Für immer bis Morgen

Fortschritt: 80%
Die Ärzte
Taya Hoffmann ist eine engagierte junge Frau die mit beiden Beinen so einigermaßen fest im Leben steht. Ein unmoralisches Jobangebot bringt dann den Stein ins Rollen: Zwischen neuen Freunden stößt sie ebenso auf Untreue, Tod & Verlust, Ängste und Streit, auf sexistischen Humor und das Leben als "Rockstar", selbstverständlich auch auf die große Liebe und auf außergewöhnliche Menschen; Auf neue Gewohnheiten und andere Lebensstile. - Auf die Ewigkeit, die nur bis morgen hält.

Inhaltsverzeichnis Einklappen

  1. Anmerkung
  2. Kapitel 1 Das unmoralische Angebot
  3. Kapitel 2 Der Vorhang fällt
  4. Kapitel 3 Das Böse siegt immer
  5. Kapitel 4 Bullenschweine I
  6. Kapitel 4 Bullenschweine II
  7. Kapitel 5 Fanpost?
  8. Kapitel 5 Fanpost? II
  9. Kapitel 6 - Unerwarteter Besuch
  10. Kapitel 6 - Unerwarteter Besuch II
  11. Kapitel 7 - Nur ein Fehltritt
  12. Kapitel 7 - Nur ein Fehltritt II
  13. Kapitel 8 - Ein neuer Weg
  14. Kapitel 9 - Der Plan und die Furie
  15. Kapitel 9 - Der Plan und die Furie 2
  16. Kapitel 9 - Der Plan und die Furie 3
  17. Kapitel 9 - Der Plan und die Furie 4
  18. Kapitel 10 - Die Konkurrenz schläft nicht
  19. Kapitel 10 - Die Konkurrenz schläft nicht 2
  20. Kapitel 10 - Die Konkurrenz schläft nicht 3
  21. Kapitel 10 - Die Konkurrenz schläft nicht 4
  22. Kapitel 10 - Die Konkurrenz schläft nicht 5
  23. Kapitel 10 - Die Konkurrenz schläft nicht 6
  24. Kapitel 11 - Der Nebenjob
  25. Kapitel 11 - Der Nebenjob 2
  26. Kapitel 15 - Hat noch keinen Namen
  27. Kapitel 15 - Hat noch keinen Namen 2
  28. Kapitel 15 - Hat noch keinen Namen 3
  29. Kapitel 15 - Hat noch keinen Namen 4
  30. Kapitel 15 - Hat noch keinen Namen 5
  31. Kapitel 16 - Der Spion | Part 0 bis 4
  32. Kapitel 16 - Der Spion | Part 4 bis 7
  33. Kapitel 16 - Der Spion | Part 8 bis 12
  34. Kapitel 16 - Der Spion | Part 13 - 15
  35. Kapitel 16 - Der Spion | Part 16 - 18
  36. Kapitel 16 - Der Spion | Part 19 - 20
  37. Kapitel 17 - Die Blinden
  38. Kapitel 17 - Die Blinden 2
  39. Kapitel 17 - Die Blinden 3
  40. Kapitel 18 - Wird irgendeinen gruselig-spannenden Titel noch bekommen | Part 1
  41. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 2
  42. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 3
  43. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 4
  44. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 5
  45. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 6
  46. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 7
  47. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 8
  48. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 9
  49. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 10
  50. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 11
  51. Kapitel 19 - Die Reise zu uns selbst
  52. Kapitel 19 - Die Reise zu uns selbst | Part 2
  53. Kapitel 19 - Die Reise zu uns selbst | Part 3
  54. Kapitel 19 - Die Reise zu uns selbst | Part 4
  55. Kapitel 19 - Die Reise zu uns selbst | Der letzte Part überhaupt
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Kapitel 11 - Der Nebenjob

Johns Laune verbesserte sich innerhalb weniger Minuten drastisch zum positiven, und obwohl die Abdrücke meines Angriffes an seinem Hals immer noch zu sehen waren, nörgelte er nicht mehr darüber.
Nachdem ich meine Sachen gepackt und die Tasche aufs Bett gestellt hatte, zog ich an John der immer noch fasziniert vom Ausblick über Köln an meinem Fenster stand nach draußen. „Ich ruf’ dir ’n Taxi zum Bahnhof, in Ordnung?“, fragte ich ihn, wobei ich sowieso keine Widerrede erlaubt hätte. „Und wie auch immer du hier her gekommen bist… bleib mal ein paar Tage zuhause Mensch! Du bist doch auch schon völlig kaputt!“
Wir drapierten uns an einer Wand nur wenige Meter vom Seitenausgang entfernt und sahen einander mit der Vertrautheit an, die wir schon seit unserem allerersten treffen verspürten. „Willst’e mich loswerden oder was?“, forschte er nach und ich schüttelte so energisch den Kopf, dass das seine gespielten Zweifel nur noch anfeuerte.
„Aber lieb von dir, dass du mir so viel Gesellschaft leistest.“, sagte ich etwas in Verlegenheit geraten und umfasste meine eigenen Händen bevor ich kurz zu ihm aufsah und einen liebenswürdigen Blick erntete. „Na ja, das mache ich eh nur weil’s in der WG noch viel doofer ist als mit dir abzuhängen. Also, du bist jetzt auch nicht sooo der Bringer aber-“
„Mensch John!“, fuhr ich ihn lachend an und verschränkte erbost die Arme vor der Brust.
„Kannst du nicht einmal nett sein?“
Sein Blick wanderte an mir vorbei und heftete sich an einen Punkt hinter mir. Als ich ihm folgte wusste ich auch, was meinen Freund da so in den Bann gezogen hatte.
Hand in Hand marschierten Laura und Daniela den Flur hinab, wobei ich einen Moment brauchte um zu registrieren das dies wohl kein lesbisches Outing war, hoben den Kopf unnatürlich weit nach oben und schwiegen ebenso wie wir, bis sie an uns vorbei geschritten waren. Auf hochhackigen, klackernden Schuhen und Daniela, wie immer, in einer wie angegossen engen Hüfthose und einem luftigen, beinah durchsichtigen Oberteil.
„Sind die immer so?“, fragte mich John leise und fast bestürzt, als die beiden Frauen nur wenige Meter hinter uns standen. Bevor ich antworten konnte hörte ich bereits Danielas affektierte, hohe Stimme.
„Schon wieder dieser Typ! Das ist echt eklig mit wem die sich so rumtreibt. Und wenn so was schon in Farin Bett landet“, sie kicherte Laura zu die verstanden grinste „dann komme ich da ja wohl mit Freikarte rein!“
Rod kam in diesem Moment um die Ecke, stieß beinah mit den beiden zusammen, lächelte entschuldigend und brachte ein meiner Meinung nach viel zu freundliches: „Morgen Mädels!“ über die Lippen, das ich ihm zum Vorwurf machte als er kurz darauf neben mir und John hielt.
„Ach, John ist ja tatsächlich da…“, gestand Rod ein und schüttelte meinem Freund freundschaftlich die Hand bevor er ihm auf die Schulter klopfte und sich kleinlaut bei mir entschuldigte.
Ich musterte den vor Zufriedenheit strahlenden Bassisten und tippte ihm gegen den Knutschfleck am Hals bevor ich vorwurfsvoll brummte: „Was ist das?“
Rod schlug sich eilig die Hand die stelle, lächelte scheinheilig und antwortete unverblümt: „’N Mückenstich?“
„Ein Mückenstich?! – Man, wie alt seit ihr, dreizehn?“ Noch angesäuert von Daniela, rollte ich die Augen und tippte dem Bassist gegen die Stirn.
„Was ziehst du für’n Gesicht?“, fragte er vorwurfsvoll und John lächelte nur stumm, als ich den beiden Mädels hinterher sah die gerade das Gebäude verließen und die Tür gackernd hinter sich zuknallten.
„Dieses Weib fuckt mich so ab!“, formulierte ich es Neudeutsch und verzog angewidert das Gesicht, während John lachte und unbeeindruckt die Schultern zuckte.
Rod schien allein schon an meiner Ausdrucksweise verstanden zu haben um wen es ging und wollte gerade eine Beruhig-dich-doch-Parole schwingen, als ich zügig an ihm vorbei schritt und den Ausgang ansteuerte.
„Hey Taya was-“
„Wo gehst du denn hin?“
Die beiden Kerle standen wie begossene Pudel an ihrem Platz und sahen mir hinterher während ich nur kurz den Kopf drehte und rief: „Na sie in Stücke zerreißen! Was sonst?“
„Hey, hey, hey, hey! Halt’ mal, warte!“ Rods Stimme war nicht nur die Verwirrung sondern auch die Angst anzuhören, ich könnte mich in eine unüberlegte Tat stürzen.
Die beiden erreichten mich kurz bevor ich die Türklinke in der Hand hatte und Rod riss mich an der Schulter herum um mich leise schnaufend belehrend anzusehen. „Man, das hat doch keinen Sinn!“
John hielt sich im Hintergrund ich wusste das ihm der Sinn dieser Aktion ebenso egal war wie mir. Ihm ging es um Spaß beim zusehen, mir um Vergeltung beim tun.
„Ich geh’ da jetzt raus und werd’ sie-“
Ohne meinen Satz überhaupt zu Ende zu bringen warf ich die Tür auf und ging nach draußen. Ich lief zwischen den Säulen die die Terasse im ersten Stock stütze hindurch, während Rod mir schimpfend und leise fluchend folgte. „Reiß dich doch mal zusammen, du bist doch-“
„Rodrigo?“ Danielas beißende Stimme schallte zwischen den riesigen Säulen hindurch in unsere Richtung, doch noch konnte sie uns nicht sehen. Ich schob mich unaufällig hinter eine von ihnen, machte mich dünn und lehnte mich mit der Seite dagegen, damit sie mich nicht sah. Stattdessen schubste ich Rod zu ihnen, der stolpernd und völlig irritiert zu ihnen geriet.
„Ach, dachte ich mir doch, dass ich dich gehört habe.“, sülze sie, während ich vorsichtig hinter dem Gestein hervor lugte und sah, wie sie kurz ihre Hand auf seine legte. „Mit wem hast du gesprochen?“, fragte sie misstrauisch und aus Rods Gesicht wich die letzte Farbe.
„Ähm… tja…“ Immerhin hatte er meinen Plan verstanden und plapperte nicht alles aus.
„Ich… ich, habe nur so Selbstgespräche geführt und... ja…“, er kratzte sich verlegen am Hinterkopf. „Laut nachgedacht.“
Die beiden Frauen kicherten affektiert und nur halbwegs erfreut, spielten aber gut und schienen Rod die Ausrede abzunehmen.
„Hast du Tayas Freund gesehen?“
Daniela wechselte ruckartig das Thema und ihre Stimme passte sich der Situation an. Mit eingelegtem Zynismus sah sie Rod in die dunklen Augen, hatte mich aber Gott sei Dank immer noch nicht bemerkt. John lehnte direkt neben dem Ausgang an der Glaswand und grinste mir zu.
„Ja, habe ich. Ein-“
„Ein furchtbarer Kerl oder?“, fiel Daniela ihm ins Wort und schien nicht zu wissen, dass sich beide ausgezeichnet verstanden, auch wenn sie keine besonders innige Freundschaft pflegten.
„Ähm, ähm…“ Rod stotterte erneut und ich hätte ihm zu gern in den Arsch getreten, damit er sich bei diesem Gespräch endlich mal etwas Mühe gab!
„Ach, du kannst doch ruhig ehrlich zu uns sein, Rod.“, säuselte Daniela und legte dem immer noch unsicheren Bassisten die Hand auf die Schulter.

In diesem Moment regte sich in meinem Hals ein ununterdrückbares husten, und mehr denn je war mir bewusst, dass diese Lungenentzündung ein Fluch war.
Johns blasses Gesicht sah mit Besorgnis wie ich völlig verkrampft versuchte, dem Reiz nicht nachzugeben, denn das hätte meinen Verrat bedeutet.
„Was hängt der überhaupt hier rum?“, beschwerte sich Daniela weiter und hoffte wohl von Rod die gewünschte Zustimmung zu erhalten. „Seriös wirkt der ja nicht.“
„Na ja, weißt du-“, versuchte es der Bassist vorsichtig, wurde aber sofort Laura unterbrochen.
„Ich empfinde ihn als totale Belästigung! Ich schleppe hier doch auch nicht meine Freunde an und präsentiere sie dem Rest des Teams, oder?“
Als ich zusammengekauert hinter der Säule stand und mit aller Macht gegen das Gefühl kämpfte jetzt Husten zu müssen, sah ich John der den Finger an die Lippen legte und damit symbolisierte, dass ich leise sein musste. – Na lustig, als hätte ich das nicht auch so gewusst!

„Und ich meine, wenn sie diesen Song nicht singen will, dann hätte sie mich auch einfach fragen können, anstatt diese alberne Erkältung vorzutäuschen! Ich mache das doch gerne für sie!“, spielte sich Daniela auf und tätschelte Rod die Schulter.
Mit der Hand vor dem Mund krümmte ich mich vor Anstrengung, schnappte schließlich nach Luft und begann zu husten.
Es war kaum zu vermeiden und ich sah wie John sich die Hand gegen die Stirn schlug und sich unauffällig in das Gebäude begab. Er ahnte wohl oder sah vielleicht sogar das Daniela und Laura in diesem Moment in meine Richtung liefen, um zu sehen wer der fremde Huster war. Als sie vor mir zum stehen kamen, sahen mich beide entsetzt und vorwurfsvoll an, und ich erwiderte nachdem ich mich nach einigen Minuten wieder beruhigt hatte: „Großzügig von dir, Daniela.“


Eine Viertelstunde später stand ich am anderen Ende des Parkplatzes zusammen mit John, der immer noch herzhaft über das Versehen lachte.
„Man ey, selten so blamiert! Das war ja wohl der Oberhammer!“
„Danke John, ich erinnere mich noch ganz gut daran.“
Ich behielt den Tourbus im Auge der sich so langsam mit Musiker füllte, während mein bester Freund um mich herum tänzelte und die Ereignisse immer wieder rekonstruieren musste.
„Das ist nicht witzig!“, brummte ich, als er versuchte Danielas entsetzten Gesichtsausdruck zu imitieren und sich, ganz so wie ich es in einem völlig besinnungslosen Zustand getan hatte, einen imaginäre Doppel-D Busen formte.

Die Sache war wirklich schief gelaufen.
Doch immerhin war Rod ganz gut dabei weg gekommen, denn Daniela und Laura blieben weiterhin in der Erwartung, er befände sich auf „ihrer“ Seite, und hätte diesem Dilemma wirklich nur rein zufällig beigewohnt. Und John war schnell genug gewesen sich aus dem Sichtfeld der beiden zu verziehen, als es brenzlig geworden war. – Doch dafür trug ich nun die einzige und alleinige Schuld an allem, und der nahezu böswillige, prophezeiende Blick von Daniela, der mich streifte als sie in den Bus einstieg, versprach mir, dass unsere Rechnung noch nicht beglichen war.

„Ich muss los…“, brummte ich John zu, der mich mit leicht mitleidigem Blick betrachtete. Er umarmte mich, küsste mich auf die Stirn und behauptet fröhlich: „So schlimm wird’s schon nicht kommen!“
Wohlig ließ ich meinen Kopf auf seine Schulter sinken und atmete zufrieden seinen Duft ein. Wenn er bei mir war fühlte ich mich, als wäre ich Zuhause. Und stand er an meiner Seite, war die Welt ein Stückchen leichter zu begreifen.
Am liebsten hätte ich ihn nie wieder losgelassen.
Er fehlte mir, jetzt schon. Es tat mir jedes Mal weh in weg gehen zu sehen, gerade jetzt, wo ich die Rolle des Buhmanns und Außenseiters an mich gerissen hatte.
Ich sah im Augenwinkel wie Farin ein wenig gehetzt aus dem Gebäude kam, und während er mit großen, schweren Schritten dem Tourbus entgegen ging, überkam mich ein regelrechter Geistesblitz.

„Hey, wir fragen Farin ob-“
Ich redete nicht weiter sondern zog den allzu verblüfften John hinter mir her, der mit verwirrter Miene und planlosem Gemüt losstolperte.
„Farin? He FARIN!“
Mein Chef blieb in einigen Metern Entfernung stehen und befand sich nur noch ein paar Schritte vom Bus entfernt. Sein Gesicht wirkte ernst, fast etwas verbissen, und die blasse Haut verstärkte diesen ungutmütigen Eindruck nur.
Der Blonde wartete bis John und ich vor ihm wenige Sekunden später leise keuchend zum stehen kam. „Ich…“, ich verschnaufte noch einmal und holte tief Luft: „Ich wollte fragen ob er vielleicht mit könnte, also ich meine, John. Weißt du ich-“
„Schleppt der Rest seinen Anhang mit?“ Farins Stimme war hart und seine Augen sahen böse funkelnd auf mich hinab. Seine üble Laune war mir nicht entgangen, aber musste er sie deshalb gleich an mir auslassen?

„Wieso denn? Es ist doch nur die Fahrt! Ich meine, von mir aus übernehme ich ja auch alle Kosten ich wollte nur-“
„Willst oder kannst du mich nicht verstehen?!“, unterbrach er mich ruppig, und sprach mittlerweile so scharf mit mir, dass sich die Gesichter innerhalb des Busses nach draußen wandten, um dem Geschehen beizuwohnen.
Es schien mir beinah so als hätte Farin das erste Mal Notiz von John genommen als dieser mir zuflüsterte: „Komm schon Taya, lass gut sein! Er hat doch recht!“
„Man was ist denn los?“, fragte ich verständnislos und ignorierte meinen wispernden Freund, der stetig an meinem Ärmel zupfte. John war die Situation zu heikel, mir war sie zu plump.

„Steig’ ein.“, sagte Farin scharf, ohne weiter auf meine Frage einzugehen. „Steig’ ein, und zwar ohne ihn.“
Ein harter, gefühlsloser Blick auf John, dann wandte sich der Blonde um und marschierte mit schweren, lauten Schritten zur Bustür und stieg polternd die Treppen hoch.
„Verdammter Flachwichser!“, rief ich ihm viel zu fassungslos hinterher und erntete als Antwort nur einen erhobenen Mittelfinger von Farin, den er mir präsentierte ohne sich selbst dabei umzudrehen. Das Racing Team innerhalb des Busses schien derweil königlich amüsiert zu sein und den Ausrutscher ihrer Mitmusikerin mehr als nur redenswert zu empfinden. Mir war bewusst, dass ich mich hiermit zum Gespräch des Tages mauserte.

„Taya, benimm dich!“, brummte John dicht neben meinem Ohr und legte mir flüchtig die Hand auf die Hüfte. Das ausgerechnet er, dessen Gesicht wie immer dürr und blass wirkte, und dessen Höflichkeit und Benimmfähigkeit etwa an die eines dreijährigen heranreichte, mich daran erinnern musste, kam mir grotesk vor.
Ehe ich Widerspruch einlegen konnte sagte er: „Halt die Ohren steif! Wir hören uns!“, und sprintete eilig dem Hotelgebäude entgegen um sein Gepäck aus der Eingangshalle zu holen, und zurück nach Berlin zu fahren. Endgültig.

Meine Augen stellten mit Wehmut fest das John sich sehr schnell meinem Blickfeld entzogen hatte, und mit mürrischem Gesicht stieg ich schweigend in den Bus, vermied es nach hinten zu sehen, wo sich mit Sicherheit ein ebenso schlechtgelaunter Farin aufhielt, und setzte mich auf einen leeren Platz weiter vorne.
„Mensch, wer hat dich denn so zugerichtet?“, sprach mich Manni von der Seite an, nachdem ich mir zermürbt mit dem Ärmel über das Gesicht strich, und den Kopf nach hinten fallen ließ. Ich hatte meinen Bläserkollegen gar nicht bemerkt der auf der anderen Seite des Ganges am Fenster saß, und erst einige Minuten nach meiner Platzeinnahme zu sprechen begann.
Ich öffnete kurz die Augen, sah in das mitfühlende Gesicht und die dunklen Augen, und schüttelte den Kopf. „Halb so schlimm.“
„Halb so schlimm? Verstehe – du nennst jemanden den du besonders lieb hast immer Flachwichser, ja?“
Als ich Manni hoffnungslos das Gesicht zuwandte, lächelte er verschmitzt.
„Mensch, hör’ auf damit… wenn du das so sagst klingt es total abwertend.“, nörgelte ich leise und der Bläser rutschte auf den Platz neben mir, um mich etwas genauer zu mustern.
„Also muss ich mich nicht ungeliebt fühlen, nur weil du zu mir noch nicht Flachwichser gesagt hast?“
„Wenn du nicht damit aufhörst, nenn’ ich dich gleich ganz anders, Schätzchen.“
„Oho!“ Sein Gesicht erstrahlte zu einem einzigen Grinsen und seine Stirn schlug leichte Falten. Er zog ein Bein an, legte den Kopf ein wenig schief und seufzte leise. „Taya, so kann’s nicht weiter gehen!“
„Wem sagst du das?“, stöhne ich und sah an ihm vorbei aus dem Fenster. Ich fühlte mich ausgelaugt, fast ausgebrannt, und hätte zu gern alles hingeworfen. Den Job, das FURT, die so genannte „Freundschaft“ mit meinem Chef.
Es erschien mir ein Rätsel zu sein, warum ich diese ganze Racing Team Aktion für Farin überhaupt auf die Beine gestellt hatte. Ich musste ein völliger Idiot gewesen sein.
„Na ja, scheinbar sage ich das jemandem der sich nur noch tiefer in die Scheiße reitet.“
„Tatsächlich? Wäre mir glatt entgangen hättest du es nicht erwähnt.“, entgegnete ich augenrollend und erntete einen Stoß von Manni.
Er beugte sich etwas näher zu mir herüber und flüsterte neben meinem Ohr: „Die Aktion mit Dani fand’ ich trotzdem geil.“

Doch unser Gespräch wurde unterbrochen weil der Bläser von einem seiner Kollegen verlangt wurde. Entschuldigend erhob er sich und stapfte davon, bevor er sich fast zeitgleich einen Schichtwechsel mit Rod bot, der sich daraufhin auf den Platz setzte, den Manni bereits angewärmt hatte.
Der Chilene schien aus dem tiefsten seines Innern zu strahlen, und ich fühlte mich fast von ihm geblendet als er mich grinsend ansah.
„Na, fang’ schon an. Was hat der große, böse Farin dir angetan?“
Er sagte es ohne jeden Hauch von Ungeduld oder Ironie; Er sprach es so gekonnt, so betont richtig aus, dass ich ihn nur dafür am liebsten sofort geheiratet hätte.

„Rod was ist los mit ihm?“, fragte ich den Bassisten mit beinah weinerlicher Stimme und sah ihm fest in die dunklen Augen die so glücklich zu sein schienen.
Doch auch der chilenische Frohmut tröstete nicht über den Misserfolg der Situation hinweg.
„Ich meine, er ist doch sonst nicht so… so unfair! Was hat er denn? Er ist nicht einfach schlecht gelaunt. – Ich krieg es in den letzten Tagen viel mehr ab als der Rest.“
Rod legte mir seinen Arm um und ich lehnte meinen Kopf gegen seinen, bevor er leise sagte: „Ihm geht’s einfach nicht so prickelnd gerade.“
„Nicht so prickelnd.“, wiederholte ich resigniert und spürte Rods warmen Atem in meinen Haaren. Obwohl er leise und bedacht sprach, war die schier unüberwindbare Glückseligkeit aus ihm heraus zu hören. „Hör’ ihm einfach nicht zu. Er meint das was er sagt nicht so wie es klingt.“

Ich hob ein wenig den Kopf um das sachte lächeln zu begutachtet, das Rods Lippen umschwebte.
„Und, so wie du grinst habt ihr heute Nacht gar nicht geschlafen, oder? Beziehungsweise wenn, dann nur miteinander…“
Rod lachte und legte behutsam die Hand vor meinen Mund. „Mensch, posaun’ das nicht so rum!“
„Haben doch sowieso alle gehört!“, konterte ich ohne meinen Lautstärkepegel zu drosseln und wand mich aus Rods Armen. Obwohl Diana nicht hier war und folglich nicht sehen konnte wie eng Rod und ich aneinander klebten, fühlte ich mich unwohl dabei, wenn ich den ja wohl vergebenen Bassisten so blockierte. Es tat mir weh, aber ich hatte schließlich kein Anspruchs- oder Besitzrecht auf ihn, und leider auch kein Eigentümerzertifikat.

„Habt ihr’s wirklich gehört?“, fragte Rod schüchtern und sah mich mit einem liebenswerten, spitzbübischen Lächeln an. Ich trommelte ihm gegen die Wangen, grinste spartanisch und antwortete mit bemühter Leichtigkeit: „Ja, frag John. Der hat sogar versucht eure“, ich suchte gedankenverloren nach dem richtigen Wort „Geräuschkulisse bezüglich Stellungen zu interpretieren.“
„Boah Taya hör’ auf, das ist peinlich!“ Rod sah tatsächlich etwas peinlich berührt nach unten und hypnotisierte seine Turnschuhe während ich ihm aufmunternd auf die Schulter klopfte. „Ich hab’ mich schon weitaus mehr vor dir blamiert – ich hab riesigen Vorsprung, den holst du so schnell nicht ein. Was NICHT heißt“, ich betonte die Verneinung sehr bewusst „das ich das die nächsten drei Wochen weiterhin brauche, klar? Also, ich mag zwar deine Stimme aber du könntest ein wenig Rücksicht darauf nehmen, dass deine Zimmernachbarin depressiver Single ist und-“
„- sie deshalb einladen?“, fuhr Rod grinsend fort, verstummte aber augenblicklich als er meinen strafenden Blick auffing und verringerte sein Grinsen zu einem dezenten Dauerlächeln.
Ich musterte ihn kurz und bemerkte dann, wie er etwas drängend nach hinten sah, zu Bela, der ihn anscheinend gerufen hatte.
„Schon in Ordnung.“, gab ich leichtherzig an und nickte in dessen Richtung.
Rod sah auf mich hinab als er aufstand. „Komm bei mir vorbei wenn du vor Verzweiflung fast durchdrehst, ja?“ Er sagte es mit einer Zärtlichkeit, die dem Ausspruch seinen Biss raubte. Ich nickte stumm.
Er hatte sich gerade abgewandt und die schwarzen Haare aus dem Gesicht gestrichen, als mir noch etwas einfiel: „Rod?“
Bevor er eigentlich losgegangen war, stoppte er schon wieder und drehte sich mir zu.
Mit einem lachenden und einem weinenden Auge sah ich in dessen Gesicht, welches von Glück übermannt und von Verliebtheit besessen war, zupfte an seinem Hemd herum und flüsterte: „Schön das du so glücklich bist.“
Einen Moment lang betrachtete er mich schweigend, sah mir tief in die Augen und griff schließlich nach meiner Hand, um sie mit zarten Lippen höflich zu küssen. „Wem habe ich’s denn zu verdanken?“, antwortete er leise, lächelte mich an und schritt davon. Ein Duft von Verliebtheit ließ er dennoch dort zurück, wo er soeben noch gestanden hatte.


Freiburg wäre sicher eine schöne Stadt gewesen, hätte sie nicht unter dem mittelmäßigen Wetter und meiner schlechten Laune an so viel Schönheit und lieblichen Reiz verloren, wie sie es am heutigen Mittag tat.
Ich war froh mich aufgrund meiner Krankheit vom Racing Team und dem Soundcheck abschotten zu können, verkroch mich nach der Ankunft direkt auf mein Zimmer und ließ mich bis zum Abendessen nicht mehr blicken.
Doch schließlich war es sechs Uhr, die Zeit drängte, mein Magen knurrte. Ich kleidete mich in ein paar unauffällige, schwarze Sachen, band meine Haare streng nach hinten und sah prüfend in mein blasses, abgespannt wirkendes Gesicht bevor ich das Zimmer lautlos verließ, und mich mit miserabler Laune zum Essen begab.

Als ich den Raum betrat wusste ich, weshalb ich es lieber nicht getan hätte. Sämtliche Köpfe der Racing Teamer drehten sich zu mir um; Manche aus Bosheit, manche aus Interesse, andere aus Gewohnheit und ein paar wenige einfach, weil es ihr Nachbar auch tat. Doch keinem von ihnen entging der kühle, fast geringschätzige Blick den mir Farin schenkte, als er mir entgegen und schließlich an mir vorbei lief. Vielleicht wunderte es meine Zuschauer das wir beide nichts zueinander sagten. Kein Schimpfwort, keine Beleidigung, nicht einmal ein zischen. Aber ihre Köpfe wandten sich schnell wieder dem eigentlichen Geschehen zu, nachdem ich ihn provokativ und fragend in die Augen gesehen hatte.

„Alles klar bei dir?“, fragte mich Manni etwas spöttisch als wir beim Buffet aufeinander trafen und ansonsten schweigend Teller beluden. Ich nickte gewohnheitsgemäß, zog ab, war aber weniger verwundert darüber als er sich schließlich zu mir an den leeren Tisch setzte.
„Mensch, was machst du dir so einen Kopf?“, fuhr er mich an, nachdem er mein Trauerspiel einige Minuten lang beobachtet hatte. Seine Miene war freundlich, aber bestimmt, und mit einem leisen räuspern zwang er mich dazu, meinen Blick von dem Brokkoli zu lösen und in seine Augen zu blicken.
„Man Alter! Du warst auch schon mal lässiger! Was ist los? Du hast Daniela gezeigt, dass du’s auf sie abgesehen hast – nicht ohne Grund – und das du sie nicht leiden kannst; Du hast dich ein wenig mit Jan gezankt, und ihm mal die Meinung gegeigt. So. Und was ist daran jetzt so tragisch? Bitte, das ist für deine Person ja wohl nicht außergewöhnlich!“
Er sagte es in einer Art die mich zum schmunzeln brachte, und mit höchster Zufriedenheit bemerkte Manni das vorsichtige Lächeln auf meinen Lippen. Er tätschelte meine Hand und entgegnete schmatzend: „So siehst du schon viel besser aus!“

Doch der anfängliche Optimismus verflog schnell als ich bei meinem Rückweg erneut auf Farin stieß. Schon von weitem gerieten wir in Blickfang, und die grünen, harten Augen passten sich dem steinernen Gesichtsausdruck an. Ich fühlte mich wie verprügelt als wir aufeinander zugingen und ergriff schließlich mit zittriger, leiser Stimme das Wort, als nur noch wenige Meter zwischen uns lagen. „Farin? Ich-“
Doch meine Stimme brach ehe ich tatsächlich irgendetwas gesagt hatte, und voller Inbrunst stürzte ich mich in einen Hustanfall, um die peinliche Situation zu überbrücken.
Farins muskulöse Arme verschränkten sich vor seiner Brust, und mit majestätischer Ausstrahlung sah er auf mich hinab.
„Ich, ich ähm, ich spiele heute Abend, ja?“
Ich wollte nur sicher gehen das er mich nicht ganz und gar aus seiner Planung gestrichen hatte, und betonte deshalb, dass ich trotz Krankheit parat stehen würde. Und als hätte Farin damit tatsächlich nicht mehr gerechnet antwortete er gelangweilt, und voller Ironie: „Ach, tatsächlich?“


Es kam mir vor wie eine Strafe selbst im Backstageraum zusammen mit den anderen darauf zu warten, dass wir auf die Bühne konnten. Rod und Diana waren nicht da, und ich konnte es ihnen nicht einmal verübeln, denn hätte man mich gefragt, wäre ich der gedrückten Stimmung innerhalb des Teams gern selbst entflohen. Bela und Dani bezirzten scheinbar gemeinsam Farin, der seine mürrische, harte Miene am heutigen Tag wohl überhaupt nicht mehr ablegen würde, und Manni sprach leise mit den anderen Bläsern, die auch nur wenig Euphorie offenbarten.

Ich war froh als ich das Konzert hinter mich gebracht hatte und verschnaufte erst einmal hinter der Bühne. Der Auftritt hatte mich an den Rand des möglichen getrieben, ich fühlte mich ausgesaugt und leer. Meine Lungen waren wie ausgepresst, mein Kopf ein einziges Chaos. Es ging mir wirklich schlecht.
Ich hing ein wenig mit den Licht- und Tonleuten am Bühnenrand ab, ließ mir etwas zu trinken bringen und wartete, bis sich das FURT in den Fluren und Räumen verteilt hatte, bevor ich selbst den Backstageraum betrat.
Doch da mich das Unglück in den letzten Tagen verfolgte, empfand ich es nicht einmal als seltsam, dass ich dort alleine auf Bela stieß.
„Und Madame? Mal wieder jemand bespitzelt?“
Ich beachtete ihn nur aus den Augenwinkeln und war über die plötzliche offensive etwas verwundert. Wer oder was hatte den geschundenen, heuchelnden Bela zu einem angriffslustigen Monstrum verwandelt?
„Und Kotzbrocken? Mal wieder zu viel Zeit?“
Ohne ihn weiter zu beachten schmiss ich mich rücklings auf das Sofa, legte die Beine hoch und den Arm über die Stirn, schloss die Augen und atmete tief durch. Mein Kreislauf würde bald aufgeben wenn ich so weiter machte, und ein schimpfender, keifender Bela trug nicht gerade zu dessen Beruhigung bei.

Es war sein heißer, drohender Atem direkt an meinem Ohr der mich hochschrecken und zusammenfahren ließ, als seine tiefe Stimme brummte: „Und du lässt dich ja doch jedes Mal dabei erwischen, dummes Mädchen.“
Ich setzte mich auf, rutschte ans Ende des Sofas und stellte mit Frust fest, dass Bela neben mir Platz nahm. Sein Gesicht war amüsiert, schadenfroh, und ich wusste das dieser Diskussion nicht mehr aus dem Weg zu gehen war. Na bitte, dann stürzte ich mich eben mit Gebrüll in die Hölle!
„Ach, weißte Bela, ich lass mich nur erwischen damit ich in die Ehre komme, von einer Schlagzeuglegende wie dir angesprochen zu werden. – Wie du weißt gibt es nichts Schöneres als solch liebliche Worte von dir zu hören und dich in meiner Gegenwart zu spüren.“, wendete ich das Blatt und sah in dessen dunkle Augen, die einen Moment zwischen meinen hin und her huschten. Der Abstand zwischen uns hätte auf dem Sofa nicht größer sein können, und während wir Hände und Arme beide dicht bei uns behielten, starrten wir einander mit abgrundtiefem Missmut entgegen.
„Tja verständlich, wenn auch sonst niemand mehr mit einem redet.“, antwortete er amüsiert.
„Du meinst, dann lässt man sich selbst auf jemanden wie dich ein?“, hakte ich nach und musste mir eingestehen das der Gegenzug von ihm nicht allzu übel gewesen war.
Doch unserem Gefecht kam Rod dazwischen der mit seinem Dauerlächeln in der Tür erschien, von Belas und meiner Person aber ein wenig abgeschreckt wirkte. Ein missbilligender Blick des Schlagzeugers traf mich mit voller Wucht, nachdem er aufgestanden war um Rodrigo zu folgen, der ihn darum gebeten hatte.

Ich beschloss eine Liste der Dinge anzufertigen, die ich noch zu erledigen hatte. In meinem Kopf war sie bereits geschrieben:

1. Daniela umlegen.
2. Bela umlegen.
3. Farin in den Arsch treten.

Ich lehnte mich noch einmal kurz gegen die Polster, atmete tief, schloss die Augen und stand bald darauf auf um mich zurück ins Hotel zu begeben. Schlafen, schlafen und vergessen. Das würde sogar selbst Daniela vom ersten Platz meiner Liste schubsen.
Mit leichtem Herzklopfen sah ich auf mein Handy, doch da gab es keine Anrufe in Abwesenheit, keine ungelesenen SMS von John. Vermutlich war er noch nicht einmal zuhause, es war vielleicht ein wenig viel vom ihm verlangt, dass er sich rund um die Uhr und möglichst jede Minute bei mir meldete. Ich war alt genug. Ich musste alleine klar kommen.

Ich lief den mit Neonlicht ausgestatteten Flur hinab um mich auf den Weg zum Hotel zu machen, dass etwa zwei Minuten zu Fuß entfernt war. Ich zog mir meine Jacke, knöpfte sie bis oben hin zu und steckte die Hände bereits vorsorglich in die Taschen, als ich Farins Stimme aus einem der Backstageräume hörte, dessen Tür gut zwei Zentimeter offen stand. Ich verstand nicht wirklich was er sagte, sein Gerede war wie ein monotones Gemurmel, doch dass es sich dabei um meinen Chef handelte erschien mir als Fakt.

Ich wusste das ich mir dieses ständige Belauschen wirklich abgewöhnen und verbieten musste, und dennoch blieb ich wenige Zentimeter neben der Tür stehen um der Stimme zuzuhören. Wenn Farin laut über meinen Rausschmiss nachdachte, dann könnte ich mir diese Debatte auch gleich in Echtzeit anhören.
„Ich… ich, weißt du, ich sehe auf diesen Platz, ich sehe Manni dort stehen und…“, er sprach nicht weiter. Und über die zerbrechliche, fast weinerliche Stimme von Farin war ich nahezu geschockt. Es ließ mein Blut in den Ader gefrieren, es versetzte meinem Herz einen Stoß. Ich fühlte mich wie betäubt.
„Ich sehe ihn und denke, da müsste Körk stehen.“
Seine Stimme brach erneut und in mir stieg blankes entsetzen auf. Farin klang so furchtbar, so elendig, dass ich am liebsten reingestürzt wäre um ihn zu trösten. Doch ich appellierte an mich selbst während ich bekümmerter Miene vor der Tür kauerte.
Rods sanfte, behutsame Stimme drang mit gewohnter Fürsorglichkeit an mein Ohr und ich war froh, dass der große Blonde jetzt immerhin nicht alleine war.
Und erneut wurde mir bewusst, dass ich hier nicht stehen durfte.
Das waren Farins ganz private Momente die er zu Recht nur mit seinem besten Freund teilte. Verdammt, ich hatte hier nichts verloren!
„Es ist nicht deine Schuld.“, sagte Rod langsam und in die bedrückende Stille brach plötzlich Belas Stimme ein. „Guck’ den anderen ins Gesicht, Jan! Es hat doch keiner vergessen! Aber du kannst doch nicht dein Leben beenden und dich dafür bestrafen das Körk“, er dämpfte seine Stimme zu einem flüstern „es nicht geschafft hat.“

Es war genug. Ich musste hier weg und zwar leise, unbemerkt. Auf keinen Fall durften die Drei bemerken das ich etwas von ihrem Gespräch mitbekommen hatte.
Ich stellte mich langsam wieder auf meine eigenen Füßen und lehnte nun nicht mehr an der Wand, während in dem Raum neben mir apathische Stille herrschte. Mein Herz klopfte so laut, so schmerzhaft gegen mein Hals das ich glaubte, jemand hätte es hören können.

Ich atmete nicht, aus Angst mich verraten zu können, und wartete stattdessen darauf, dass sich drinnen etwas tat. Erst wenn die quälende Stille einem leisen Gespräch gewichen war, würde ich mich trauen an ihnen vorbei zu schleichen. Möglicherweise hätte Farin auch durch den kleinen Türspalt gesehen, dass draußen jemand vorbei ging. Er musste also abgelenkt sein.
„Willst du nicht gleich reinkommen?“
Wie erschlagen stand ich neben der Tür. Konnte es sein? Nein. Verdammt nein! Wie hätte er mich bemerken sollen, ich war doch völlig ruhig gewesen? Woher-?
Farins Stimme hatte nicht in ihrem verletzlichen Ton gesprochen, mit der Naivität eines Kindes. Es war die ruhige, bösartige Beherrschung die aus ihr sprach. Ich war festgewachsen. Ich atmete nicht einmal aus. Ich rührte mich nicht.
Es durfte nicht sein!

Als sich die Tür nach innen öffnete und Farin eine Sekunde danach vor mir stand, mich mit einem finsteren Gesicht anstarrte und durch die grünen Augen bedrohlich fixierte, glaubte ich gleich ohnmächtig zu werden. Im Seitenblick sah ich Rod und Bela die mindestens so überrascht zu sein schienen wie ich, und ich hätte gern etwas Entschuldigendes gesagt, hätte mir Farins Anwesenheit nicht die letzte Luft aus den Lungen gepresst.
Ich sah ihn an. Ich versuchte es. Doch seine grünen Augen waren so hasserfüllt, so bösartig, dass ich ihnen nicht einmal wenige Sekunden standhielt. Wenn er mich umbringen wollte, dann bitte schnell, und nicht auf eine solch quälende, langsame Art.
„Ist das dein neues Hobby? Dachtest du dir, wenn’s bei Daniela schon nicht klappt, dann doch wenigstens bei deinem verblödeten Chef?“
Seine Aussage war wahnwitzig, und obwohl sie so plump, so simpel war, enthielt sie sämtlichen Hass der Farin wohl gerade im Hals steckte. Jedes Wort an mich schien ihm beinah nur mit Ekel über die Lippen zu kommen und ich fühlte mich vor ihm so schlecht, wie ich mich in meinem ganzen Leben noch nicht gefühlt hatte.
„Na sag schon? Bist du jetzt schlauer? Willst du ein paar Gerüchte streuen? Willst du die anderen gegen mich ausspielen? Warum tust du das hier? Hm? SAG SCHON!“
Es war keine Verzweiflung die aus ihm heraus schrie, es war die Wut über mein unbestreitbar dämliches Verhalten. Aber was sollte ich sagen? Warum stand ich hier? Ja, warum?

Ich hatte die ganze Zeit den Kopf gesenkt, war seinen stechend grünen Augen entgangen, den zusammengepressten Lippen, den erhobenen Brauen.
Ich richtete mich langsam auf, sah ihm voll Scham und tiefstem Schuldgefühl ins Gesicht und entdeckte an seinen Wimpern glitzernde Tränen. Silbrig schimmernde Tränen.
Rod und Bela rührten sich nicht. Sie schienen sich in Luft aufgelöst zu haben und ich konnte gut verstehen das Rod sich diesmal nicht für mich ins Feuer warf. Vermutlich hatte ich jetzt auch bei ihm den letzten Joker verspielt. Nur zu Recht.

Farin atmete laut aus, schloss die Augen und schüttelte einen Moment lang den Kopf. Als er mich erneut ansah waren seine Tränen verschwunden. Ohne sie, wirkte er nur noch beunruhigender.
„Manchmal wüsste ich gern was sich in deinem kranken Kopf abspielt.“
Er drehte sich um und ging, ohne irgendetwas weiteres zu tun oder zu sagen, und ich sah ihm mit schlechtem Gewissen hinterher, bis er aus meinem Blickfeld verschwunden war. Ich fühlte mich elendig.
Als plötzlich Applaus ertönte wandte ich ruckartig den Kopf. Bela saß klatschend auf seinem Stuhl hinter einem Tisch, den leeren Platz neben ihm hatte gerade wohl noch Farin besetzt. Eins weiter befand sich Rod, dessen Gesichtsausdruck einfach nur fassungslos wirkte.
„Na prima! Super Show! Gratuliere!“ Bela klatschte immer noch und sein hämisches Grinsen das allein mir galt, machte mich rasend und blind vor Wut. Ich strich mir mit den Fingern über die Lippen bis ich schließlich den Tränen Nahe mein Gesicht in die Hände legte. Immer noch klatschte Bela.
Wie konnte ich nur? Das war das endgültige Ende von allem. Ich würde das Racing Team verlassen müssen, ich würde ohne Job und Geld dastehen, könnte die WG nicht länger bezahlen und verlor zudem noch zwei gute Freunde. Warum hätten Rod und Farin je wieder ein Wort mit mir wechseln sollen? Und was würde Manni von mir denken?

„Verdammt HÖR AUF!“, brüllte Rod den Schlagzeuger an, der abrupt seinen Applaus stoppte und durch die Zurechtweisung gänzlich verstummt war. Ich hob den Kopf und warf einen Blick zu den beiden während sich Rod in diesem Moment erhob.
Ich fühlte mich so schlecht das ich mich gern augenblicklich übergeben hätte.
Das Rod in meine Richtung machte mir Angst. Ich hatte genug eigene Schuldgefühle, ich hatte mit Farins Blick und seinen Worten mehr als genug gelitten; Ich brauchte jetzt nicht noch den Anpfiff des Bassisten.
Ich wischte mir flüchtig über die Augen und verdrängte das überflüssige Wasser als Rod wortlos an mir vorbei lief und sich scheinbar einfach auf den Weg zum Hotel machte. Ganz so wie ich es auch hätte tun sollen, nur wenige Minuten zuvor.
Doch jetzt, wo er stumm an mir vorbei gegangen war wünschte ich, er hätte irgendetwas zu mir gesagt. So fühlte es sich jedenfalls schmerzlicher an, als es jede Zurechtweisung hätte tun können.

„Man du verdammter Idiot!“, blaffte Bela mich an, ohne sich aus seiner lässigen Position in seinem Stuhl zu erheben, oder sich auch nur in eine angebrachte Haltung zu versetzen. Ich wandte ihm den Kopf zu, in meinem Kopf pulsierte das Schuldgefühl mit dem kochenden Blut um die Wette, und aus seinen Augen sprach die Schadenfreude. Vielleicht tat es ihm nicht einmal um Farin Leid. Vielleicht war seine Freude mich Leiden zu sehen größer als das Mitfühlen für den besten Freund.
„Du bist echt schlimmer als jede Pest! Kannst du dich nicht mal um deinen eigenen Scheiß kümmern? Was schnüffelst du hier rum? Lernst du denn echt nichts aus deinen Fehlern?“ Seine Stimme klang angespannt aber dennoch hatte er sie noch im Griff. Ich sah ihm in die Augen und erwiderte mit gebrochener Stimme, weniger sachlich aber sehr ruhig:
„Ach, fick dich doch, ehrlich!“
„Oh, Frau Schlagfertig in Person oder was?“ Er hing immer noch in seinem Sitz. Lässig. Arrogant. Es war Zeit mit ihm abzurechnen. Was hatte ich zu verlieren? War ich meinen Job nicht sowieso schon los? Hatte ich meine Freunde nicht längst verloren? Wen kümmerte es dann wie ich mich jetzt benahm?
Ich trat in den Raum ein und Belas Miene änderte sich abrupt. Er stand sogar, das auch recht eilig, und stellte sich vor mir. Er überragte mich nur um wenige Zentimeter, ich fühlte mich ihm nicht unterlegen.

Unsere Gesichter waren sich sehr nah, aber es gab nicht den kleinsten Funken von Begierde oder Erotik. Es war blanke Provokation, Wut in seiner reinsten Form, Hass.
„Und was jetzt?“, sagte Bela langsam, die Augen fest auf meine gerichtet.
„DU verdammter ARSCH!“, fluchte ich ungehalten und auf seinem Gesicht breitete sich ein Lächeln aus. Hämisch. Unbeeindruckt. Gefasst.
„Oh, heute tatsächlich s e h r kreativ. ’Muss schon sagen…“
Ich atmete laut, ich schnaufte beinah, und versuchte mich auf das konzentrieren was längst überfällig war. Und obwohl ich mich dagegen sträubte ging etwas über meine Lippen, was ich lieber nicht gesagt hätte:
„Ist sie wenigstens besser im Bett als ich?“
Bela lachte nicht einmal, obwohl ich das erwartet hätte. Für einen Augenblick hellte sich sein Gesicht auf, so, als ob das eine freudige Nachricht für ihn wäre, dann sah er mir tief in die Augen und antwortete etwas leiser: „Wieso, willst du wieder in mein Bett? Willst du dich gegen sie eintauschen?“
„Gott bewahre!“, rettete ich mich müßig aus dem Fehltritt und schüttelte mit hochgezogenen Brauen den Kopf. „Sicher nicht, aber dumm fickt gut, sagt man, also müsste sie doch ganz passabel sein.“
„Passabler als du allemal.“
Einen Moment schwiegen wir uns an, dann sagte Bela scharf: „Am besten du verziehst dich. Ich rate dir die Finger von Jan zu lassen, kapiert? Halte dich hier aus allem raus. Du bist ersetzbar. Wir finden schon jemanden, der an deiner Stelle deinen Job macht, und nicht nebenberuflich als Spion arbeitet.“

Ich wusste, dass das was er sagte wahr werden würde. Das man von mir verlangen würde lautlos und mit eingezogenem Kopf zu gehen. Ich hatte zu viel verspielt in den vergangenen Tagen.

„Allerdings sollte ich unter dem Aspekt „dumm fickt gut“ gerade noch mal überdenken ob ich dich, wo du ja sowieso bald Arbeits- und Mittellos bist, für ein kleines Trinkgeld auf mein Zimmer bestelle, ich werde-“
Ich holte aus und ich hätte wirklich zu gern zugeschlagen. Es wäre nur eine kleine Rechenschaft für die Strapazen der vergangenen Tage gewiesen, nur eine makellose Erniedrigung, doch eine Hand schloss sich um mein Gelenk bevor ich Belas Wange auch nur streifen konnte.
„Ich werde meine Jacke hier wohl nicht ohne Grund vergessen haben.“, seufzte Rod mit teilnahmsloser Miene und ich sah ihm verwundert in die Augen, während sich seine Finger so sehr um mein Handgelenk krallten, dass es wehtat. Mit seinem Blick suchte er den Raum ab, bis er seine Jacke über den Stuhl liegen sah, auf dem er zuvor gesessen hatte.
„Würdest du mir die bitte mal geben?“, fragte er Bela mit gespielter Freundlichkeit, während er meine hoch erhobene Hand immer noch fest hielt, und ich kurz davor war ihn darum zu beten, nicht so zuzudrücken weil der Schmerz fast unerträglich war.
Bela trat mürrisch einen Schritt zurück bevor er sich umwandte, die Jacke ergriff und sie ruppig in Rods Richtung streckte. Der nahm sie dankend an sich, zog meine Hand herunter und mich hinter sich her. Ich sagte nichts.
Erst als wir das Gebäude verlassen hatten löste er seinen Griff und ich rieb mir eilig das schmerzende Gelenk. Rod beachtete das nicht, schritt eilig voran und schien sich nicht dafür zu interessieren ob ich neben oder hinter ihm lief. Ob ich mit ihm Schritt hielt, oder zurück fiel. Er ließ die Tür vom Hotel direkt vor meiner Nase zuknallen, sprintete die Treppe zu seinem Zimmer hoch und betrat es ohne ein weiteres Wort an mich zu richten. Als er die Tür öffnete hörte ich Dianas Stimme, konnte aber nicht verstehen was sie sagte, und kurz darauf stand ich schon wieder allein auf dem Flur.
In den zitternden Händen den kalten Schlüssel.
Und als ich meine Tür und das Zimmer neben Rod aufschloss wusste ich, es würde das letzte Mal sein. Ein Hotelzimmer auf Kosten des Racing Teams würde es für mich nicht mehr geben.

Noch bevor ich schlafen ging packte ich all meine Sachen fein säuberlich in meinen Koffer, stellte mir noch früher als sonst einen Wecker, um mit dem nächsten Taxi zum nächsten Bahnhof aufzubrechen, bevor es jemand mitbekam. Bela, Farin und Rod würden sowieso von mir erwarten das ich das Racing Team verließ, wenn ich fehlte, würde sie das nicht wundern.


Der Wecker klingelte und ich machte mich mit kleinen Tränen in den Augen ins Bad, duschte, zog mich an, schnappte mein Gepäck und checkte aus. Man war sichtlich verwundert mich in aller frühe an der Rezeption anzutreffen, wo noch nicht einmal eines Racing Team Mitglieder wach war.
Als ich durch die Eingangshalle nach draußen blickte wurde mir bereits kalt. Dichte, dunkelgraue Wolken besetzten den Himmel während es aus ihnen in strömen regnete. „Nicht nur ich weine.“, dachte ich heimlich und leise, als ich die fallenden Tropfen bemerkt hatte.

Ich schwang mir meine Tasche über die Schulter, sah noch einmal kurz durch das Hotel und ging dann nach draußen, in strömende Regen und schneidenden Wind.
Viel dramatischer hätte die Situation nicht sein können und ich fühlte mich immer noch unsagbar schlecht, weil ich Farin so hintergangen hatte. Er fühlte sich sicher mies, verraten, entblößt. Seine Gedanken und seine Gefühle waren nicht für mich bestimmt gewesen, sondern für Rod und Bela, die ihm hatten beistehen sollen. – Ich war förmlich in ihn eingebrochen.

Ich war schon nach wenigen Metern erschöpft, denn die Tasche zog mich unangenehm nach links, und das Wetter machte es nicht leichter voran zu kommen. Aus Geldgründen wollte ich doch kein Taxi nehmen. – Wer wüsste schon wie nötig ich es bald haben würde, jeden Euro umzudrehen? Und so weit konnte die Bahn ja nicht sein, wenn auch sämtliche Fans am gestrigen Abend dorthin hatten laufen müssen. Ich hatte gerade etwa die Hälfte des Parkplatzes vor dem Hotel überquert, da hörte ich meinen Namen.
„Taya! Hey Taya!“
Ich drehte mich um und sah eine große, eingehüllte Gestalt im Schutz des Hoteldaches am Rand des Gebäudes stehen. Der Statur und der Stimme nach zu urteilen war es Farin. Ich schluckte bitter.
Er winkte mir zu und machte unschwer erkennbar, dass ich zu ihm kommen sollte. Mir blieb das Herz stehen und mich überkam unbeschreibliche Angst. Hatte ich mich schon wieder vor ihm zu verantworten?
Als ich vor ihm – im trockenen – zum stehen kam, trieften meine Haare bereits vor Wasser und ich stellte mir vor, dass meine Schminke längst verlaufen war. Es passte einfach alles zu einem melodramatischen Moment wie diesem. Zu meinem Ende als Musiker.
„Wo willst du hin? Der Bus steht da drüben?“, seine Stimme klang fast ein wenig verwundert. Er spielte gut. Wollte er von mir persönlich hören das ich ging? War ihm erst das Ausgleich genug?
Farin deutete in die entgegengesetzte Richtung auf den Bus und strich sich die Kapuze vom Kopf. Unter seinen Augen waren dunkle Ränder, die Haare waren seltsam platt und sein Gesicht war blass. Die Lippen wirkten rissig und ausgetrocknet, seine Schultern hingen herab. Ich hatte ihn ordentlich zugerichtet. Vermutlich hatte er die ganze Nacht nicht geschlafen.

Ich ließ die Tasche mit lautem Geräusch auf den Boden fallen und steckte die Hände in die Taschen meiner Jacke. „Ich gehe.“, sagte ich ruhig und sah ihm kurz in die grünen Augen, die so fest auf meinem Gesicht ruhten, dass ich das Gewicht seines Blickes beinah spürte. „Ich gehe, so wie du das sicher willst. Verständlicherweise.“
Ich strich mir die nassen Haare hinter die Ohren, sah noch einmal in sein ausdrucksloses Gesicht das so müde wirkte, in die grünen, trüben Augen und nahm mein Gepäck wieder an mich. „Viel Erfolg noch auf der Tour. Und…“, ich machte eine kurze Pause „tut mir Leid.“
Ich drehte mich um, die Tasche über der Schulter und trat wieder in den Regen hinaus. Na bitte, das hatte ich doch immerhin mit Würde getan.

„Du meinst das ernst?“ Farin klang so, als meine er seine Frage ebenso ernst, wie ich meinen Weggang. Er stellte sie, kaum dass ich ein paar Schritte im Regen getan hatte, und mit trübsinnigem Gleichmut wandte ich mich noch einmal um und nickte. „Ja klar.“
Er schien damit zufrieden zu sein, denn ich hörte nichts mehr als ich weiter durch den Regen tapste. Vielleicht wollte er nur sicher gehen, dass ich Morgen nicht heulend vor seiner Tür stand. Das würde ich mit Sicherheit nicht tun.
Ich konnte immerhin schon die Hauptstraße sehen und hatte gute Hoffnung das der Bahnhof nicht mehr allzu weit war. Zwar drang das Regenwasser mittlerweile bis zu meinen Knochen vor, doch das machte mir nichts mehr. Sollte ich an der Lungenentzündung doch verrecken; Damit hätte ich Bela ein sehr frühzeitiges aber umso schöneres Geburtstagsgeschenk gemacht.

Laute, schnelle Schritte rissen mich aus diesem Galgenhumor und ich schmunzelte beinah, als Farin völlig außer Atem wenige Minuten später neben mir ankam, und mühelos mit mir Schritt hielt, obwohl ich versuchte ihn abzuhängen.
„Keiner hat was von Rauswurf gesagt!“, äußerte sich Farin und ich war mir nicht so sicher ob er das liebenswürdig oder eher gehässig meinte, um mir jetzt erst offiziell meine Kündigung vor die Füße zu knallen.
Ich blieb stumm und behielt den Blick fest auf die Hauptstraße geheftet. Es wäre der Clou, trampte ich jetzt noch vor seinen Augen.
„Und du bist krank!“, fuhr er etwas drängender fort und weil er kein „Nämlich im Kopf!“ dranhängte überkam mich der Verdacht, er meinte das hier doch ernst und nicht erniedrigend.
Ich blieb stehen und Farin hielt ebenso schnell an. Ich sah zu ihm auf, in das geschundene Gesicht das bis zu den Augenbrauen von seiner Kapuze bedeckt war, und blinzelte dabei mehrmals weil die Tropfen mir in die Augen fielen und meine Sicht vernebelten.
„Komm schon, du hast mir jetzt genug Angst gemacht.“ Er nahm mir die Tasche ab, stutzte sichtbar über deren Gewicht, legte mir den Arm um die Schulter und zog mich mit sich. „Verdammtes Miststück.“, brummte er mit einem Hauch Lieblichkeit und steuerte das Dach an, unter dem wir einige Minuten zuvor gemeinsam gestanden hatten.
Er schmiss die Tasche neben sich auf den Boden, lehnte sich gegen die Wand und rutschte nach unten, bis er saß. Dann klopfte er neben sich auf den Asphalt, reichte mir seine Hand und zog mich zu sich herunter. Aneinander gedrängt saßen wir dort und schwiegen eine Weile. Eine sehr lange Weile.

„Du wärst jetzt echt gegangen?“, fragte Farin leise und wandte mir das Gesicht unter der schwarzen Kapuze zu, die Beine angezogen und die Arme um sie verschränkt. Ich nickte langsam, betrachtete kurz die dunklen Augenringe und blickte wieder in die Ferne.
„Boah bist du krank!“ Wir lachten beide, leise. Schüchtern.
„Denkst du manchmal an Körk?“, fragte Farin und in seiner Stimme fand sich die alte Verzweiflung wieder. Durch das Geräusch des aufprasselnden Regens hörte man dennoch mein lautes Schlucken.
„Kaum, ehrlich gesagt.“
Ich beobachtete Farin aus den Augenwinkeln und war verwundert als er nickte.
„Das ging mir im Urlaub so. Ich dachte echt, ich… das wäre alles kein Problem für mich. Und jetzt macht es mich wahnsinnig. Jeden Tag aufs Neue. Es ist nicht so als ob ich Manni nicht mögen würde, wirklich nicht! Aber wenn ich ihn sehe denke ich, dass er eigentlich nicht hier sein dürfte.“ Nach einer kurzen Pause fügte er an: „Und ich sehe mir all diese Menschen in den vorderen Reihen an und frage mich, ob sie wissen das die, die damals starben, genauso unbefangen und heiter dort standen und doch nicht wussten, dass sie diese Halle nie wieder lebend und eigenständig verlassen würden.“ Er klang verbittert und ich erinnerte mich mit schmerzender Seele daran, wie wir uns kurz nach Körks Tod weinend in den Armen gelegen hatten. Eine schlimme Zeit.

„Das ist das was ich den Jungs gestern erzählt hab. – Und, glaubst du immer noch es hat sich gelohnt uns zu bespitzeln?“
Ich senkte verlegen den Kopf und legte ihn auf meine Knie ohne dabei Farin anzusehen. Ich blieb eine Weile ruhig, versuchte die richtigen Worte zu finden und sagte dann: „Ich wollte es eigentlich gar nicht. Ich dachte nur, du wirst irgendetwas über mich sagen. Weil… naja…“ Ich sah wie Farin grinste und stach ihm in die Seite. „Das ist nicht lustig!“
Er zuckte die Schultern als wollte er sagen: Doch, irgendwie schon.
„Als ich dich gehört hab, so… so…“, ich wollte es nicht sagen aber ein anderes Wort wollte mir einfach nicht einfallen. „…so verletzlich, da habe ich richtig Sorge um dich gehabt. Ich-“
„Die kleine, zimtzickige Spionin Taya macht sich um den großen, blonden Farin Sorgen oder was?“ Er wandte mir das Gesicht zu, grinsend, und weil ich nicht lachte, schien er urplötzlich ein wenig verunsichert.
„Ich wollte das alles nicht so. Ich hab deine Privatsphäre verletzt und das tut mir Leid. Ehrlich.“
Wir schwiegen erneut. Farin schien zu überlegen.
Schließlich legte er mir die schöne, muskulöse Hand auf meine Knie und sagte leise: „Das heißt, du steigst nicht aus, ja?“
Ich lächelte schüchtern und drehte nur ein ganz kleines Stück den Kopf um in Farins Gesicht sehen zu können. Trotz der schlechten, optischen Verfassung wirkte er für einen Moment fast strahlend.
„Wenn du mich noch haben willst…“
„Och, als Butler, Roomservice und Bettbegleitung doch zumindest. Ob als Saxofonistin – das überlege ich mir noch mal.“ Er grinste über meinen weit aufgerissenen Mund und den empörten Ausdruck und deutete auf das Hotel hinter sich. „Jetzt los, schnapp dir deine Tasche und zieh dich um. Du bist krank! In jeder Hinsicht! Aber du musst’s mit der Lungenentzündung nicht übertreiben, in Ordnung?“
Ich blickte dankbar in die grünen Augen. Glücklich. Erleichtert. Froh das alles irgendwie gut ausgegangen war. Zumindest so gut wie es die Situation hergab. Ich müsste alles wieder gut machen, irgendwie. Irgendwie. Es würde schon gehen…

Ich stand auf, klopfte mir den Staub von der Kleidung, bevor Farin nach meiner Hand griff und mich erneut herunter zog. Diesmal aber so unvorbereitet und ruckartig, dass ich beinah auf ihn fiel, und in einem ungesunden Winkel auf dem Boden lag, beziehungsweise kniete, den Kopf irgendwo in Farins Bauchhöhe.
Ich rappelte mich auf und mein Chef grinste mich lässig an. Er brauchte nicht zu sagen was er dachte, ich kannte seinen Humor. Etwas mürrisch sah ich ihm entgegen und wollte gerade wieder aufstehen als er mich flüchtig, beinah schüchtern für einen kurzen Augenblick auf die Stirn küsste.
Ich versuchte nicht verwundert darauf zu reagieren, tat so, als wäre es mir fast nicht aufgefallen, schnappte mir meine Tasche und humpelte aufgrund des Gewichts Richtung Hoteleingang. Ich öffnete gerade die Tür, da rief mir Farin hinterher: „Bläserfoh?“
Ich drehte mich in seine Richtung und sah ihn immer noch am selben Platz sitzend, vorsichtig lächelnd. „Willkommen zurück im Racing Team und schön das du da bist!“

Er hätte nichts Schöneres sagen können.

Nachdem ich mich, zur ganz offensichtlichen Verwunderung der gut situierten Hotelangestellten, auf der Toilette umgezogen hatte, steuerte ich zielsicher die Küche an. Ich hatte einen Sonderwunsch.
„Ich hätte gern das Beste Frühstück, dass sie für drei Person zaubern können. – Und zwar zum mitnehmen!“, strahlte ich dem ein wenig verdutzt dreinblickenden Küchenchef entgegen und knallte ihm einen 100€ Schein vor die Nase und fügte kurz an: „Trinkgeld. Wenn’s gut läuft!“

Zwei äußerst nette Küchengehilfen trugen schließlich das pompös aussehende Silbertablette bis für Rods Tür, wo ich sie zwar sehr höflich, aber bestimmt abwimmelte. Ich musste das hier selbst in Ordnung bringen, ihre Hilfe in allen Ehren.
Nachdem ich an der Rezeption gebettelt und gebeten hatte, und zuallerletzt auch meinen Charme beanspruchte, hielt ich nun einen Zimmerschlüssel in der Hand und bemühte mich beim aufschließen kein Geräusch zu machen.
Mühsam zerrte ich das Frühstück hinter mir her, schloss die Tür und drapierte es vor dem Bett, in dem sich Diana und Rod noch tief schlummernd und nichts böses ahnend befanden. Ich lächelte einen Augenblick über ihr Bild, nahm Anlauf, sprang auf das freie Stück Matratze zwischen ihnen und ließ mich dort fallen. „Morgeeeen!“
„Was zur Hölle-“
Rod, völlig verdutzt und zu Recht überrascht, strich sich mit dem Handrücken die Haare aus dem Gesicht und blinzelte mir verschlafen entgegen, während Diana wohl zu glauben schien, dass es sich bei einem so rabiaten Weckdienst nur um Rod selbst handeln konnte. Sie blieb liegen und rührte sich nicht weiter während der Bassist mich immer noch entgeistert anstarrte.
„Was zur Hölle tust du hier?“, blaffte er mich nicht sonderlich erfreut an, wagte es aber wohl nicht, mich direkt aus dem Bett zu schieben. Ich deutete mit wohlwollendem Lächeln an das Bettende, Rod erhob sich ein wenig, stützte sich auf seinem Ellbogen ab und folgte meinem Finger. „Willst du dich einschleimen?“ Genervt rollte er die Augen und ließ sich wieder auf sein Kissen sinken. Das Gesicht mir zugewandt, versuchte er wieder zu schlafen.
„Du brauchst gar nicht so zu tun, verdammte Zicke, ja? Ich weiß genau das du auf Essen abfährst!“
Rod hob eine Augenbraue an, seufzte, und schloss wieder die Augen. Er war noch immer sauer, verständlich, wie ich mir eingestehen musste.
Ich rutschte ein Stück herunter so das mein Kopf etwa in Höhe von seinem war, stützte mich auf und beugte mich über sein freigelegtes Ohr um mit einem schmunzeln zu flüstern: „Du musst mich nicht mehr mit Verachtung strafen, Rod. Ich hab’ die reinste Heldentat vollbracht!“
„Was, Bela bespitzelt?“, murrte er in sein Kissen und stieß ihn ein wenig an.
„Mensch, mal im ernst!“
Rod setzte sich langsam auf, strich sich die total zerzausten Haare aus den Augen und lehnte sich mit nacktem Oberkörper gegen das Bettende, seinen Blick auf das Frühstück geheftet. „Also bitte, wenn du dann gehst nachdem du mir von deiner „Heldentat“ erzählt hast… Mach schnell!“
Ich sah ihn kurz vorwurfsvoll an, dann begann ich flüsternd die Ereignisse des frühen Morgens zu erzählen, weil ich die scheinbar noch oder wieder schlafende, nackte Diana neben mir, nicht zwangsläufig wecken wollte. Als ich endete nickte Rod langsam.
„Schön, gehst du jetzt?“
„Oh man! Kannst du vielleicht mal ein bisschen mehr Begeisterung zeigen?!“, blaffte ich ihn im Flüsterton an und rammte ihm meinen Ellbogen in die Seite, woraufhin er neben mir im Bett augenblicklich einzusinken schien. „Ein bisschen mehr, verdammter Sack?“
Rod grinste von einem Ohr zum anderen, nahm mich in einen sehr rabiaten Schwitzkasten der mir vor lauter Schmerzen die Tränen in die Augen trieb. Erst als ich mich unter größtem Protest aus seinen Armen wand, schien auch er mit mir wieder im Reinen zu sein, tätschelte mir den schmerzenden Kopf und entgegnete erfreut: „Darf ich jetzt frühstücken?“

Doch bevor ich dem zustimmen konnte und mir mit tränenden Augen meine Wunden leckte, machte mich etwas stutzig: „Rod?“, flüsterte ich, und drehte meinen Kopf in seine Richtung. „Ist das deine Hand da zwischen meinen Beinen? Ich meine ja nur weil-“
Rod sah mich mit einem Gesichtsausdruck an, der mich sprachlos machte. Er wirkte so verdutzt, als hätte ich verkündet neues Mitglied der Kelly Family zu sein.
„Aber-“
„Hey Muchacho! Mach mal nicht so’n Lärm hier, ist doch-“ Dianas Stimme verebbte in ihrem Kissen und als die Hand unterhalb der Decke in der Nähe meines Intimbereiches wirklich unangenehm wurde, räusperte ich mich laut. Abrupt stoppte sie ihre Bewegung und Diana schien neben mir zu grübeln. „Rod?“
Als sich Diana mir zuwandte und nach einigen Sekunden stummen Starrens mit Entsetzen Begriff, wen sie da gerade angrabschte, schien sie beinah in Ohnmacht zu fallen. Ruckartig nahm sie ihre Gliedmaßen wieder an sich und fluchte ungehalten: „Ach du Scheiße!“
Rod und ich stürzten uns in einen nicht aufzuhaltenden Lachkrampf, während Diana, die rotbraunen Haare wild um den Kopf geschlungenen, nur mit mürrischer Miene uns finster ansah. „Haha, sehr witzig! Was tut sie überhaupt hier?“, blaffte sie Rod an mir vorbei an, der immer noch grinste.
„Sie nennt dich Muchacho? Holla die Waldfee mein Lieber!“, flüsterte ich Rod mit einem anzüglichen Lächeln zu, dass er erwiderte.
Rod zeigte ähnlich wie ich mit der Hand Richtung Frühstück, und als Dianas Blick ihm gefolgt war, entspannte sich ihr Gesichtsausdruck ein wenig, bevor sie sich wieder in die Kissen sinken ließ. „Na immerhin etwas.“, stöhne sie genervt und schien die Peinlichkeit von eben noch immer nicht so Recht verdaut zu haben.

Während Rod und ich aufrecht sitzend an das Bettende lehnten, döste Diana neben uns noch eine Runde, bevor ich über die Matratze kroch, und das Frühstück in Reichweite holte. „Willst du sie vielleicht mal wecken?“, brummte ich warnend und nickte in Dianas Richtung, kurz bevor sich der Bassist mit hungrigen Augen über sein Essen hermachen konnte.
„Wieso? Kannst du ja auch machen! Wo ihr euch doch schon so Nahe gekommen seit!“
„Lustig, Rod. Sehr lustig. Ehrlich.“, nörgelte Diana in ihr Kissen und Rod streichelte ihr zärtlich über den Kopf.
„Na siehst du?“, sagte er zu mir gewandt, bevor er an einem scheinbar zu heißen Kaffee nippte. „Wenn du so was sagst, ist sie ganz schnell wach.“

Wenige Minuten später saßen wir alle drei im Bett. Zugegeben, es war etwas eng, doch die gute Atmosphäre täuschte über diesen Minuspunkt hinweg. Keiner der beiden schien ein ernsthaftes Problem damit zu haben, dass ich hier saß. Bis auf eine kleine Ausnahme, die ich einfach ausnutzte, weil die Situation eine Vorlage schuf, aus der ich eine solche Aktion einfach basteln musste.
Rod, dem die Decke etwa bis zur Hüfte ging, schien kein Problem damit zu haben, seinen Oberkörper vor mir zu entblößen. In einem geschickten Augenblick krümelte ich mit meinem Brötchen auf ihm herum und stach ihm anschließend meine Finger in die Magengegend, um sie wieder aufzusammeln. Während sich Diana für dieses Schauspiel nicht einmal zu interessieren schien, beäugte mich Rod etwas argwöhnisch. Nicht ohne Grund.
Und als ich schließlich für einen wirklich kurzen Moment die Decke von ihm, um provozierender Weise darunter zu sehen, flippte er förmlich aus.
„HALLO? Ich bin hier vielleicht NACKT?“
„Ach… dann war das gerade doch kein Krümel den ich da gesehen hab?“
„Haha, sehr witzig Taya!“
Diana neben mir lachte so laut auf, dass Rod sie bestürzt ansah. Seine Miene war nicht nur fragend, sondern regelrecht anklagend. „Soll ich daraus jetzt irgendwas ablesen, Frau Scharf?“, pöbelte er beleidigt, während sich die Angesprochene die Hand vor den Mund hielt um das gerade verspeiste Croissant nicht über die Bettdecke zu verteilen. Als sie sich vorbeugte war ihr blanker, schöner Rücken zu sehen, während sie ihren Oberkörper mit einer dünnen Decke vor Blicken schützte.
„Glaub’ nicht das ich’s dir noch-“
„Na bitte, wer hat denn hier letzte Nacht geschuftet wie’n Esel?“, entgegnete Diana barsch bevor Rod seine Anklage überhaupt losgeworden war. Ich hob alarmierend die Hand und entgegnete in das Streitgespräch hinein: „Freunde! Freunde der Liebe! Hier bitte keine Details! Ehrlich! Es reicht schon das ich euch jede Nacht höre, okay? Danke.“
Beide verstummten etwas peinlich berührt, während ich grinste. Und um bei Rod noch ein paar Punkte zu sammeln entgegnete ich federleicht: „Aber du allein Diana, kannst letzte Nacht nicht für euren Spaß gesorgt haben, da muss ich Rod mal in Schutz nehmen. – Dafür habe ich dich zu deutlich … na ja, gehört.“