Für immer bis Morgen

Fortschritt: 80%
Die Ärzte
Taya Hoffmann ist eine engagierte junge Frau die mit beiden Beinen so einigermaßen fest im Leben steht. Ein unmoralisches Jobangebot bringt dann den Stein ins Rollen: Zwischen neuen Freunden stößt sie ebenso auf Untreue, Tod & Verlust, Ängste und Streit, auf sexistischen Humor und das Leben als "Rockstar", selbstverständlich auch auf die große Liebe und auf außergewöhnliche Menschen; Auf neue Gewohnheiten und andere Lebensstile. - Auf die Ewigkeit, die nur bis morgen hält.

Inhaltsverzeichnis Einklappen

  1. Anmerkung
  2. Kapitel 1 Das unmoralische Angebot
  3. Kapitel 2 Der Vorhang fällt
  4. Kapitel 3 Das Böse siegt immer
  5. Kapitel 4 Bullenschweine I
  6. Kapitel 4 Bullenschweine II
  7. Kapitel 5 Fanpost?
  8. Kapitel 5 Fanpost? II
  9. Kapitel 6 - Unerwarteter Besuch
  10. Kapitel 6 - Unerwarteter Besuch II
  11. Kapitel 7 - Nur ein Fehltritt
  12. Kapitel 7 - Nur ein Fehltritt II
  13. Kapitel 8 - Ein neuer Weg
  14. Kapitel 9 - Der Plan und die Furie
  15. Kapitel 9 - Der Plan und die Furie 2
  16. Kapitel 9 - Der Plan und die Furie 3
  17. Kapitel 9 - Der Plan und die Furie 4
  18. Kapitel 10 - Die Konkurrenz schläft nicht
  19. Kapitel 10 - Die Konkurrenz schläft nicht 2
  20. Kapitel 10 - Die Konkurrenz schläft nicht 3
  21. Kapitel 10 - Die Konkurrenz schläft nicht 4
  22. Kapitel 10 - Die Konkurrenz schläft nicht 5
  23. Kapitel 10 - Die Konkurrenz schläft nicht 6
  24. Kapitel 11 - Der Nebenjob
  25. Kapitel 11 - Der Nebenjob 2
  26. Kapitel 15 - Hat noch keinen Namen
  27. Kapitel 15 - Hat noch keinen Namen 2
  28. Kapitel 15 - Hat noch keinen Namen 3
  29. Kapitel 15 - Hat noch keinen Namen 4
  30. Kapitel 15 - Hat noch keinen Namen 5
  31. Kapitel 16 - Der Spion | Part 0 bis 4
  32. Kapitel 16 - Der Spion | Part 4 bis 7
  33. Kapitel 16 - Der Spion | Part 8 bis 12
  34. Kapitel 16 - Der Spion | Part 13 - 15
  35. Kapitel 16 - Der Spion | Part 16 - 18
  36. Kapitel 16 - Der Spion | Part 19 - 20
  37. Kapitel 17 - Die Blinden
  38. Kapitel 17 - Die Blinden 2
  39. Kapitel 17 - Die Blinden 3
  40. Kapitel 18 - Wird irgendeinen gruselig-spannenden Titel noch bekommen | Part 1
  41. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 2
  42. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 3
  43. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 4
  44. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 5
  45. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 6
  46. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 7
  47. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 8
  48. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 9
  49. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 10
  50. Kapitel 18 - Titel s.o. | Part 11
  51. Kapitel 19 - Die Reise zu uns selbst
  52. Kapitel 19 - Die Reise zu uns selbst | Part 2
  53. Kapitel 19 - Die Reise zu uns selbst | Part 3
  54. Kapitel 19 - Die Reise zu uns selbst | Part 4
  55. Kapitel 19 - Die Reise zu uns selbst | Der letzte Part überhaupt
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Kapitel 4 Bullenschweine I

„Taya? Ey Mädel, wir woll’n los, man!“, schimpfte Rod auf dem Flur und klopfte noch einmal mit der Faust geräuschvoll gegen meine Tür. Ich hielt meine Augen geschlossen und versuchte mir einzureden, dass die furchtbaren Kopfschmerzen ebenso wenig existierten wie der scheinbar aufgebrachte Rodrigo vor meiner Tür. Doch sein „Wenn du nicht raus kommst, hol’ ich dich raus!“ zerstörte meine Illusion ebenso ruckartig wie der Schmerz der sich von meiner Schläfe bis in den Nacken zog, und mit unberechenbarer Wirkung über mich hereinbrach, als ich versuchte den Kopf zu heben um einen der Wecker Richtung Eingang zu werfen, den ich mir von Belas Aktion behalten hatte. Dieser verfehlte sein Ziel nicht und knallte mit einem dumpfen Geräusch gegen das Holz der Tür, bevor ich ein „Halt’s Maul Rod!“ hinterher rief und mir die Decke bis zum Kinn zog.

Seiner schäbigen Lache konnte ich in diesem Moment jedoch keine Aufmerksamkeit widmen, denn ich war mehr als beschäftigt damit, mich zum einschlafen zu zwingen.
„Hey, mal ehrlich!“, versuchte Rod es etwas kooperativer und klang schon wesentlich netter und hilfsbereiter. „Wir müssen langsam wirklich los… vielleicht kannst du trotz Kater mal einen Blick auf die Uhr werfen.“
Wäre ich nicht wie gelähmt vor Kopfschmerz gewesen, hätte ich vermutlich die Tür aufgerissen und Rod noch auf dem Flur verprügelt, aber so tat ich doch was er mir empfahl. Als meine müden Augen die Uhr erreichten machte mein Magen mehr als nur einen Salto; Der Tourbus hätte schon vor mehr als einer Stunde fahren müssen!

Ich fiel mehr aus dem Bett als das ich wirklich aufstand, und Rod schien vor der Tür interessiert meiner Geräuschkulisse zu folgen.
„Glaub’ nicht das das witzig ist!“, fauchte ich recht leise, denn meine Stimmbänder verweigerten noch ihren Dienst, und jedes laute Geräusch verursachte nur weitere Schmerzen.
„Ich glaub’s nicht, ich weiß es!“, hörte ich ihn, scheinbar tatsächlich amüsiert von den Geräuschen innerhalb meines Zimmers.
„Zisch ab, man!“

Er lachte noch einmal recht schadenfroh bevor ich seine Schritte tatsächlich den Flur entlang gehen hörte.
Trotz eines unglaublichen Katers stolperte ich gut eine Viertelstunde später frisch geduscht und samt Gepäck dem Ausgang entgegen. Versteckt hinter einer großen Sonnenbrille und gekleidet in ein paar unauffällige Shorts und einem weiten, schwarzen Pulli, war ich mehr als überrascht Bela ebenso erschöpft nur wenige Meter vor mir zu entdecken.
Ich musste zugeben darüber gelächelt zu haben, dass auch er seine Augen hinter dicken, schwarzen Sonnengläsern versteckte.

„Bela?“
Er reagierte nicht und lief mit eiligen Schritten dem Tourbus entgegen, aus dem das Racing Team uns begeistert zujubelte, schließlich konnte man jetzt die Reise antreten. In diesem Augenblick fiel mir auch eine kleine Mädchengruppe auf, die sich bis jetzt scheinbar unentdeckt in der Nähe des Tourbusses aufgehalten hatte, und nun mit beinah angsteinflößender Hysterie Bela entgegen rannte.
Auch er staunte nicht schlecht und schien mit der Situation völlig überfordert zu sein, schrieb aber dennoch ein paar Autogramme, die er den vor Glück fast platzenden Mädels in die Hand drückte. Wir schmissen unser Gepäck in den Kofferraum des Busses und ich bemerkte wie Belas Laune rapide sank, als sich seine kleine Fangemeinde als äußerst hartnäckig und nervenaufreibend herausstellte.
„Nein, meine Telefonnummer gibt’s nicht.“, schnauzte er beinah abschließend als ich mich hinter ihm den engen Eingang des Busses hoch zwängte. Es war schwer zu sagen ob Bela mich überhaupt bemerkt hatte, denn seine Körpersprache und sein Verhalten sprachen dagegen. Und auch wenn ich es nicht sehen konnte, war ich mir sicher, dass Bela mir trotz der schwarzen Sonnenbrille nicht einmal heimlich einen Blick zugeworfen hatte. Ich war irritiert davon.

„Hach, sie mal einer an. Die Men in Black!“, grinste Farin vor sich hin und klopfte Bela auf die Schulter als dieser an ihm vorbei schlurfte, und den Kopf leicht hob um seinen Freund anzusehen. Erst jetzt fiel mir auf das Bela und ich tatsächlich sehr ähnliche Klamotten trugen und uns wirklich glichen, mal abgesehen von der Haarfarbe. Farin schien sich als Antialkoholiker über unseren sichtbaren Kater mehr als nur zu freuen, es schien fast so, als entschädigte das sogar unser zu spät kommen. Böswillig hob ich den Kopf um ihm einen beinah tödlichen Blick zuzuwerfen, den er mit einem charmanten Lächeln und einem: „Ja, ich liebe dich auch!“ Spruch erwiderte.

Ich schmiss mich in einen recht unbequemen Sitz irgendwo im hinteren Teil des Busses und verfolgte Bela kurz mit einem misstrauischen Blick, der mit einem von ihm sicher hätte mithalten können. Er legte sich auf eines der freien „Betten“, zog die Vorhänge davor zu und ließ nichts mehr von sich hören.
Langsam setzte sich der Bus in Bewegung und das unveränderliche Vibrieren des Motors versetzte mich, trotz kaum auszuhaltender Kopfschmerzen, sofort in einen dämmrigen Zustand.
Ich hatte nicht vor im sitzen zu schlafen, und dabei noch allen anderen und vor allem Farin die Möglichkeit zu geben, mich dabei zu begutachten. Ich wusste das ich dabei kein besonders schöner Anblick war, das hatten mir meine WG Bewohner in ihrer liebenswürdige Art mehr als einmal vorgehalten.

Die WG.
Mit einem fast reumütigen Gewissen dachte ich an John, Böhm, Franzi und nicht zuletzt an Mars, obwohl mir letzterer nicht einmal Sorgen bereitete. Ich erinnerte mich flüchtig an den Kuss mit Bela, eigentlich nicht erwähnenswert, und so nebulös wie diese Erinnerung in meinem Kopf umher waberte, waren auch die Schuldgefühle gegenüber meinem Freund. Dennoch beschloss ich mich wieder bei den Menschen zu melden, die mir wichtig waren. Auch wenn ich Mars insgeheim ausklammerte.
So oberflächlich unsere Knutscherei auch gewesen war, hatte ich trotzdem wenigstens für ein paar Minuten das Gefühl gehabt, wieder begehrt zu werden, und das auch noch von einer Person wie Bela. – Das war etwas was ich bei Mars schon lange vermisst hatte, doch uns verbanden einige Monate einer wirklich gelungenen Beziehung die ich jetzt nicht Hals über Kopf, und vor allem per Telefon beenden wollte.

„Mars.“, meldete sich die vertraute Stimme mit einem fast drohenden Unterton, beinahe so, als hätte er mit meinem Anruf bereits gerechnet. Obwohl ich mich eben körperlich schlecht gefühlt hatte, erging es mir bei seiner Stimme gleich dreimal so mies.
„Hallo.“
„John geht es gut.“, antwortete er mürrisch, bevor ich irgendetwas hatte fragen oder erwidern können. Er war immer noch sauer auf mich, aber es machte mir seltsamerweise wenig aus. Dessen ungeachtet entschied ich, mich mit ihm zu vertragen und einfach nachzugeben. Unser Streit war sinnlos.
„Ach Mars…“, seufzte ich bemüht frustriert und das fiel mir in meinem Zustand auch nicht schwer.
„Können wir unseren Streit nicht einfach begraben?“ Er antwortete nicht und ich hatte die Vermutung, dass John nicht der einzige Streitpunkt war den Mars mir vorhielt.

Rod stellte in diesem Moment freudig fest, dass es sich bei der schwarz gekleideten, vermummten Person um meine Wenigkeit handelte und schritt mit eleganter Leichtigkeit den Gang entlang. Per Handzeichen fragte er, ob er sich neben mich setzen dürfte, und obwohl ich befürchtete meinem Gespräch mit Mars könnte das erheblich Schaden, ließ ich ihn mit einem nicht ganz echten, wohlwollenden Nicken neben mir Platz nehmen. Ich mochte ihn sehr und wollte seine Gesellschaft um keinen Preis missen, und außerdem war ich mir nicht sicher, ob er eine Ablehnung irgendwie falsch verstanden hätte.

„Mars?“, fragte ich vorsichtig nachdem er die ganze Zeit über geschwiegen hatte und der seltsame Ton der in meiner Stimme lag, brachte Rod dazu, mir ziemlich verwundert in das verhüllte Gesicht zu blicken.
„Was ist los mit dir?“, fuhr ich fort ohne eine Antwort bekommen zu haben.
„Was los ist? Das fragst du noch?“
Farin schlurfte in unsere Richtung und Rod und er wechselten einen Blick, der auf dem Gesicht des blonden Riesens sofort ein unangenehm perfektes Grinsen erzeugte, das nichts Gutes verhieß.

Ich war ebenso irritiert von Mars Antwort, wie von Farin, der sich soeben über die Sitze direkt vor mir gelehnt hatte, und mir mit einem süffisanten Lächeln auf den Lippen und einem treudoofen Blick entgegenblinzelte.
„Ich geb’ dir Böhm. Der will –“, Mars sprach gar nicht weiter. Ich hörte seine Stimme nur aus dem Hintergrund, die Böhm plötzlich dazu aufforderten sich „sinnlos“ mit mir zu unterhalten.
„Äh, äh Taya?“, meldete sich der Verdonnerte zu Wort und wirkte tatsächlich sehr verwirrt von der plötzlichen Aufforderung. Es war mehr als klar das Böhm nicht direkt nach mir gefragt hatte, und Mars einfach einen Grund suchte mich loszuwerden. „Ja.“, antwortete ich irgendwie amüsiert und war nicht einmal in der Lage mich über das Verhalten meines Freundes zu ärgern. „Also... äh… wie geht’s dir so? Wir machen uns hier … schon ein wenig Sorgen um dich weil-“
„Taya, nimm’ die Kippe aus dem Mund und zieh dich endlich wieder an! Du machst unsern Busfahrer schon ganz nervös!“, brüllte Farin plötzlich und so unerwartet das ich am ganzen Körper zusammenzuckte und ihn entgeistert ansah.
„Ey, wir fahren gleich in den Graben!“, schaltete sich Rod ein während der Gitarrist schon lachend über den Sitzen hing.
„Wir haben doch ausgemacht kein Strippen mehr während der Busfahrt!“, keifte er förmlich ohne sein lachen dabei stoppen zu können.
„Hör’ auf dich an Sascha ranzuschmeißen, der ist schwul, wie oft soll’n wir dir das noch sagen?“ Rod hielt Farin seine Hände hin und dieser schlug immer noch lachend ein.

„Ähm, Taya… was tust-“
„Du, äh, wir haben jetzt, äh, gleich Probe und…“, unterbrach ich Böhm wenig überzeugend, und diesmal klang er tatsächlich besorgt um mich.
„Aber ich dachte – der Busfahrer? Ich denke ihr seid unterwegs?“ Böhm war nicht der Einzige den die Situation aus der Reihe warf.
„Ich melde mich wieder.“, würgte ich ab und strafte Farin und Rod mit dem böswilligsten Blick den ich in meinem Zustand zu bieten hatte, doch der entgingen ihnen leider, denn die Sonnenbrille verbarg meinen Ausdruck.

Ich boxte Rod gegen die Schulter und versuchte Farin eine nicht zu feste Ohrfeige zu erteilen, doch der Blonde weichte schnell genug aus um meiner Hand zu entgehen.
„Seid ihr wahnsinnig?“, hakte ich nach und erntete von Farin einen fast strafenden Blick.
„Würden wir sonst bei den Ärzten spielen?“

Rod tätschelte mir den Kopf. „Mal ehrlich, wir waren bis jetzt doch immer völlig korrekt zu dir… ein bisschen Spaß muss sein.“
„Völlig korrekt?“ Ich sah ihn ein wenig schief an und er schloss mich freundschaftlich in seine Arme.
„Na ja … meistens.“, korrigierte er sich und ließ mich wieder los. Mit der rechten Hand fasste ich mir an die Stirn; Nach Farins Geschrei rebellierten auch meine Kopfschmerzen gegen die Quälerei.
Er lächelte mich mit einem schadenfrohen Gesichtsausdruck an und klopfte mir auf die Schulter. „Tja, vielleicht trinkst du einfach weniger, dann erträgst du auch mein Geschrei.“
„Aber im nüchternen Zustand deine Person nicht mehr!“, konterte ich nicht ganz ernst und fühlte mich gleich ein Stück eingeschüchterter als Farin sich langsam wieder aufrichtete und mich weit überragte.
„Ja, ja… lauf’ du mir mal alleine über ’n Weg, ohne irgendeinen Beschützer, Schätzchen.“, flüsterte er und warf einen Seitenblick auf den neben mir sitzenden Rod der augenblicklich zu lachen begann. Etwas argwöhnisch sah ich meinem Chef hinterher als er wieder seinen Platz weiter vorne einnahm.

„Jetzt hast ’e dich in was reingeritten…“, murmelte der schwarzhaarige Bassist neben mir und klopfte mir mitfühlend auf die Schulter. „Lass mich raten wer sein nächstes Opfer ist.“ Rod grinste unauffällig, wurde aber schnell wieder ernst. Ich lehnte mich gegen die Fensterscheibe und drehte mich ein wenig mehr in seine Richtung um den Kopf nicht ganz so verkrampft halten zu müssen.
„Sag mal, was ist ’n eigentlich schon wieder mit euch los?“, fragte Rod etwas leiser und deutete auf die dunklen Vorhänge, hinter denen sich Bela befand. Ich war überrascht davon, dass unser Kleinkrieg überhaupt jemandem aufgefallen war, und erst Recht, dass der Verdacht, unser Verhältnis wäre am heutigen Tag noch gleich viel schlechter als sonst, nicht nur mich beschlich.
Dennoch hielt ich es für mehr als unklug mich bei Belas bestem Freund über sein Verhalten zu beschweren. Das war glatter Selbstmord.
„Keine Ahnung was du meinst.“ Ich zuckte lässig die Schultern und war froh darüber die Sonnenbrille nicht abgesetzt zu haben, denn damit konnte ich Getrost auf den Boden sehen, ohne vor Rod Schwäche zu zeigen.

Er zog verdächtig die Augenbrauen hoch und ein paar schwarze, kurze Strähnen fielen ihm ins Gesicht während er ein sympathisches Lächeln offenbarte.
„Keine Ahnung?“, fragte er noch einmal und mich überkam das Gefühl von grenzenloser Panik.
„Also… eventuell…“, Rod bedeutete mir ein Stück näher zu ihm zu kommen. Ich beugte mich mit einem bemüht gelassenen Ausdruck zu ihm herüber und er legte mir seine Hand auf die Schulter als er mit einer sanften, aber beinah ungeduldigen Stimme dicht neben meinem Ohr sprach. „War das gestern was ernstes?“
Die Art in der er das sagte machte mir sofort klar, dass Rod unsere Knutscherei nicht entgangen war. Und die Offenheit mit der er das ansprach überrumpelte mich völlig. Ruckartig rutschte ich wieder von ihm und sah ihn so ertappt an, wie ich mich fühlte. Er grinste.

„Nein. So war das nicht gemeint.“
Ich dankte der Erfindung Sonnenbrille, denn sie verdeckte immerhin die Scham die sich in diesem Augenblick in meinen Augen wiederfinden musste.
„Aber… er hat dich nicht irgendwie doof angemacht oder so?“
„Wie soll ich das verstehen?“, fragte ich nach und hatte plötzlich das Gefühl mit Bela ein regelrechtes Risiko eingegangen zu sein.
„Ist das euer Streitpunkt?“
„Nein.“ Ich schüttelte den Kopf und warf einen kurzen Blick auf die geschlossenen Vorhänge. Mich interessierte ob Bela unser Gespräch verfolgte, aber wir redeten relativ leise und ich nahm an, dass er uns nicht einmal hören konnte.
„Nein, eigentlich haben wir uns nicht einmal gestritten.“

Rod wirkte über diese Aussage verwundert und ich fragte mich was sich in seinem Kopf abspielte. Nicht nur jetzt glaubte ich, dass er meine Gedanken lesen konnte. Ich fühlte mich von ihm regelrecht durchleuchtet.
„Verstehe – du hast ihn aufgerissen und er fühlt sich in seiner Ehre gekränkt.“, grinste er schelmisch und gestikulierte fraglich.
„Ha, ha. Sehr witzig.“
„Er hat dich aufgerissen und du fühlst dich in deiner Ehre gekränkt?“
„Rod!“
„Du hast ihm ’ne Abfuhr erteilt.“
„Nein.“
„Ja mein Gott… was ist ’n euer Problem?“, empörte sich der Bassist und sah fast so aus als befürchtete er, er könnte an unserem Streit schuldig sein. „Euer Gezicke erträgt man ja nicht mal auf zehn Meter Entfernung.“
„Ich bin unschuldig.“, antwortete ich unterkühlt und zuckte die Schultern.
„Du bist noch Jungfrau?“
„Wie bitte?“, verwirrt sah ich in das runde, verwunderte Gesicht meines Gegenübers. Erst jetzt verstand ich was er meinte.
„Ha, ha. Du übertriffst dich heute selbst mit niveaulosen Witzen.“, antwortete ich wenig amüsiert und machte eine abwertende Geste.
„Danke.“, er nickte schmunzelnd.
„Na ja, jedenfalls habe ich kein Problem mit Bela, aber er anscheinend eins mit mir.“
Rod zuckte hilflos die Schultern, schlug mir vor mich doch einfach mal mit ihm zu unterhalten und sagte abschließend. „Männer halt.“
Er seufzte noch einmal und murmelte als er eigentlich schon wieder auf dem Weg nach vorn war: „Ich kann das nämlich nicht leiden wenn ihr so rumzickt.“, und dabei klang er unheimlich liebenswert.

Ich hypnotisierte eine Weile die Vorhänge vor Belas Matratze und überlegte. Es war schwer zu sagen wie er tickte, ich hatte nicht ein Mal das Gefühl gehabt ihn durchschaut oder nur verstanden zu haben, seitdem wir uns begegnet waren.
Trotzdem glaubte ich Rodrigo müsste als bester Freund des Schlagzeugers doch einigermaßen richtig liegen, wenn er mir den Tipp gab, den Kerl mit der harten Schale und dem weichen Kern einfach mal anzusprechen. Und so blöde wie ich mir auch dabei vorkam, wie ich möglichst unauffällig aufstand und einen Moment vor den geschlossenen Vorhängen ausharrte, schwor ich mir, bei einem absoluten Fehltritt, Rod für diese Schnapsidee verantwortlich zu machen. Ohne Rücksicht auf Verluste.

„Bela?“
Ich war nicht überrascht als er nicht antwortete, besaß aber die Freiheit die dunklen Vorhänge langsam und nur ein Stück zur Seite zu schieben. Der Angesprochene lag beinah bewegungslos mit dem Rücken zu mir, den Kopf auf den Armen liegend, die Beine angezogen. Ich räusperte mich bestimmt und befürchtete damit die Aufmerksamkeit der Racing Teamer auf mich zu ziehen, doch wenn diese es bemerkten, konnte auch Bela nicht behaupten nichts gehört zu haben.
„Hm?“ Er brummelte mehr als das er antwortet, robbte in Zeitlupengeschwindigkeit auf seine Knie und setzte sich noch langsamer auf. So langsam, dass ich allein schon beim zusehen die Geduld verlor. Vermutlich saß auch ihm der Kater noch im Kopf; seine Sonnenbrille hatte er nicht abgenommen.

Er strich den Vorhang beiseite und ließ seine Beine von der Matratze baumeln, bevor er sich mit dem Oberkörper gegen die Buswand lehnte. Ich wartete nicht auf eine Einladung sondern nahm einfach unaufgefordert neben ihm Platz.
„Bist du irgendwie … sauer auf mich?“
Ich kam mir selbst mehr als dumm dabei vor, aber ich wusste nicht, wie ich die Frage anders hätte formulieren sollen. Fast so als wolle er seine vor Ironie strotzende Antwort dabei nur noch bestätigen verschränkte er die Arme fest vor der Brust und sah mich nicht an.
„Nein.“
„Ach so ja… verstehe. Deswegen beachtest du mich nicht, redest nicht mit mir, und weigerst dich mich anzusehen, was?“
Ich schien mit meiner ebenso ironischen Vorstellung zumindest sein Interesse geweckt zu haben, doch seine Haltung änderte sich nicht.
„Bela, was ist los? Ich dachte, wir hätten diesen Streit jetzt endlich begraben?“, fuhr ich ihn an und hatte wirklich Mühe ihn nicht anzuschreien. Mich regte diese Kinderei furchtbar auf, und mich überkam der Verdacht, den Rod irgendwie angedeutet hatte. Bela war auf eine Bettgeschichte ausgewesen, hatte sie nicht gekriegt, und schrieb mich damit längst ab.

Während mir diese Gedanken durch den Kopf rauschten zuckte mein Gesprächspartner, wenn man ihn überhaupt so nennen durfte, teilnahmslos die Schultern.
„Ich hab’ schon geblickt warum du mich geküsst hast, Schätzchen.“, murmelte er mit einem Unterton in der Stimme der mir einen Schauer über den Rücken jagte. „Wegen zuviel Alkohol im Blut?“, mutmaßte ich und fand Belas Geheimnistuerei mehr als lächerlich. Weshalb wohl sollte ich ihn schon geküsst haben?
„Ich bin es gewöhnt das Leute versuchen Profit aus meiner Berühmtheit zu schlagen, oder sich dadurch einen Vorteil verschaffen.“
Ich konnte mir ein hohles Lachen nicht verkneifen. Sollte ich etwa zu diesen Personen gehören?

„Also wenn hier einer irgendwo Profit rausschlägt, dann bist du das ja wohl! Du wirst dich nicht aus reiner Begierde an mich ran geschmissen haben, und das wo du genau wusstest, dass ich nicht mehr nüchtern bin!“
„Unterstellung.“, antwortete Bela nur und obwohl er beinah ruhig dabei wirkte, vermutete ich, dass er innerlich ebenso kochte wie ich.
„Eine Unterstellung die du abstreitest?“
„Du kannst nicht behaupten, dass du dich auf mich eingelassen hättest, wenn ich nicht Bela B. sondern nur Peter Krämer gewesen wäre!“

Einen Moment lang brauchte ich um seinen Vergleich mit „Horst Krämer“ zu verstehen, dann tippte ich mir an die Stirn.
„Das ist lächerlich was du hier abziehst.“
„Deine Argumentation dazu, dass ich dich nur ins Bett kriegen wollte, ist nicht glaubwürdiger.“ Bela klang keineswegs mehr ruhig und wandte mir jetzt sogar sein Gesicht zu.
„Und was ist dein Problem mit mir?“
„Du willst mich doch nur ausnutzen Taya, und ich habe mich eben doch nicht in dir getäuscht.“ Ich wünschte mir in diesem Augenblick seine Augen zu sehen, doch die Sonnenbrille versperrte den Blick darauf.
„Blödsinn!“, schnauzte ich ihn an. „Ich verfolge hier keinerlei Ziele und nutze auch niemanden aus!“
„Sicher. Das haben all die anderen vor dir auch gesagt.“ Resigniert wandte er den Kopf ab.

Einen Moment schwiegen wir uns wütend an. Die Stille machte mich wahnsinnig. Was Bela hier von sich gab grenzte an Stumpfsinn und pure Provokation. Ich war mir mehr als sicher, dass er wirklich nur das eine von mir wollte, es nicht bekommen, hatte und jetzt vor sich hin murrte. Ich ahnte, dass die Ärzte mit ihrem Song Männer sind Schweine einfach Recht behalten würden.

„Also glaubst du ich will dich nur ausnutzen, ja?“, fasste ich seine Aussage mit einem missbilligenden Blick zusammen.
„Es gäbe sonst keinen Grund für dich sich so aufzuregen, wenn ich mich mal nicht total freundschaftlich verhalte. – Es kann dir doch völlig egal sein was ich von dir denke, wäre ich nicht dein Mittel zum Zweck.“
„Oh man.“, seufzte ich nur, beendete damit die Diskussion und sprang von Belas Matratze um handgreifliche Zwischenfälle zu vermeiden.

Ich war froh als der Bus schon wenige Minuten später an einer Raststätte hielt, auch wenn ich ein wenig darüber stutzte, schließlich waren wir noch keine zwanzig Minuten unterwegs.
Ich sprang als eine der ersten heraus und drehte mich nicht zu den anderen um, bevor ich direkt um das alte, verwahrloste Gebäude lief um mir die Beine zu vertreten.
Ich war unendlich wütend auf Bela. Seine Unterstellung ich hätte ihn geküsst um mir Vorteile zu verschaffen, verletzte mich aus einem undefinierbaren Grund und war zudem nicht nur absoluter Schwachsinn, sondern auch völlig aus der Luft gegriffen. Wer ihn auf diese verblödete Idee gebracht hatte, ich wolle mir Vorteile durch ihn verschaffen, war mir unklar. Aber ich konnte mir schwer vorstellen, dass er von allein darauf gekommen war.
Möglicherweise stellte das aber auch nur sein Ablenkungsmanöver dar, um zu vertuschen, dass ich ihn tatsächlich nur als Bettgeschichte interessierte.

„Taya? Du bist gerade so losgesprintet, da dachte ich mir-“
„ROD!“, entfuhr es mir beinah etwas zu heftig, als ich seine Stimme erkannte und mich zu ihm umdrehte. Er stand direkt vor der vergrauten Wand des alten Gebäudes, gut zwei Meter von mir entfernt, und blickte mit einem besorgten Ausdruck im Gesicht zu mir herüber.
„Wie kommst du auf diese schwachsinnige Idee mich dazu zu überreden Bela anzuquatschen?“, nölte ich ihn an und kickte einen kleinen Stein in seine Richtung, der ihn nur knapp verfehlte und neben seinem Knie an dem Beton abprallte.
„Ich-“
„Bist du wahnsinnig?“, fuhr ich fort.
Rod zog bereits die Beine an und hob seine Hände vors Gesicht als ich einen weitaus größeren Stein vor die Füße bekam.
„Hast du gehört was er gesagt hat?“ Obwohl Rod nicht direkt etwas dafür konnte, fühlte ich mich großartig dabei ihn zu beschuldigen. Es hatte etwas beinah beruhigendes, einen Verantwortlichen zu finden.
„Das hat wohl der ganze Bus-“ Rod stoppte abrupt weil er einen großen Satz zur Seite machte, um einem weiteren Geschoss aus dem Weg zu gehen.
Eine leere Plastikflasche fiel mir in diesem Augenblick auf. Ohne zu zögern zielte ich auf Rod und warf sie mit all der vorhandenen Kraft in seine Richtung. In der letzten Sekunde hob er seine Hand in die Flugbahn des Geschosses, und die Flasche viel leise scheppernd zu Boden.

„Hirnrissig! Absolut Hirnrissig!“, fluchte ich und mein Gegenüber wartete bereits auf den nächsten Angriff. Hin und her gerissen ob ich versuchen sollte ihn mit knapp 1cm dicken Stöckchen aufzuspießen, oder ihn weiterhin mit kleinen Steinen zu bombardieren, stierte ich finster zu ihm herüber, und Rod schien die Situation langsam brenzlig vorzukommen.
„Taya, ich wusste doch nicht-“
Mich überkam ein erneuter Anflug von Empörung und gerade als ich auf Rod zu rannte um mich mit ihm ordentlich im Dreck zu kloppen, machte dieser erst ein paar Schritte zu Seite, und hielt mich dann, bestimmt aber dennoch vorsichtig an den Schultern fest. Es war sinnlos ihn aus dieser Position verdreschen zu wollen, denn meine Arme waren im Vergleich zu seinen wesentlich kürzer, und ich erreichte nicht einmal sein Gesicht.
„Ich dachte, als bester Freund würdest du diesen völlig übergeschnappten Kerl kennen!“, fluchte ich erneut, wand mich aus Rods Griff und rutschte wieder einige Meter von ihm ab.

„Das ist kein Grund mich umzubringen!“, stellte er warnend fest und deutete vorwurfsvoll auf den gut drei Meter langen Ast mit dem ich soeben geliebäugelt hatte. Sein Gesicht war blass und ich musste irgendwie darüber lachen, bei dem Gedanken daran, wie Rod springen würde wenn ich ihm dieses Objekt um die Ohren werfen würde. Doch ernsthafte Verletzungen waren nicht meine Absicht und der ins Visier geratene, schwarzhaarige Bassist nahm erleichtert die Hände herunter als ich mich auf einen Baumstamm setzte, und die Ellbogen auf meinen Knien abstützte.
„Das war das dümmste was ich machen konnte! Mit ihm reden! Pah! Als wäre irgendein Kerl in der Lage eine Konversation zu führen!“

Rod setzte sich neben mich und sah in diesem Augenblick beleidigt drein, fast so, als wollte er damit verdeutlichen, dass er ein großartiger Gesprächspartner war, und dazu auch noch männlich. Er rempelte mich an und strich sich die Haare aus den Augen. „Ach komm schon. In ein paar Tagen bist du uns sowieso los… Lass Bela doch nörgeln, es kann dir doch egal sein!“

Natürlich konnte es mir das.
Aber mit einem Bela im Nacken der den ganzen Tag über nichts anderes tat, als sich neue Schandtaten für mich auszudenken, war mein Aufenthalt beim Racing Team nicht wirklich angenehm.

„Und du musst zugeben, du bist irgendwie selbst dran schuld!“, versuchte es Rod vorsichtig und ich sah augenblicklich finster zu ihm herüber, mit dem Gedanken beschäftigt, ihm doch den großen Ast entgegen zu schleudern. „Ein bisschen!“, setzte er an um seine Aussage zu besänftigen und ich beließ es bei einem beinah tödlichen Blick.
„Was lässt du dich auch auf ihn ein?“
„Ich war betrunken.“, stellte ich reumütig fest und wusste, dass das nur die halbe Wahrheit war. Rod lächelte mitfühlend, schien aber ebenso wenig überzeugt.

„Rod? Ro-ho-d?“
Farins Stimme klang keineswegs so lieblich wie sie es sonst tat wenn er nach seinem Freund rief. Er hörte sich beinah gehetzt und gestresst an und der große, blondgefärbte Mann kam sogleich um die Ecke. Sein Gesichtsausdruck hellte sich ein wenig auf als er Rod erblickte, mich beachtete er kaum.
„Die Bullen nehmen Bela mit.“
„WAS?“, entfuhr es Rod und mir gleichzeitig und wir standen beide auf um Farin zu folgen. Ich hatte Mühe mit den großen Schritten mitzuhalten, und war wie gelähmt als ich zwei kleine, beinah schäbige Polizeiwagen auf dem sonst verlassenen Parkplatz entdeckte. Vor dem einen stand Bela und wurde bereits abgetastet, an den Händen unerschütterliches Eisen der Handschellen. Geschockt sah ich auf die Szenerie.

„Aber weshalb denn?“, fragte ich Farin während wir uns dem potenziellen Täter und den Streifenwagen näherten. Mit einem flüchtigen Ruck schubste mich mein Chef in Richtung des Tourbusses, wo ich von unserm Schlagzeuger Lasse festgehalten, und schließlich in einen Sitz gepresst wurde. Bis auf die drei Ärzte waren alle im Bus versammelte.
Es herrschte beinah atemlose Stille und sämtliche Musiker sahen wie gebannt auf Bela, den man in diesem Augenblick auf die Rücksitze des Autos setzte. Farin stieg neben ihm ein, zur Empörung des Racing Teams.
Tumultartige Zustände machten sich im Bus breit während Rod noch wild mit den Polizisten diskutierte und schließlich nachgab. Während er zurück zum Bus lief, fuhren die beiden schmutzigen Streifenwagen vom Parkplatz.

Mit ihnen nicht nur Bela B. sondern auch Farin Urlaub.



„Schokolade?“, fragte Rod lieblich und hielt mir einen angebissen Schokoriegel hin den ich dankend ablehnte. Mir war der Appetit gehörig vergangen.
„Nein. – Ich versteh’ das nicht, Rod!“, fluchte ich und schlug mir mit der flachen Hand gegen die Stirn, während ich von dem DÄ Bassisten seltsam gemustert wurde und er gleichmütig in den Schokoriegel biss.
„Die können den doch nicht einfach festnehmen!“
„Können sie, wie du siehst.“
„Ich fass’ es nicht! Was für ein Schwachsinn! Bela hätte niemals irgendein Mädel vergewaltigt. – Und wann denn auch? Er war doch immer mit jemandem unterwegs!“, empörte ich mich und sah Rod dabei so finster an, als gehöre er zu den Polizisten die ihn mit aufs Revier genommen hatten. Jetzt saßen wir hier, das Farin Urlaub Racing Team und Rod, allerdings ohne den Frontmann: Farin Urlaub.
Dieser wollte seinen Freund schnellstmöglich aus der misslichen Lage befreien und war wie wir alle von Belas Unschuld überzeugt. Die ganze Situation war unfassbar kläglich für uns, aber Farin versicherte bei beinah stündlichen Anrufen an Rod, er würde es noch rechtzeitig zum Konzert schaffen.

Jedes Mal wenn Rods Handy klingelte drehten sich sämtliche Musiker zu ihm um. Es herrschte dann eine Stille in dem muffigen Backstageraum, die kaum zu beschreiben war. Und jedes Mal war es das Gleiche: Rod nickte, setzte ein „Ja okay“ hinterher und legte auf bevor er mit einem ausdruckslosen Gesicht sagte: „Es gibt nichts neues.“


Wir saßen auf heißen Kohlen und erwarteten Farin minütlich, doch der große, blonde Sänger kam einfach nicht mit diesem wunderbaren Grinsen durch die Tür.
Den Soundcheck hatten wir bereits ziemlich missmutig hinter uns gebracht, auch ohne den Frontmann, aber in bereits zehn Minuten sollte das Racing Team auf der Bühne stehen. Und von Farin war weit und breit keine Spur.

„Ich versuch’ noch mal ihn anzurufen.“, sagte Rod schließlich, stand auf und kam schon wenige Minuten später zurück.
„Schlechte Nachrichten.“, murmelte er und überflog innerhalb weniger Sekunden jedes Gesicht.
„Farin steckt im Stau.“

Zeitgleich drang aus mehreren Mündern aufgebrachtes Gestöhne und Geseufze, und Lasse ließ sich sogar rücklings quer über das Sofa fallen. Jetzt hatten wir tatsächlich ein Problem.
„Keine Ahnung wie lange das noch dauern kann.“, fuhr Rod fort und zuckte ahnungslos die Schultern.
Es war regelrecht zum heulen.


Obwohl wir bereits eine Viertelstunde in Verzug standen, hatte Farin die Halle immer noch nicht erreicht. In seiner Verzweiflung beschloss das Racing Team erst einmal ohne den Großmeister anzufangen, etwas improvisiertes zu spielen, so zu tun als ob das alles Teil der großartigen Show war. Es gab keine Vorband und das Publikum vor der Bühne wurde unruhig. Das FURT begann seine Auftritte meist penibel pünktlich. Der Ausnahmezustand fiel langsam auf. „Okay, wir brauchen jemand der drum rum redet.“, erklärte Tanja und sah erwartungsvoll in die Runde. Keiner kloppte sich in diesem Augenblick um den Platz desjenigen, der die Leute bei Laune halten sollte, damit die Stimmung nicht in Frustration umschlug. Und dabei wussten wir nicht einmal, wie lange Farin noch auf sich warten lassen würde.

Als man sich darauf einigte auszulosen, war mir von vornherein klar, dass ich die unliebsame Aufgabe übernehmen dürfte.
Und es kam wie es kommen musste.

„Los jetzt!“, stresste Körk und scheuchte damit die letzten Leute aus dem Backstageraum, mit ihnen auch mich, um uns endlich auf die Bühne zu kriegen.
Zuvor hatten wir uns auf ein Stück geeinigt, dass man gern während des Soundchecks improvisiert hatte, jetzt musste es einfach fehlerfrei klappen.
Es war seltsam auf der Bühne zu stehen, und ganz vorne keinen großen, blonden Farin zu sehen, der mit seinem Gegrinse mit den Scheinwerfern um die Wette strahlte. Mir wurde mehr als schlecht als wir begannen zu spielen und der Vorhang fiel, und die Verwirrung über das fehlen des Großmeisters in den Gesichtern der Fans sichtbar wurde.

Schließlich war ich an der Reihe die Menge bei Laune zu halten, und ich hatte zuvor nicht einmal Zeit gehabt mir ein paar Worte zu überlegen.

Obwohl ich vor Unsicherheit und Planlosigkeit beinah das Gleichgewicht verlor, als ich etwas näher an ein Mikro taumelte zauberte meine Fangruppe, die sich am heutigen Abend wieder in den ersten Reihe direkt vor mir positioniert hatten, ein lächeln auf meine Lippen. Ich war abgelenkt von ihren Lobgesängen an meine Person, doch diese wurden schnell von wesentlich lauteren „Wir wollen den Farin sehen!“ -Gerufe übertönt.

„Also…“, begann ich und suchte augenblicklich nach einer Ausrede. Die Wahrheit konnte ich nicht erzählen. Mit riesigen Augen sah die Menge zu mir herauf und ich fühlte mich noch im selben Moment wie taub von ihren Blicken.
„Farin ist“, setzte ich an, unterbrach aber wieder, denn meine Stimme ging in einem Gejubel unter das ich nicht herleiten konnte. Verdächtig sah ich in die vielen Gesichter die sich plötzlich abgewandt hatten und in eine ganz andere Richtung sahen. Machte da irgendjemand hinter mir dämliche Faxen? Hatte es Rod gewagt auf die Bühne zu kommen?

„Farin ist –“
„- einfach mal wieder bei der Tageszeitung hängen geblieben. Und die war heute so verdammt interessant!“, strahlte Farin genau in dem Moment als ich mich zu ihm umdrehte und seine Gestalt sah, die schon beinah wieder auf seiner Position platz nahm. Er hängte sich die Gitarre um und wurde unter ohrenbetäubendem Lärm begrüßt. Ich schmunzelte und war erleichtert aus dieser Situation heraus gekommen zu sein.

Bevor er in die Saiten griff tapste er noch einmal eilig über die Bühne um mir kurz seinen Arm um die Schulter zu legen und fernab von jedem Mikro zu sagen: „Danke, du hast was gut bei mir.“
Er klang beinah etwas außer Atem, doch ich hatte keine Zeit ihn darüber auszufragen. War das Euphorie? Angst? Oder kam der Luftmangel aus ganz anderen Gründen? Die Antwort sollte ich später erfahren.

Nachdem Farin sein Publikum ausgiebig mit La Ola’s auf Trab gehalten hatte, begann er das Konzert völlig routiniert und beinah so, als wäre nie etwas geschehen. Doch schon nach dem ersten Song änderte er sein Programm und verlangte, dass das Publikum Lieber Staat für ihn sang. Das Racing Team lächelte in sich hinein, hatte der Song doch plötzlich eine ganz neue Bedeutung.
Und während Farin da so im Scheinwerferlicht stand, spielte, als wäre er allein Zuhause, und all diese Leute den Text sangen als ginge es dabei um ihr Leben, schoss mir durch den Kopf das wir alle eine riesige Sekte waren. Eine Sekte, dessen Oberhaupt eindeutig der blonde Mann am Mikro war.


Kurz nach Mitternacht saß das Racing Team wieder versammelt im Backstageraum. Obwohl das Konzert am heutigen Abend das Beste der gesamte Tour gewesen zu sein schien, ich konnte nicht mitreden schließlich hatte ich kaum eines erlebt und war nur als Ersatz für einen erkrankten Bläser eingesprungen, war die Freude verhalten. Nichts tröstete darüber hinweg das Bela immer noch in einer Zelle saß. Allein.

Obwohl ich mich wenige Stunden zuvor noch so über ihn geärgert hatte, tat er mir Leid. Die Anschuldigungen waren eine Erniedrigung die er nicht verdiente, und ich konnte mir kaum vorstellen wie es sich anfühlen musste, als Vergewaltiger angeklagt zu werden. Sicher jedoch nicht schön.

„Ey Cheffe! Schön das du’s noch geschafft hast!“, grinste Körk und nutzte das allgemeine Gewusel nach dem Konzert um Farin freundschaftlich und ehrlich erleichtert zu drücken.
„Ich schwör’s euch, ich bin den ganzen Weg hier her GERANNT! Mit dem Auto ging’s nämlich echt nicht weiter.“
„Du bist den ganzen Weg gerannt?“, fragte Tanja verächtlich und ihre Stimme verriet, dass sie ihrem Chef nicht glaubte.
„Na ja… ich bin aus dem Stau rausgelaufen. Dann hab’ ich mir ’n Taxi besorgt.“, gab er kleinlaut zu.

Schnell kamen wir zum Thema und Farins Gesicht wurde augenblicklich ein wenig missvergnügter.
„Ich denke, dass die absolut eigenbrötlerisch handeln. Das sieht ganz und gar nicht offiziell aus. Wir müssen Bela da einfach irgendwie…“, er suchte nach dem passenden Worte „freipressen.“ Seine Augen wirkten glanzloser als sonst und die Lage schien in sich verrannt. Wir wussten kaum weiter.

„Allerdings habe ich einen Verdacht. Bela meinte, er hätte heute bevor er in den Tourbus gestiegen ist, ’nem Mädel ein Autogramm gegeben. Und eben das ist das Mädel, das ihn jetzt als Täter identifiziert hat. Wenn sie also jemand -“
Ich dachte nicht weiter drüber nach und quatschte Farin einfach dazwischen.
„Ich hab sie gesehen. Aber da waren zwei!“, korrigierte ich seine Aussage und mein Chef wandte mir abrupt den Kopf zu. Er wirkte überrascht von meiner Antwort. „Zwei?“, fragte er noch einmal und ich nickte stumm.
Schon wenige Minuten später saß ich in einem Auto das uns zum Revier fahren würde.

Ich schlief unruhig während der mehrstündigen Fahrt und wachte irgendwann total durchgefroren auf. Im Auto schien die Klimaanlage zu laufen, doch das gleichmäßige vibrieren der Sitze schläferte mich wieder ein.
Ich hielt die Augen fest geschlossen und tastete mit der Hand völlig verschlafen nach etwas, mit dem ich mich zudecken konnte. Meine Finger bekamen ein Stück Stoff zu fassen und ich zog halbwach daran.
Plötzlich räusperte sich auffällig laut eine Männerstimme.
Für einige Sekunden blieb ich unbewegt, bis mein schlaftrunkenes Bewusstsein die Stimme Farin zuordnete und ich erschrocken die Augen öffnete. Während ich in Recht ungesunder Haltung beinah die ganze Rückbank für mich beanspruchte, zerrte ich nun zu allem übel auch noch an Farins Shirt!
Mit sanften aber bestimmten Handgriffen löste er meine Finger von sich und warf mir eine FURT-Bedruckte Jacke zu. „Ich weiß ich bin Sexy, aber das geht zu weit Taya! Du kannst mich hier nicht einfach ausziehen…“, grinste er unverblümt und strich sich seine Kleidung am Oberkörper glatt. „Eigentlich könntest du schon, aber das lohnt sich einfach nicht, jetzt noch auf der Rückbank ’ne Nummer zu schieben. Wir sind sowieso gleich da.“
Den Blick den er mir zuwarf brachte mich dazu, mich neben ihm unheimlich klein zu fühlen.

Mein Körper schmerzte als ich mich langsam wieder aufrichtete und dankbar in die Jacke schlüpfte. Das gelbe Licht der vielen Straßenlaternen flog an uns vorbei während ich ein wenig betrübt aus dem Fenster blickte. Was wenn wir Bela in dieser Nacht nicht frei bekämen?
Ich wusste nicht was ich ihm gegenüber fühlen sollte.
Ob dies alles nur ein Menschlichkeitsakt, ja ein Mitleidsakt war, oder ob ich Bela eigentlich doch längst wieder verziehen hatte und ihn ernsthaft mochte.
Mir blieb keine Zeit darüber nachzudenken, denn der Wagen hielt vor einem dunkel beleuchteten, kleinen, grauen Gebäude. Der Parkplatz davor war leer, nur ein paar dürftige, beinah zerstörte Streifenwagen standen am Rand des Platzes. Es war unheimlich.

Farin und ich öffneten zeitgleich die Tür und während wir dem Gebäude entgegen gingen, wartete unser Fahrer im Auto. Es fiel mir schwer mir vorzustellen, dass sich Bela in diesem verrotteten Gebäude hinter Gittern befand.
„Wenn du ihm heute den Arsch rettest, dann sorg’ ich persönlich dafür, dass er nie wieder ein schlechtes Wort über dich sagt, ich versprech’s dir!“, lächelte Farin und hielt mir dann die gläserne Tür des Gebäudes auf. Er schien unseren Streit mitbekommen zu haben und schien von Belas Theorie, ich würde ihn nur ausnutzen wollen, wohl ebenso wenig zu halten wie ich.

Wir standen hilflos in einem grell beleuchteten, weißen Flur. Ich kam mir beinah vor wie beim Arzt als mir ein steriler Geruch von Plastik in die Nase strömte. Die weißen Tapeten waren ergraut, die Neonlampen blendeten so stark, dass ich von dem Licht Kopfschmerzen bekam.
„Hier lang.“ Ein schlanker, schmaler Mann in unauffälliger Kleidung brachte uns in ein Büro, ohne überhaupt nach unserem Namen zu fragen, oder gar sich selbst vorzustellen. Es schien fast so als sei er aus dem Nichts aufgetaucht, und er ließ uns auch augenblicklich wieder allein, nachdem er uns in dem Geschäftszimmer abgeliefert hatte.

Farin war diese Kuriositäten wohl gewöhnt und folgte meinem Blick, der das rar möblierte Zimmer überflog. Es war spärlich ausgestattet, wirklich nur mit dem Allernötigsten und auch hier brannte sich das Neonlicht förmlich in meinen Kopf.
„Das ist schon ein seltsamer Haufen hier oder?“, fragte ich Farin vorsichtig, während wir von absoluter Stille umgeben waren. Wir saßen schräg vor einem großen Schreibtisch aus dunklem Buchenholz und im Augenwinkel konnte ich gerade so die Tür sehen, die in diesem Moment schwungvoll aufgerissen wurde.
Ein Mann Mitte fünfzig trat mit schnellen, schwerfälligen Schritten ein. Mit einer Brille mit dicken Gläsern auf der Nase, einem runden Bauch, versteckt hinter einem weißen Polohemd, und wenigem, graumeliertem Haar auf dem Kopf, präsentierte er sich uns in seiner ganzen Schönheit. Obwohl ich aufstand um ihm die Hand zu schütteln, rauschte er an mir vorbei und beachtete mich keineswegs. Ich kam mir vor den Kopf gestoßen vor.

Abrupt ließ er sich auf den Sessel hinter seinem Schreibtisch fallen der bedrohlich nachgab und leicht quietschte. Noch immer stand ich völlig überrumpelt von dieser Ignoranz vor meinem Stuhl und streckte wie von Sinnen die Hand nach ihm aus. Farin zog an meinem Arm und drückte mich zurück in den Sitz. Er schien zu wissen wie man mit diesem Mann verhandelte.

„Bachmann.“, brummte er nur, und schien sich damit für seine Verhältnisse sogar ungewöhnlich ausführlich vorgestellt zu haben. Er hielt den Blick gesenkt und schrieb sich bereits, ohne dass irgendjemand etwas erwidert hatte, Notizen auf einen Zettel.
„Das ist also der sagenhafte Zeuge den Sie da angeschleppt haben, ja?“
Erneut fühlte ich mich erschlagen von seiner rüpelhaften Art. Farin neben mir schien jedoch mit keiner anderen Reaktion gerechnet zu haben.
„Ja, das ist der sagenhafte Zeuge.“ Die letzten beiden Worte sprach er genau so aus wie Bachmann zuvor und machte sich damit indirekt über seine Ausdrucksweise lustig. So dumm wie dieser Mann sein musste, dass Farin ihn aufzog bemerkte er. Bedrohlich hob Bachmann den Kopf und besah den blonden Sänger mit einer Mischung aus Wut und Verachtung, die sich ebenso auf dessen Gesicht wiederfanden.

„Na dann erzählen Sie mal.“, warf er mir vor und ich starrte wie benommen in das rote, runde Gesicht. Was wollte er jetzt hören? Sollte ich ihm erzählen, dass Bela einem Mädchen ein Autogramm geschrieben hatte? Das entlastete ihn nicht wirklich – selbst wenn er nicht einmal schuldig war.
„Also?“, seine runden, dunklen Augen fixierten mich mit einer abartigen Mischung aus Abneigung und Argwohn.
Farin griff beherzt in die gespannte Stimmung ein und rettet mir den Hals.
„Ja mein Gott, sie hat dieses Mädel gesehen und wird Ihnen sagen können ob sie diejenige war, die heute vor dem Tourbus auf Felser gelauert hat.“
„Felser?“, hakte Bachmann nach und wechselte den Blick von mir zu Farin.
„Dirk Felsenheimer.“, berichtigte er sich und im Augenwinkel bemerkte ich, wie sich seine ganze Statur anspannte. Wenn Farin schon den ganzen Tag mit diesem Miesepeter zu kämpfen hatte, konnte ich seine Anspannung mehr als nachvollziehen. Dass er nicht längst die Nerven verlor, bewunderte ich insgeheim.

Der schwermütige Mann runzelte die Stirn.
„Könnte Sie vielleicht mal einen Blick auf das Mädchen werfen?“, schlug Farin vor und ich hatte das Gefühl das er hier die eigentliche „Verhandlung“ leitete. Bachmann schien kaum zu wissen was er anfangen und tun sollte.
Für einen Moment beobachtete er meinen Chef so, als habe dieser gerade seine Japanischkenntnisse zum Besten geben, dann blinzelte er dümmlich und stand langsam auf, wobei er sich mit den Händen auf dem Tisch abstützte. Ein flüchtiges Nicken, das mir völlig entgangen war, antwortete auf Farins Vorschlag.
„Wo geht er hin?“, frage ich leise, nachdem er das Zimmer verlassen hatte und ich seine Schritte den Flur abwärts hörte.
Der Blonde seufzte erschöpft neben mir. „Dieses Mädel holen denke ich. Zu allem Übel seine Tochter. Zumindest sah es vorhin so aus.“, antwortete er leise und sein Gesicht wirkte in diesem Moment abgekämpft und müde. Ich wusste nicht ob das durch die Sorge um Bela kam, aber ich nahm es an.

Mit unüberhörbarer Gewalt näherten sich die lethargischen Schritte Bachmanns und Farin und ich wandten beide den Kopf zur Tür, noch bevor er sie erreicht hatte.
Ein vielleicht vierzehnjähriges Mädchen huschte vor ihm herein, mit langen, braunen Haaren und unauffälliger Kleidung. Sie hielt bereits nach wenigen Schritten inne, und die Erschrockenheit stand ihr ins Gesicht geschrieben als sie mich wiedererkannte. Sie war eindeutig das Mädchen von heute Morgen.

„Das ist sie.“, sagte ich matt und war mir sicher, dass Bachmann keine Fragen dazu stellen würde. Er war nicht der Typ dafür.
„Sie lügt! Sie lügt!“, schrie das Mädchen mit einer atemberaubend ängstlichen Stimme zurück und deutete mit ihrem Finger auf mich, während Bachmanns Blick zwischen ihr und mir hin und her ging. Er schien ernsthaft zu überlegen ob er mir glauben konnte.
„Ich hab’ dich heute morgen gesehen.“, hielt ich ruhig dagegen und konnte im Gesicht des Polizisten den Zwiespalt sehen. „Du hast Bela abgepasst und ihn um ein Autogramm gebeten, und als du mit deiner Freundin ihm noch weiter auf die Pelle gerückt bist, hat er euch mal die Meinung gegeigt.“
„Freundin?“
Wie für Farin schien auch für Bachmann die Aussage neu, dass es sich dabei nicht nur um ein Mädchen gehandelt hatte.
„Ich konnte gar nicht wissen das Bela da ist!“, versuchte das Mädchen die Situation zu drehen um von der ominösen Freundin abzulenken.
„Welche Freundin?“, hakte Bachmann nach ohne seine Tochter dabei zu beachten.
„Ein Mädchen in ihrem Alter.“, gab ich Auskunft und kramte in meinem Gedächtnis nach ihrem Bild. „Ein wenig Älter vielleicht. Kurze, schwarze Haare. Blass. Ein unauffälliger Typ, genauso wie sie.“ Ich richtete meinen Blick wieder auf das besorgte Mädchen in der Nähe der Wand. Sie tat mir Leid wie sie da so stand, furchtsam, beinah entrüstet. Hätte ich nicht gemusst, hätte ich ihren scheinbar unerlaubten Ausflug niemals gepetzt. Doch Belas Freiheit stand an erster Stelle.

„Du warst mit deiner Schwester da?“, donnerte Bachmann plötzlich und seine Tochter fuhr neben ihm erschrocken zusammen. Farin schien das Mitleid zu packen und er starrte bedauernd in ihre Richtung.
Wir standen beide auf um der Spannung der Situation irgendwie ihren Reiz zu nehmen. Das Ganze sollte nicht zu einer Diskussion zwischen Bachmann und seiner Tochter ausarten.
„Klärt das alles? Reicht das um Dirk freizulassen?“, unterbrach Farin das Gebrüll Bachmanns um diesen gleichzeitig von seiner Tochter abzulenken. Doch er fiel nicht darauf rein.

„Was hast du dort mit deiner Schwester gesucht?“, fluchte er, und das Mädchen wurde immer kleiner. Hilfesuchend sah sie zu uns herüber und ich konnte sehen wie Farin das Herz in tausend kleine Stücke zersprang.
Sie begann zu schluchzen und fiel auf die Knie, während sie die Hände schützend vor das blasse Gesicht hielt. Ihre Gestalt saß jämmerlich zusammengekauert auf dem Boden während Bachmann erneut seine Stimme erhob.
„Also war das alles nur eine Lüge, ja? Es ist so, wie es alle hier gesagt haben?“, fuhr er sie an, und weil er ein wenig taumelte fürchtete ich, er wolle sogar nach seiner Tochter treten.
„ANTWORTE!“ Ein erneuter Schluchzanfall überkam das junge Mädchen und als Bachmann die Hand erhob und ausholte, eilte Farin mit unglaublicher Reaktionsfähigkeit dazwischen um sich vor sie zu stellen.
„Aus dem Weg.“, fauchte Bachmann nun ganz leise und das verlieh seiner Person etwas unheimliches. Farin schüttelte völlig gelassen den Kopf, auch wenn sich seine Hände zu Fäusten geballt hatten.

„Das gehört nicht hier her.“
„Ich entscheide was hier her gehört und was nicht!“, brüllte ihn Bachmann mit einer unerschütterlichen Stimme an, und ich befürchtete nun, die Beiden würden sich in eine ernsthafte Prügelei verwickeln. Hinter Farins Beinen jammert das junge Mädchen immer noch kläglich, ihr Schicksal tat mir Leid.
„Tun Sie was Sie was Sie wollen, aber schlagen Sie ihre Tochter nicht vor meinen Augen.“, entgegnete mein Chef mit einer Stimme, die es mit Bachmanns Bedrohlichkeit durchaus aufnehmen konnte.

Einige Sekunden lang geschah nichts, dann trat Farin einen Schritt zur Seite.
„Du wirst dich entschuldigen!“, schnauzte Bachmann seine Tochter an und riss sie am Arm hoch, woraufhin sie ein paar Schritte taumelte und aus Versehen gegen Farin stieß. Obwohl sie es nie bestätigt hatte, schien sie sich wortlos als schuldig anzuklagen, und folgte ihrem Vater immer noch wimmernd aus dem Bürozimmer. Bachmann steuerte zielsicher einen kleinen, dunklen Nebenflur an, von vielleicht fünf oder sechs Meter länge.
War es in dem großen Flur zuvor von Neonlampen nur so bestrahlt, drang bis hier hin kaum ein Licht. Winzige, altertümliche Zellen reihten sich aneinander die allesamt leer waren. Bis auf die Letzte.

Das wenige Licht das bis hier hin schien, tauchte die Zelle in eine beängstigende Atmosphäre. Auf der Holzpritsche lag eine zusammengekrümmte Gestalt, eingehüllt in die großen Schatten der Gitterstäbe. Als Bachmann das Schloss unter viel Lärm aufsperrte, hob sie langsam den Kopf.
Erst als dieser sich demonstrativ in seiner ganzen Pracht innerhalb der Zelle aufgebaut hatte, und die Gestalt langsam aufstand, fiel Licht auf sie. Bela.
Zuerst viel mir ein Stein vom Herzen, doch sein Zustand sah nicht wirklich gut aus. Mit dunklen Ringen unter den Augen, blassem Gesicht und einer zerzausten Frisur sah er mehr als bitterlich in das Gesicht Bachmanns, der ihm augenblicklich versöhnend die Hand hinhielt.

„Sie sind ein freier Mann.“, murmelte er vom Patriotismus ergriffen und Bela spuckte ihm symbolisch vor die Füße. Obwohl ich Farins Gesicht nicht sah, war ich mir sicher, dass er grinste.
Ohne nur ein Wort zu ihm zu sagen ging Bela an ihm vorbei und presste sich durch die offene Tür seiner Zelle. Er hatte gerade einen Fuß auf den Flur gesetzt, als Bachmanns Tochter vor ihm erneut auf die Knie fiel und nach seiner Hand griff. Sie gab sich so einem Weinkrampf hin, dass ihre Worte nicht einmal mehr verständlich waren.
Ich konnte verstehen, dass Bela nicht danach war, sie mit einem „Schon in Ordnung.“ abzuspeisen, schließlich hatte er fast den ganzen Tag als beschuldigter Vergewaltiger in einer Zelle gesessen. Und das auch noch in einer Zelle die Bachmann beaufsichtigte. Ich konnte mir gut vorstellen, dass einem da das Verständnis für solche Lügengeschichten verging.

Er riss seine Hand aus ihrer und drückte sich an Farin und mir vorbei nach draußen. Dabei hatte er es ziemlich eilig, vermutlich befürchtete er, Bachmann könnte es sich anders überlegen.
Die Augen des Mädchens waren bereits rötlich und ihr Gesicht von den Tränen ganz nass. Durch die Glastür konnte ich Bela sehen, der bereits zum Auto lief. Er schien wirklich nichts lieber zu wollen, als endlich von hier wegzukommen. Ich sah ihm nach, blieb aber bei meinem Chef stehen. Ich hatte immer noch die Befürchtung er könnte gegenüber Bachmann die Beherrschung verlieren.

Er kramte in seiner Hosentasche und drückte ihm ein paar Geldscheine in die Hand mit den Worten: „Gehen Sie etwas trinken. Kaufen Sie sich was Schönes. Aber suchen Sie sich ein anderes Hobby als ihre Tochter zu verprügeln. Tun Sie’s für mich, auch wenn Sie mich nicht leiden können.“ Eine Tat und Worte, die sich so gar nicht nach dem Farin U. anhörten, den ich den letzten Tagen hatte kennen lernen dürfen.
Er machte auf dem Absatz kehrt, griff nach meiner Hand und drückte mich vor sich durch die gläserne Tür. Wir hatten allesamt von Herrn Bachmann genug am heutigen Tag.

„Bela, warte doch mal!“, rief Farin seinem Freund hinterher, gerade nachdem wir das Gebäude verlassen hatten und endlich dem furchtbaren Neonlicht entkommen waren. Der Parkplatz war ohne jegliche Beleuchtung, und das dunkle Auto konnten wir beinah nicht mehr sehen. Belas Schritte wurden langsamer und er wartete schließlich noch einige Meter von dem Wagen entfernt auf uns.

Mich überkam eine Welle der Euphorie.
Wir hatten Bela wieder, er war wieder auf freiem Fuß, mein Chef war glücklich und das Racing Team konnte wieder ohne Sorge weitertouren. Eine unglaubliche Last fiel mir wie ein riesiger Brocken vom Herzen und ich konnte es nicht lassen Farin überglücklich um den Hals zu fallen, gerade als wir Bela erreicht hatten.
„Chef! Auch wenn ich nicht viel von dir halte – das hast du eins a gemeistert!“, lobte ich lachend und drückte ihn dabei so fest ich konnte. Ich hörte ihn belustigt schmunzeln und konnte mir sein Grinsen dabei vorstellen. Wir taumelten gemeinsam ein paar Schritte Richtung Auto und Bela begutachtete uns dabei misstrauisch.
„Na komm schon altes Haus!“, forderte ihn Farin auf und schob mich für einen Moment von sich um die Arme für seinen Freund offen zu halten.
„Wir ham’ dich da raus gekriegt, und wenn du nicht sofort überglücklich in meine Arme springst, sperrn’ wir dich da gleich wieder ein!“, drohte Farin und Bela konnte sich ein vorsichtiges Lächeln nicht verkneifen. Sicher hatten ihm die dämlichen Sprüche seines Freundes in der isolierten Zelle am meisten gefehlt. Zu dritt hingen wir in-, über- und umeinander und gratulierten uns gegenseitig zu der gelungenen Arbeit, auch wenn der eigentlich „Gerettete“ sein Glück noch nicht zu fassen schien, und regelrecht gelangweilt davon wirkte.

Bela und ich saßen gemeinsam auf der Rückbank, während Farin auf dem Beifahrersitz platz nahm und sich nach Herzenslust über Bachmann ausließ.
„So ein penetranter Trottel! Ehrlich! Und wahrscheinlich prügelt er seine Tochter jetzt halb tot! Wie darf – erklär mir das Bela!“, fauchte er dazwischen. „ – wie darf so jemand frei rum laufen? DER gehört eingesperrt, nicht du!“
Er redete sich noch ein wenig in Rage, doch nach fast einer halben Stunde sackte sein Kopf gegen die Fensterscheibe und er atmete ruhig und gleichmäßig dagegen, während sein Atmen an dem Glas anlief.

Bela starrte stumm und verbohrt aus dem Fenster, sein Gesicht konnte ich im dunklen Wageninnern nicht erkennen. Ich überlegte ob ich ihn ansprechen sollte, während Farin gelegentlich vor uns aufschreckte oder leise schnarchte. Aber ich wusste nicht was er von mir hielt, ich wusste nicht ob sich seine Meinung geändert hatte, und das machte es nicht leichter.
„Ich hätte Lust auf ’n Jack Daniels.“, sagte er plötzlich mit unheimlich tiefer Stimme, die mir eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Sein Blick ruhte auf meinem Gesicht und ich erkannte nur die gröbsten Umrisse.
„Ich lad’ dich ein. Vielleicht nicht mehr heute, aber morgen. Schließlich ist es dein Verdienst, dass ich jetzt wieder in diesem muffigen Auto sitzen kann und meinem Kollegen Farin beim schnarchen zuhöre.“, ich lächelte über seine Aussage und nickte.

Unser Chauffeur hatte uns direkt am nächsten Tourort abgeliefert, und wir hatten zwar ohne Gepäck, dafür aber sichtlich übermüdet mitten in der Nacht im Hotel eingecheckt. Das Racing Team würde erst am Vormittag anreisen.

Beim Mittagessen war die Begeisterung dann bei allen groß als man auch Bela wieder erblickte. Nach einer Dusche und einem anständigen Essen sah er wieder ziemlich gut aus, sogar sehr gut, wie ich mir heimlich eingestand.
Er wurde von allen liebenswert und freudig begrüßt, und Rod klopfte ihm so heftig auf den Rücken, dass er schlagartig zu husten begann.

Seine Geschichte sprach sich schnell durch die gesamte Truppe, und mit ihr meine Aussage. Also wurde auch ich gleich doppelt und dreifach begrüßt, gelobt und beinah schon gefeiert. Dabei hatte ich eigentlich nichts getan.

Die Stimmung war endlich wieder ausgelassen und ich war froh, dass sich das Verhältnis zwischen Bela und mir wesentlich entspannter gestaltete.
Ich konnte nicht sagen warum, aber immer wenn mich ein kurzer, fast flüchtiger Blick von ihm streifte, hatte ich das Gefühl, dass er eine Spur netter, ja beinah zärtlicher geworden war. Es gab keine Beweise dafür. Es war einfach nur ein Gefühl.

Gerade als wir das Essen beendet hatten und ich aufstand um mein Geschirr wegzubringen, nutzte Bela die Gelegenheit um sich mit einfachen Worten bei mir zu bedanken. Und als er mir dabei liebenswürdig in die Augen sah, wusste ich, dass unser Streit vorerst begraben war.
„Dafür wolltest du mich mit Steinen erschlagen?“, empörte sich Rod als ich mich noch kurz zu ihm an den Tisch setzte. „DAFÜR? Wo ihr euch jetzt sowieso blendend versteht? Dafür hättest du mich gekillt?“, seine Aufregung konnte er kaum verbergen und ich lächelte neben ihm scheinheilig. „Na ja. Fehleinschätzungen kommen vor. Das nächste Mal bin ich konsequenter, versprochen.“ Rod schien nicht zu wissen ob er diese Aussage tatsächlich gutheißen sollte.

Der Tag verlief irgendwie schleppender als sonst, aber ich genoss die ausgelassene Stimmung und die Leichtigkeit, die sich irgendwie im Team breit machte.
Nach diesem einschneidenden Erlebnis durch Belas Festnahme, erschien mir der Streit mit Mars ein Klacks gewesen zu sein, und voller Hoffnung glaubte ich, bei einem Telefonat am heutigen Tag zwischen uns alles wieder gerade biegen zu können.

Ich schlenderte den Flur entlang und steuerte ziemlich Gedankenverloren mein Zimmer an.
Ich versuchte mir die Worte für ein versöhnliches Gespräch mit Mars zurrecht zu legen, wurde aber abgelenkt, als mir Bela aus der anderen Richtung entgegen kam und ein freundliches lächeln auf den Lippen trug, das ich vorsichtig erwiderte. Es war mir fremd so ungezwungen mit ihm umgehen zu können.
Vor mir, auf der linken Seite, vielleicht drei oder vier Meter entfernt, öffnete sich just in dem Moment eine Tür, als Bela auf ihrer Höhe war. Die blassen, kräftigen Arme die den überraschten Schlagzeuger innerhalb von Sekunden ins Zimmer zogen ordnete ich sofort Farin zu. Mit lautem Krachen polterte die Tür wieder gegen den Rahmen und hinter ihr waren nur erstickte Schreie von Bela und seltsames Lachen von meinem Chef zu hören. Einen Augenblick lang starrte ich benommen auf die Stelle an der Bela soeben noch gestanden hatte, schüttelte den Kopf und begab mich in meine eigenen vier Wände.

Was der Schlagzeuger hinter der Tür meines Chefes zu erdulden hatte, wollte ich gar nicht wissen.

Minutenlang blickte ich auf das Handy in meiner Hand.
Es fiel mir schwer Mars’ Nummer zu wählen, denn ich wusste nicht was mich erwartete, und das war es, was eine Vorbereitung so erschwerte. Genaugenommen kannte ich nicht einmal sein Problem – und dagegen war schwer zu argumentieren.
Schließlich überwand ich mich, tippte die Zahlenfolge ein und hielt mir ein wenig nervös den Hörer ans Ohr. Es tutete paar Mal, dann hob Mars ab.

„Mars, ich wollte mir dir reden.“, begann ich direkt und hoffte inständig, dass er nicht abblocken würde, so wie er es bei unserem letzten Gespräch getan hatte. Da ich nicht mehr sitzen konnte stand ich auf und lief in dem beengten Zimmer auf und ab.
„So geht’s doch nicht weiter. Wir können nicht ständig Pflichtgespräche führen und so tun als würde alles prima laufen.“
„Das war nie meine Absicht.“, murmelte er etwas angesäuert, aber immerhin legte er nicht auf oder reichte mich an einen ahnungslosen Böhm weiter. Das ließ mich ein wenig aufatmen und verschaffte mir beinah ein Gefühl von Euphorie.
„Also. Red’ mit mir. Sag’ mir was dein Problem ist! Nur dann kann ich doch irgendetwas ändern!“, versuchte ich es gutmütig und appellierte an seinen gesunden Menschenverstand.
Eine Weile war es still, und ich glaubte er würde sich dazu nicht äußern, als er Luft holte und nur kurz antwortete:
„Komm nach Hause.“

Ich war von dieser Aussage mehr als überrascht. Eigentlich verstand ich nicht einmal was er mir damit sagen wollte.
„Was?“
„Komm nach Hause.“. Er holte dann aus um seine Aussage zu begründen, wobei seine Stimme angespannt klang.
„Ich hab’ kein gutes Gefühl. Was immer du da auch tust, ich hab kein gutes Gefühl dabei. Mach ein paar Pflichtkonzerte bis Farin einen Ersatz gefunden hat, aber ich bitte dich Taya, komm wieder nach Hause!“
Ich war wie erschlagen von diesen Worten. Ich sollte das Racing Team verlassen? Für ein ungutes Gefühl? Ich sollte eine einmalige Chance liegen lassen, um nach Hause zu fahren?
„Mars, wie stellst du dir das vor?“, antwortete ich ziemlich überhitzt und konnte meine Bedenken kaum noch zurück halten.
„Ich kann die hier nicht einfach hängen lassen! Nicht für ein ungutes Gefühl! Und immerhin ist das auch eine riesige Chance für mich, als Musiker! Das solltest du verstehen.“
„Wenn du mich liebst, kommst du nach Hause.“, sagte er schlicht. Es war ungeheuerlich, dass Mars mich nun damit erpresste. Augenblicklich wurde ich wütend, riss mich aber zusammen und sah beklommen aus dem Fenster. Es musste eine andere Lösung hierfür geben.

„Mich zu erpressen ist nicht der richtige Weg.“, gab ich an und bemühte mich, meine Fassung zu bewahren. „Du würdest deinen Job auch nicht hinschmeißen, nur weil ich ein ungutes Gefühl hab.“
„Doch, würde ich.“, konterte Mars und ich spürte, dass auch dieses Telefonat auf einen Streit hinaus laufen würde. Wir verrannten uns gerade in einem Thema, das nicht hätte sein müssen, aber es schien beinah so, als beharrte Mars auf dieser Diskussion.

„Du tust es für mich, wenn du mich liebst.“, entgegnete Mars erneut und ich war kurz davor ihm ordentlich die Meinung zu geigen. Was sollte das?
„Ich liebe dich.“, säuselte ich ins Telefon und überdachte soeben meine Aussage. War es wirklich das, was ich für Mars empfand? Liebe?
„Aber das kann ich nicht tun. Wenn du mich lieben würdest, müsstest du einsehen, dass das hier eine einmalige Chance für mich ist und ich dieses Angebot nicht ausschlagen kann. Nicht ohne einen triftigen Grund, und dazu zählt kein schlechtes Gefühl!“

Stille.
Überlegte er es sich anders?
„Wenn du bis zum Wochenende nicht hier bist, oder zumindest dich dafür entscheidest nach Hause zu kommen, bin ich weg.“
„Was soll –“
„Dann bin ich weg.“, wiederholte er nur, und seine Worte schockierten mich so sehr, dass ich nichts darauf erwidern konnte.
„Das Racing Team oder ich.“

Na super.