ sich von mir hoch ziehen, bedankte sich und ging neben mir in Richtung Hotel. Es war mir etwas unangenehm sie alles alleine tragen zu lassen, aber ich wusste, dass sie ablehnen würde, wenn ich sie fragte, ob ich ihr helfen sollte, deshalb konnte ich es auch gleich bleiben lassen.
„Versteh das bitte nicht falsch, aber… Warum kommst du überhaupt mit?“, fragte ich, als wir nebeneinander im Aufzug standen. Sie lächelte mich an. „Sibbi hat mich eben darum gebeten. Außerdem hab ich die ganzen Leute schon so lange nicht mehr gesehen und ich dachte mir, dass das bestimmt besser ist, als meinen Urlaub zuhause zu verbringen.“
„Wenn du besoffene Männer besser findest, als in Ruhe zuhause zu sitzen, dann wirst du wohl viel Spaß haben“, erwiderte ich. „Aber ich bin kein Mann.“ Ich schüttelte den Kopf und lachte kurz auf. „Ja, das stimmt wohl.“ Wer wusste das wohl besser als ich? „Ich hab gehört, dass deine Freundin da ist?“ Es verwunderte mich, dass sie das so beiläufig und freundlich fragte, fast so, als ob sie sich für mich freute. „Die ist oben und… wartet auf mich. Seit fast zwanzig Minuten“, stellte ich fest. Ich sagte ihr, dass ich sie noch zum Zimmer bringen würde, ehe ich zu Katha ging, doch sie lehnte dankend ab.
„Ist schon okay, sag mir einfach die Nummer. Ich finde das schon allein“, entgegnete sie und trat nach draußen. „Wir sehen uns dann ja spätestens bei der Show.“ – „Okay, bis nachher!“ Sie winkte mir noch einmal, dann schloss sich die Tür des Fahrstuhls wieder. Noch zwei weitere Stockwerke, fünf Meter gerade aus und die dritte Tür von links, da wäre ich wieder bei Katharina. Und in mir machte sich der Wunsch breit, einfach wieder runter zu fahren.