Kapitel 10 - Die Konkurrenz schläft nicht 3
In meinem Zimmer saß ich eine Weile auf dem Bett und starrte die Wand an. Ich wusste nicht woher die plötzliche Nachdenklichkeit kam, aber sie schien mich zu erdrücken.
Obwohl John auch bei meinem Abschied aus der WG nicht einmal anwesend gewesen war, und er schon seit Ewigkeiten nicht mehr, oder nur das allernötigste mit mir besprach, fasste ich nach einigem hin und her schließlich den Entschluss mich bei meinem besten Freund zu melden. Der wusste immer Rat, auch wenn er mich gerade nicht leiden konnte.
Ich griff nach meinem Handy und wählte die Nummer instinktiv.
„Hm?“, meldete er sich murmelnd zu Wort und hob nach wenigen Sekunden ab. Seine tiefe Stimme jagte mir eine Gänsehaut über den Rücken und für einen kurzen Moment war ich mir nicht einmal sicher ob ich da tatsächlich mit John sprach.
„Johnny?“
„Was’ los?“ Ich versuchte heraus zu hören ob er unter Drogen stand, aber dafür klang er zu klar. Dennoch war seine Stimme vergleichsweise friedlich, was mich beinah hellhörig werden ließ.
Ich streckte mich auf meinem noch frisch gemachten Bett aus, betastete die flauschige Decke unter mir und seufzte leise ins Telefon.
„Ach, alles. Alles ist los.“, begann ich wenig Informativ während es am anderen Ende der Leitung ruhig blieb. Ich war mir nicht klar darüber ob John mir mittlerweile verzieh was ich eigentlich nicht verbrochen hatte. Schließlich war es nie mein Plan gewesen ihn aus der WG zu schmeißen.
„Rod ist irgendwie sauer auf mich, auch wenn er das nicht so zeigt, und nebenbei schlägt er sich den Kopf mit unserer Pressefotografin ein, mit Bela kann ich kein normales Wort mehr reden, und eine der Sängerinnen entpuppt sich als mein absoluter Erzfeind; Ich habe mich restlos betrunken und meinen Ruf ruiniert, ich habe einen ständig notgeilen Chef an der Backe und mein bester Freund redet kein Wort mehr mit mir.“, sagte ich schließlich bekümmert und starrte aus dem Fenster, vor dem es unter grauem Himmel nun zu nieseln begann.
Er blieb eine Weile Stumm bevor er in seiner typischen Art und Weise nuschelte:
„Wie, dein bester Freund redet nicht mehr mit dir? Was’n das für’n Spack?“
„Pf, keine Ahnung. Frag’ ihn selbst.“
„Mach’ ich bei Gelegenheit. Und ich werd’ ihm sagen er soll sich gefälligst bei dir melden!“
Ich lächelte vor mich hin und fühlte mich augenblicklich besser als ich wusste, das John endlich wieder zu mir hielt. Ich wusste nicht wer ihm diese glückliche Eingebung verpasst hatte, aber ich hütete mich die Wunde anzustacheln und danach zu fragen.
„Na ja, ist doch alles halb so schlimm. So’n Gefühlschaos dürfte doch nichts Neues für dich sein.“ Er klang aufmunternd aber zugleich sehr ernüchternd.
„Halb so schlimm! Na du hast gut reden! Du sitzt doch eh nur zuhause rum und ruhst dich auf meinem Geld aus.“
„Ja, aber auch das ist auf Dauer anstrengend. Irgendwann weiß man einfach nicht mehr wohin mit seiner freien Zeit.“, gab John lachend aber sehr ehrlich zu, und ich schloss daraus, dass er nicht allzu eifrig auf Jobsuche war.
Die kalte Luft im Zimmer ließ mich ein wenig frösteln und ich vergrub mich unter der weißen, dicken Decke, während John behutsam sagte: „Gerade mal der zweite Tourtag und du willst schon schlapp machen? Bist mir ja ’n toller Rockstar!“
„Aller Anfang ist schwer.“, brummte ich und fügte an: „Und mit Kater sowieso.“
Mein Freund lachte und das er die Auswirkungen extremen Katers kannte, wusste ich nur zu gut. Ich konnte mir vorstellen wie er sich durch die schulterlangen, braunen Haare fuhr, mich mit einem schadenfrohen Ausdruck bedachte und mir als kleines Sahnehäubchen die Zunge rausstreckte.
„Rück schon raus Taya, was willst du Onkel Johnny beichten?“
„Onkel Johnny? Na wenn schon dann bist du wohl mein kleiner Bruder.“
Er lachte und mir ging das Herz dabei auf. Welch Segen ihn endlich wieder lachen zu hören! Während ich darüber nachdachte wie fabelhaft es war das wir uns endlich wieder verstanden, da rückte der Rest meiner Sorgen in den Hintergrund und da war jedes Problem eigentlich auch gar nicht mehr erwähnenswert.
„Wie geht’s dir?“, fragte ich ihn völlig aus der Luft gegriffen, erwartete aber nur eine mittelmäßig ehrliche Antwort.
„Na ja, seitdem du weg bist bin ich auf Fastfood angewiesen, weil keiner mehr für mich kocht.“ Ich grinste und konnte mir lebhaft vorstellen, dass Franzi eher verhungert wäre als mehr zu kochen, damit auch John etwas davon abbekam. Die Feindschaft zwischen den beiden erinnerte mich unwillkürlich an Daniela und mich.
„Und irgendwie erinnert sie mich weniger lieblich als du daran, wenn ich Einkaufen muss. Sie macht das eher mit einem >>Ey du Dreckssack, schwing mal deinen Arsch in den Laden! Du bist schon drei Tage im Verzug!<<. Da kann sie mit deinem >>Johnnyyyy? Wolltest du nicht noch einkaufen gehen?<< einfach nicht mithalten.“
„Verstehe.“
„Ja, dafür spreche ich sie aber auch nur noch mit geile Stute oder Mrs. Ich-steh-auf-Sahne an.“
„Oh, ich sehe, in der WG ist also alles total harmonisch ja?“
John lachte, machte eine kurze Pause und antwortete amüsiert:
„Ja… so ungefähr könnte man das ausdrücken.“
Mein Blick fiel auf die Uhr auf der gegenüberliegenden Seite der Wand und weil mir die Mahnung von Farin noch in den Ohren nachklang sagte ich ein wenig gefrustet: „Ich muss los. Der Chef ruft, beziehungsweise, wird bald rufen wenn ich jetzt nicht mein Zeug packe und mich in den Tourbus setze. Der ist da irgendwie sehr kleinlich.“
„Verstehe ich durchaus. Lass dich nicht aufhalten!“
Ich setzte mich langsam in meinem Bett auf und strahlte vermutlich über das ganze Gesicht. Meinen besten Freund wieder an meiner Seite zu wissen war großartig.
Er schien zu bemerken das ich nicht wirklich auflegen wollte und sagte schließlich belustigt: „Ja klar melde ich mich wieder bei dir! Und mit deinem besten Freund rede ich mal ein sehr ernstes Wörtchen unter Männern!“
„Aber drück ihn mal von mir, nachdem du ihn zusammen geschlagen hast, ja?“
John willigte ein und wir beendeten kurz darauf das Gespräch, bevor ich wesentlich erleichterter als zuvor meine Sachen in den Koffer schmiss, Trinkgeld für den Service hinterließ den ich ja eigentlich nicht gebraucht hatte, und dann den Weg zum Bus anzutreten.
Es war fast schon so absurd, dass ich es beinah wieder witzig fand.
Ich erreichte so eben die Treppe und hievte meine Tasche unter leisem ächzen die wenigen Stufen herunter, als auf der gegenüberliegenden Seite Daniela auftauchte, mit demselben Vorhaben. Unsere Blicke trafen sich oberhalb der Stufen und ihre eiskalten Gesichtszüge gaben mir mehr als deutlich zu verstehen das sie mein Verhalten nicht einfach auf den Alkohol schob und mir wortlos verzieh.
Wir beachteten uns nicht weiter, erreichten aber zur selben Zeit die Plattform, von der aus noch einmal fünf oder sechs Stufen zu bewältigen waren, bevor man den Boden erreicht hatte. Sie wollte ihren übervollen Koffer gerade hochheben, als die Sicherungen krachten, und sich ihr Gepäck über die gesamte Treppe verteilte.
Ich triumphierte heimlich und stieg symbolisch mit hochgezogenen Beinen über ihre Unterwäsche, die mittlerweile bis auf den Boden geschlittert war. Ich wollte mich gerade über die abstoßende Farbe äußern und meinem geschundenen Gemüt die Genugtuung erteilen Dani noch ein wenig zu triezen, als ich sie sagen hörte: „Ach Bela, der richtige Mann, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort!“ Sie lachte so schrill das mir die Ohren klingelten, und als ich den Kopf wandte um zu überprüfen das sie tatsächlich die Wahrheit sprach, rutschte ich auf einem ihrer Oberteile aus und schlitterte die letzten drei Stufen hinunter, bevor ich mit einem unsanften Aufprall am Boden anstieß.
„Ey Mann! Pass doch auf! Das Teil war teuer!“, pfefferte mir Dani angesäuert um die Ohren und ich versuchte ein möglichst gleichgültiges Gesicht zu machen, als ich mich mit schmerzendem Rücken wieder aufrichtet, und mir die Tasche umwarf.
Bela sammelte die Kleidungsstücke weiter oben auf, während Dani wutentbrannt nach unten hechtete, und mir wild zappelnd das Teil vor die Augen hielt, auf dem ich ausgerutscht war. „Mach doch die Augen auf!“, pfiff sie, und rauschte wieder nach oben um alles in ihrem Koffer zu verstauen.
Der Schlagzeuger der wohl gerade den Unterwäschenteil erwischt hatte, wurde ebenso gemaßregelt. „Na Bela!“, lachte sie gekünstelt und riss ihm gespielt verlegen einen Hauch von Nichts aus der Hand. „Wenn du die schon sehen willst, dann doch bitten nur an mir.“
Mir wurde dieses Gesülze zu bunt und ich machte mich schleunigst davon um mich der falschen Art Danielas zu entziehen, und Belas Kommentar ganz bewusst zu verpassen.
Ich schleppte mich durch die Drehtür, blieb mit meinem Gepäck beinah dort stecken, und zog den Kragen meines Mantels hoch, als ich mich durch den matschigen Schnee zum Tourbus brachte. Ich pfefferte meine Sachen angesäuert in den Kofferraum und beschloss in der Selben Sekunde, mich unter absolut keinen Umständen über Dani zu ärgern. Das war sie mir nicht Wert.
„Da kommt er ja, mein Blasehase! Ähm… habe ich das gerade laut gesagt?“
Ich sah zu Farin auf der sich in den hinteren Reihen breit gemacht hatte. Er stand auf, kam ein paar Schritte auf mich zu, und als er schließlich gut 1 ½ Köpfe größer als ich vor mir stand, fühlte ich mich ihm unendlich unterlegen.
„Heute so pünktlich?! Sehnsucht gehabt nach dem guten, alten Chef?“
„Nein, wohl eher nach seinen dämlichen Sprüchen.“
Farin verzog die Augen zu schlitzen, verschränkte die muskulösen Arme vor der Brust und zischte: „Werd’n wa jetzt aufmüpfig, ja?“
Ich entzog mich der für mich gefährlichen Situation und kletterte eilig auf Rods Matratze, vor der die Vorhänge nur teilweise zugezogen waren. „Ich muss… äh… Rod? Ja! Rod! Ich. Ähm. Bin dann mal.“, redete ich mich raus, nahm neben dem Bassisten Platz und zog eilig die Stofffetzen zu, bevor ich mich gegen die Wand lehnte.
„Mal wieder Stress mit dem Chef? Ich hab gehört, ihr hattet eine Zitat Farin Urlaub: feucht-fröhliche Nacht, ja?“ Rod grinste amüsiert und ich zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Feucht-fröhlich?“
Rod nickte, schien aber zu ahnen dass sich dieses Detail nur aus Farins Fantasie ergeben hatte.
„Und dein Abend war wohl eher blutverschmiert, so wie ihr beide euch da angegangen seid?“ Ich lehnte mich gegen ihn, verdrängte den Bassisten wie so oft in eine Ecke und breitete mich ein wenig aus. Er zuckte nur die Schultern und ging nicht weiter darauf ein.
„Na erzähl doch mal! Warum seid ihr denn so aus der Haut gefahren? Ihr wart doch sonst immer recht friedlich.“ Ich spielte mit den Ringen an meinen Fingern und richtete meinen Blick kurz auf den hinter mir sitzenden Rod, dem einige, schwarze Strähnen in die Augen fielen, die er mit einem kurzen Kopfschütteln aus seinem Blickfeld beförderte.
„Lange Geschichte.“, brummte er nur missmutig und wirkte noch demotivierter als ich sagte: „Um so besser. Wir fahren jetzt ja ein paar Stunden.“
Rod stöhnte genervt und fummelte an meinen Haaren herum. „Nein. Danach hast du total das zerstörte Bild von mir.“
„Ui, ich hab’s doch gleich gewusst, du bist nicht so harmlos wie deine treuen hundeaugen Rodi! Ich hab’s gewusst! Na los, na los! Rück raus damit!“
Er ließ den Kopf gegen die Wand fallen, rieb sich über das Gesicht und nörgelte vor sich hin, bis ich schließlich die Geduld verlor. „Du zierst dich wie so’n Mädchen!“
„Wenn man über so lange Zeit von Farin und Bela vergewaltigt und rumkommandiert wird, dann hat man nun mal irgendwann im wahrsten Sinne des Wortes das Gefühl, das Mädchen für alles zu sein.“
Ich richtete mich auf, grinste ihn an und klopfte ihm amüsiert auf den Pausbacken herum, so wie das meine Oma immer bei mir gemacht hatte.
„Ich höre?“
„Boah kannst du ätzend sein.“, äußerte sich Rod ehrlich, strich sich die Haare aus den Augen, zog die Beine an und sah mir fest in die Augen.
„Wir hatten sie schon mal dabei, vor einigen Jahre auf einer Die Ärzte Tour. Ich hatte damals ’ne Freundin, Chantal. Es ergab sich jedenfalls während unserer Zusammenarbeit, also Dianas und meiner, das sie sich in mich verliebte.“
„Ernsthaft?“ Ich versuchte mir vorzustellen wie die ruppige, burschikose Diana Herzchenaugen bekam und sich einem Kerl zu Füßen warf. Eine unvorstellbare Sache.
Rod nickte langsam. „Ja, allerdings. Jedenfalls, habe ich’s eine ganze Weile lang nicht gemerkt, was bei ihrer Art kein Wunder ist. Ich glaube, sie hat mich nur noch mehr beschimpft und zurecht gewiesen als die anderen beiden, ihre Art von Zuneigung.“
„Dann muss sie sich auch in mich verliebt haben.“, mischte ich mich beiläufig ein und erntete von Rod einen mitfühlenden Blick.
„Ich weiß wie das ist. – Na ja, jedenfalls habe ich mir irgendwann während der Tour so’n Mädel aufgerissen, und Diana kam dazu. Erwischte uns sozusagen auf frischer Tat und machte ein riesiges Theater darum. Ich verstand nur nicht warum. Schließlich war das zumindest zu der Zeit nichts ungewöhnliches, das Bela und ich, manchmal auch Farin, ein paar Mädels mit ins Hotel nahmen.“
„Ihr kleinen Casanovas!“, kommentierte ich lachend und Rod zwinkerte mir zu.
„Sie ist daraufhin zu meiner damaligen Freundin Chantal gerannt, hat ihr das ganze erzählt und war umso wütender als sie einsehen musste, dass die sich nicht so viel daraus gemacht hat. Weißt du, Chantal lebte gut von meinem Geld, wir haben uns ganz gut verstanden und ich fühlte mich verpflichtet. – Aber tatsächlich zusammen waren wir wohl nicht.“
„Das heißt, Diana fand in deiner „Freundin“ also keine Verbündete?“
„Nein. Und das wieder rum ließ sie aufhorchen weil sie glaubte, dann eine Chance bei mir zu haben. Wenn ich nicht tatsächlich an meiner Freundin interessiert war, und sie nicht an mir – da witterte Diana ihr Glück.“
Ich versuchte mir eine fast schon berechnende, ja unglücklich verliebte Pressefotografin vorzustellen, doch dass Bild wollte sich nicht so wirklich vor meinem geistigen Auge absetzen.
„Sie gestand mir ihre Liebe und ich hab… na ja. Mich so benommen wie Franzi das jetzt bei mir tut. Ich hab sie die meiste Zeit ignoriert und ich hab mir keine Gedanken darüber gemacht, dass ihr das unheimlich wehgetan hat, mich mit den anderen Mädels zu sehen.“
„Und was hat das mit eurem gestrigen Streit zutun? Sie meinte doch so etwas wie: Nicht das es so endet wie letzte Tour? Heißt das, sie hat sich schon wieder in dich verliebt?“
„Ich hoffe doch nicht.“, antwortete Rodrigo lachend und fuhr fort: „Die Tour endete damit, dass wir uns tierisch zerstritten haben. Das ich ständig andere Frauen mit ins Hotel schleppte ging ihr auf den Wecker, und sie meinte, ich würde das nur aus Einsamkeit tun. Was keine schlechte Analyse war, aber ich habe natürlich alles abgestritten. Eigentlich trauerte ich immer noch meiner Ex-Freundin hinterher, die, die vor Chantal gewesen war, und andere aufzureißen gab meinem Selbstwertgefühl einiges. Ich habe mich restlos betrunken weil ich nicht wusste was ich eigentlich suchte, und Bela und ich waren in dieser Zeit viel zu oft high.“
„Klingt trotzdem nicht so wirklich einleuchtend.“, antwortete ich leise.
„Na ja, sie hat seit dem wohl ein katastrophales Bild von meiner Frauenvorstellung. Dass ich sie so abserviert habe, das stört sie heute noch. Was soll’s. Ich weiß nicht warum sie sich solche Sorgen darum macht, dass ich noch nicht unter der Haube bin. Vielleicht will sie sicher gehen, dass ich keine kleinen Mädchenherzen mehr breche.“ Er lachte. „Ach, keine Ahnung.“
Ich nickte, band mir meine Haare zusammen und zog die dünne Decke über meine Füße.
„Demzufolge habt ihr euch gestern eigentlich über deine damalige Abfuhr gestritten, ja?“
Rod stimmte mir zu, meinte aber, dass man in solche „alten Themen“ gern noch alle möglichen Katastrophen der vergangenen Jahre auf die Schuld des anderen schob, um dem Streit die richtige Würze zu verleihen.
„Also warst du schon so’n Weiberheld, ja?“
Rod grinste und senkte verlegen den Kopf. „Kann dir ja egal sein. – Und jetzt wo ich meine Geheimnisse ausgeplaudert hab, wie war’s denn mit dem guten Jan in einem Bett? Ich meine, ich weiß, er kommt immer zu früh, aber ansonsten ist es doch ganz schön, oder?“
„Och ne, fang du nicht auch noch an!“ Ich verpasste Rod eine leichte Ohrfeige und er wiegte den Kopf leicht hin und her bevor er die Lippen zu einem Schmollmund verzog. „Na gut, wie wär’s mit ’nem Dreier? Dann brauchst du mir nix mehr erzählen, dann bin ich ja dabei!“ Er grinste von einem Ohr zum anderen und ich schlug die Hände vors Gesicht.
„Man, was ist hier los? Schwappt hier zurzeit ’ne Hormonwelle durch den Bus?“
„Ich glaube du warst einfach zu lange nicht mehr auf Tour. So ist das halt. – Heute Abend nach dem Konzert bei dir, ja?“
„Du kannst mich mal!“, pfiff ich ihn Kopfschüttelnd an und bemerkte das Wortspiel erst, als ich es bereits gesagt hatte. Es war wie verhext das ich diesen Fluch jedes Mal aussprach, wenn er gerade nicht passte.
„Na das war ja wohl ’ne offizielle Einladung!“
Wir erreichten Dortmund am frühen Mittag und das Wetter war kein Stück besser. Während Dani und ich unsere Feindschaft damit öffentlich machten, dass wir uns komplett und mit jeder Pore unserer Körper ignorierten, wirkten Rod und Diana einfach nur angespannt. Man konnte also durchaus behaupten, dass die Stimmung explosiv und aufregend war.
Wir stiegen aus dem Tourbus aus und damit in den Nieselregen, brachten unsere Habseligkeiten in unsere Unterkunft für diese eine Nacht und machten uns dann auf zum Mittagessen. Das Erfolgserlebnis mit John lag mir sinngemäß noch so im Magen, so dass ich kaum etwas aß und mich, eingepackt in Schal und Mantel, leise davon stahl um schon einmal zur Halle zu gehen. Ich wollte mir die frierenden und wartenden Fans angucken, wollte sehen wer in wenigen Stunden vor der Bühne stehen würde, und was das für Leute waren, die FURT Fans.
Es hatten sich noch nicht besonders viele Menschen vor der Halle drapiert, und die die das Pech erlebten nicht mehr unter dem Vorbau, sondern unter dem freien Himmel warten zu müssen, schützten sich mit Plastiktüten, Tetrapacks und Regencapes vor dem kühlen nass, das auf sie herab plätscherte. Ich wickelte den Schal so um meinen Kopf, das man nur Nase und Augen sehen konnte, ließ mir die Haare ein wenig ins Gesicht fallen und steckte die bereits kalten Hände in die Manteltaschen. Nun absolut überzeugt davon das mich niemand erkennen würde, begab ich mich in die absolute Nähe der Fans und lauschte den meist belanglosen Gesprächen. Die Vorstellung das ich, bis vor wenigen Monaten, bzw. gut einem Jahr, noch unter ihnen gesessen und ebenso gewartet hätte, belustigte mich ungemein. Und jetzt, ich konnte es fast immer noch nicht fassen, gehörte ich zu denen, die auf der Bühne standen!
„Schon wieder unterwegs?“
Eine Hand drückte kurz meine Schulter und ich wandte erschrocken den Kopf zu der Person um, die mich da so herzlich angesprochen hatte. Sam, den Irokesen wie gewohnt gut gestylt, das Gesicht ähnlich blass wie das von John und die Lippen zu einem Lächeln verzogen, hob triumphierend die Augenbrauen. „Ich erinnere mich ausgezeichnet an Gesichter auch wenn man sie noch so hartnäckig versteckt.“
Ich lächelte unbemerkt hinter dem Stoff meines Schals und sah meinem „privaten“ Fan, fest in die Augen.
„Ein schönes Konzert gehabt, gestern?“
Wir gingen ein paar Schritte nebeneinander über den Platz und entfernten uns langsam von der wartenden Gruppe vor dem Gebäude. Sam lachte kurz und hob schließlich vielsagend die Hände. „Dein rumgehopse hatte möglicherweise auch einen tieferen Hintergrund als nur dämlich auszusehen?“
„Ey, werd’ mal nicht persönlich!“, brummte ich trotzdem grinsend und zog den Schal ein wenig tiefer. Die kalte, nasse Luft schlug mir entgegen und raubte mir für einen kurzen Augenblick den Atem. „Die Fotos unserer Pressefotografin sind trotzdem alle gestochen scharf, obwohl ich mit meinem wie du so schön gesagt hast, rumgehopse, genau das verhindern wollte.“
„Tja, kurze Verschlusszeiten machen’s möglich.“, antwortete er heiter und stieß mir freundlich in die Seite. Wir schwiegen einen Moment lang und setzten uns unter das Dach einer nahegelegenen Bushaltestelle um dem unaufhörlichen Nieseln zu entgehen.
„Du hattest gestern einen, ich möchte mal sagen, gut betrunkenen Abend, ja?“, erkundigte er sich scheinheilig und ich wandte ihm langsam den Kopf zu, nachdem ich verstanden hatte was er damit meinte. Er starrte geradeaus ins Leere und schien sich von meiner verdutzten Miene nicht irritieren zu lassen.
„Woher weißt du das?“, sagte ich so langsam, dass jedes Wort wie ein einzelner Satz klang.
Er zuckte gelangweilt die Schultern, zog den Kragen seiner Jacke ein wenig höher und richtete den Blick betrübt auf den ebenso wenig vielversprechenden Himmel. „Man hat halt so seine Kontakte, ne?“
Ich erinnerte mich daran, dass das Farins Worte gewesen waren als er mutwillig in meine Wohnung eingebrochen war, um das Vorstellungsgespräch in meine Bude zu verlegen.
„Seine Kontakte?“
„Jop.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust, lehnte sich gegen die Glasscheibe hinter ihm und drehte seinen Kopf, um auf die Uhr an meinem Handgelenk sehen zu können. Er brauchte einen Moment um sie zu entziffern und als ihm bewusst wurde wie spät es war, sprang er auf. „Ich muss los!“
„Jetzt? Aber-“
Sam hob die Hand zum Gruße und sprintete bereits den rutschigen Grashügel hinter der Bushaltestelle hoch und hatte es tatsächlich eilig zur Halle zu kommen. Während ich den weniger gefährlichen Weg über den geteerten Pfad nahm, sah ich Sam hinterher der durch tiefsten Matsch und Schlamm dem großen, weißen Gebäude entgegen rannte. Ich war zwar etwas verwirrt von seinem plötzlichen Abgang redete mir aber ein, dass er nichts mit mir zu tun hatte. Allerdings sollte er, wie ich wenig später feststellen würde, durchaus wegen mir passiert sein.
Ich ging direkt weiter zur Halle und sah mich im Backstagebereich um, als ich dort auf meinen Chef traf.
Die nassen Haare wie triefende Gardinen vor den Augen, und die Jeans schier festgesaugt an meinen Beinen, schien ich bleibenden Eindruck zu hinterlassen. „Also weißt du“, sagte er lüstern und legte mir die großen Hände auf die Schultern, bevor er mich von oben herab musterte „Also das du feucht wirst wenn du mich siehst das kann ich, gerade nach unserem intimen Erlebnis, ja wirklich verstehen, aber das du gleich von oben bis unten durchnässt bist, das überrascht selbst mich als Betthengst noch!“
„Sehr witzig, es regnet!“, brummte ich, entzog mich meinem Chef und schmiss meine nasse Jacke über eins der Sofas. Schon darauf wartend das Jan irgendeinen noch viel niveauloseren Spruch raus hauen würde, verschränkte ich die Arme vor der Brust und setzte mich auf die Lehen, das Gesicht ihm zugewandt. Doch zu meiner Überraschung kam Dani ihm zuvor; Sie stürzte in den Backstageraum, eingeschnürt in einen lack- und lederähnlichen Anzug der einen Ausschnitt bis zu ihrem Knie gewährte, warf die Haare rassig hinter die Schultern und wollte gerade Farin anstrahlen, als sie mich, tropfend und fast bibbernd entdeckte.
„Du machst alles nass.“, begrüßte sie mich ernüchternd und ihre Stimme klang dabei fast ein wenig angeekelt.
„Na stellt dir vor!“, brummte ich, und versuchte ihren affektierten Ton zu imitieren was absolut scheiterte.
Sie rollte mit den Augen, sah mich von oben bis unten an und drehte sich schließlich zur Seite um, um Farin das ganze Ausmaß ihres Ausschnittes zu präsentieren. Sie spielte auffordernd mit einer langen, blonden Haarsträhnen und biss sich beinah nebensächlich auf die Unterlippe, während sie sprach. „Ich dachte mir, gerade beim Soundcheck, da habe ich mich echt kaum gehört und-“
„Soundcheck?“, unterbrach ich sie ungehalten und sah Farin fragend an, der grinsend an Dani vorbei zu mir sah. „Ja, den hast du verpasst.“
„Ernsthaft? Tut mir Leid ich wusste nicht-“
„Vielleicht solltest du deinen Job ein wenig ernster nehmen.“, zischte Daniela bissig und das sie mir vor Farin den Krieg erklärte, konnte ich nur auf meinen Patzer im volltrunkenen Zustand zurück führen. Mit meiner, wie ich doch fand, gelungenen Nachmache ihrer Person schien ich sie an einem wunden Punkt getroffen zu haben, und nun fühlte sie sich wohl aufgefordert dazu, mich in aller Öffentlichkeit fertig zu machen.
„Jedenfalls, wäre es möglich Laura ein wenig leiser und mich ein wenig lauter zu drehen? Es scheint mir wirklich-“
„Farin, hüte dich! Die übertönt doch dann bald sämtliche Bläser!“
„Was nicht tragisch wäre, spielen kannst du sowieso nicht.“, gab Daniela zurück und Farin der praktisch zwischen uns stand, schien von dem offenen Zickenkrieg wie überrannt. Verwirrt sah er zwischen Dani und mir hin und her, die Augenbrauen verdächtig hochgezogen und eine Miene im Gesicht, als würde er nicht glauben was er gerade hörte.
„Ey, nehm’ dich mal ’n bisschen zurück. Ich bin absolut dagegen deinen schiefen Gesang noch lauter zu drehen. Du bist absolut perfekt zu hören, leider.“
„Was fällt dir eigentlich ein? Glaubst du nicht du hast dir schon genug geleistet, Taya?“
Farin trat zwischen uns und versperrte uns das Sichtfeld. Er hob die Hände und sah mich ernst an, bevor er sich Dani zuwandte und ihr vermutlich den Selben Blick schenkte.
„Mädels, es reicht jetzt! Was ist los mit euch?“
Ich stieg von der Lehne des Sofas, nahm meine Jacke die den Stoff unter ihr durchtränkt hatte, und blickte noch einmal zu Farin. „Zweiter Tourtag und ihr wollt euch schon an die Gurgel?“, sagte er etwas sanfter und ich nutzte die kurze Atempause um den Backstageraum eilig zu verlassen. Keine Standpauke vom Chef, nicht jetzt, und vor allem nicht vor Daniela.
Ich sah den Flur auf und ab, die Tür nach draußen war noch geöffnet und das Wetter davor war genauso unschön wie die ganze Zeit zuvor auch. Dennoch beschloss ich, noch einmal nach draußen zu gehen. Nach diesem hitzigen Gespräch war kalte Luft wohl das Beste.
Ich trat gerade über die Schwelle als ich unerwartet mit jemandem zusammenstieß.
„Oh, Sorry.“, brummte ich mit nur wenig Schuldgefühl, schließlich hatte Dani meine Laune doch gewaltig getrübt.
Mein Aufprallpartner war so dunkel gekleidet und verhüllt wie ich zuvor, als ich versucht hatte mich unerkannt durch die Fans zu bewegen. Uninteressierte huschte ich an ihm vorbei, als mir auch schon die ersten, nassen Tropfen entgegen kamen.
„Sag mal, blind?“, raunte mir eine tiefe Stimme entgegen die ich instinktiv dem Mann zuordnete, mit dem ich so unsanft zusammengestoßen war. Ich blieb stehen, drehte mich langsam um und schnauzte ungehalten: „Alter, wenn du mir vor die Füße rennst kann ich doch nix dafür!“
Ich wollte gerade diabolisch den Mittelfinger heben, als der Vermummte die Kapuze vom Kopf zog, und mich ein zwar nasser, aber strahlender John ansah, das Gesicht ein einziges Grinsen.
Einen Augenblick lang sah ich ihn fassungslos an, dann stürzte ich auf ihn zu und umarmte meinen Freund so heftig das er einige Schritte nach hinten stolperte und beinah fiel. „John altes Haus!“
Ich schlang meine Arme um seinen Hals und begann überglücklich zu lachen. „Wo kommst du denn her?“
„Na, auuuus Berlin.“, antwortete er fröhlich und spielte damit auf die Ansage der Ärzte an, wobei er mich mit sanften Händen von sich schob um mich einen Augenblick lang anzusehen.
Er wirkte blass und ausgemergelt wie immer, doch das Grinsen stand ihm gut und ließ ihn wesentlich lebendiger wirken. Überrascht von dem plötzlichen Auftauchen meines Freundes fehlten mir die Worte, und als Dani dicht neben uns aus dem Eingang trat, stockte mir der Atem. Ich riss mich zusammen und behielt ihr auftauchen unkommentiert.
Sie musterte John und ich mich von oben bis unten und verharrte dort bis Laura, eine weitere Backroundsängerin dazukam. Beide würdigten uns abfällig bevor sie, geschützt unter Regenschirmen um das Gebäude liefen.
Ich wollte gerade tief Luft holen und mir für die verhaltene Reaktion auf die Schulter klopfen als ich Dani bedacht laut hörte: „Mit was die sich abgibt!“
Bereit ihr irgendeine Gemeinheit hinterher zu schreien legte John mir die Hand über den Mund und zog mich an die Wand des Gebäudes, damit wir wenigstens ein bisschen dem Regen entkamen. „Seit wann ist so was dein Niveau?“, fragte er tadelnd und schien längst begriffen zu haben, dass es sich bei Dani um meine Erzfeindin hielt.
Ich nahm John mit in den Backstagebereich und nachdem wir uns beide etwas warmes zu trinken besorgt hatten, pflanzten wir uns in eine der hinteren Ecke des Aufenthaltsraumes, kuschelten uns auf dem Sofa zusammen und blieben dabei vorerst auch ungestört.
„Wie bist du so schnell hier her gekommen? Du hattest das doch nicht langfristig geplant oder?“, fragte ich ihn und war mir sicher, dass mein Freund sich heute Morgen bei unserem Gespräch noch im heimischen Bett befunden hatte.
„Spinnst du? Ich und planen? Na ja, du klangst so verzweifelt, da dachte ich mir, ich schaue mal vorbei.“
„Großartige Idee.“, ich grinste, wuschelte meinem Freund durch die Haare und strich ihm das Wasser aus dem Gesicht.
„Allerdings wär’s beinah schief gegangen, weil Sam mich am Bahnhof vergessen hat, die olle Sau.“
„Sam?“
Ich richtete mich auf und sah John in das blasse Gesicht. Sollte der Irokesenträger etwa an dieser Überraschung beigetragen haben?
„Jap, Sam.“
„Der Sam?“, fragte ich verwundert nach.
„Welcher Sam?“
„Na DER!“ Ich formte mit den Händen einen imaginären Irokesenschnitt und John schien zu verstehen. Er nickte. „Und woher kennst du den?“
Ich zuckte die Schultern und beschloss mich bei meinem privaten Fan umgehend zu bedanken, sobald ich ihn wiedersehen würde. „Man kennt sich halt.“
„Taya!“, donnerte Farin hinter mir mit so cholerischer Stimme, dass ich am ganzen Körper zusammenzuckte. Noch bevor ich Zeit hatte mich zu ihm umzudrehen erinnerte er mich mahnend: „Wie war das mit den Groupies?! Schlepp’ die bloß nicht mit in den Bus Schätzchen, ich sag’s dir!“
John und ich rutschten auf dem Sofa herum um den blonden Riesen sehen zu können, der in der Nähe der Tür stehen geblieben war. Als sich Johns und sein Blick trafen, fingen beide an zu lachen. Ein wenig irritiert von dieser Reaktion sah ich zwischen beiden hin und her und war umso erstaunter als sie sich recht herzlich begrüßten. „Woher kennst du den?“, fragte ich John anklagend und tippte meinem Freund energisch gegen die Schulter wobei Farin neben uns auf dem Sofa platz nahm. Mit einem süffisanten Lächeln antwortete er zweideutig: „Na, man kennt sich halt.“
Die beiden Männer vertieften sich in ein Gespräch dem ich nicht folgen konnte, wohl auch, weil ich nebenbei damit beschäftigt war heraus zu finden woher sie sich kannten. Allerdings widmete man mir nur die nötigste, das bedeutete, absolut keine Aufmerksamkeit.
„Schon gewusst das deine Freundin“, Farin räusperte sich elegant und warf einen Blick vorbei an John in meine Richtung „eine absolute Granate im Bett ist?“
John der in der Mitte saß wandte mir erstmals wieder seine Vorderansicht zu und grinste breit: „Wie du hast-?“
„NEIN! Sicher-“
„Oh doch, die hat!“
„Nein, habe ich nicht!“
„Ach, das ist ihr nur peinlich.“, entschuldigte mich Farin verständnisvoll und rutschte instinktiv ein Stück nach hinten als ich versuchte ihn an John vorbei am Hemdkragen zu packen. „Siehst du, die will mir schon wieder an die Wäsche!“
„Boah krass Taya, so was hätte ich echt nicht von dir gedacht!“ John klang ehrfurchtsvoll während Farin durch und durch amüsiert zu lachen begann.
Nachdem Farin noch weitere nicht passierte Skandale über mich ausgepackt hatte und damit meinen Ruf vor John so schlimm ruinierte, dass dieser mich immer nur noch entsetzt ansah wenn er mich erblickte, setzten wir meinen besten Freund wortwörtlich vor die Tür. Ihm schien das allerdings gar nicht so unrecht zu sein, denn während wir beabsichtigen noch ein paar Minuten unter uns zu verbringen und uns auf den bevorstehenden Auftritt vorzubereiten, wollte John seinen Freund und Helfer Sam unter der wartenden Menge ausfindig machen um sich mit ihm zusammen in die vorderen Reihen zu mogeln.
Ich kehrte also, nachdem ich meinen Freund kurz verabschiedet hatte, allein in den Backstageraum zurück, und das anfänglich überglückliche Lächeln wich einem zutiefst genervten Ausdruck, nachdem ich Daniela entdeckte die sich wie immer sehr ungeniert an meinen Chef ranschmiss. Allerdings fiel mir auf, dass es unterschiede zwischen der Anmache für Farin und der für Bela gab; Während sie vor dem großen Blonden meist nur versuchte gut und professionell dazustehen, war es ihr bei meiner Ex-Affäre genehmer, ihm im Sekundentakt Honig ums Maul zu schmieren und seine Schwäche auszunutzen: Seine Augen.
Hätte er nämlich nur einmal zugehört und nicht zugesehen wann auch immer Daniela vor ihm aufgetaucht war, dann hätte er, und da war ich mir sicher, nicht einmal einen einzigen Gedanken an sie verschwendet.
Es brauchte nicht lange bis Manni neben mir auftauchte. Ganz in schwarz gekleidet trieb er mir einen leichten, angenehmen Parfümgeruch in die Nase, der aber sofort verdrängt wurde von Danielas unangenehm balsamischer Duftwolke als sie einen Schritt in unsere Richtung trat.
„Riechst du das?“, fragte mich Manni leise und rümpfte die Nase. Ich nickte langsam und bedachte die in einiger Entfernung stehende Frau mit vorbehaltenem Blick. „Der Duft von Falschheit. Eau de Eingebildetheit. Entworfen von purer Arroganz.“
Ich lachte und lehnte mich ein wenig gegen meinen Bläserkollegen während Dani uns einen mürrischen Blick zu warf, sie wusste wohl um wen es ging.
Selbst als wir auf der Bühne standen trug sich der verhärtete Frontenkrieg aus.
Als ich an ihrem Platz hinten links vorbei ging, rutschte ihr ganz zufällig der Mikrofonständer aus der Hand an dem sie soeben herumgefummelt hatte und schlug mir gegen die Füße, weshalb ich ins stolpern geriet, durch Mannis schnelle Reaktion aber nicht fiel.
Als Gegenzug rammte ich meinen Ellbogen gegen eben jenen Ständer, kurz nachdem ich noch einmal die Bühne überquert hatte, weshalb Daniela dem ihr entgegenkommenden Mikrofon nur ganz knapp entkam, es aber dennoch ihr Mundwerk streifte. Ich ärgerte mich ein wenig darüber, dass ich es nicht geschafft hatte ihr gleich einen ganzen Zahn auszuschlagen, sah die Aktion aber trotzdem als zumindest bildlichen Konter an.
Farin war viel gelassener als am Vorabend als er sich in ruhiger Manier vor Selbstbewusstsein strotzend auf seinen Platz stellte, sich die Gitarre umhang und kurz über das Griffbrett strich. Dann griff er in die Saiten.
Der Vorhang fiel und die tobende Menge vor der Bühne geriet in unbeschreibliche Ekstase, während das Racing Team versuchte sich an die schnell ändernden Lichtverhältnisse irgendwie zu gewöhnen.
Farin beließ es vorerst bei einer forschen Handbewegung als Begrüßung und bat mich damit gleichzeitig nach dem ersten Lied nach vorne. Dass er auch den Rest der Tour auf diese Singerei bestehen würde, hatte ich mittlerweile eingesehen.
Es war fast ausschließlich der private Wettkampf mit Daniela anstatt die Pflicht meines Amtes, die mir die Freude beim singen verschaffte, während sich das Spotlight auf mich richtete und sich der Rest des Racing Teams im Hintergrund hielt.
Ich entdeckte Diana vor mir im Bühnengraben und war so sehr damit beschäftigt, möglichst liebreizend in die Kamera zu blicken, dass ich meine eigentliche Konzentration nicht mehr auf das wesentliche beschränkte, und stattdessen den Text lückenlos vergas.
„Ähm… das mit dem Text das wird jetzt eng,
bitte nehmt das nicht so streng,
der ist sowieso egal,
bei diesen wundervollen Kläng’n.“
Improvisierte ich völlig sinnfrei, während mir die Hitze der Scheinwerfer und dieser plötzliche Patzer stark zusetzten. Ein wenig aus dem Konzept geworfen versuchte ich mich an den original Text zu erinnern, trat jedoch gegen den Mikrofonständer der daraufhin einem Securitymann in den Nacken fiel der seinen Job im Bühnengraben erledigte, was mir wiederum so Leid tat, dass für das eigentliche nachdenken keine Zeit mehr blieb.
„Tut mir Leid das ich versage,
ist gerade echt ’ne schwere Lebenslage,
und ich versprech’s,
ich lern den Text die nächsten Tage!“
Schon in Panik ich könnte keinen Reim mehr für die letzte Improvisation finden, kleisterte ich noch schnell einen sinnlosen Text zusammen, verbeugte mich kurz und unscheinbar und verzog mich möglichst schnell hinter meinem Mikro. Manni erwartete mich mit breitem Grinsen und klopfte mir beiläufig auf die Schulter.
„Ey, wer von euch war gestern Abend dabei?“, fragte Farin in die laut rufende und tobende Menge, kurz nachdem er sie persönlich begrüßt hatte. Es ertönten einige Pfiffe und ein paar Hände hoben sich siegessicher über die Köpfe der Menge.
„Wenn ihr wüsstet was ihr gestern verpasst habt!“, er grinste und sah über die Schulter zu mir bevor er sich die Hand vor den Mund hielt und ins Mikro flüsterte: „Sie hat getanzt. Und wie.“
Ich fiel in ein imaginäres, knapp 10km tiefes Loch im Bühnenboden während sich das Publikum, das diese Anspielung verstand, sein eigenes Bild meiner persönlichen Katastrophe ausmalte. Mir stieg gerade die Röte ins Gesicht, als ich Sam, John und ein paar andere bekannte Gesichter vor mir im Publikum entdeckte.
John sah mir aus den dunklen Augen und der zerstörten Frisur mit einem lasziven Lächeln entgegen; Er erinnerte sich wohl zu gut an Farins erfundene oder auch nur ausgeschmückte Skandale, die er zu meiner Wenigkeit verstreut hatte.
Ich streckte ihm die Zunge raus und verschränkte die Arme vor meinem Saxofon, das ich mir mittlerweile wieder umgehangen hatte. Tonlos formte ich „Arsch!“, was John zu verstehen schien, denn er und Sam begannen haltlos zu lachen und im halbdunkeln der Bühnenbeleuchtung probierten wir fortan Lippen zu lesen.
„Sag mal, hörst du mal auf mit meinem Publikum zu flirten!“, fuhr mich Farin plötzlich an und die Lautstärke mit der seine drohende Stimme zu mir drang, ließ mich zusammenfahren. Ein wenig bedrückt lächelte ich meinen Chef scheinheilig an und grinste ins Mikro: „Die Kerle willst du doch sowieso nicht haben.“
„Hast du ’ne Ahnung! Wenn die Weiber nicht mehr woll’n, dann bezahlt man eben die Kerle! Sind sowieso billiger…“
„Ach Taya Bläserfloh, weißt du was mich total beruhigt sobald ich mit dir auf einer Bühne stehe?“ Farin grinste mir mit strahlenden Zähnen und einem schier endlosen Mundwerk entgegen, nachdem das Racing Team sein Konzert beendet hatte, und laut plappernden von der Bühne polterte.
In der Erwartung eines herzzerreißenden Kompliments sah ich zu meinem Chef auf der, fast lieblich, seinen für mich viel zu langen und muskulösen Arm um meinen Oberkörper gelegt hatte. „Weißt du, egal wie viel Scheiße ich laber“, sagte er in einem lieblichen Ton, während wir bereits die offenstehende Tür des Backstageraumes vom Flur aus sehen konnten „auf einer Blamagen-Skala wird es immer jemanden geben der sich noch mehr bloßstellt als ich: Du. Das ist ein unglaublich beruhigendes Gefühl.“
„Haha, sehr witzig.“ Ich entzog mich Farins Arm und sah kurz spöttisch zu ihm auf, bevor ich mich vor ihm in den Backstageraum zwängte und einen Blick durch den Raum warf. Wir hatten ihn – wie so oft – so sehr verwüstet und in unser Chaos getaucht, dass ich meine Jacke nicht auf Anhieb entdecken konnte und deshalb wieder geradewegs an allen anderen vorbei aus dem Gebäude marschierte. Ich wollte mich noch mit John treffen bevor dieser wohl in der Selben Nacht abreisen würde. Mir wurde bereits jetzt schon wieder schwer ums Herz bei dem Gedanken, meinen gerade wieder gewonnenen besten Freund zurück nach Berlin fahren zu lassen.
Ich zog eine schwarze, lange Mütze über den blonden Haarschopf und stellte den Kragen meiner Jacke hoch, als ich aus dem Backstageausgang durch das fürchterliche Wetter draußen zum offiziellen Ausgang lief. An eine Wand gelehnt betrachtete ich das Publikum das sich durch die verglasten Türen nach draußen zwängte und sofort nach der frischen Luft schnappte. Während minutenlang nur Menschen an mir vorbei hechteten wurde mir abermals bewusst, wie seltsam und unvorstellbar es war, vor all diesen zu singen. Und ich tat es trotzdem.
„Na, hallo!“, begrüßte mich Sam und tauchte dicht vor meiner Nase aus dem Gewühl der Menschen auf, dicht hinter ihm mein Freund John.
„Alter Schwede, also wenn das kein perfektionistischer Auftritt war, Schatz.“, posaunte John ungehalten und grinste mich so dämlich an, dass ich beinah in Versuchung geriet, mich mit ihm auf dem nassen Boden zu prügeln. Die Scheinwerfer an den Ausgängen beleuchteten das trübe Wetter hinter dem Dach unter dem wir standen: Abertausende Tropfen fielen in Übergröße auf den Boden, der Wind rüttelte an den Baumkronen und trieb Müll und Dreck über den Platz, während sich viele leicht bekleidete FURT Fans auf den Rückweg machten.
„Danke, John.“, antwortete ich zynisch und horte im selben Moment eine Gruppe Teenager reden, die dicht hinter meinem Freund vorbei gingen, uns aber nicht zu kennen schienen.
„Ernsthaft? DIE? Die Bläsertante da? Mit Farin? Ne, der sucht sich doch echt was anderes. Ich glaubs nicht.“, brummte ein schmächtig aussehender, blonder Junge und sah seinen Kumpanen kritisch von der Seite an.
„Aber das hat dieser Typ mit den braunen Haaren doch gesagt! Und ich hab beide, den Kerl und diesen Irokesen doch schon öfters mit ihr abhängen sehen!“
„Quatsch. Du hast dich sicher nur verguckt.“
„Nein man, die haben doch gesagt das-“
Das Gespräch entzog sich unserer Hörweite und ich sah wie erstarrt zu John herüber, der sich augenblicklich unschuldig an den eigenen Händen festhielt. „Ähm…“
„JOHN! Bist du wahnsinnig? Wem hast du das alles erzählt? Du weißt doch, dass das Mist ist!“
Sam begann kleinlaut zu kichern, stoppte jedoch abrupt als John ihm in die Rippen stieß. „Ja, also…“, er blickte auf seine Hände.
„Wem hast du’s nicht erzählt?“, fuhr ich ihn ein wenig gespielt gereizt an und konnte mir lebhaft vorstellen, wie mein Freund brühwarme Gerüchte unter dem Publikum verteilte. Damit war mein Ruf nun endgültig gegessen.
„Und du hast mitgemacht oder was?“, ich stieß Sam an der daraufhin in den Himmel starrte, als gehörte er dieser Diskussion gar nicht an.
Die beiden Freunde rutschten ein Stück näher aneinander und schienen vor mir immer kleiner zu werden. Ich tippte ihnen gegen die Stirn und grinste dennoch. „Ihr seit doch völlig bescheuert!“
„Man! Aber das warten war so langweilig-“, versuchte sich John zu rechtfertigen wobei ich ihm sogleich dazwischen fuhr.
„Ja, sicher! Und da verbreitet man dann gleich die wildesten Geschichten über mich! Großartige Idee.“
John schmiegte sich an mich und als sich seine warmen Arme um meinen Rücken schlossen, hatte ich ihm schon längst vergeben. Dennoch flüsterte ich neben seinem Ohr: „Warte nur bis ich nach Hause komme!“
„Ich seh’ schon, da müssen noch ein paar intime Informationen ausgetauscht werden.“, sagte Sam loyal, nickte mir zu und fuhr fort: „John? Du kommst nach?!“, wobei er meinem Freund kurz die Hand auf die Schulter legte und danach den Blickkontakt mit mir suchte um hinzuzufügen: „Wir sehen uns dann morgen wieder.“, bevor er aus Höflichkeitsgründen unter den anderen Fans verschwand.
John und ich setzten uns an die Wand des Gebäudes unterhalb der Überdachung um dem schlimmsten Wetter zu entgehen. Ich rutschte an ihn und legte meinen Kopf auf seine Schulter, während ich mit der liebsten Stimme die ich aufsetzen konnte fragte: „Wie läuft’s mit der Jobsuche, Johnny?“
Der Braunhaarige wandte mir langsam den Kopf zu und legte seine Hand auf meinen Scheitel. „Ich hab da ’n derben Plan.“
Diese Worte ließen erst Hoffnung in mir aufkeimen, dann begriff ich, dass es sich bei diesem Plan kaum um einen ernsthaften Versuch handeln konnte.
„Du schmeißt dich jetzt einfach an Farin ran, ich meine, wenn du im Bett nicht total versagt hast, dann dürfte das doch passen! Und dann heiratest du ihn, möglichst schnell. So hast du ausgesorgt für den Rest deines Lebens und kannst mich direkt mitversorgen. Ist doch super!“
„Oh ja, großartig.“, brummte ich ernüchternd und schlang den Arm um meinen Freund. Wann um Himmels Willen würde er endlich Erwachsen werden? Ich sah in das immer noch schmale Gesicht und die dunklen Augen, die aber glücklicher als sonst zu sein schienen, doch das beruhigte mich kaum.
„Hör’ zu John, ich kann dich nicht den Rest deines Lebens unterhalten, das geht-“
„Und wenn du ihm ein Kind anhängst, dann bist du auf der sicheren Seite! Ich weiß, du stehst nicht auf Kinder… Kannst dir ja eins ausleihen, für ein paar Tage oder so.“, fuhr mir John dazwischen und zeigte mir damit, dass er längst wusste was ich zu sagen hatte. Ich seufzte, rempelte ihn ein wenig an und flüsterte: „Verdammter Dickkopf.“
„Ich muss los.“
Ein paar Minuten später erhob sich John vom kalten Betonboden und reichte mir die Hand um mir beim aufstehen zu helfen. Er musterte mich von oben bis unten, legte die Finger an das Kinn und sagte schließlich: „Du musst aber abnehmen. Ich glaube, Farin steht auf so richtig schlanke Teile. – Und sonst funktioniert unser Plan nicht!“
Ich verpasste ihm eine kaum spürbare Ohrfeige, begann zu Lachen und zog meinen Freund noch einmal in meine Arme, bevor er über den nun fast leer gewordenen Platz ins Dunkle sprintete, und nach Sam Ausschau hielt.
Ich sah ihm nach bis ihn die nächtliche Schwärze verschluckte, steckte die mittlerweile steif gewordenen Hände in die engen Hosentaschen meiner Jeans und versuchte das Zittern zu unterdrücken das mich überkam, als ich durch den eisigen Regen lief um den Hintereingang zu passieren. Ein paar Laternen waren ausgefallen, weshalb der rutschige Boden kaum mehr zu sehen war, und die wenigen Gestalten die hier umher wandelten, waren nichts mehr als dunkle schemenhafte Andeutungen.
„Ich weiß wie du zu ihr stehst. Aber mal ehrlich Dirk, fandest du das heute nicht auch lächerlich? Weißt du, egal wie gut Farin mit ihr befreundet ist, das ist kein Freibrief dafür, dass man sie gleich alles singen lässt. Entschuldige, sie war einfach schlecht!“ Die bissige, piepsige Stimme die so bedacht mit Lachern oder einem lasziven Kichern arbeitete, brannte sich in meine Ohren und ich fixierte die beiden dunklen Shilouetten nur wenige Meter von mir entfernt. Ihre Schritte entfernten sich Richtung Stadtpark und ihre Stimmen wurden leiser. Trotz eisigem Wetter und rebellierendem Gewissen huschte ich hinter einen der Lastwagen und lugte dahinter hervor, während Dani und Bela langsam weiter gingen. Ich wollte wissen was für Mittel Daniela gegen mich einsetzte, um mich langsam und qualvoll zu stürzen.
Ich sah wie die linke Gestalt, der Statur nach zu urteilen Bela, fast meinungslos die Schultern zuckte. Um ihr Gespräch aber zu hören musste ich näher heran, weshalb ich einen großen Umweg um die beiden ging, ein Stück vorrannte, und mich in das nasse, kühle Gras des anfangenden Parks legte, dicht hinter ein paar halbhohen Büschen.
„Und ich meine, das was sie mit dir abzieht ist auch nicht gerade schön oder?“ Während mein Körper auf dem nassen Untergrund vor Kälte bebte und ich mich bereits wie betäubt fühlte, sah ich Dani und Bela in einiger Meter Entfernung unter einem Regenschirm. Daniela hatte ihren Arm bei ihrem Begleiter eingehakt und sah ihm nun auffordernd ins Gesicht. „Ich glaube, sie ist einfach nur scharf auf dich, weil du Bela B. bist. Sie interessiert sich nicht für den Dirk Felsenheimer dahinter.“
Oh, welch philosophische Worte!
„Verdammtes Miststück!“, fluchte ich leise und musste mir eingestehen, dass sie ihre Worte jedoch klug wählte. Bela war für sie ein einfaches und gefundenes Fressen, dabei war sie es, die sich für seinen Namen und mit Sicherheit für sein Konto interessierte, nicht ich.
„Ich meine, diese ganze Sache… Dirk, das macht dich kaputt!“ Das sie ihn bei seinem Vornamen nannte empfand ich als ätzend, doch dass sie sich als sein Seelenklempner aufspielte, ließ mich köcheln vor Wurt. Ich hörte ihre näherkommenden Schritte und legte meinen Kopf direkt auf den matschigen Boden, während das Geräusch prasselnder Tropfen die auf einen Regenschirm fielen, deutlich an mein Ohr drang.
„Ja, vielleicht.“, antwortete Bela nur brummig und bewies damit, dass er nicht der größte Redner war.
„Wie wär’s wenn wir etwas trinken gehen? Lassen wir uns Champagner auf unser Hotelzimmer bestellen.“, schlug Daniela mit laszivem und so deutlich verführerischem Ton vor, dass jeder Taubstumme ihn gehört hätte. Ihre Schritte bewegten sich nur wenige Meter von mir weg, doch durch den immer wieder aufkommenden Wind, konnte ich ihre Stimmen nicht mehr hören. Nur Danielas aufgewecktes Kichern drang an mein bestürztes Gehirn.
Ich hockte noch immer im Matsch und dachte mir Mordpläne für Daniela aus, als ich einen Schatten und Schritte hörte.
Wie, da wollte sich noch jemand in den Regen stürzen und sich aufregen?
Eine Weile hörte ich nichts mehr, und das wahrscheinlich weil ich gerade in Gedanken vertieft war. Ich überlegte ob die Möglichkeit, Daniela gefesselt und mit kleinen Metallstäbchen durchbohrt von einem Flugzeug aus auf die Felsen der Niagarafälle zu stürzen, grausam genug war. Oder wäre es besser sie einfach aus dem fahrenden Bus zu schubsen, wenn auch nicht ganz so grausam?
„Taya?“
Eine leise Stimme riss mich komplett aus meinen Überlegungen. Ich zuckte zusammen und sah erschrocken auf. Über mir sah ich erneut diese Gestalt die ich erst unschwer erkennen konnte, welche sich dann jedoch als patschnasser Rod entpuppte.
Ich musste ein wenig schmunzeln als ich seine schüchterne, fast ängstliche Miene sah. Hatte ich ihn wirklich mit einem so grausamen Blick betrachtet?
„Ähm…“, begann der Bassist, doch ich unterbrach ihn, indem ich freundschaftlich neben mir auf den Boden patschte und ein „Setz dich“ – inklusive Grinsen – dranhängte. Matsch spritzte nur so unter meiner Hand hervor und flog Rods noch makellosen Schuhen entgegen; Jetzt hatte er mich schon ertappt, verdammt, da sollte er auch mit mir leiden.
Rod schüttelte ungläubig den Kopf und konnte es wohl selbst nicht fassen, dass er sich in guter Kleidung neben mich in den Schlamm hockte und mit mir zu plaudern, mitten in der Nacht.
Der Regen prasselte weiterhin auf uns hinab und ich rechnete es meinem Freund hoch an, dass er all diese Strapazen über sich ergehen ließ.
„Fühlst du dich jetzt besser?“, sagte er leise aber mit beinah strafendem Unterton, wobei er mich von der Seite ansah und die durchnässten Haare von der Stirn strich. Ich konnte seinen Gesichtsausdruck im Dunkeln nicht wirklich erkennen, war mir aber sicher, dass er außerordentlich starr war.
„Was meinst du?“
„Die hätten dich bei der Bundeswehr nie genommen, so schlecht wie du dich tarnst; Und wie du durch den Schlamm robbst Liebes, dass ist absolut unter aller Sau.“
Ich musste lachen und rempelte ihn ein wenig an, wobei Rod bedrohlich zur Seite kippte und sich vor einem Sturz nur retten konnte, indem er seine Hand tief in den feuchten Schlamm bohrte.
„Mal im ernst“, fuhr er fort „das du sie belauscht, davon halte ich nicht viel. Und das was du gehört hast, hilft dir das jetzt irgendwie?“
„Ich weiß immerhin was fürn hinterlistigen Mist sie über mich erzählt.“, antwortete ich stumpf.
„Hm, klar. Und vorher hast du gedacht, sie lobt dich vor anderen in den höchsten Tönen, weil sie dich eigentlich heimlich liebt, ja?“
„Ach Rod, halt’s Maul ehrlich. Komm’ mir nicht mit deiner Logik.“
Er lachte obwohl ich ihn so barsch angesprochen hatte und ich bereute meinen Ausbruch sofort. Sich bei ihm nicht zu entschuldigen war möglicherweise nicht richtig, aber ich tat es so ungern und Rod verzieh mir auch so, auf seine Art. „Ach Schatz…“, säuselte er, und wischte mir mit seiner rechten, von Matsch verschmierten Hand quer über das Gesicht wobei ich mich abrupt abwandte und versuchte der schlammigen Masse zu entkommen. Nach wenigen Sekunden und einigen sinnlosen Wehrversuchen konnte ich mir die Matsche förmlich vorm Gesicht schaben. „Verzeih’ dir noch mal.“, nuschelte Rod amüsiert und tätschelte mir den Kopf um noch genüsslich ein wenig Dreck in meinen Haaren zu verteilen und sich über seinen Geniestreich zu freuen.
„Rod, hör auf!“, brummte ich leise und sicherheitshalber rutschte der Bassist im strömenden Regen ein paar Zentimeter vor mir, während schlammiges Wasser mein Gesicht hinab rann.
„Zimperlich hä? Du Mädchen!“
„Ich bin eins!“, antwortete ich belustigt und piekste dem Bassisten in die Seite um die Situation zu nutzen und das Thema zu wechseln. „Und was machen deine Mädchen so?“
Rod schlang die Arme um seine Beine, legte den Kopf darauf und sah mich durch den kalten herabprasselnden Regen lächelnd an. Durch das schwache Mondlicht das gelegentlich durch Wolkenlücken fiel, konnte ich für einen Moment sein Gesicht ganz klar erkennen.
„Ach, keine Ahnung.“, sagte er ehrlich und aus seiner Stimme las ich Unschlüssigkeit heraus.
„Na wie jetzt? Was ist mit Franzi?“
„Oh bitte, erinner mich nicht dran!“, seufzte er, und schloss für einen kurzen Augenblick die Lider. Das Mondlicht wurde von ein paar dicken Regenwolken verschluckt und mir blieb nichts anderes übrig als die schwarzen Umrisse Rods anzustarren.
„Hm. Und Diana?“
„Ach, die alte Zicke.“, brummte er nur nichtssagend ohne Anstalten zu machen, dem später noch etwas hinzufügen zu wollen. Ich rutschte durch den Matsch an ihn, wobei Schlamm über und in meine Chucks lief und seltsame Geräusche verursachte, wenn ich meine Füße bewegte. Ich lehnte mich an seine Schulter und legte mein Kinn auf sein völlig durchweichtes Hemd, das den Duft nasser Baumwolle in meiner Nase hinterließ. „Wäre die was für dich?“
„Mal abgesehen davon, dass wir uns so zerstritten haben, dass sie den ganzen Tag kein Wort mehr mit mir wechselt und sofort in die andere Richtung guckt wenn sie mich sieht, ja?“
„Ja, dieses unschöne Detail mal ganz außer Acht gelassen.“, antwortete ich lächelnd und drückte meinen zur Hälfte tauben Körper an Rod in der Hoffnung hier draußen nicht zu erfrieren. Er zuckte die Schultern, drückte seine Stirn gegen meine und mutmaßte: „Selbst wenn, so wie die drauf ist müsste ich sie überfallen und an mein Bett ketten um sie flachzulegen oder auch nur um mit ihr zu reden. Ganz platonisch.“
Es entstand eine kurze Pause und ich versuchte mir bildlich vorzustellen wie ein gutmütiger Rod versuchte, die rothaarige Bestie von Pressefotografin in sein Zimmer zu sperren und an sein Bett zu ketten. Amüsant, aber sicher völlig unrealistisch.
„Aber du stehst doch sowieso auf Fesseln also ich meine wo ist denn da-“
Rod unterbrach mich in dem er schallend anfing zu lachen, mit seiner Hand im Schlamm grub um mir kurz darauf eine ganze Ladung ins Gesicht zu schmieren, und mich rücklings in den Dreck zu befördern.
„Halten Sie sich mal ’n bisschen zurück junge Frau!“
Ich lag ziemlich bewegungsunfähig unter dem Bassist, versuchte zwar mit Händen und Füßen mich zu wehren, aber da der selbst mittlerweile schwer verdreckte Rod keine Berührungsängste zu jeglicher Art Dreck mehr kannte, war ich ihm hoffnungslos Unterlegen.
„Ach, herrlicher Braunton, fast so’n Haselnussbraun! Wie wär’s damit, Frau Hoffmann, hm? ’N neuer Teint gefällig?“ Seine eine Hand hielt meine beiden Handgelenke fest über meinem Kopf zusammen, und drückte sie so erbarmungslos in den weichen Schlamm unter mir, dass ich sie auch mit aller Kraft nicht unter ihm heraus ziehen konnte, und meine Beine, auf denen er saß, waren bei diesem Versuch ebenso nutzlos.
„Rod, hör auf jetzt, Mensch! Ich seh’ schon aus wie so’n-“
„Afrikanischer Ureinwohner, ja, allerdings. Aber dir fällt die passende Hautfarbe noch hier…“ Mit aller Ruhe und völlig ungeniert schob er mir die Jacke von den Schultern, grinste mich unbeachtet all dem Geschrei das ich verunstalte total ungeniert an, und schob mir eine ganze Fuhre Schlamm in meinen Ausschnitt, um sie dann genüsslich zu verteilen.
„Rod du Perversling Mensch, vergreif dich an den Weibern die auf dich stehen!“, schimpfte ich erfolglos während der Bassist sich mit dem einschmieren meiner Arme beschäftigte. Weil keine Drohung irgendwie Wirkung zeigte, und ich mich durch das rumgefummel in meinem Ausschnitt irgendwann tatsächlich bedrängt fühlte, brummte ich todernst: „Rod, ich spuck’ dich an wenn du nicht sofort deine Griffel aus meiner Oberweite nimmst.“ Er hob einen Augenblicklang den Kopf um mir in das Gesicht zu sehen, verengte seinen Griff um meine Handgelenke und sagte geschäftig: „Im Dunkeln triffste mich doch eh nicht!“
Nachdem ich ihm noch ein paar weitere Schimpfwörter um die Ohren gedonnert hatte, und natürlich nicht spuckte, ließ er endlich von mir ab, weil er bemerkte, dass ich pausenlos am zittern war und, so wie es sich für unsere Obermama gehörte, wollte er natürlich keinesfalls meine Gesundheit gefährden.
Er sprang von mir ab, versank ein paar Zentimeter im Schlamm und reichte mir schließlich die Hand. „Komm Darling, lass uns gehen. Ein trockenes, warmes Hotel wartet.“
Ich taumelte einen Augenblick nachdem ich ganz bewusst ohne seine Hilfe aufgestanden war, funkelte ihn von unten böse an und schritt eingeschnappt an ihm vorbei. Nach wenigen Metern holte er mich ein und säuselte lieblich: „Hey, war doch nur Spaß.“
„Mhm. Arsch.“, brummte ich leise als Antwort.
„Was?“
„Na, ARSCH!“
Wir fingen beide an zu lachen und erreichten im immer noch strömenden Regen das Konzertgebäude. Die Scheinwerfer an den Eingängen machten das Ausmaß meiner Zerstörung erst richtig deutlich. „Ich seh’ aus wie ’n schmilzender Schokoladenweihnachtsmann!“, äußerte ich mich pikierte und versuchte die gröbsten Schäden zu beheben, während mir der Regen eine förmlich klumpige, braune Brühe vorm Körper spülte, aber den Dreck im großen und ganzen eigentlich nur mehr verteilte. „Ja, zum anbeißen und auflutschen!“, lachte Rod und ich sah ihn aus Schlammrändern heraus böse an.
„Deine Notgeilheit könntest du auch ein bisschen diskreter hervorbringen, Herr Gonzalez!“
„Deine Notgeilheit könntest du auch ein bisschen diskreter hervor bringen, Herr Gonzalez!“, äffte Rod mich sehr rabiat nach und schimpfte: „Man, was hast du? Deine Tage?“
„Ich wünschte es wären nur die.“, brummte ich, hakte mich bei dem Bassisten ein und schlenderte um das grell beleuchtete Gebäude bis zum Hintereingang. Rod wollte gerade etwas erwidern, da setzen wir die Füße auf den PVC-Boden des Backstagesbereich, und als hätte er uns erwartet, stürzte Farin genau in dieser Sekunde um die Ecke. Als er uns sah blieb er wie angewurzelt stehen, ließ den Unterkiefer langsam aufklappen und starrte uns an. „Was. Habt. Ihr. Gemacht?“, fragte er so geschockt und so langsam, dass jedes Wort wie ein einzelner Satz klang. „Schlammketschen?“
Rod fing an zu lachen und ich konnte nur erahnen wie schlimm ich aussehen musste. Ich drückte mich durch den Eingang und an einem erstarrten Farin vorbei, um schnellstmöglich in den Backstageraum zu flüchten und meine Habseligkeiten abzuholen. Das ich mich aber auch immer gleich vorm Chef blamieren musste…
Während ich den Gang sehr zügig hinab ging dankte ich unserem Manager dafür, dass er uns diesmal ein so nahegelegenes Hotel besorgt hatte. Immerhin müsste ich nicht noch ewig irgendwo rumgurken und mich von jemandem kutschieren lassen.
„Rod, Rod? Rod! Du hast sie flachgelegt man!“
Ich hörte die beiden am Ende des Flurs diskutieren und musste lachen als ich Farins aufgebrachte Stimme hörte. „Na ja, nach deinem Geschwärme musste ich der Sache doch mal auf den Grund gehen!“
„Bist du wahnsinnig? Das ist mein Bläserfloh!“
„Hey, wir teilen uns auch Bela, da wird das mit Taya ja wohl kein Problem sein. Ich leih sie dir auch mal aus wenn-“
Rods Gerede wurde zu undeutlich als ich in den Backstageraum trat, aber ich war ganz froh darüber, dort niemanden mehr anzutreffen. Es war auch schon ziemlich spät und insgeheim fragte ich mich auch, was Farin hier noch alleine tat. Keine Spur von anderen Racing Teamern, der Crew oder unserem Manager. Auch Diana war weg. Aber vielleicht nutzte Farin diese verhältnismäßige Ruhe einfach.
„Ach, da ist sie ja wieder!“, begrüßte mich Rod strahlend und zog mich an meinem Arm zu sich, noch bevor Farin die Hand nach mir ausstreckte. „Ich hab gesagt, wir TEILEN! Jetzt bin ich dran.“, er grinste, zog mich mit sich nach draußen und ließ damit den großen, blonden Farin im großen, weißen Konzertgebäude alleine zurück.