Für immer bis Morgen

Fortschritt: 80%
Die Ärzte
Taya Hoffmann ist eine engagierte junge Frau die mit beiden Beinen so einigermaßen fest im Leben steht. Ein unmoralisches Jobangebot bringt dann den Stein ins Rollen: Zwischen neuen Freunden stößt sie ebenso auf Untreue, Tod & Verlust, Ängste und Streit, auf sexistischen Humor und das Leben als "Rockstar", selbstverständlich auch auf die große Liebe und auf außergewöhnliche Menschen; Auf neue Gewohnheiten und andere Lebensstile. - Auf die Ewigkeit, die nur bis morgen hält.

Inhaltsverzeichnis Einklappen

  1. Anmerkung
  2. Kapitel 1 Das unmoralische Angebot
  3. Kapitel 2 Der Vorhang fällt
  4. Kapitel 3 Das Böse siegt immer
  5. Kapitel 4 Bullenschweine I
  6. Kapitel 4 Bullenschweine II
  7. Kapitel 5 Fanpost?
  8. Kapitel 5 Fanpost? II
  9. Kapitel 6 - Unerwarteter Besuch
  10. Kapitel 6 - Unerwarteter Besuch II
  11. Kapitel 7 - Nur ein Fehltritt
  12. Kapitel 7 - Nur ein Fehltritt II
  13. Kapitel 8 - Ein neuer Weg
  14. Kapitel 9 - Der Plan und die Furie
  15. Kapitel 9 - Der Plan und die Furie 2
  16. Kapitel 9 - Der Plan und die Furie 3
  17. Kapitel 9 - Der Plan und die Furie 4
  18. Kapitel 10 - Die Konkurrenz schläft nicht
  19. Kapitel 10 - Die Konkurrenz schläft nicht 2
  20. Kapitel 10 - Die Konkurrenz schläft nicht 3
  21. Kapitel 10 - Die Konkurrenz schläft nicht 4
  22. Kapitel 10 - Die Konkurrenz schläft nicht 5
  23. Kapitel 10 - Die Konkurrenz schläft nicht 6
  24. Kapitel 11 - Der Nebenjob
  25. Kapitel 11 - Der Nebenjob 2
  26. Kapitel 15 - Hat noch keinen Namen
  27. Kapitel 15 - Hat noch keinen Namen 2
  28. Kapitel 15 - Hat noch keinen Namen 3
  29. Kapitel 15 - Hat noch keinen Namen 4
  30. Kapitel 15 - Hat noch keinen Namen 5
  31. Kapitel 16 - Der Spion | Part 0 bis 4
  32. Kapitel 16 - Der Spion | Part 4 bis 7
  33. Kapitel 16 - Der Spion | Part 8 bis 12
  34. Kapitel 16 - Der Spion | Part 13 - 15
  35. Kapitel 16 - Der Spion | Part 16 - 18
  36. Kapitel 16 - Der Spion | Part 19 - 20
  37. Kapitel 17 - Die Blinden
  38. Kapitel 17 - Die Blinden 2
  39. Kapitel 17 - Die Blinden 3
  40. Kapitel 18 - Wird irgendeinen gruselig-spannenden Titel noch bekommen | Part 1
  41. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 2
  42. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 3
  43. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 4
  44. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 5
  45. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 6
  46. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 7
  47. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 8
  48. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 9
  49. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 10
  50. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 11
  51. Kapitel 19 - Die Reise zu uns selbst
  52. Kapitel 19 - Die Reise zu uns selbst | Part 2
  53. Kapitel 19 - Die Reise zu uns selbst | Part 3
  54. Kapitel 19 - Die Reise zu uns selbst | Part 4
  55. Kapitel 19 - Die Reise zu uns selbst | Der letzte Part überhaupt
  56. Download

Kapitel 6 - Unerwarteter Besuch II


Ich stöhnte auf und ließ mich rücklings auf die Matratze fallen. Das war tatsächlich keine gute Nachricht.
Meine Hand ruhte über meinen Augen und ich versuchte möglichst gefühlsarm zu klingen als ich murmelte: „Wie hast du das geschafft?“
„Zu oft gefehlt, zu viel Mist verbrockt, zu oft unter Drogen stehend dort aufgekreuzt…“, murmelte er und endete schließlich, weil er wusste, dass ich die Liste seiner „Straftaten“ kannte. Die Plätze an seiner Uni waren äußerst beliebt, da war man auf Chaotenschüler wie John nicht angewiesen.

„Sie haben Post!“, tönte mein Computer monoton und durchbrach damit die etwas heisere Stimmung.
Ich sah enttäuscht zu meinem Freund herüber, der sich soeben ebenfalls auf das Bett hatte fallen lassen, und das Gesicht schuldbewusst verzog als er mich ansah. „Wenn das alles ist.“, brummte ich und wollte aufstehen um meine Emails zu checken, als John nach meiner Hand griff und mich aufs Bett zurückzog. Seine Miene wirkte versteinert.
„Und ich bin meinen Job los.“, gab er reuig zu.

Na Prima! schoss es mir durch den Kopf und ich überlegte wie wir jetzt den finanziellen Ausfall der Miete bezahlen sollten. Mir ging es zurzeit finanziell gut, denn Farin hatte trotz der ausgefallenen Tour mir den gesamten Lohn überwiesen. Dennoch wusste ich, dass ich über Monate hinweg Johns Beitrag nicht noch übernehmen konnte und generell war es eher selten, dass man große Geldsumme von ihm wiederbekam.
Ich sah säuerlich auf John hinab und versuchte meine Wut so gut wie möglich zu verbergen. Er verpatzte sich sein Leben mit diesen ewigen Drogen, und jede Chance es in geregelte Bahnen zu lenken, schien vergebens. Mehr denn je wurde mir bewusst, dass John in die Klinik gehörte.
„Noch was?“, raunte ich und stand auf um die Email zu lesen, deren Ankunft mein Computer nahezu feierlich bekannt gegeben hatte. Vielleicht ließ es mein hitziges Gemüt ein wenig abkühlen sich für einen Augenblick mit etwas anderem zu befassen.

John blieb ruhig als ich mich in den Sessel vor den Schreibtisch schwang, und geschäftig meinen Posteingang durchstöberte. Trotz der schlechten Stimmung machte mein Herz einen kleinen Hüpfer als ich Farins Absender las, denn dieser war seid knapp drei Wochen auf Reisen.



Hey Bläserfloh!
Nach ein paar Wochen Aufenthalt in Japan bin ich jetzt endlich in Indien angekommen, und ich muss sagen, so gut wie mir Japan gefällt, ich komme mir dort mehr denn je vor wie ein Bohrturm, wenn ich neben diesen kleinen, schwarzhaarigen, flinken Leuten laufe und neben ihnen wie ein Leuchtturm wirke.
Auch hier bin ich nicht wirklich unauffälliger, aber ich fühle mich immerhin nicht mehr allzu riesig.

Und, ob du es glaubst oder nicht, die neusten Gerüchte erreichen mich sogar hier!
Nichts ahnend tänzelte ich durch die Innenstadt und über den Markt, und besorgte ein paar Bananen, weil mich ein plötzlicher Heißhunger auf genanntes Obst überkam. Ich hatte also gerade meine Einkäufe getätigt, als mich eine Kuh in die Ecke drängte! Ein richtig dreistes Vieh! Und dir sollte bekannt sein, dass man die hier in Indien als heilig ansieht. Das kommt nicht besonders gut, wenn du ihre heiligen Tiere anpöbelst.
Jedenfalls habe ich mit diesem sabbernden und aufdringlichen Tier einen Deal geschlossen, Bananen gegen Gerüchte.
.
Kindchen, was denkst du dir dabei?

Sobald ich zurück bin, und das ist ja wohl selbstverständlich, will ich jedes klitzekleine Detail dieses kurzen Techtelmechtels erfahren.
Ja, es ist also nicht nur so, dass ich von den allgemein bekannten Gerüchten höre. Wie mir dieses heilige, sabbernde Viech erzählte, schmeißt Rod sich an die Ausgeburt der Schönheit, in Form deiner Freundin Franzi, ran? Halte ihn bloß davon ab! Ich will sie zuerst.

Nun gut, aber damit soll’s auch genug sein. Zumindest was die Gerüchteküche betrifft.

Wie dem auch sei, ich werde wohl noch gut 1 ½ Monate durch Indien pendeln, im Sand schlafen, Hütten bauen, Einheimische belästigen, aufgenommen werden, Sitten und Gewohnheiten erforschen und jede Menge Fotos schießen.

Aber schon jetzt fällt mir auf, das ihr, also eigentlich, ja doch, ihr alle, mir hier hinten irgendwie fehlt, und ich dachte, ein krönender Abschluss wäre doch, die gesamte Gurkentruppe einzuladen, auf ein kleines Fleckchen Land, ein Paradies mitten im Meer.

Also wie wär’s Tayalein? Du Bläserfloh?
Lust auf ein wenig Paradies? Mit dem besten Mann der Welt an deiner Seite? Mit mir? Die andern beiden Superhelden werden wohl dabei sein, Rod und Bela. Weißt du, die lassen sich immer so schwer abschütteln, die sind richtig hartnäckig, wenn sie mir auf die Nerven gehen können.

Und im ernst will ich damit sagen, ich glaube, nachdem was wir in den letzten Wochen erlebten haben, tut Urlaub keinem von uns übel. (Haha, Wortwitz! „Urlaub tut keinem übel.“, Ja ne, ist klar, wie kann ICH jemandem Schaden?!)

Ich halte mich noch ein paar Tage in dieser staubigen, alten aber Kulturbeladenen Stadt auf, und wenn du dich beeilst, dann werde ich deine Antwort wohl noch lesen können, bevor ich mich auf meine Reise ins nirgendwo begebe.

Hey und, solltest du Rod oder Bela begegnen, (und mit begegnen sei an dieser Stelle auch eine intimere Begegnung mit letzterem gemeint), dann weis’ sie doch mal drauf hin, dass sich auch in ihrem Posteingang Nachricht vom einzig Wahren befindet. Das wäre nett.

So, ich werde jetzt wieder Esel reiten und mit Bengaltigern schmusen, Schätzchen. Lass möglichst bald was von dir hören.

Ick mag dir!
Liebe und Verehrung.
xxx Jan



Ich musste Lachen als ich endete, und konnte förmlich spüren, dass John ein wenig erleichtert war, als er bemerkte, dass ich meine gute Laune nicht völlig verloren hatte. „Spinner!“, brummte ich dem summenden Computer entgegen und stellte mir Farin in Sanddünen und einheimischen Hütten vor, bevor ich mich wieder John widmete. Wir hatten noch ein paar Dinge zu klären und ich bemerkte, dass es taktlos gewesen war, unser Gespräch für eine Mail zu unterbrechen. Doch es war sowieso schon zu spät.

„Also, noch irgendwelche Katastrophen die es zu beichten gibt?“, fragte ich leise und begutachtete meinen blassen Freund mit einem durchdringenden Blick. Es wurde Zeit das John endlich wieder normale Form und Farbe annahm, und den Drogen abschwor. Sein kränklicher Anblick tat mir in der Seele weh.
Er senkte den Kopf.
„Tom ist Anfang der Woche gestorben.“, murmelte er leise und wagte es nicht mir in die Augen zu schauen.
„Was?“

Ich kannte Tom, flüchtig. Er teilte dasselbe Los mit John, sie waren beide Drogenabhängig, und hatten viele Tage und Nächte zusammen in schäbigen Ecke Berlins verbracht und unter Brücken geschlafen. Sie waren gute Freunde gewesen und es verschlug mir die Sprache als John seinen Tod so nüchtern verkündete.
„Warum hast du mir nichts erzählt?“, fragte ich ihn atemlos und zog meinen Freund zu mir, um ihn zu umarmen. Er legte seinen Kopf auf meine Schulter und sein leerer Blick der mich kurz zuvor gestreift hatte, bestätigte mir, dass John sehr unter dem Tod seines Freundes litt. Und ich wusste was er fühlte, schließlich hatte auch ich erst gerade einen Freund verloren, Körk.

Er zuckte ein wenig emotionslos die Schultern und seufzte.
„Er hat sich einfach zuviel gespritzt.“, erklärte er leise und mir ging diese Aussage durch Mark und Bein. Johns Körper zitterte leicht in meinen Armen, beinah so wie bei seinem letzten Trip, doch ich wusste, dass es diesmal Angst und Trauer waren, die dies hervorriefen.
„Die Jungs und ich haben ihn Dienstag beerdigt.“
Ich strich meinem Freund über den Rücken und wartete darauf, dass er sich seinen Kummer von der Seele redete, doch es kam nichts mehr.

„John, es mag ein makaberer Vergleich sein, und du weißt, dass ich deine Freunde akzeptiere, aber wenn du nicht bald von diesem Teufelszeug loskommst dann wirst du ebenso daran zugrunde gehen.“
John wand sich aus meinen Armen und sah mich mit einem seltsamen Blick an. Ich wusste, ich traf einen Wunden Punkt, und ebenfalls wusste ich, dass das vielleicht nicht der beste Augenblick war, doch die Sorge um meinen Freund vertrieb die Zweifel und ich hielt es für angebracht jetzt mit ihm darüber zu sprechen.

„Du brauchst eine Therapie John! Ich will dich nicht irgendwann tot unter irgendeiner Brücke oder auf irgendeiner Parkbank finden. Du hast gesehen wie es Tom ergangen ist, lass sein Ende nicht auch zu deinem werden.“
„Du willst mich loswerden?“, fragte John fassungslos und stand auf um ein paar Schritte rückwärts zu gehen. Sein Gesicht verlor den letzten Rest Farbe und seine Augen weiteten sich schockiert.
„Wer redet hier von loswerden? Ich will das du alt wirst, John. Eine Familie hast, einen Job, ein Leben. Das kannst du nicht, wenn du an diesem Zeug hängst. Wenn du abhängig davon bist.“

„Ich werde dir wohl zu anstrengend, was? Und deshalb glaubst du, du kannst mich in die nächste Klinik schicken? Du kannst mich irgendwo in einem chicen, weißen, verschlossenen Haus abgeben, und deinen Freund abholen, wenn er so ist, dass er dir in den Kram passt? Ich sehe die Reden unserer Mitbewohner scheinen wohl langsam auf offenes Gehör gestoßen zu sein!“, empörte sich John und seine Stimme wurde langsam unangenehm laut. Er keuchte, sein Brustkorb bebte und seine Hände zitterten während er gestikulierte. Ich schüttelte stumpf den Kopf und versuchte meinen Freund zu beruhigen, doch je mehr Annäherungsversuche ich startete, desto hysterischer und wütender wurde er.
Die Situation war heikel und ich versuchte schnell meine Gedanken zusammen zu raffen, als ich mich zurück auf das Bett sinken ließ, und John in einiger Entfernung betrachtete.

„Du weißt, dass das Unsinn ist.“
„Weiß ich das tatsächlich? Oder glaube ich es einfach? Wenn du lieber Menschen um dich haben willst wie Bela, Farin und Rod, oder wie Franzi, Menschen die ihr Leben nun mal perfekt managen und all das sind, was ich nicht bin, dann kannst du mir das ruhig sagen!“
„Woher hast du-“, doch John fuhr mir ungestüm dazwischen, seine Wangen röteten sich und seine Gestik wurde cholerisch. Seine Stimme brach gelegentlich und hielt seinem Wutausbruch nicht stand.
„Verschwinde doch mit deinem Bela nach Timbuktu. Oder besuch Farin in Indien. Oder geh mit Rod auf Tour, oder reiß mit Franzi irgendwelche Kerle auf. Tu ruhig was du nicht lassen kannst. Streich mich aus deiner Lebensplanung wenn dafür kein Platz mehr ist. Ich komme auch ohne dich klar.“, donnerte er, machte auf dem Absatz kehrt und stürmte so eilig aus meinem Zimmer, dass mir keine Zeit blieb etwas zu erwidern.

Noch völlig aus der Bahn geworfen von dem plötzlichen Stimmungsumschwung, blickte ich auf die soeben zugeschmissene Tür und hörte fassungslos, wie John lautstark die Treppe herunter sprintete. Wenige Sekunden später knallte auch seine Zimmertür ins schloss, und dann war es wieder ruhig in der WG.



Es wurde spät und ich saß noch stundenlang auf meinem Bett und dachte über Johns Ausbruch nach. Er war eigentlich ein mehr als ruhiges Gemüt, ich erlebte ihn selten so. Stimmte es? War da kein Platz mehr in meinem Leben für ihn?
Ich verstand seine plötzlichen Zweifel an unserer Freundschaft nicht und war fast schon verletzt darüber, dass er glaubte, ich könnte das Interessen an ihm verlieren. Es war schließlich die Sorge um ihn die mich dazu brachte ihn in eine Klinik „abschieben“ zu wollen, und von Abschiebung konnte hier generell keine Rede sein.

Trotz des gedankenüberladenen Kopfes setzte ich mich in den großen, weichen Sessel vor meinen PC und versuchte nach einigen Stunden Farins Bitte nachzukommen, und ein paar Zeilen zu schreiben. Und nach schier endloser Zeit hatte ich wenigstens einen Anfang beisammen, den ich für akzeptabel hielt.
Ich schlüpfte in einen ausgewaschenen Trainingsanzug und schlurfte die Treppe herunter um mir eine Flasche Wasser zu besorgen. Ich befürchtete schon als ich aus meinem Zimmer trat, dass Rod noch da war, denn es brannte mattes Licht im Erdgeschoss und es war unüblich, dass jemand das Licht anließ.
„Keine Sorge, ich sehe und höre nichts.“, brummte ich und hielt mir symbolisch die Hände wie Scheuklappen vor die Augen als ich die offene Küche ansteuerte um mir etwas zu trinken zu besorgen. „Lasst euch nicht stören bei was auch immer-“
„Taya, sssscht!“, fluchte Rod leise und ich sah mich gezwungen die provisorischen Scheuklappen abzunehmen, und zu ihm zu blicken.

Zu meiner Überraschung waren beide angezogen und es herrschte nicht einmal Unordnung. Rod strahlte Ruhe und Gelassenheit aus, war ein wenig auf dem Sofa herunter gerutscht und hatte Franzis Beine zu tragen, die über den seinen hingen. Die Frau selbst lag leise seufzend quer ausgestreckt auf den Polstern und schien zu schlafen.

„Wie, das war schon alles?“, murmelte ich fassungslos und wandte mich wieder dem Kühlschrank zu um nach einer Wasserflasche zu suchen.
Rod lachte leise und wand sich in Zeitlupentempo unter Franzi hervor um sie nicht zu wecken. Es sah süß aus, wie sie da tief versunken vor sich hin schnarchte und Rod sich bemühte, sie nicht unnötig zu bewegen. Er strich sich die Ärmel glatt und warf noch einen kurzen Blick auf sie, bevor er die Hände in die Taschen steckte und zu mir herum tänzelte.
„Eine viel beschäftigte, gestresst Frau die eindeutig zuwenig schläft.“, stellte er fest und schmunzelte über mein vorwurfsvolles Gesicht.

„Erzähl mir nicht, das ist es gewesen. Ein bisschen Tratschen und Beine übereinander legen.“, brachte ich missfällig hervor und nickte Richtung Treppe um unsere Unterhaltung damit nach oben zu verlegen. Es war tatsächlich besser Franzi nicht zu wecken, denn die konnte dann schon mal ziemlich zickig reagieren.
Rod folgte mir leise und sah sich kurz in meinem Zimmer um, als ich dir Tür hinter ihm schloss. Beiläufig biss ich in einen Apfel den ich hatte mitgehen lassen, klemmte mir die Flasche unter den Arm und murmelte ein Danke, als Rod die Gemütlichkeit meines Wohnortes ermittelte.

„Setz dich ruhig.“, nuschelte ich und bot ihm einen Platz an, woraufhin er sich zufrieden setzte und mich mit der reinsten Wonne anstrahlte.
„Also, erzähl mal. Wenn, dann will ich schon die Erste sein die von eurer Heirat erfährt.“, trällerte ich und ließ mich gegenüber von ihm nieder. Er schürzte die Lippen, strich sich durch die schwarzen Haare und ließ ein kurzes Lächeln durchblitzen.

„Für was für ’nen Aufreißer hältst du mich eigentlich?“, hakte er skeptisch nach und lehnte sich ein wenig zurück.
„Dich? Für keinen. Aber Franzi für ein männerfressendes Weib. Die ist eindeutig wild auf dich und würde, wenn sie schon einmal die Gelegenheit dazu hat, keine Chance auslassen sich an dir zu vergehen.“

Rod lachte amüsiert und stand auf um die Fotos an den Wänden zu betrachten. Schmerzlich fiel mir auf, dass dort noch einige von Mars und mir angebracht waren. Zeit, sie abzuhängen.
„Wir haben uns unterhalten.“, sagte er schließlich gelassen, stemmte die Hände in die Hüften und ließ seine Augen über die Fotos huschen. „Ganz normal unterhalten.“
„Jaaa! Sicher!“, fuhr ich ihn an, quetschte mich vor ihn und riss die Erinnerungsstücke von der Wand, die irgendetwas mit Mars zutun hatten. Ein wenig argwöhnisch betrachtete Rod mein Vorhaben, hielt aber den Mund.

Ich wusste, dass er nicht weiter mit der Sprache rausrücken würde, und deutete auf meinen PC. „Nachricht vom Chef.“, erklärte ich und ließ ihm Zeit die Mail seines Freundes die ja eigentlich an mich gerichtet war, zu lesen.
„Siehst du, dass wäre ein Grund, sie flachzulegen. Und Jan zuliebe würde ich mir das glatt noch mal überlegen. Er deutete auf die Zeile in der Farin geschrieben hatte: Halte ihn bloß davon ab! Ich will sie zuerst.
Ich lehnte mich auf seine Schultern und überflog noch einmal die Nachricht meines Freundes. Es war schön das Farin sich gemeldet hatte, aber sein Angebot konnte ich nicht annehmen. Der Urlaub war für mich unbezahlbar, und zuerst musste ich die Sache mit John klären, bevor ich mich überhaupt wieder aus dem Staub machen konnte.

Freundschaftlich wuselte ich Rod durch die Haare.
„Rod?“
„Hm?“
„Lass dich nicht von ihr ausnehmen, okay?“

Rod erhob sich wieder aus dem gemütlichen Sessel, stand mir gegenüber und sah mir aus dem runden Gesicht und den dunklen Augen vertrauend entgegen.
„Gib’s zu, du bist nur neidisch!“ Ein Grinsen huschte über sein Gesicht aber er wurde sofort wieder ernst. Ich rollte die Augen und legte meine Hände in seinen Nacken. Es tat gut zu wissen das wenigstens Rod da war, wenn ich schon vor John zum herzlosen Biest geworden war.
„Ja, mit Sicherheit. Seid ich fünfzehn bin habe ich davon geträumt, mich von Rodrigo Gonzalez flachlegen zu lassen.“, murrte ich, und lachte erschrocken auf, als dieser mich an den Hüften festhielt und nach hinten an die nächst erreichbare Wand schob. Mit sanftem Aufprall kam ich an ihr zum stehen, Rod stützte seine Hände rechts und links von meinem Kopf ab, und sein Gesicht kam meinem bedrohlich nah.
„Rod, lass das!“, fauchte ich langsam und war mir nicht sicher, ob er in diesem Moment Herr seiner Sinne war.

Augenblicklich ließ er von mir ab und grinste amüsiert.
„Ich hab die Begierde in deinen Augen genau gesehen!“
„Das war die pure Angst du würdest mich vergewaltigen.“, gab ich störrisch zurück und strich die Kleidung an meinem Körper glatt.

„Ich würde dich nie flachlegen.“, meinte Rod munter, legte sich auf mein Bett und klopfte neben sich, um zu symbolisieren, dass er meine Anwesenheit wünschte. Immer noch etwas befangen von der Situation, sah ich ihn skeptisch von der Seite an. „Ach ja?“
Er nickte ernst, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und blickte stur zur Decke hinauf. Sein Gesicht umspielte kein Lächeln mehr und er wirkte beinah ein wenig betrübt. „Mit Sicherheit. Ich würde mir tatsächlich vorkommen wie so’n halber Verbrecher, so dumm wie’s klingt. Du bist zwar nicht mehr minderjährig, aber trotzdem klein, zerbrechlich und jung.“, er bedachte mich mit einem zärtlichen Blick und konnte dennoch nicht den Funken Spott verbergen, der über sein Gesicht huschte. „Und natürlich außerordentlich hübsch.“, fügte er an, um mir ein zweideutiges Lächeln zu entlocken.

„Und ich bin…“, fing er etwas gedankenverloren an und ich beendete scherzend:
„Tölpelhaft, alt und unbiegsam. Und nebenbei auch noch recht unattraktiv.“
Rod verstand meinen Humor und sah meine Aussage Gott sei Dank nicht als Beleidigung an. Wir unterhielten uns noch eine Weile, und kurz nach Mitternacht sagte er schließlich: „Ich werde noch mal runtergehen und sehen, ob man diese Ausgeburt der Schönheit nicht doch irgendwie rumkriegen kann. Schließlich hatte Jan mich ja beinah dazu aufgefordert sie vor ihm zu erobern.“, er grinste und ich sah ihm müde zu wie er aufstand und langsam mein Zimmer durchquerte.

„Komisch, zu meiner Zeit hat man dazu noch ficken, oder zumindest flachlegen gesagt.“
Rod war sichtlich überrascht über meinen plötzlichen, vulgären Tonfall, ließ sich aber nicht allzu viel davon anmerken.
„Das mit dem erobern werde ich mir merken.“, murmelte ich abschließend und zog schläfrig die Decke über mich, bevor Rod die Tür leise schloss und mich ein zugetaner Blick von ihm streifte.


Ich wurde recht früh wach und mein erster Gedanke galt John, um den ich mir ernsthaft Sorgen machte. Unser Streit lag mir im Magen und ich wusste, dass er sich weder von allein, noch in kurzer Zeit lösen lassen würde.

Ich sprang aus meinem Bett, zog ein paar Jeans und ein loses Shirt an, und band mir die langen, blonden Haare zu einem Knoten zusammen, bevor ich leise die Treppe runter ging. Bevor ich es wagte einen Blick aufs Sofa zu werfen, steuerte ich Johns Zimmer an und war nicht überrascht ihn dort nicht anzutreffen.
Ich begab mich nun doch Richtung Wohnzimmer und lächelte verschlafen, als ich Rod erblickte, der mit freiem Oberkörper und einer Decke bis zur Hüfte verdeckt auf dem Sofa hing, und selig schlief. Sein Mund war leicht geöffnet, er atmete leise tief ein und aus und seine Arme hingen schlaff über ihm und rutschten langsam gen Boden.

Ich wollte ihm das unangenehme Gefühl ersparen sich ertappt zu fühlen und machte deshalb ordentlich Krach werden ich das Frühstück machte, doch Rod ließ sich nicht aus seinem Schlaf rütteln.
Ich lehnte mich gegen die Küchenzeile und knallte mit Absicht einen Kaffeepott auf die Arbeitsfläche, so laut wie möglich ohne dabei das Gefäß zu zerstören, und Rod sprang wie von der Tarantel gestochen auf, sah völlig durcheinander durch den Raum und erblickte mich schließlich missmutig.
„Morgen…“, murmelte er müde, griff sich ans Herz und rutschte langsam wieder in die Kissen. Er zog die Decke ein Stück höher und grummelte vor sich hin.
„Schon mal was von lieblichem Wecken gehört?“ Er rieb sich den Sand aus den Augen. Die schwarzen Haare standen ungleichmäßig von seinem Kopf ab und Rod wirkte dadurch total niedlich.

„Ja, habe das aber nie gekonnt.“, antwortete ich lächelnd und ließ mich in einen Sessel neben dem Sofa fallen. „Kaffee?“
Rod brauchte noch eine Weile um wirklich wach zu werden, setzte sich schließlich auf und blinzelte geblendet durch den Raum. „Ja, das wäre großartig.“
Ich reichte ihm meinen weil ich keine Lust hatte wieder aufzustehen, wuselte ihm durch die zerstörte Frisur und grinste amüsiert. Er bedachte mich mit einem muffigen Blick und starrte finster über den Rand der Kaffeetasse hinweg.
„Wie ich sehe bist ’e wohl noch erfolgreich gewesen, hm?“

Rod sah an sich herunter und schien erst jetzt zu bemerken, dass er nackt war.
„Klar, sie hat dich betrunken gemacht, und dich dann ohne dein zutun ausgezogen und vergewaltigt.“, ich rollte die Augen und stand auf um mir nun doch einen eigenen Kaffee zu besorgen.
„Nein, ich hab mich erst ausgezogen als sie weg war.“, murmelte Rod betretend und ich sah ihn so ungläubig an, dass er anfing zu lachen. „Na ja, die hat heute Morgen schon so früh das Haus verlassen-“
„Und aus Langeweile dachtest du dann, ey, zieh ich mich mal aus, oder was? Rod, hör’ auf mich auf so eine niederträchtige Art und Weise zu verarschen.“


Der Vormittag verging recht schnell.
Rod und ich hatten gefrühstückt, der Bassist hatte sich für das Essen und die Unterkunft bedankt, und sich anschließend endlich auf den Heimweg gemacht. Nach einigen hoffnungslosen Versuchen die WG aufzuräumen, stürmte ich mein Zimmer und war froh, Antwort von Farin erhalten zu haben.


Hm.
Das klingt nicht gerade rosig bei dir, Bläserfloh!
Aber sollte es nur am Geld liegen, hey… da scheiß doch drauf! Bela wird dich garantiert mit Vorliebe sponsern, vermutlich nicht ganz ohne Gegenleistung zu fordern (hihi), Rod lädt garantiert Franzi ein, und deine Unterkunft geht natürlich auf meine Mütze und die heilige Kuh beteiligt sich sicher auch gern. Und wenn du dir so Sorgen um deine WG-Truppe machst, dann schlepp’ sie doch einfach alle mit. – Was soll’s, die paar tausend weniger auf’m Konto – ich bin sowieso Millionär! =P (Neben meinen Weltretterambitionen, dem guten Aussehen, der Intelligenz und dem musikalischen Gespür für alles!)

Also, wie ich sehe ist das dann gebongt.
Rod hat de genauen Daten für euren Flug.

Wir sehen uns in ein paar Wochen, wird sicher kuhl!
Pack’ deine WG untern Arm und komm rüber. – Sonnencreme nicht vergessen!

Jan.


Von dem großzügigen Angebot war ich ziemlich geplättet, konnte mich aber nicht wirklich darüber freuen, denn solang der Streit mit John noch zu klären galt, hatte ich nicht die Hoffnung an einen gemeinsamen Urlaub mit ihm zu denken, egal wie freizügig man uns einlud.